Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Krisen und Niedergang der europäischen Imperien

Im Ersten Weltkrieg werden Arbeitskräfte und Soldaten aus den Kolonien rekrutiert, der Krieg wird nicht nur in Europa, sondern auch in Übersee geführt. Während das besiegte Deutschland seinen Kolonialbesitz verliert, sehen sich die westlichen Siegermächte mit Forderungen aus den Kolonien nach Mitsprache und Unabhängigkeit konfrontiert.

Um internationale Bedeutung und Wirtschaftskraft zu bewahren, suchen die europäischen Staaten ihren Status als Kolonialmächte zu erhalten. Besuch des belgischen Königspaars in Léopoldville, Belgisch-Kongo, heute Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, 1928.Um internationale Bedeutung und Wirtschaftskraft zu bewahren, suchen die europäischen Staaten ihren Status als Kolonialmächte zu erhalten. Besuch des belgischen Königspaars in Léopoldville, Belgisch-Kongo, heute Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, 1928. (© akg-images)

Der Erste Weltkrieg sorgte für eine weitere Verdichtung des imperialen Raums. Denn der Krieg war nicht auf Europa beschränkt, sondern mobilisierte auch in Außereuropa Menschen und Ressourcen in zuvor ungekanntem Maße. Rasch war absehbar, dass damit auch die Frage nach Zugehörigkeiten und Rechten an Dringlichkeit gewinnen würde. Doch die neue Weltordnung nach 1919 ließ das Machtgefälle zwischen Europa und den europäisch beherrschten Gebieten in Außereuropa zunächst unangetastet. In den westeuropäischen Gesellschaften selbst nahm die Bedeutung des Kolonialismus sogar zu: Im besiegten Deutschen Reich, das seinen Kolonialbesitz mit dem Versailler Friedensvertrag aufgeben musste, mehrten sich propagandistische Rückgabeforderungen, während Großbritannien oder Frankreich sich ihrerseits auf eine empathische Inszenierung und "Inwertsetzung" ihrer Imperien verlegten. Doch der Bedeutungsgewinn des Kolonialismus zeigte sich auch im Widerstand gegen diese Herrschaftspraxis, der nun in den europäischen Metropolen selbst artikuliert wurde.

Mobilisierung im Ersten Weltkrieg

Als im August 1914 der Krieg zwischen den europäischen Mächten ausbrach, wurde er rasch zum "Weltkrieg", und dies in mehrfacher Hinsicht: Die Kämpfe wurden auch in den Kolonien ausgetragen. Besonders Ostafrika hatte darunter zu leiden, da dort die Kriegshandlungen am längsten andauerten. Während in Europa am 11. November 1918 ein Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten auf der einen, und den Westmächten, allen voran Großbritannien und Frankreich, auf der anderen Seite die Kämpfe beendete, kapitulierten die deutschen Truppen in Ostafrika erst am 25. November 1918.

Die europäischen Kolonialmächte suchten Gebietsgewinne auch in den außereuropäischen Räumen zu erlangen und die Herrschaft der jeweils anderen zu destabilisieren; und schließlich wurden in den jeweiligen Kolonien Ressourcen für den Krieg in Europa mobilisiert. Dazu zählten vor allem Rohstoffe und finanzielle Mittel, aber auch Arbeitskräfte und Soldaten wurden vor allem in den britischen und französischen Kolonien zu Hunderttausenden für den Krieg in Europa rekrutiert.

Auf britischer Seite kämpften 1914/15 zunächst indische Einheiten, ehe Truppen aus den Weißen Dominions nach Europa verlegt wurden, darunter eine halbe Million Kanadier und 300.000 Australier. Frankreich setzte rund eine halbe Million Soldaten aus West- und Nordafrika sowie aus Indochina und Madagaskar an den europäischen Fronten ein. Dass hier erstmals Soldaten zum Einsatz kamen, die von den Europäern der Zeit als "farbig" bezeichnet wurden, prangerte die deutsche Führung als "völkerrechtswidrig" an und stellte es als besonders entwürdigend dar.

Die bereits vor dem Krieg verbreitete Ansicht, dass es besonders "kriegerische Rassen" unter den Kolonisierten gebe, hatte für die Angehörigen bestimmter Völker nun fatale Folgen. Denn die etwa den Männern aus Westafrika zugeschriebenen Eigenschaften wie Unerschrockenheit und Nervenstärke führten dazu, dass sie in besonders gefährlichen Missionen zum Einsatz kamen, und entsprechend lag ihr Risiko, im Krieg zu fallen, um 20 Prozent höher als dasjenige der französischen Soldaten.

Als Kriegsgefangene waren die Soldaten aus den Kolonien häufig politischen Instrumentalisierungs- und Indoktrinationsversuchen ausgesetzt. In deutschen Kriegsgefangenenlagern suchte man Männer aus Irland oder aus dem arabischen Raum gegen die britische Kolonialherrschaft aufzuwiegeln, und die Muslime unter ihnen wurden zum "Dschihad", zum "heiligen Krieg" gegen die Briten aufgerufen. Vergleichbar verfuhr die deutsche Kriegspropaganda in den britisch kontrollierten Gebieten des Mittleren Ostens.

Zur Mobilisierung im Ersten Weltkrieg zählte auch der Einsatz von Arbeitskräften aus den Kolonien. Zum einen wurden sie in ihrer Heimat selbst (zwangs-)rekrutiert, um dort die Kriegsproduktion für die Europäer zu steigern. Zum anderen wurden rund eine halbe Million Menschen nach Europa – vor allem nach Großbritannien und Frankreich – gebracht, um dort Hilfsdienste an der Front zu verrichten oder in den Fabriken bzw. im Bergbau zu arbeiten. Auf britischer Seite zählte man rund 300.000 Arbeitskräfte aus den Kolonien, zu denen etwa 100.000 Chinesen hinzukamen; in Frankreich wurden während des Krieges um die 200.000 Männer aus Asien und Afrika beschäftigt.

Je länger der Krieg andauerte und je tiefer die Kriegsmoral in den europäischen Gesellschaften sank, desto häufiger wurden diese Arbeiter aus den Kolonien Opfer rassistisch motivierter, gewalttätiger Übergriffe. In Frankreich verloren allein 1917 durch solche Gewalttaten 20 meist aus Nordafrika stammende Menschen ihr Leben, während es in Großbritannien vor allem in der Nachkriegskrise von 1919 zu "Rassenunruhen", speziell in den Hafenstädten, kam. Abermals ist bemerkenswert, wie eindeutig die Idee der "Rasse" das Ideal der Solidarität in der europäischen Arbeiterbewegung unterlief. Darüber hinaus zeigte sich, dass die "Zugehörigkeit", wie sie die Europäer in diesem Krieg gegenüber ihren kolonialen Soldaten beschworen hatten, lediglich eine Fiktion gewesen war. Substanzielle Zugeständnisse im Hinblick auf politische Teilhabe oder eine Verbesserung ihrer sozialen Umstände wurden nirgends gemacht.


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