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Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Krisen und Niedergang der europäischen Imperien

Völkerbund, Selbstbestimmungsrecht und Mandatssystem

Während die Weimarer Republik die Folgen der Kriegsniederlage zu verarbeiten hatte, erreichten die Imperien der Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich nach 1919 ihre historisch größte Ausdehnung. Denn die von Deutschland aufzugebenden Kolonien wurden nicht selbstständig und unabhängig, sondern unter die Mandatsherrschaft des 1919 neu gegründeten Völkerbundes gestellt. Zwar hatte der Initiator des Völkerbunds, US-Präsident Woodrow Wilson, mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker eine neue wirkmächtige Leitidee in die internationale Politik eingebracht. Doch zum einen traten die USA dem Völkerbund nicht bei und konnten entsprechend diese Entwicklung nicht weiter vorantreiben; zum anderen entpuppte sich das Versprechen der Selbstbestimmung nach 1919 für die kolonialen Gesellschaften als Enttäuschung. Statt sie in ihrem Streben nach Unabhängigkeit zu unterstützen, übertrug der Völkerbund Mandate, gestaffelt je nach politischer "Reife" der betroffenen Völker in A-, B- und C-Mandate, auf die europäischen Kolonialmächte, allen voran Großbritannien und Frankreich. In gewissem Sinne wurde auf diese Weise die "Zivilisierungsmission" der Europäer ungebrochen fortgeführt.

Doch so gewinnbringend die Übernahme eines Mandats für die europäischen Staaten auf den ersten Blick erscheinen mochte, so ernüchternd war die Realität. Nirgends ließ sich die Mandatsherrschaft etablieren, ohne auf die politische Opposition oder gar den offenen Widerstand der lokalen Gesellschaften zu stoßen. Die Mandatsherrschaft blieb stets gefährdet, brachte den europäischen Staaten ein ums andere Mal erhebliche Legitimationsprobleme ein und untergrub auf mittlere Sicht das Ansehen und den Status der Europäer als Kolonialmächte. Um ihre Herrschaftsansprüche durchzusetzen, griffen die europäischen Mächte auch in anderen Regionen außerhalb der Mandatsgebiete zu Mitteln, die das Kriegsvölkerrecht ausdrücklich verbot und die humanitäre Katastrophen nach sich zogen. Ein Beispiel ist der Einsatz von Chemiewaffen durch Spanien im Krieg gegen den marokkanischen Berberstamm der Rifkabylen (Rif-Krieg 1921–1926) sowie durch Italien in Abessinien/Äthiopien 1935/1936. Frankreich wiederum griff 1925 im syrischen Damaskus gezielt die Zivilbevölkerung an und Großbritannien führte 1923 im Irak ebenfalls Luftangriffe auf die Zivilbevölkerung durch. Wie zuvor die Kolonien blieben damit auch die Mandatsgebiete Gewalträume, in denen eigene Regeln galten.

Das Schwinden kolonialer Macht am Beispiel Irlands
Nicht nur in den neuen Mandatsgebieten, sondern auch in den Kolonien war die europäische Herrschaft nun gefährdeter denn je. Ein Beispiel dafür ist – wenn es auch an dieser Stelle überraschen mag – der irische Unabhängigkeitskrieg (1919–1921), der zu den Dekolonisationskonflikten hinzugezählt werden kann. Zwar war Irland seit dem Act of Union von 1800, der das Königreich Großbritannien und das Königreich Irland zum "Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland" vereinigte, formal keine Kolonie mehr, doch sowohl Briten als auch Iren dachten über ihr Verhältnis in kolonialen Kategorien. Großbritannien führte drei Jahre lang einen erbitterten Krieg um den Verbleib Irlands im Vereinigten Königreich: ein Kampf, der umso brutaler geführt wurde, als die Briten fürchteten, andere Kolonien, vor allem Indien, könnten dem irischen Beispiel folgen. 1922 kam es zu einem Kompromiss, der allerdings niemanden vollends zufriedenstellte: Im Süden der Insel entstand der irische Freistaat. Er erhielt den Status einer Dominion und proklamierte sich 1937 als Republik Irland. Diese trat 1949 aus dem Commonwealth aus und 1973 den Europäischen Gemeinschaften (EG) bei. Die Provinzen in Nordirland gehören dagegen bis heute zum Vereinigten Königreich. Über die Frage einer Wiedervereinigung beider Landesteile und ihr Verhältnis zu Großbritannien gab es Jahrzehnte lang gewaltvolle Auseinandersetzungen. Diese konnten zwar durch das "Karfreitagsabkommen" von 1998 vorläufig befriedet werden, doch die Folgen des mit dem Referendum vom 23. Juni 2016 beschlossenen britischen Austritts aus der EU ("Brexit") könnten künftig zum Wiederaufleben des Konflikts beitragen.

