IzpB 337/2018: China Cover

7.9.2018 | Von:
Kristin Shi-Kupfer
Matthias Stepan
Shawn Shieh

Gesellschaft im Umbruch

Anspruchsvoll und ambivalent – Chinas Jugend

Das Internet und insbesondere das Smartphone haben auch in China das Leben der jungen Generation – in der Volksrepublik ebenfalls als Millennials oder Post-80er/90er bezeichnet – radikal verändert. Diese Bevölkerungsgruppe, die rund 300 bis 400 Millionen der chinesischen Bevölkerung umfasst, konsumiert, unterhält und informiert sich größtenteils online. Ihre Vertreter sind in Chinas Boom-Jahren aufgewachsen und haben als Einzelkinder die volle Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung ihrer Familie genossen. Sie stehen dadurch aber auch unter einem riesigen Erwartungsdruck. Sie sollen erfolgreich sein, heiraten, Enkelkinder zeugen und sich aufopfernd um ihre Eltern kümmern.

Laut einer Studie der Peking Universität von 2015 beschreiben sich Chinas "Post-1990er" selbst mit folgenden fünf Attributen: 1. Stubenhocker (zhai 宅, 30,5 Prozent), 2. unabhängig (25,6 %), 3. auf der Suche nach Lebenssinn (24,2 %), fleißig (19 %) und flexibel (18,7 %). (Quelle: http://uk.businessinsider.com/)

Anspruchsvolle Konsumenten
Dass junge Leute in China – außer wenn sie reisen – nur selten ihre Wohnung verlassen, hat verschiedene Gründe: In vielen Städten ist die Luft schlecht, öffentliche Verkehrsmittel und Straßen sind überfüllt, die Parks werden meist von Älteren und Familien aufgesucht, kostenlos zugängliche öffentliche Plätze gibt es wenige. Zudem kann aus Sicht von Chinas Jugend nahezu jeder Lebensbereich online versorgt werden.

Essen – und vor allem gut essen – ist für junge Chinesen mindestens genauso wichtig wie für ihre Eltern – und wesentlich wichtiger als für viele Gleichaltrige in anderen Ländern. Die Ansprüche haben sich allerdings geändert: Chinas Millennials bestellen sich ihr Essen am liebsten direkt aus einem Restaurant nach Hause. Laut der chinesischen Firma Daxue Consulting sind rund 70 Prozent derjenigen, die Online-Essenslieferdienste nutzen, unter 30 Jahre alt. Drei große Firmen, Baidu Delivery, Ele.me ("Bist du hungrig?"; gehört zum Unternehmen Alibaba) oder Meituan Delivery, beherrschen mittlerweile den Markt. Neben Preis und ansprechenden Rabattaktionen schauen die jungen Konsumentinnen und Konsumenten vermehrt auf den Service: Das Essen soll auf die Minute pünktlich sein und ansprechend aussehen.

Zwischen Weltoffenheit und Nationalstolz
Beim Essen ist Chinas junge Generation meist heimatverbunden oder zumindest in Asien verwurzelt – allerdings gehören Kaffee und auch Wein zunehmend zum modernen Lifestyle. Neben der koreanischen und japanischen Jugendkultur wachsen chinesische Jugendliche vielfach mit US-amerikanischen Serien und Filmen auf – auch wenn diese wegen einer Quotenbeschränkung meist nicht in den staatlichen Fernsehsendern und in Kinos laufen, sondern über Videoplattformen online gestreamt werden.

Ein (Teil-)Studium in den USA ist für viele ein Traum. Die jungen Leute erhoffen sich davon bessere Karrierechancen. Darüber hinaus begeistern sich viele junge Chinesinnen und Chinesen für die in der US-amerikanischen Unterhaltungskultur vermittelten Werte. Einerseits schätzen sie demokratische Institutionen und die Verlässlichkeit eines Rechtsstaats, andererseits verwahren sie sich gegen die Vorstellung, ein liberales demokratisches System 1:1 auf die Volksrepublik zu übertragen.

In dieser Hinsicht sind viele von ihnen empfänglich für die unter dem jetzigen Partei- und Staatschef Xi Jinping forcierte "patriotische Erziehung". Besonders wenn sie ins Ausland reist, wünscht sich Chinas junge Generation, mit Respekt behandelt zu werden. Kritik an der chinesischen Regierung nehmen die jungen Leute oft persönlich, weil sie dahinter eine westliche Überheblichkeit vermuten. Sie möchten stolz sein dürfen auf die Leistungen ihres Landes und ihr Verständnis der chinesischen Tradition. Allerdings endet ihr Patriotismus dort, wo die chinesische Führung diesen zu einer bedingungslosen Loyalität gegenüber der Kommunistischen Partei ummünzen will. "Das Land lieben, heißt nicht die Partei lieben" ist ein weit verbreiteter Slogan im chinesischen Internet. Solange Chinas politische Elite die junge Generation nicht zu irgendeiner Form von konformen, kollektiven Loyalitätsbekundungen zwingt und damit ihre freie Lifestyle-Gestaltung einschränkt, hat Peking vermutlich wenig politische Opposition zu befürchten.

Quellentext

Die Jugend im Profil

Rund ein Drittel, "über 90 Millionen von 318 Millionen*", haben einen Universitätsabschluss;
- über 90 % besitzen ein Smartphone;
- sie stellen 50 % der chinesischen Auslandsreisenden;
- 66 % bevorzugen westliche Luxusmarken vor asiatischen **
- 74 % meinen mit ihrer globalen Altersgruppe mehr gemeinsam zu haben als mit älteren Chinesen;
- 59 % sehen die USA positiv;
- 88 % sind stolz auf nationale Traditionen und Kultur;
- 90 % halten Familientradition für wichtig*.

* Bezugsgruppe ist zwischen 15–29 Jahre alt.
** 18–29 Jahre

Quelle: China Skinny 2016 (http://www.chinaskinny.com/blog/china-millennials-infographic)