IzpB 337/2018: China Cover

7.9.2018 | Von:
Kristin Shi-Kupfer
Matthias Stepan
Shawn Shieh

Gesellschaft im Umbruch

Bildung: Hoffnung auf sozialen Aufstieg und internationaler Austausch

Matthias Stepan

Der Konkurrenzkampf um Studienplätze und Arbeitsstellen im gegenwärtigen China ist hart. Mehr denn je gilt daher die alte Weisheit, dass Bildung der Schlüssel für ein besseres Leben ist. Ein Hochschulabschluss hat sich im städtischen China als eine Grundvoraussetzung etabliert, um eine gut bezahlte und gesellschaftlich angesehene Arbeitsstelle zu finden. Dies hat zu einem Ansturm auf Bildungseinrichtungen geführt: 2003 machten erstmalig mehr als zwei Millionen Studierende einen Abschluss an einer chinesischen Hochschule. Seither hat sich die Zahl der Absolventinnen und Absolventen beinahe vervierfacht. 2017 waren es bereits 7,95 Millionen. Auch der private Bildungsmarkt profitiert von dieser Entwicklung. Landesweit gab es 2015 mehr als 110.000 registrierte private Bildungsanbieter.

Für all diejenigen, die es bis ganz nach oben schaffen wollen, reicht die erfolgreiche Beendigung des Studiums als solches jedoch nicht aus. Für eine Spitzenposition in der Wirtschaft oder Verwaltung müssen die Kandidierenden den Abschluss von einer der renommiertesten Universitäten des Landes oder von einer internationalen Top-Universität vorweisen.

Am Bedarf vorbei: Chinas Bildungssystem produziert Fachkräftemangel und hemmt InnovationsfähigkeitAm Bedarf vorbei: Chinas Bildungssystem produziert Fachkräftemangel und hemmt Innovationsfähigkeit (© MERICS)
Für die meisten chinesischen Jugendlichen ist somit die Hochschulzulassungsprüfung (Gaokao) der Dreh- und Angelpunkt im Leben. Wer sehr gut abschneidet, hat gute Chancen, an einer führenden Universität angenommen zu werden. Wem dies nicht gelingt, der findet sich möglicherweise bald an einer unbekannten Hochschule in einem Studienfach wieder, das nicht den eigenen Neigungen entspricht.

Eine praktische Ausbildung in technischen und handwerklichen Berufen gilt in der chinesischen Gesellschaft wegen des niedrigen Sozialprestiges als wenig erstrebenswert, obwohl die beruflichen und gehaltsbezogenen Entwicklungschancen für gelernte Facharbeitskräfte sehr gut sind.

Der harte Weg zur Gaokao
Seit ihrer Wiedereinführung 1977 entscheidet das Ergebnis der Hochschulzugangsprüfung über Erfolg und Misserfolg im Wettbewerb um die begehrten Studienplätze. 2017 nahmen 9,4 Millionen Schülerinnen und Schüler an der Gaokao teil. Sie stellt den Höhepunkt einer Schulausbildung dar, die sich auf harte Leistungsanforderungen und Auswendiglernen stützt. Der Drill hat seinen Preis, denn oft wird von Lehrkräften die Förderung von eigenverantwortlichem Arbeiten vernachlässigt. In Chinas Schulsystem sind Serien von standardisierten Tests als Hürden eingebaut, um alle Schülerinnen und Schüler nach Leistungsstärke in Klassen- und Schul-"Rankings" eingruppieren zu können.

Voraussetzung für die Teilnahme an der Gaokao ist das erfolgreiche Bestehen der Mittelschulzugangsprüfung, die nach der neunjährigen Schulpflicht ansetzt. Für rund ein Drittel der Kinder in China endet die schulische Ausbildung spätestens an dieser Stelle. Für alle anderen beginnt nun die Vorbereitung für die Prüfung aller Prüfungen. Häufig büffeln die Kinder bereits Jahre im Voraus bis spät in die Nacht, um bei diesem Examen besser als ihre Klassenkameradinnen und -kameraden abzuschneiden.

Der Wettbewerbs- und Erwartungsdruck, der auf den Schülerinnen und Schülern lastet, ist enorm und ist nicht nur der staatlichen Bildungspolitik, sondern auch der beinharten alltäglichen Konkurrenz innerhalb der chinesischen Gesellschaft und zwischen Familien geschuldet. Aufgrund der staatlichen Familienpolitik, die bis 2014 eine Ein-Kind-Familienplanung verordnete, konzentrierten Eltern, Großeltern und weitere Verwandte ihre ganze Aufmerksamkeit und auch ihr Geld auf einzelne Kinder. Neun von zehn Mittelklasse-Familien bezahlen für außerschulische Aktivitäten. Diese reichen von anspruchsvollen Mathematikkursen bis hin zu spätabendlichem Einzelunterricht in Fremdsprachen.

