IzpB 337/2018: China Cover

7.9.2018 | Von:
Mikko Huotari

China in der Weltwirtschaft

Strategische Weichenstellungen für die Zukunft

Im Vorfeld des 19. Parteitags im Herbst 2017 gelang es der Führung, den Wechselkurs und das Wirtschaftswachstum zu stabilisieren, indem sie die Kreditvergabe deutlich ausweitete, teilweise erneut Kapitalverkehrskontrollen einführte sowie Wirtschaftsakteure auf informellem Weg anwies, Kapitalabflüsse einzudämmen. Für diese Interventionen bezahlt Peking jedoch einen Preis in Gestalt eines schwindenden internationalen Vertrauens in seinen wirtschaftlichen Reformwillen.

Chinas Wirtschaft bewegt sich in eine neue Entwicklungsphase mit dauerhaft niedrigeren Wachstumsraten hinein. Dies hat – auch wenn der Abschwung nicht krisenhaft verläuft – weitreichende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Im Inneren wird Chinas Führung auf Jahre mit der Entfesselung neuer Triebkräfte chinesischen Wirtschaftswachstums und Krisenbewältigung beschäftigt sein. Im Außenverhältnis sind wichtige Wendepunkte für Chinas zukünftige Ausrichtung in der Weltwirtschaft bereits erreicht oder erkennbar. Danach wird sich das Land wohl nicht völlig von seinem früheren Modell außenwirtschaftlicher Integration abwenden. Vielmehr ist ein spannungsgeladener, dynamischer Übergang zu erwarten, in dem die bekannten Formen wirtschaftspolitischer Steuerungseingriffe und ihre Auswirkungen auf das weltwirtschaftliche Profil Chinas ergänzt bzw. mit neuen Mustern überlagert werden.

Von der "Werkbank der Welt" zum Hightechwettbewerber
Angesichts der Bevölkerungs- und Lohnentwicklung kann und will die Volksrepublik nicht dauerhaft auf eine billige, auf den Export ausgerichtete Produktion von Konsum- und Elektronikgütern am unteren Ende der Wertschöpfungskette setzen. Mittels gezielter industriepolitischer Steuerung sollen vielmehr Exporterfolge mit eigenen kapitalintensiven und hochwertigeren "Produkten" erzielt werden. Gedacht wird dabei etwa an Hochgeschwindigkeitszüge, Nuklearreaktoren, Flugzeuge und (Elektro-)Autos.

Durch "eigenständige Innovation" und den Versuch, ganze Wertschöpfungsketten zu kontrollieren ("Technologie-Nationalismus"), will China eine industrielle und technologische Führungsposition in Zukunftsindustrien erreichen. In der Digitalwirtschaft und in Industriezweigen, wie sie durch die "Made in China 2025"-Strategie gefördert werden, ist beabsichtigt, ausländische durch chinesische Technologie zu ersetzen. Hierfür wird auch international investiert, um kritische Technologien und Know-how aufzukaufen. Obwohl dies ausländischen Unternehmen kurzfristig neue Chancen bieten mag, bleibt fraglich, ob und wie sie auf Dauer von Chinas Industriepolitik profitieren können. Möglicherweise wird die Volksrepublik damit für viele Industriestaaten zum schwierigen, teilweise unfairen Konkurrenten.

Von der Nachfrage nach Rohstoffen zum Export von Überkapazitäten
In den ersten 15 Jahren des 21. Jahrhunderts war Chinas Bedarf an Energie und Rohstoffen für den Ausbau seiner Infrastruktur und Produktionsstätten zum zentralen Preisfaktor und Wachstumstreiber für Lieferstaaten weltweit geworden. Als sich seit 2013 das Wachstum und die Investitionstätigkeit in China abschwächten und die dortige Nachfrage sank, hatte dies international heftige Einbrüche zur Folge. Massive Überkapazitäten in der chinesischen Schwerindustrie, vor allem im Stahlsektor, wurden jedoch nicht nur zu einer globalen Herausforderung, sondern treiben auch Chinas neue außenwirtschaftliche Strategie an.

