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Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Die Epoche des Hochimperialismus

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verdichten und formalisieren die europäischen Staaten die Herrschaft über ihre Kolonialgebiete. An der dort lebenden Bevölkerung wollen sie eine "Zivilisierungsmission" erfüllen. Widerstand beantworten sie mit rücksichtsloser Gewalt, zu der sie sich auch durch die aufkommende "Rassenlehre" und die herrschende Völkerrechtsauffassung ihrer Zeit berechtigt glauben.

Auf der Berliner Konferenz 1884/85 einigen sich die Vertreter europäischer Staaten unter Vermittlung Otto von Bismarcks auf Grundsätze und Verfahren zur Regelung ihrer kolonialen Besitzansprüche.Auf der Berliner Konferenz 1884/85 einigen sich die Vertreter europäischer Staaten unter Vermittlung Otto von Bismarcks auf Grundsätze und Verfahren zur Regelung ihrer kolonialen Besitzansprüche. (© ullstein bild)

In den 1880er-Jahren trat die Eroberung und Ordnung der Welt durch die Europäer in eine neue Phase ein. Dies lässt sich in Asien und Afrika genauso beobachten wie in Europa selbst. Erste Anzeichen dafür hatte es schon Ende der 1850er-Jahre gegeben, als Großbritannien nach der sogenannten Great Mutiny von 1857, einem Aufstand des indischen Militärs, sein Reich in Indien neu ordnete und die Macht dort von der East India Company auf staatliche Vertreter Londons überging.

Nun, seit den 1880er-Jahren, gewann Kolonialpolitik eine neue Qualität. Sie schlug sich nieder im Anspruch der europäischen Mächte, die kolonisierten Räume und Gesellschaften nach rationalen Kriterien aktiv zu gestalten. Dazu gehörten groß angelegte Eisenbahn- und Straßenbauprogramme, medizinische Kampagnen zur Bekämpfung der Malaria oder der Schlafkrankheit sowie der Bau von Schulen. Die Wechselbeziehungen zwischen Europa und Außereuropa entwickelten sich nun noch dynamischer und der "Wettlauf um Afrika" zwischen den europäischen Kolonialmächten war der prominenteste Teil davon. Der Historiker Jürgen Osterhammel bezeichnete die europäische Besetzung Afrikas als "einen einzigartigen Vorgang der zeitlich konzentrierten Enteignung eines Kontinents".

"Wettlauf um Afrika" und Ausdehnung imperialer Macht in Asien

Als die Vertreter der europäischen Mächte und der USA am letzten Tag der Berliner Konferenz (15.11.1884 – 26.2.1885) ihre Unterschriften unter die sogenannte Kongo-Akte setzten und das riesige Kongobecken zu einer Freihandelszone erklärten, machten sie nicht nur wirtschaftliche Interessen geltend: Sie legten damit das Fundament des Hochimperialismus. Denn anders als vielfach behauptet, beschlossen sie auf der Berliner Kongo-Konferenz nicht, Afrika untereinander aufzuteilen. Faktisch war der "Wettlauf um Afrika" längst im Gange. Vielmehr verständigten sie sich darauf, dass koloniale Inbesitznahme künftig "effektiv" zu sein hatte, um anerkannt zu werden; und das hieß, dass in der Kolonie zumindest rudimentäre Strukturen eines territorialen Verwaltungsstaates auszubilden waren. Unter Kapitel VI der Akte vereinbarten sie, wie künftig der Anspruch auf europäischen Besitz zu erheben und zu legitimieren war: Wolle man von neuen Gebieten Besitz ergreifen oder auch nur eine "Schutzherrschaft" errichten, so sei den übrigen europäischen Mächten davon Kenntnis zu geben, damit eventuelle Einsprüche geltend gemacht werden konnten. Zudem gehöre zur Inbesitznahme zwingend dazu, eine "Obrigkeit zu sichern, welche hinreicht, um erworbene Rechte und, gegebenenfalls, die Handels- und Durchgangsfreiheit (...) zu schützen" (Art. 35 der Kongo-Akte).

