IzpB 337/2018: China Cover

7.9.2018 | Von:
Kristin Shi-Kupfer
Matthias Stepan
Shawn Shieh

Gesellschaft im Umbruch

Engagement oder Ausstieg?

Kristin Shi-Kupfer

Mit wachsendem Wohlstand ist innerhalb der Bevölkerung die Bereitschaft gestiegen, gemeinnützige Projekte zu initiieren oder zu unterstützen. Seit 2004 durften laut Gesetz auch Privatpersonen und Unternehmen Stiftungen gründen, deren Zahl sich seither fast verzehnfacht hat. Für das Jahr 2016 listete das China Foundation Center 5775 gemeinnützige Stiftungen auf. Seit 2016 dürfen als gemeinnützige Organisation registrierte Initiativen auch öffentlich Spenden sammeln. Dies hatte die chinesische Regierung bis dahin verboten, um eine direkte Konkurrenz zu den staatlichen Stiftungen zu vermeiden und zu verhindern, dass das Geld der Unterstützung von Arbeiterrechtlern oder anderen vermeintlich politisch motivierten Zielen zugutekommt.

Der rasante Anstieg der Privatstiftungen ist auch darauf zurückzuführen, dass staatliche Wohlfahrtsinstitutionen zusehends an Glaubwürdigkeit verlieren. Anlass hierzu gaben Vorfälle wie ein Skandal um das chinesische Rote Kreuz 2011: Damals hatte die bekannte Schauspielerin Guo Meimei auf der Twitter-ähnlichen Mikroblogplattform Weibo Bilder ihres luxuriösen Lebensstils gepostet und sich als "Botschafterin" des chinesischen Roten Kreuzes ausgegeben. Im Zuge öffentlicher Empörung förderten chinesische Netizens Beweise zutage, die den Missbrauch von Spenden an das chinesische Rote Kreuz im Zuge des schweren Erdbebens im Jahr 2008 belegten.

Spiritualität und religiöse Sinnsuche
Eine wachsende Zahl von Chinesen verbindet ihr gemeinnütziges Engagement mit einem religiösen Glaubensbekenntnis. Die Regierung toleriert die Unterstützung staatlich registrierter, religiöser Gemeinschaften für Aids-Kranke, Behinderte oder Waisen. Sobald Gläubige jedoch auf eigene Faust Suppenküchen oder Kleiderkammern für Wanderarbeiterinnen und -arbeiter organisieren, geht die Führung dagegen vor.

Der Wunsch, "mit sich selbst im Reinen zu sein", treibt Chinesinnen und Chinesen aller Altersklassen zu spirituellen Meistern. Diese präsentieren ihre "Atemarbeit" (wörtliche Übersetzung von Qigong, einer chinesischen Meditations-, Konzentrations- und Bewegungslehre, die Körper und Geist positiv beeinflussen will) dabei oft als traditionelle Kultur. Daoistische Tempel und einzelne Meister bieten für Chinas wohlhabende Mittel- und Oberschicht zunehmend Rückzugsorte und Entspannungsworkshops an.

China: Religiöse Gruppen in der Volksrepublik 1949-2014China: Religiöse Gruppen in der Volksrepublik 1949-2014 (© China-Family-Panel-Studies 2014, Nationales Büro für religiöse Angelegenheiten 2014, China Zentrum St. Augustin)
Anhänger des Buddhismus wenden sich in steigender Zahl tibetischen Schulen zu, da ihnen Mönche aus der eigenen Volksgruppe der Han, der Mehrheitsbevölkerung Chinas, als zu korrupt und damit nicht rein genug erscheinen. Der Skandal um den Vorsteher des bekannten buddhistischen Shaolin-Klosters Shi Yongxin 2015 hat dieses Bild verstärkt, obwohl er 2017 nach einer Untersuchung des Staatlichen Religionsbüros und der Lokalregierung der Provinz Henan von allen Vorwürfen freigesprochen wurde. Unternehmer und auch Parteikader spenden großzügig an tibetische Klöster. Die Äbte fragen dabei nicht genau nach, woher dieses Geld stammt.
Neben übernatürlichem Beistand in konkreten Lebenssituationen ist die Sehnsucht nach ehrlicher Gemeinschaft ohne Vorbedingungen ein weiteres Motiv spirituell-religiöser Sinnsuche. Während mehrheitlich ältere Leute die staatlich registrierten (und damit finanziell gestützten, liturgisch konservativeren und legal sicheren) christlichen Gemeinden besuchen, zieht es die jüngere und gut gebildete Bevölkerung in lebendigere, nicht registrierte Gemeinden, die meist in Hotels oder Büroräumen zusammenkommen. Gemeinschaft, auch in kleineren Hauskreisen oder durch Gebetsunterstützung per Handy, ist für viele Chinesen der größte Anziehungspunkt des Christentums.

Im öffentlichen Raum existieren die unterschiedlichen Religionen meist friedlich nebeneinander. Die Regierung in Beijing betont allerdings zunehmend den Unterschied zwischen "einheimischen" (Daoismus, Buddhismus) und "ausländischen" (Christentum und Islam) Religionen. Christentum und Islam sollen sich "sinisieren", also sich der chinesischen Kultur anpassen, ihnen werden zunehmend administrative Hürden in den Weg gestellt und ihnen wird immer öfter der Austausch mit internationalen Vertretungen und Organisationen ihres Glaubens verboten. Auch stigmatisiert Beijing insbesondere Anhänger der muslimischen Minderheit der Uiguren häufig als potenzielle Terroristen. In Reaktion darauf sind vorwiegend jüngere Angehörige dieser Minderheit empfänglicher für radikalere Schulen des Islam geworden.

Quellentext

Buddhistische und daoistische Rückzugsorte

Ostasiatische Esoterik hat in Europa und Nordamerika Hochkonjunktur. Hunderte von Organisationen und Vereinen bieten für ein westliches Publikum Kurse in ostasiatischen Meditationstechniken an, aber auch in zumeist mit dem Daoismus assoziierten Atemübungen (Qigong), in Schattenboxen (Taiji quan) oder in Kampfkünsten (wushu), die sowohl im Daoismus als auch im chinesischen Buddhismus verankert sind. Seit den beiden Religionen während der letzten drei Jahrzehnte in China in zunehmendem Maße wirtschaftliche Freiheiten zugestanden wurden, haben Klöster, in denen traditionell solche Techniken gepflegt wurden, begonnen, sich auf dieses Betätigungsfeld zu spezialisieren.

Sie laden Interessierte in Rückzugsorte ein, in denen sie dem beruflichen Alltag entfliehen und als Schüler die Künste in noch authentischerer Form lernen können als in westlichen Ländern. So sind im Speckgürtel des Shaolin Klosters, das dem Chan- (japanisch: Zen-)Buddhismus verpflichtet ist und vor allem aufgrund von Kampfkunstfilmen der Hongkonger Filmindustrie einen weltweit bekannten Namen hat, zahlreiche Kampfkunstschulen entstanden. Shaolin-Meister touren durch Europa und Amerika und machen Reklame für ihre Kursangebote. Am Wudang-Berg finden sich ähnliche Schulen, die mit dem Daoismus assoziiert sind. Es gibt noch zahlreiche andere vornehmlich daoistische Rückzugsorte in China mit Ablegern in Europa, welche sich zunehmender Beliebtheit erfreuen. Allerdings sollten sich westliche Adepten darauf einstellen, dass sie in China nicht zwangsläufig unter denselben Bedingungen trainieren wie die Mönche selbst bzw. dass sie ein anderes Trainingsprogramm erhalten als die Einheimischen.

Hans van Ess