Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Die "Eroberung der Welt" und der Konflikt um universelle Rechte

Die atlantischen Revolutionen des 18. Jahrhunderts als Zäsur

Am 4. Juli 1776 erklärten die Vertreter der 13 englischen Siedlerkolonien in Nordamerika ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone. Zum ersten Mal vollzogen Kolonien damit ihre Trennung vom Mutterland. Nach Jahren des Krieges zwischen den aufständischen Kolonien und Großbritannien besiegelte der Frieden von Paris 1783 offiziell die amerikanische Unabhängigkeit. Sie beraubte London nicht nur seiner Macht und seines Einflusses in diesem Teil Nordamerikas, sondern ihre Wirkung reichte noch viel weiter. Denn tatsächlich hatten hier erstmals Kolonien mit Nachdruck genau jene politischen Rechte eingefordert und durchgesetzt, die bisher nur den in der Metropole (also im Mutterland der Kolonien) ansässigen Engländern vorbehalten waren.

In erster Linie war es den Kolonisten zunächst um das Recht auf Repräsentation im Londoner Parlament gegangen, der Herzkammer britischer Souveränität seit den Revolutionen des 17. Jahrhunderts. Nur dort konnte über Staatsaufgaben und Staatsausgaben legitim beschlossen werden. Deshalb galt Besteuerung den – sich als englische Bürger verstehenden – Siedlern in Neuengland nur dann als akzeptabel, wenn sie auch dort vertreten waren, wo darüber entschieden wurde ("No taxation without representation"). Das vorrangige Anliegen der Siedler in Amerika war es also gerade nicht gewesen, unabhängig zu werden, sondern ihr Hauptziel war die rechtliche und politische Gleichstellung mit den Bürgern des Mutterlandes.

Diese Unterscheidung ist von zentraler Bedeutung. Denn genau hier trat erstmals eine der wesentlichen Fragen im Verhältnis von Kolonien und Metropole (Mutterland) offen zutage: Verfügten die Kolonien über politische Rechte? Und wem stand das Recht auf politische Teilhabe zu? Die Siedler in Nordamerika verstanden sich als eigenständige politische Bürger und sahen sich in der Praxis doch auf eine Stufe gestellt mit dem größten Teil der britischen Gesellschaft, der kein Wahlrecht besaß. Denn wer an Wahlen und damit an politischen Entscheidungen mitwirken wollte, musste bestimmte Voraussetzungen erfüllen, d. h. nicht nur im Mutterland wohnen, sondern auch über Besitz und Bildung verfügen. Alle anderen wurden mit dem Konstrukt der "virtuellen Repräsentation" vertröstet, also darauf verwiesen, dass die Gewählten ihre Interessen mitvertreten würden.

Die Französische Revolution
Genau diese Frage nach der Geltungskraft und Reichweite politischer Bürgerrechte spitzte sich nach der Französischen Revolution von 1789 noch einmal zu. Denn anders als den englischen Revolutionen des 17. Jahrhunderts war der Französischen Revolution ein universeller Anspruch zu eigen. Nicht von ungefähr stammt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1789 nicht aus London, sondern aus Paris. Aus Frankreich – und dies gilt für die frühe bürgerliche Revolution bis zu Napoleon – verbreitete sich die Idee, Menschen- und Bürgerrechte seien im Naturrecht verwurzelt und stünden allen Menschen, ganz unabhängig von Stand, Besitz oder Bildung, gleichermaßen zu. Dass sich daraus Spannungslinien zum europäischen Projekt des Kolonialismus und der ihm zugrunde liegenden Überzeugung einer unterschiedlichen "Wertigkeit" von Menschen ergeben mussten, liegt auf der Hand.

Lässt sich die Amerikanische Revolution von 1776 als Werk europäischer Siedler einordnen, so fand die erste wirkliche Revolution von Kolonisierten im französischen Machtbereich, auf Haiti, statt. Von der historischen Forschung lange Zeit ignoriert, dafür in den letzten Jahren in ihrer Bedeutung besonders hervorgehoben, stellt die Revolution auf Haiti genau den Wendepunkt dar, an dem Kolonisierte begannen, die universellen Geltungsansprüche europäischer Freiheits- und Rechtsvorstellungen beim Wort zu nehmen und für sich selbst einzufordern.

Die Revolution ging aus einem Sklavenaufstand auf der französisch beherrschten Karibikinsel Saint-Domingue 1791 hervor. 1794 schaffte der Nationalkonvent in Paris die Sklaverei im gesamten französischen Kolonialreich zwar ab, doch wurde sie von Napoleon 1802 wieder eingeführt (und bis 1848 beibehalten). Der Konflikt mit den Aufständischen in der Karibik schwelte weiter. Diese gaben sich unter der Führung des freigelassenen Sklaven Toussaint Louverture 1801 eine eigene Verfassung und erlangten damit eine gewisse administrative Unabhängigkeit von Frankreich. Vollends zu einer Revolte gegen die französische Herrschaft kam es 1804, als nach Louvertures Tod in französischer Haft dessen Anhänger Jean-Jacques Dessalines die unabhängige Republik Haiti ausrief.

In der karibischen Revolution spitzten sich die Fragen zu, die seitdem in den unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder gestellt wurden: Wer durfte die 1789 formulierten Menschen- und Bürgerrechte in Anspruch nehmen? Wo verlief die Grenze zwischen denjenigen, die diese Rechte besaßen, und denjenigen, die rechtlos waren?

Die "Atlantischen Revolutionen" in Südamerika
Das Zeitalter der "Atlantischen Revolutionen" fand in den 1820er-Jahren in Südamerika seinen Abschluss. Spanien und Portugal, in Folge der Napoleonischen Kriege in Europa geschwächt, mussten ihre Kolonien in Südamerika aufgeben. Diese lösten sich vom jeweiligen Mutterland und gründeten sich als unabhängige Republiken mit Ausnahme Brasiliens, wo bis 1891 eine Monarchie bestand. Leitfiguren wie der aus dem spanischen Vizekönigreich Neugranada, dem heutigen Venezuela, stammende Simón Bolívar fanden auch in Europa viele Anhänger. Und dass die neuen Republiken mit viel Pathos die Freiheit beschworen, inspirierte auch radikale Aktivisten in Europa wie etwa Giuseppe Garibaldi, den führenden Kopf der italienischen Nationalbewegung, der in den 1830er- und 1840er-Jahren in Brasilien und Uruguay Exil gefunden hatte.

Nicht nur Rohstoffe, Waren und Menschen – die Sklaverei wurde trotz Unabhängigkeit als Praxis fortgesetzt – zirkulierten nun zwischen Europa und den Amerikas, sondern auch politische Leitideen und Ordnungsvorstellungen der internationalen Politik. Als neue Macht auf dem amerikanischen Kontinent profilierten sich die Vereinigten Staaten. Ihr Präsident James Monroe erteilte 1823 allen künftigen Bestrebungen der Europäer, in der westlichen Hemisphäre neue Kolonien zu gründen, eine scharfe Absage ("Monroe-Doktrin").


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