Die Epoche informeller Durchdringung kam damit an ihr Ende, eine stärker formalisierte europäische Herrschaft wurde nun zur Regel. Bis dahin waren es vor allem die "men on the spot" gewesen, die ohne ein politisches Mandat unmittelbar vor Ort in unerschlossene Gebiete vorgedrungen waren und Fakten geschaffen hatten; sei es aus kommerziellem oder wissenschaftlichem Interesse, aus purer Abenteurerlust oder Profilierungssucht. Ihr Einfluss wurde nun zwar nicht völlig verdrängt, aber doch staatlich überlagert. Diese Trendwende bewarben die europäischen Mächte als "Mittel zur Hebung der sittlichen und materiellen Wohlfahrt der eingeborenen Völkerschaften", wie sie sich in der Präambel der Kongo-Akte wechselseitig versicherten. Otto von Bismarck, als deutscher Reichskanzler Gastgeber der Konferenz, sah in dieser Aufgabe "ein neues Band der Gemeinsamkeit unter den Kulturvölkern" herausgebildet, wie er in der Schlussrede kundtat.

Wie über die Zukunft des afrikanischen Kontinents in Berlin 1884/85 verhandelt wurde, ist durchaus charakteristisch für die europäische Politik vor dem Ersten Weltkrieg. So waren sich die Vertreter der europäischen Staaten vollkommen einig darin, die Afrikaner selbst an den Beratungen nicht zu beteiligen, ja sie nicht einmal anzuhören oder ihre Interessen zu berücksichtigen. Außer Frage stand für sie zudem, dass die Europäer in der "Zivilisierung" außereuropäischer Völker ihre historische Aufgabe gefunden hätten; und dass sie insbesondere Menschen aus Afrika in jeder Hinsicht überlegen seien, wie es die zur gleichen Zeit dominant werdende "Rassenlehre" suggerierte. Schließlich waren die Berliner Verhandlungen auch ein Beispiel dafür, dass koloniale Ansprüche oder Kolonien als Verfügungsmasse dienten, auf die die europäischen Staaten Zugriff hatten, wenn sie ihre Konflikte untereinander entschärfen wollten.

Die Aufteilung Afrikas
Tatsächlich gelang es bis 1914 immer wieder, Konflikte durch koloniale Zugeständnisse friedlich zu lösen. Selbst wenn sich Konfrontationen zuspitzten, ließen sich koloniale "Ausgleichsgeschäfte" vereinbaren und Interessensphären abgrenzen. So geschah es etwa 1898 bei Faschoda, einem sudanesischen Ort am Weißen Nil, als englische und französische Truppen dort aufeinandertrafen und den jeweiligen Ansprüchen ihrer Regierungen auf Afrika Nachdruck zu verleihen suchten: Frankreich seinen Plänen einer West-Ost-Expansion vom Senegal über den Tschadsee bis zum Nil, Großbritannien einer Süd-Nord-Verbindung von Kairo bis ans Kap der guten Hoffnung. Entschärft werden konnten auch die Konflikte von 1905 bzw. 1911, als deutsche und französische Interessen an Marokko zu wechselseitigen militärischen Drohgebärden geführt hatten.

Hatte zur Zeit der Berliner Konferenz die europäische Darstellung der Landkarte Afrikas noch weite weiße Flächen im Inneren des Kontinents aufgewiesen, so hatten die Europäer bis 1914 die Landmasse untereinander aufgeteilt. Lediglich Liberia und Abessinien, das Gebiet des heutigen Äthiopien und Eritrea, waren (noch) frei von europäischem Zugriff (Abb. Karte IV).

Afrika beflügelte nun auch die Phantasien der kolonialen "Spätkommer" unter den europäischen Mächten: der beiden jungen Nationalstaaten Deutschland und Italien. Das Deutsche Reich erhob Ansprüche auf Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika sowie auf Kamerun und Togo. Das junge Königreich Italien, selbst erst 1861 entstanden, kontrollierte vor dem Ersten Weltkrieg Libyen und einige Gebiete in Ostafrika (Somaliland, Eritrea); sein Protektorat über Abessinien bestand nur von 1889 bis 1896, blieb aber fortan im Horizont der italienischen Politik.

