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Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Krisen und Niedergang der europäischen Imperien

Der Beginn antikolonialen Widerstands in den Metropolen

In der Zwischenkriegszeit nahmen nicht nur in den Kolonien die Konflikte zu, sondern auch in den Metropolen wurden die Kämpfe nun verstärkt ausgetragen. Vor allem die nach der Russischen Revolution 1917 erstarkende Komintern, die 1919 gegründete internationale Vereinigung kommunistischer Parteien, spielten hierbei eine zentrale Rolle.

Im politischen Spektrum nach dem Ersten Weltkrieg waren die Kommunisten die einzigen, die die Befreiung von Kolonialherrschaft vorbehaltlos auf ihre Fahnen geschrieben hatten, und sie waren nun in den Kolonien wie in den europäischen Metropolen aktiv. Vor allem in Frankreich sammelten sich unter dem Dach der kommunistischen Partei PCF ganz unterschiedliche Initiativen und Akteure. Einer der führenden Köpfe war der aus dem Senegal stammende Lamine Senghor, der im Krieg als Soldat nach Europa gekommen war. Seine 1927 gegründete Zeitung La Race Nègre wurde zu einem einflussreichen Organ innerhalb wie außerhalb Europas. In Großbritannien war der in Trinidad geborene George Padmore die treibende Kraft hinter der Gründung von (kommunistisch geprägten) Gewerkschaften für Schwarze Arbeiter, während sich in Deutschland der Medienunternehmer Willi Münzenberg für diese Sache engagierte. Er gründete die Internationale Arbeiterhilfe (IAH), eine der KPD nahestehende Organisation, die in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren unter anderem Sozialleistungen für Arbeiter bereitstellte. Außerdem war er Mitinitiator der 1927 in Brüssel gegründeten "Liga gegen Imperialismus, gegen Kolonialherrschaft und für Nationale Unabhängigkeit", die in den zehn Jahren ihres Bestehens zu einem internationalen Netzwerk von Kolonialgegnern unter kommunistischen Vorzeichen wurde.

In Deutschland selbst hatten bereits 1919 Aktivisten aus den Kolonien auf sich aufmerksam gemacht. Unter Führung des Deutsch-Kameruners Martin Dibobe, der 1896 als Darsteller einer Völkerschau nach Deutschland gekommen war, richteten einige Afrodeutsche eine Petition an die Weimarer Nationalversammlung, in der sie sich zwar für die Fortführung deutscher Herrschaft in Afrika aussprachen, für diesen Fall jedoch das Zugeständnis gleicher Rechte einforderten. So sollte etwa das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) auch in den Kolonien gelten, die Gewalt gegen die Kolonisierten sollte enden und der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen allen offenstehen. Daraus wurde bekanntlich nichts, doch blieben die Autoren der Petition aktiv und fanden über den von ihnen gegründeten Afrikanischen Hilfsverein schließlich ebenfalls ins kommunistische Lager.

Doch nicht Berlin oder London, sondern Paris entwickelte sich in den 1920er-Jahren geradezu zur "Metropole des Anti-Imperialismus", so der Historiker Michael Goebel. In der französischen Hauptstadt wurde eine Vielzahl von Aktivisten aus den Kolonien politisiert, darunter einige, die später zu zentralen Figuren der Unabhängigkeitsbewegungen in ihren Heimatländern wurden.

Dazu zählten der junge Vietnamese Nguyen Ai Quoc, der spätere Ho Chi Minh, oder der senegalesische Student und Intellektuelle Léopold Sédar Senghor – nach 1960 der erste Staatspräsident des unabhängigen Senegal. Gemeinsam mit dem aus Martinique stammenden Aimé Césaire gab er die maßgeblichen Impulse für die intellektuell und kulturell geprägte Strömung der Négritude, die die kulturelle Eigenständigkeit und Gleichrangigkeit Schwarzer Kultur betonte. Sie legte zusammen mit der Harlem Renaissance, einer Bewegung afroamerikanischer Künstler und Schriftsteller, die ebenfalls in der Zwischenkriegszeit in den USA zu Einfluss gelangt war, den Grundstein für ein neues Schwarzes Selbstbewusstsein.

Maßgeblich von dem US-amerikanischen Bürgerrechtler W. E. B. DuBois organisiert war auch die panafrikanische, also gesamtafrikanische Bewegung, die von 1919 bis 1923 ihre Kongresse in Paris, London, Brüssel und Lissabon abhielt. In London florierten, vor allem in den 1930er-Jahren, studentische Vereinigungen, Literaturzirkel und Zeitschriften, die den Schwarzen internationalistischen Diskurs vorantrieben.


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