Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Die "Eroberung der Welt" und der Konflikt um universelle Rechte

Die Abschaffung des Sklavenhandels als transnationales Ereignis

Die Herrschaft der europäischen Mächte über die Welt hatte ein altes System der Ausbeutung fortgeführt und erneuert, das auch von anderen Herrschern – etwa von Arabern in Ostafrika oder im Osmanischen Reich – praktiziert wurde: die Sklaverei. Vom atlantischen Dreieckshandel, der europäische Waren nach Westafrika, westafrikanische Sklaven auf die Plantagen Nord- und Südamerikas und die dort erwirtschafteten Produkte Baumwolle und Zucker wiederum nach Europa brachte (Abb. Karte II und III), hatten seit seinem Beginn im frühen 16. Jahrhundert viele europäische Kaufleute, Händler und Seefahrer profitiert.

Quellentext

Süße aus bitterer Quelle

[…] Über Jahrhunderte war Zucker ein Luxusprodukt, das sich nur die Wohlhabendsten leisten konnten. Angebaut wurde er auf einigen Inseln des südlichen Mittelmeeres; so wertvoll war er, dass er in Apotheken verkauft wurde.
Arme Leute kannten Süße allein von Früchten und Honig. Dies sollte sich im Zuge der Expansion Europas im 15. Jahrhundert ändern.

Auf der Suche nach geeignetem Land und billigen Arbeitskräften verlagerten unternehmerisch gesinnte Kaufleute den Zuckerrohranbau zunächst auf Inseln vor der afrikanischen Küste wie die Kanaren. Dann überquerten sie den Atlantik, hin zu den neuen europäischen Kolonien in Südamerika und in der Karibik. Zucker wurde zum wichtigsten Agrarexport dieser Regionen, und Europäer vertilgten ihn in steigenden Mengen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts süßte auch die Arbeiterklasse ihren Kaffee oder Tee ganz selbstverständlich mit dem begehrten Stoff und aß Marmelade in solchen Mengen, dass der Zuckerkonsum pro Kopf in Großbritannien 1914 auf 50 Kilogramm stieg – heute liegt er im EU-Durchschnitt bei etwa 37 Kilo.

Dieser Boom war möglich geworden, weil Europäer im 16. Jahrhundert riesige Landflächen in der Karibik erobert hatten. Sie verdrängten und töteten die Ureinwohner – geschätzte zwei Millionen Arawak und Kariben fielen ihnen zum Opfer – und siedelten Millionen Menschen von der afrikanischen Westküste um, auf dass sie Wälder rodeten und Zuckerrohrplantagen anlegten.

[…] Am grausamsten wurde die Ausbeutung wohl auf Barbados betrieben. Dorthin hatten britische und holländische Kaufleute bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts Tausende von Afrikanern verschleppt, um die kleine bewaldete Insel in ein einziges Zuckerrohrfeld zu verwandeln. Der Anbau anderer Feldfrüchte war fortan nicht mehr möglich – die Inselbevölkerung musste fast all ihre Nahrungsmittel importieren.
Unterdessen spuckte die Plantagenmaschinerie immer größere Mengen Zucker aus und verschlang afrikanische Sklaven im Akkord. Die meisten starben jung – ausgemergelt von der harten Arbeit. Irgendwann glich die Insel einem Strafgefangenenlager. Rebellierende Sklaven wurden gevierteilt, bei lebendigem Leibe verbrannt oder in Eisenkäfigen zur Schau gestellt, in denen sie vor den Augen ihrer Familien verhungern mussten.
Auf Inseln wie Martinique und Jamaika kopierte man das Modell Barbados, vor allem aber, im größtmöglichen Stil, auf Saint Domingue, dem heutigen Haiti. Bis zu 40.000 Sklaven wurden jährlich auf diese Insel gebracht, und der unglaubliche Wohlstand, den sie produzierten, schmückte die wachsenden französischen Städte. Der Zuckerhändler und Plantagenbesitzer Jean-Baptiste Hosten aus Bordeaux etwa investierte seine Zuckergewinne in Immobilien in ganz Paris. Seine zu Stein gewordenen Profite aus der Arbeit versklavter Afrikaner werden heute von Touristen bestaunt.

