Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Die "Eroberung der Welt" und der Konflikt um universelle Rechte

Ab dem 15. Jahrhundert gilt die Neue Welt in Europa als Quelle unermesslichen Reichtums. Auswanderungswillige sehen dort die Chance auf ein besseres Leben und Privatunternehmer beuten lokale Rohstoffe aus, die Handelsschiffe nach Europa bringen. Ermöglicht wird dies durch den Einsatz von Sklaven. Doch die Vorstellung universell gültiger Menschenrechte, die mit der französischen Revolution 1789 aufkommt, stellt die herrschende Praxis zunehmend in Frage.

Eine Weltkarte von 1502 zeigt mittig links die Demarkationslinie von 1494, die gemäß dem Vertrag von Tordesillas die Einflussbereiche von Portugal und Spanien trennt.Eine Weltkarte von 1502 zeigt mittig links die Demarkationslinie von 1494, die gemäß dem Vertrag von Tordesillas die Einflussbereiche von Portugal und Spanien trennt. (© INTERFOTO / Granger, NYC)

Der Anspruch der europäischen Mächte, die Welt untereinander aufzuteilen, wird vielfach mit der Epoche des Hochimperialismus im späten 19. Jahrhundert in Verbindung gebracht, doch er reicht sehr viel weiter zurück. Tatsächlich dürfte er zu keinem Zeitpunkt nachdrücklicher und umfassender erhoben worden sein als im Vertrag von Tordesillas, den Spanien und Portugal, vermittelt von Papst Alexander VI., 1494 miteinander abschlossen. Mit diesem Vertrag zogen sie auf der Karte der damals bekannten Welt kurzerhand eine Linie zwischen Nord- und Südpol, die ungefähr dem heute gültigen 46. Längengrad entsprach. Was östlich dieser Linie lag, also Afrika und Asien, sollte Portugal zustehen; der westliche Teil, vor allem Südamerika, wurde als spanische Interessensphäre anerkannt. Eine Ausnahme bildete das heutige Brasilien, das noch zum Einflussbereich Portugals zählte, weshalb dort bis heute Portugiesisch und nicht – das sonst in Lateinamerika übliche – Spanisch gesprochen wird.

Fünf Phasen der europäischen Expansion vom 15. bis zum 19. Jahrhundert

Mit diesem aus heutiger Perspektive geradezu Atem verschlagenden Federstrich setzten die beiden dominierenden Seemächte ihrer Zeit den Auftakt zur Expansion Europas in die Welt. Der Historiker Benedikt Stuchtey unterscheidet fünf Phasen, in denen sich dieses Ausgreifen vollzog: Waren (1.) zunächst Spanien und Portugal die treibenden Mächte, so traten seit dem 17. Jahrhundert (2.) mit England, Frankreich und den Niederlanden Konkurrenten auf den Plan, die ihrerseits eigene Gebiete zu kontrollieren begannen (Abb. Karte I). Im 18. und frühen 19. Jahrhundert (3.) erfolgte der Aufstieg Großbritanniens zur globalen Supermacht. Um 1770 hatten die Europäer bedeutende Kolonialreiche etabliert, so in Nordamerika (Großbritannien, Frankreich), Südamerika (Spanien, Portugal), Indien (Großbritannien, das dort bald auch Frankreich verdrängte), Südostasien (Niederlande, Großbritannien), Südafrika (Großbritannien, Niederlande) sowie Neuseeland und Australien (Großbritannien). Freilich sagten sich in dieser Phase auch bereits die ersten Kolonien von ihrem jeweiligen Mutterland los: Großbritannien verlor 1776 bzw. 1783 die 13 Kolonien in Nordamerika, Frankreich verlor 1804 Haiti, Spanien musste in den 1820er-Jahren auf seine Besitzungen in Südamerika verzichten und Portugal 1822 auf Brasilien.
Kurz darauf, im Jahr 1830, nahm Frankreich jedoch Algerien ein und gab damit den Startschuss zur kolonialen Durchdringung des afrikanischen Kontinents (4.), die ganz wesentlich die Epoche des Hochimperialismus im späten 19. Jahrhundert bestimmte. In dieser Zeit begannen auch die USA, sich als imperialistische Großmacht zu etablieren. Im Krieg gegen Spanien eroberten sie 1898 Kuba, Puerto Rico, die Philippinen und Guam (5.). Der Aufstieg der USA und ihr Handeln als globale Macht sind seitdem ein bedeutender Einflussfaktor für die internationale Politik.