Bildung ist zu einem der größten Ausgabeposten städtischer Familien geworden. Berichte in chinesischen Medien über Privathaushalte, die sich für die Finanzierung teurer außerschulischer Aktivitäten verschulden, sind keine Seltenheit. Die öffentliche Zurschaustellung von Spitzenleistungen befeuert den Wettbewerb: Notenlisten werden in den Gängen jeder Schule öffentlich ausgehängt. Die Eltern können auf diese Weise die Leistung ihrer Kinder vergleichen, und verständlicherweise möchten sie den Namen ihres Kindes oben auf der Liste stehen sehen. Fälle, in denen der enorme Druck, der auf den Schülerinnen und Schülern lastet, zu psychologischen Problemen führt, werden dahingegen eher selten publik gemacht.

Chinesische Schulkinder schneiden insbesondere in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) in internationalen Vergleichsstudien sehr gut ab. Industrie und Forschung werden dadurch mit einer Fülle qualifizierter Kräfte versorgt. Gleichzeitig wünschen sich aber viele Eltern für ihre Kinder eine weniger von Prüfungsstress dominierte Jugendzeit mit mehr Freiräumen für persönliche Kreativität und Entwicklung. Die größte Sorge aber gilt den Chancen des Kindes auf dem Arbeitsmarkt und im beruflichen Aufstieg. Die Gaokao wird deshalb als notwendiges Übel betrachtet.

Eltern und auch Lehrkräfte fordern nicht die Abschaffung, sondern Anpassungen der Prüfungsinhalte und Zugangsregeln zu Universitäten. Die Regierung hat Reformen eingeleitet, durch die größere Wahlmöglichkeiten in der Kombination von Prüfungsfächern eingeräumt werden. Solange die chinesische Politik und Wirtschaft keinen Handlungsbedarf sehen, Kreativität als Ausgangspunkt von Innovationen bereits im Schulsystem mehr Raum zu eröffnen, wird sich allerdings nur wenig an den Hauptpfeilern des Schulsystems ändern. Hierzu gehört die absolute Autorität der Lehrkraft, die das kritische Hinterfragen von Informationen – auf das beispielsweise im deutschen Schulsystem großer Wert gelegt wird – quasi unmöglich macht.

Für Kinder aus ärmeren Familien bietet das landesweite Prüfungs- und Zulassungssystem Chancen für einen sozialen Aufstieg. Doch insbesondere Schülerinnen und Schüler in ländlichen Gebieten, aus Wanderarbeiterfamilien oder sozial schwachen Familien in Städten sind strukturell benachteiligt. Denn die Unterschiede in der Qualität der Bildungsangebote zwischen Stadt und Land sind erheblich. Während Mittelklassefamilien in Großstädten ihren Kindern bereits mit privater Vorschulerziehung oder sogenannten WindelLehrplänen einen Vorteil gegenüber ihren zukünftigen Mitschülern und Konkurrenten um Studienplätze verschaffen, finden sich im ländlichen Raum nur wenige hochqualifizierte Lehrkräfte. E-Learning könnte künftig Abhilfe schaffen. Allerdings können sich viele ärmere ländliche Familien, deren Kinder so früh wie möglich Beiträge zum Familieneinkommen leisten müssen, nicht die Schulgebühren für drei weitere Jahre an öffentlichen Schulen nach dem Mittelschulabschluss bis zur Gaokao leisten, geschweige denn Nachhilfe oder Zusatzangebote, die in der städtischen Gesellschaft gang und gäbe sind.

Auslandsstudium: Prüfungsflucht, Wahlfreiheit oder Alleinstellungsmerkmal
Die Entscheidung chinesischer Eltern und Jugendlicher für ein Auslandsstudium kann verschiedene Gründe haben: Flucht aus der heimischen "Prüfungshölle", eigenständige Wahlmöglichkeit von Studienfächern oder das Prestige ausländischer Universitäten. Für all diejenigen, die dem chinesischen Bildungssystem nicht bereits vor der Gaokao den Rücken kehren, ist die Wahl des Studienfaches die Hauptmotivation, im Ausland nach Alternativen zu suchen. Durch den großen Ansturm auf chinesische Eliteuniversitäten, wie die Peking Universität, die Tsinghua Universität oder die Fudan Universität, müssen diejenigen, die ein Studium aufnehmen wollen, meist pragmatisch sein und nicht selten einen Studiengang beginnen, der nichts oder wenig mit ihren eigentlichen Interessen oder beruflichen Zielen gemein hat. Insbesondere, wer in der Gaokao nicht gut abgeschnitten hat, muss Kompromisse machen. Ein Auslandsaufenthalt oder gar ein ausländischer Studienabschluss bieten Prestige. Wie hoch dieses ausfällt, ist auch hier in erster Linie vom Namen der Hochschule und nicht von den Studieninhalten abhängig.