Zwischen Gewalt und Hilfe: der Umgang mit Souveränitätsbestrebungen
Forderungen aus den Kolonien nach mehr Mitsprache beantworteten die Europäer teils mit Gewalt – so wie die Briten 1919 im indischen Amritsar –, teils mit nicht allzu weit reichenden Zugeständnissen. Vor allem aber waren sie bestrebt, im eigenen Mutterland den Rückhalt für ihre Kolonialherrschaft zu stärken. Daher erlebten alle westeuropäischen Gesellschaften in der Zwischenkriegszeit, dass sich die kolonialistische Propaganda deutlich intensivierte. Die großen Kolonialausstellungen wie etwa die britische "Empire Exhibition" in Wembley 1924/25 und die "Exposition coloniale internationale" in Paris 1931 waren beispielgebend, doch auch in den anderen europäischen Metropolen fanden vergleichbare Ausstellungen statt. Mancherorts, etwa in Belgien und Italien, wurden eigene "Kolonialtage" oder "Kolonialwochen" eingeführt, an denen Militärparaden und Ansprachen die Präsenz der Kolonien wach zu halten suchten und an denen besonders die Schulen aktiv beteiligt waren.

All dies diente dazu, sich der etablierten Ordnung zwischen Kolonien und Metropolen zu vergewissern, zugleich aber auch neue Vorstellungen von "Fortschritt" umzusetzen: Gerade die beiden großen europäischen Kolonialmächte, Großbritannien und Frankreich, unternahmen nun gezielte Initiativen zur Modernisierung ihrer Kolonien. 1923 formulierte der französische Kolonialminister Albert Sarraut die Leitidee einer "Inwertsetzung" der Kolonien ("Mise en valeur"). Die Gewinne der Europäer, so die Überlegung dazu, ließen sich steigern und die Kosten für den Unterhalt der Kolonien senken, wenn dort in moderne Infrastrukturen investiert würde.

Hier scheint die europäische Selbstsicht als Taktgeber einer Modernität auf, die es nunmehr nicht allein in Europa, sondern auch in Außereuropa durchzusetzen galt. Nach Eisenbahnen wurde jetzt in den Ausbau von überregionalen Straßennetzen investiert, in Elektrizitätsnetze, in die Gesundheitsversorgung und in das Schulwesen. Mit dem Leitmotiv der "Modernisierung" setzte Sarraut einen wirkmächtigen Impuls für die spätere "Entwicklungspolitik". Seine Initiative entsprang sicherlich dem Wunsch, durch Modernisierung die Lebensbedingungen in den Kolonien zu verbessern. Doch gleichzeitig sprach aus ihr das Bewusstsein europäischer Überlegenheit und der aus ihr abgeleiteten "Zivilisierungsmission".

Andererseits ließ sich nicht mehr übersehen, wie abhängig die verbliebenen europäischen Kolonialmächte inzwischen von ihren Kolonien geworden waren: Dies betraf nicht allein das Prestige und den internationalen Einfluss, den sie aus dem Besitz der Kolonien und der Übernahme von Völkerbundmandaten gewannen, sondern es galt allzu bald, spätestens während der Weltwirtschaftskrise nach 1929, in ganz materieller Hinsicht.

Vor allem Großbritannien suchte während der Weltwirtschaftskrise Rückhalt im Empire. Ältere Ideen eines durch Präferenzzölle zusammengehaltenen (Handels-)Raumes wurden 1932 erneut aktuell. Allerdings hatten die Dominions durch das im Dezember 1931 vom britischen Parlament erlassene Westminster Statut faktisch volle politische Souveränität gewonnen. Kanada scherte aus dem wirtschaftlichen Bündnis mit Großbritannien bald aus und schloss 1935 einen Handelsvertrag mit den USA. Die (informelle) Sterlingzone mit dem britischen Pfund Sterling als Leitwährung verband zunächst Metropole, Dominions und Kolonien; bis Mitte der 1930er-Jahre traten ihr noch weitere Länder bei. Auf dieser Basis gelang es Großbritannien, seinen Status als Weltwährungsmacht sogar noch aufrechtzuerhalten, nachdem es 1930 die Golddeckung des Pfund Sterling hatte aufgeben müssen. Erst 1944, nach der Konferenz von Bretton Woods, die die internationale Währungsordnung neu regelte, löste der US-amerikanische Dollar als neue internationale Leitwährung das britische Pfund Sterling ab.


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