Die ferne Welt rückt näher
Die Form und die Intensität kolonialer Herrschaft fielen durchaus unterschiedlich aus. Vielfach handelte es sich nur um militärische Stützpunkte, die beispielsweise die britische Regierung entlang der westafrikanischen Küste errichten ließ, um den Seeweg nach Indien abzusichern. Manchmal entstanden aber auch Siedlerkolonien wie etwa in Nordamerika, in Südafrika oder in Australien. Bei weitem nicht immer waren europäische Staaten die treibenden Akteure. Oftmals gaben mit königlichem Statut ausgestattete private Handelsgesellschaften wie etwa die englische East India Company den Takt der Expansion vor. Auch die wirtschaftliche Durchdringung der kolonialen Räume fiel unterschiedlich aus: Sie reichte von der Ausbeutung lokaler Rohstoffe und dem Handel mit Luxuswaren bis hin zur Einrichtung großer Plantagenwirtschaften, die wiederum vom Sklavenhandel abhängig waren. Eine Begleiterscheinung kolonialer Herrschaft und Wirtschaft war ein ausgeprägter "ökologischer Imperialismus", so der US-amerikanische Historiker und Geograf Alfred Crosby: Mit den Menschen aus Europa kamen bis dahin unbekannte Krankheitserreger in die Neue Welt und führten dort zu massenhaftem Sterben der einheimischen Bevölkerung. Außerdem wurden Pflanzen und Tiere aus ihrer ursprünglichen, natürlichen Lebenswelt in neue Umgebungen verbracht, um dort mit ihrem Anbau bzw. ihrer Zucht größere Gewinne zu erzielen – was mitunter gravierende Folgen für die Fauna und Flora vor Ort hatte.

Für die Menschen in Europa waren die Kolonien vor dem Aufkommen moderner Massenkommunikationsmittel weit entfernt – und dennoch waren sie ihnen ganz nahe. Denn die Neue Welt befeuerte Fantasien und Weltsichten, sie war ein Vorstellungsraum, den "die Anderen", lange Zeit als "edle Wilde" Beschriebenen, besiedelten. Die Neue Welt galt als Quelle unermesslichen Reichtums, was Gold- und Silbereinfuhren etwa aus Südamerika zu bestätigen schienen. Sie war in exotischen Waren ganz handfest präsent, etwa in Gewürzen und teuren Stoffen wie Seide, in Genussmitteln wie Zucker, Kakao, Kaffee oder Tabak, aber auch in Rauschmitteln wie Opium. Europäische Herrscher und Oberschichten stellten ihren sozialen Status durch den Konsum solcher Luxuswaren zur Schau, während diese für das Gros der Bevölkerung lange Zeit unerreichbar blieben.

Aber auch mittleren und unteren Schichten boten die Kolonien Chancen auf ein besseres Leben und sozialen Aufstieg. Menschen, die aus religiösen Gründen verfolgt oder wirtschaftlich an den Rand der Gesellschaft gedrängt waren, wanderten massenweise in die Kolonien aus. Die Amerikas (Nord-, Mittel- und Südamerika) waren das bevorzugte Ziel, doch auch in Südostasien, Südafrika und Australien suchten Menschen aus Europa ihr Glück. Auch politisch Verfolgte strebten dort nach Sicherheit. Und die Anstellung im kolonialen Herrschaftsgefüge sicherte einer aufstrebenden Mittelschicht Einkommen und gesellschaftliche Anerkennung. Indes: Nicht alle gingen freiwillig. Denn im 18. und 19. Jahrhundert wurden Kolonien auch als Straflager für europäische Häftlinge genutzt, so etwa Australien oder Französisch-Guyana.


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