Damit waren das Deutsche Reich und Italien zwar an der Aufteilung Afrikas beteiligt, doch den Löwenanteil sicherten sich andere: Frankreich nahm sich neben Nordafrika – seit 1830 schon Algerien, das 1881 zum Teil Frankreichs wurde, sowie Tunesien und Marokko – den größten Teil Westafrikas. Tunesien war formal eine Provinz des Osmanischen Reiches gewesen, bis Frankreich dort 1881 zunächst ein Protektorat errichtete und das Land zwei Jahre später ganz in sein Kolonialreich integrierte. 1896 stieß Frankreich dann im Osten des Kontinents mit der Errichtung der Kolonie Französisch-Somaliland (heute Dschibuti) bis an das Horn von Afrika vor, ein Jahr zuvor hatte es die Insel Madagaskar vor der südostafrikanischen Küste vereinnahmt.

Währenddessen dehnte sich die britische Herrschaft vor allem über Südafrika und weite Teile Ostafrikas aus. Selbst das nach europäischem Maßstab kleine Königreich Belgien hatte 1908 die seit der Berliner Konferenz 1885 als Kongo-Freistaat geführte riesige Privatkolonie König Leopolds II. übernommen. Auch die alte Kolonialmacht Portugal erneuerte ihre Herrschaft in Afrika, indem sie Gebiete in West- und Ostafrika (später Angola und Mosambik) sowie an der nordwestlichen Küste Guineas kontrollierte.

Die Kolonisierung Asiens
Auch in Asien bestand die imperiale Herrschaft der Europäer nicht nur fort, sondern wurde vor dem Ersten Weltkrieg noch erweitert. Frankreich baute seine Kolonien in Südostasien aus. Der Schwerpunkt lag auf Tonkin, Annam und Cochinchina (den drei Provinzen des späteren Vietnam) sowie Kambodscha (Union Indochinoise, 1887); 1893 kam Laos dazu. Europäische Supermacht in Asien war freilich Großbritannien, das 1870 Indien, Burma, Ceylon, Malaya, Niederlassungen an der Straße von Malakka ("Straits Settlements"), Singapur und Hongkong beherrschte; bis 1914 kamen weitere kleinere Gebiete dazu. Präsent waren die Briten zudem im Pazifik.

Dort strebte auch das Deutsche Reich nach Kolonialbesitz, der mit Samoa und Neuguinea aber im Vergleich recht bescheiden ausfiel. Auch Portugal hielt einige kleinere Besitzungen im Pazifik (vor allem Macau und Portugiesisch-Timor), während das niederländische Imperium nahezu ganz auf Südostasien (Niederländisch-Ostindien, wo von Java aus weitere Inseln unterworfen wurden) konzentriert war. Mit den Vereinigten Staaten erwuchs den Europäern seit Beginn des Spanisch-Amerikanischen Krieges 1898 ein neuer, zunehmend mächtiger Gegenspieler gerade in ihrem alten Herrschaftsraum, der Karibik, und darüber hinaus: So waren die zuvor von Spanien beanspruchten Philippinen von 1902 bis 1946 eine Kolonie der USA.

Europäische Expansion traf auf Widerstand und konnte häufig nur gewaltsam durchgesetzt werden. Aber auch das Verhältnis von Kolonien und Metropole blieb umstritten. Am erfolgreichsten in ihrer Forderung nach Mitsprache waren Weiße Siedlerkolonien. So erlangte Kanada bereits 1867 den Status eines Dominion innerhalb des britischen Empire; Australien, Neuseeland und Neufundland folgten 1907, die südafrikanische Union 1910. Dieser Status war mit der Herauslösung aus unmittelbarer britischer Herrschaft und der weitgehend autonomen Regelung der eigenen inneren Angelegenheiten verbunden.


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