Die chinesische Regierung fördert ebenfalls den Gang ins Ausland. Verknüpft mit der Anforderung, neue Erkenntnisse von dort zurückzubringen, verteilt sie Stipendien an Studierende und Absolventen von Masterstudiengängen. Für die meisten der mehr als 500.000 Studierenden, die im Ausland eingeschrieben sind, führt der Weg früher oder später zurück nach China. Für Rückkehrwillige gibt es vielfältige Talentprogramme und materielle Anreize, um deren internationale Expertise für chinesische Unternehmen und Forschungsinstitute zu nutzen.

Quellentext

Fremdsprache als Teil des Lebensgefühls

Laut einer MERICS-Umfrage von 2015 unter 570 Sprachschülern und Studierenden sahen 58 Prozent der Befragten das Erlernen von Fremdsprachen nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern auch als Leidenschaft und Teil ihres Lebensgefühls. Koreanische oder englischsprachige Pop-Songs, Fernsehserien aus den USA, Japan und Korea oder gar einige wenige deutsche Formate haben große Fangemeinden unter den Jugendlichen.

45 Prozent aller Befragten erwarteten sich demgegenüber konkrete Vorteile auf dem Arbeitsmarkt und im Beruf, 43 Prozent gaben als Motivation an, besser mit Personen aus dem Ausland kommunizieren zu können. Nur 20 Prozent lernten Sprachen, weil sie sich schulische Vorteile erhofften. Eltern mussten ihre Kinder nach dieser Studie offensichtlich nicht zum Sprachenlernen ermutigen: Nur sechs Prozent gaben an, von ihren Eltern motiviert worden zu sein.

Simon Lang, Abenteuer Auslandsstudium, MERICS-Studie
www.yumpu.com/de/

Stiefkind berufliche Bildung
Chinas System der berufspraktischen Bildung ist bislang nicht leistungsfähig genug, um den rasch wachsenden Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften in technischen, handwerklichen und fachspezifischen Berufen zu decken. In Chinas Gesellschaft gelten nicht-akademische Ausbildungszweige als Auffangbecken für diejenigen, die in Prüfungen versagt haben, und als Bildungswege zweiter Klasse. Politisch und finanziell wurde die berufliche Bildung jahrelang zugunsten des Ausbaus der Universitäten vernachlässigt.

Solange China sich als "Werkbank der Welt" und Billiglohn-Standort behaupten konnte, waren unqualifizierte Arbeitskräfte für viele Tätigkeiten in den Fabriken ausreichend. Da Chinas Industrie sich nun aber in höherwertige Produktionsfelder mit hohen technischen Anforderungen und zunehmender Automatisierung und Robotisierung hineinbewegt, muss das Bildungssystem höhere technisch-praktische Qualifikationen anstreben als bisher. Die chinesische Regierung betreibt deshalb einen gezielten Um- und Ausbau der beruflichen Bildung.

Landesweit waren 2014 rund 29 Millionen Schülerinnen und Schüler in Berufs- und Technikerschulen verschiedenen Typs eingeschrieben. Bis 2020 soll diese Zahl auf 38 Millionen steigen. Gut ausgebildete Techniker und Facharbeiter werden von Chinas Industrieunternehmen umworben, während Universitätsabsolventen oft keine ihren Qualifikationen oder Erwartungen angemessene Stelle mehr finden.

Um das System der beruflichen Bildung zu modernisieren, steht die chinesische Regierung im Austausch mit internationalen Partnern. Deutschlands System der "dualen Ausbildung" (kombinierte Ausbildung in Betrieben und Berufsschulen) wird als wichtiges Orientierungsmodell herangezogen. Deutsche Firmen, Außenhandelskammern und Stiftungen sind in China seit Jahrzehnten in der beruflichen Ausbildung tätig und werden von der chinesischen Regierung und Industrie als wertvolle Partner geschätzt.

Dennoch bleiben Mängel in der beruflichen Bildung bestehen. Die meisten Berufsschulen legen den Unterrichtsschwerpunkt einseitig auf Theorie. Da es in Chinas Ausbildungssystem bisher nur selten eine funktionierende Verbindung zwischen Berufsschulen und betrieblicher Ausbildung gibt, sammeln die Schülerinnen und Schüler häufig erst am Ende ihrer Berufsschulzeit praktische Erfahrungen. In vier- bis sechsmonatigen Unternehmenspraktika führen sie oft nur die Aufgaben einer ungelernten Arbeitskraft aus und bekommen wenig Unterstützung und Anleitung seitens schulischer und betrieblicher Ausbilder. Um die Attraktivität berufspraktischer Ausbildungswege zu steigern, versuchen Regierungsstellen seit 2014, in Abstimmung mit Berufsschulen und Betrieben Pilotprojekte und Finanzierungsprogramme zu entwickeln, um Praxisbezug und Qualität der beruflichen Ausbildung zu verbessern.