Das Problem der Überkapazitäten ist zum großen Teil "hausgemacht": Es ist eine direkte Folge von Steuerungseingriffen auf allen Ebenen des Staates und dem Fehlen effektiver Marktanreize. Es betrifft auch längst nicht nur die "alten Industrien", sondern sorgt weltweit für Marktverzerrungen, beispielsweise in der Solarindustrie: Der "Kampagnen-Modus" für Wirtschaftssteuerung in strategischen Industrien (z. B. Robotik) durch staatliche Subventionen und andere Anreize wird auch in Zukunft zu ähnlichen Problemen mit weitreichenden internationalen Folgewirkungen führen.

Vom Investitionsstandort zum globalen Investor
Die Öffnung für ausländische Direktinvestitionen war ein zentrales Element von Chinas Reformpolitik insbesondere seit Ende der 1980er-Jahre: Für den Zugang zu Hochtechnologie, den industriellen Strukturwandel und die Ausweitung des Außenhandels spielten ausländische Unternehmen und chinesisch-ausländische Gemeinschaftsunternehmen eine wichtige Rolle. Die chinesische Regierung versucht bis heute, durch verbindliche Investitionskataloge und andere Instrumente die Entwicklung bestimmter Branchen und Regionen zu steuern.

Die aktive Förderung und Erleichterung chinesischer Auslandsinvestitionen ist ein deutlich jüngeres Phänomen, mit globalen Auswirkungen insbesondere seit 2011. China ist mittlerweile zu einer der drei größten Quellen für weltweite Direktinvestitionen geworden. Diese haben sich von Ressourcen und dem Energiesektor hin zu moderner Fertigung, Informations- und Kommunikationstechnik und Hochtechnologie verlagert, also in Bereiche, wie sie vor allem in Industriestaaten wie den USA oder der Europäischen Union anzutreffen sind. Die Mehrzahl der Auslandsinvestitionen chinesischer Unternehmen wird getätigt, um den eigenen Gewinn zu maximieren. Sie profitieren dabei zum Teil allerdings von einer staatlich betriebenen, expansiven Industriepolitik, die gezielt auf Technologie-Akquise setzt, um im internationalen Wettbewerb weiter aufzuholen.

Von finanzieller Abschottung zur Integration in die internationale Finanzwirtschaft
Karikatur: Chinesischer AlltagKarikatur: Chinesischer Alltag (© Kai Felmy)
Im Gegensatz zur tiefgreifenden Handelsintegration und zu gesteuerten Direktinvestitionen war China bis Mitte der 2000er-Jahre von der internationalen Finanzwirtschaft abgeschottet. Auch der Wechselkurs wird von Peking bis heute stark kontrolliert und bleibt grundsätzlich an den US-Dollar angelehnt. Die weltweite Nutzung der chinesischen Währung Renminbi (RMB) war bis 2008 minimal. An allen drei Stellschrauben hat die chinesische Führung in den letzten Jahren deutlich gedreht: Das Wechselkursregime wird, wenn es nicht krisenartig zu radikalen Änderungen kommt, auf mittelfristige Sicht deutlich größere Schwankungen zulassen. China verfolgt trotz Rückschlägen langfristig eine Internationalisierung des RMB und seine Nutzung für globale Handelstransaktionen, für Finanzprodukte und als Reservewährung. Chinas Finanzmärkte werden schließlich, von Peking vorangetrieben, zunehmend international vernetzt und damit auch zu einer Quelle neuer Schwankungen und Risiken.

Zwei Entwicklungen stehen symbolisch für diese neuen Verflechtungen: Im Oktober 2016 wurde der RMB als fünfte Währung in den sogenannten Währungskorb des Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgenommen. Der IWF erkannte damit bereits erfolgte Öffnungsschritte an und beförderte gleichzeitig die vertiefte Integration Chinas in die globale Finanzwirtschaft. Und im Juni 2017 wurden chinesische Aktien in einen weltweit gefragten Aktienindex (MSCI) aufgenommen. Internationale Investoren erhalten hierdurch neuen Zugang zum chinesischen Aktienmarkt.

Quellentext

Chinesische Übernahmen und ihre Folgen

[...] Chinesische Investoren sind seit Jahren auf internationaler Shopping-Tour. Eines ihrer beliebtesten Ziele: Deutschland. 4,5 Milliarden Euro legte der südchinesische Kühlschränkehersteller Midea für den Augsburger Industrieroboterhersteller Kuka hin. [...]. [...] Der chinesische Mischkonzern HNA kaufte sich bei der Deutschen Bank ein, Chinesen kauften den Betonpumpenhersteller Putzmeister, den Gabelstaplerspezialisten Kion, die traditionsreiche Frankfurter Privatbank Hauck + Aufhäuser. Zuletzt wurde bekannt, dass Li Shufu, Chef und Eigentümer des größten chinesischen Autobauers Geely, fast zehn Prozent der Daimler-Aktien gekauft hat. [...]