Doch dann, im späten 18. Jahrhundert, geriet der karibische Zuckerkomplex in eine Krise. Die Sklaverei, auf der der Anbau basierte, wurde immer schärfer kritisiert. Schließlich rebellierten die versklavten Arbeiter selbst. In den 1790er-Jahren vertrieb in Saint Domingue eine antikoloniale Revolution unter Führung von Toussaint Louverture die französischen Zuckerbarone.
Die Revolution auf Haiti, das Verbot des Sklavenhandels 1807 sowie die Abschaffung der Sklaverei in den britischen Kolonien 1834 führten zur Verlegung des Zuckeranbaus an andere Orte. Zunächst nach Kuba, wo reichlich unverbrauchte Böden vorhanden waren und die Sklaverei bis 1886 legal blieb. In einem radikaleren Schritt bewegte sich der Plantagenkomplex in den Pazifik, auf Inseln wie Fidschi und Mauritius, um Europas Gier nach Süßem zu stillen.

[…] Die Suche nach Arbeitskraft, Land und Ressourcen ließ die Zuckergrenze in den folgenden Jahrzehnten immer weiter über den Globus wandern. Als sich die Zuckergewinnung aus Rüben Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete, erreichte sie Europa, wo Deutschland zu einem der weltgrößten Zuckerproduzenten aufstieg.

Aus dem Englischen von Marieke Heimburger

Sven Beckert ist Professor für Amerikanische Geschichte an der Harvard University. Als Co-Leiter ist er derzeit an einem internationalen Forschungsprojekt zur 600-jährigen Geschichte der weltweiten Rohstoffausbeutung und ihrer Folgen beteiligt. (Näheres siehe unter https://wigh.wcfia.harvard.edu/commodity-frontiers-initiative)

Dr. Mindi Schneider ist Fellow am Netherlands Institute for Advanced Study in Amsterdam.

Sven Beckert / Mindi Schneider, "Der große Landraub", in: Die ZEIT Nr. 37 vom 6. September 2018


Doch seit dem späten 18. Jahrhundert wurden Sklaverei und Sklavenhandel in Europa zunehmend kritisch gesehen. Von christlich-evangelikalem Glauben inspiriert, prangerte vor allem in Großbritannien seit den 1780er-Jahren eine zunehmend einflussreiche Lobby den Handel mit Menschen als unvereinbar mit Gottes Gebot an. Doch auch aufklärerische, naturrechtlich inspirierte Akteure sprachen sich gegen die Sklaverei aus.

In der Anti-Sklaverei-Bewegung, deren Anhänger hauptsächlich in Großbritannien, aber auch in anderen europäischen Ländern sowie in den USA vertreten waren, kamen nicht allein religiös inspiriertes Ethos und christliche Nächstenliebe zum Ausdruck. Zwar war es zunächst vor allem um ein Verbot des Sklavenhandels und nicht der Sklaverei selbst gegangen. Und viele derer, die sich im frühen 19. Jahrhundert der Anti-Sklaverei-Bewegung zugehörig fühlten, handelten allein aus Mitleid, ohne versklavten Menschen generell Menschenrechte zuzugestehen, wie sie heute in der UN-Menschenrechtscharta festgelegt sind. Doch gleichzeitig erwies sich, dass die Debatte um Teilhabe, Gleichberechtigung und Menschenrechte im frühen 19. Jahrhundert globale Dimensionen angenommen hatte.

Bemerkenswert ist, dass sich viele Frauen in Europa, vor allem in Großbritannien, gegen die Sklaverei engagierten und hier ein reiches und respektables Betätigungsfeld fanden. Ihnen gab die christliche Färbung und emotionale Aufladung der Bewegung die Chance zur politischen Teilhabe, während sie selbst von politischer Partizipation und Wahlrecht noch ausgeschlossen waren. Am 25. März 1807 verabschiedete das britische Unterhaus schließlich das Gesetz, das den Sklavenhandel verbot. Sklaverei selbst bestand freilich weiterhin und ging nahtlos in andere Formen kolonialer Zwangsarbeit über. Erst 1833 verbot das britische Unterhaus auch die Sklaverei. Aber der "Slave Trade Act" von 1807 setzte doch neue moralische Maßstäbe in der internationalen Politik, an denen sich – angesichts der britischen Vorherrschaft in der Weltpolitik – jeder andere Staat messen lassen musste. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, ehe die Sklaverei, wenn nicht vollständig abgeschafft, so doch wirksam eingedämmt wurde. Dies konnte durchaus paradox erscheinende Folgen haben: Vor allem der belgische König und die britische Regierung begründeten ihr Ausgreifen nach Afrika vielfach damit, nur die eigene Präsenz vor Ort könne die Sklaverei wirksam bekämpfen.


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