In Essen [...] residiert der [...] Energie- und Immobiliendienstleister Ista, eine Firma, die Menschen vor allem kennen, weil sie ihre Leute einmal im Jahr in die Wohnungen der Republik schickt, um etwa Heizungszähler abzulesen. Als der britische Finanzinvestor CVC Capital das Unternehmen im vergangenen Sommer an den Investor CKI des Hongkonger Milliardärs Li Ka-Shing verkaufte, sollen zwischen vier und fünf Milliarden Euro geflossen sein. [...]

Ein Wärmemesskonzern, der in Millionen Wohnungen den Heizungsverbrauch erfasst, war nun chinesisch [...]. [...]
Im Flur der Firmenzentrale des Autozulieferers Preh in Bad Neustadt an der Saale hängt noch ein altes Familienbild. Es zeigt den Firmenurahn Jakob Preh, der das Unternehmen vor fast 100 Jahren in einem alten Wirtshaus mit Kegelbahn gründete [...], das seit sieben Jahren zu einer neuen Familie gehört: Der Joyson-Gruppe aus Ningbo.

[...] Wie aber gerät man als Hersteller von Fahrerbediensystemen aus der nordbayerischen Provinz ins Visier von Joyson?
[...] Preh gehörte bis 2011 dem Finanzinvestor Deutsche Beteiligungs AG. Als verkauft wurde, fanden die Preh-Leute einen chinesischen Eigentümer interessant. Die Befürchtungen: Ein deutscher Investor, zumal, wenn er aus der gleichen Branche kommt, streicht meistens Stellen und legt Büros zusammen. Ein reiner Finanzinvestor will Zahlen sehen und interessiert sich nicht für Autoelektronik, und ein US-Investor filetiert und verkauft. Und außerdem wollten die Franken auf den chinesischen Markt. "Um in China Geschäfte zu machen – auch mit deutschen Autoherstellern wie Volkswagen – muss man lokal präsent sein", sagt Preh-Chef Christoph Hummel. Der chinesische Eigentümer als Türöffner für den größten Automarkt der Welt, so etwas hilft. 2010 noch machte Preh einen Umsatz von 352 Millionen Euro. Heute sind es 1,3 Milliarden. 2011 hatte das Unternehmen 2800 Mitarbeiter weltweit. Heute 6500. "Wir sind froh, dass wir diesen Eigentümer haben", sagt Hummel. [...]

In der Politik sieht man die Dinge einiges kritischer als in der Wirtschaft [...]. In der Wirtschaft [...] ist man zurückhaltend. Es gehöre zwar zu einem "freien Welthandel dazu, sich gegenseitig zu öffnen", sagt Preh-Chef Hummel. "Aber mit der Brechstange sollte man das nicht versuchen. Geben wir den Chinesen noch etwas Zeit." [...]

Thomas Fromm "China-Land", in: Süddeutsche Zeitung vom 28./29. April 2018

Von passiver Abwehr zu aktiver Umgestaltung internationaler Rahmenbedingungen
Peking unternimmt vermehrt Aktivitäten, um die Bedingungen der Integration Chinas in die Weltwirtschaft selbst zu gestalten. Mit Initiativen zur regionalen Handels- und Finanzintegration, neuen Institutionen wie der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB) und Vorstößen wie der sogenannten Belt and Road Initiative versucht die Zentralregierung, strategisch eigene Erfahrungen sowie finanzielle und unternehmerische Kapazitäten beispielsweise beim Ausbau von Infrastruktur international zum Einsatz zu bringen. Von chinesischen Unternehmen erschlossene Transportkorridore sollen neue Märkte eröffnen und wirtschaftliche Integration in der erweiterten Nachbarschaft stärker auf die Volksrepublik ausrichten. In neuen Märkten, oder dort, wo China bereits heute eine wettbewerbsfähige Marktstellung hat (z. B. E-Commerce), wird Peking die Gestaltung von internationalen Regelwerken im eigenen Interesse vorantreiben.