Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Die Auflösung der europäischen Imperien und ihre Folgen

Auch im Zweiten Weltkrieg ist die außereuropäische Welt Zankapfel, Kriegsschauplatz und Ausbeutungsobjekt für die kriegführenden Mächte. Die Nachkriegszeit steht im Zeichen des Ost-West-Konflikts und der Dekolonisation. Viele Länder des globalen Südens erlangen ihre Unabhängigkeit und müssen ihren Platz in der Staatenwelt finden.

In Abessinien, dem heutigen Äthiopien, beginnt der Zweite Weltkrieg bereits 1935. Bei ihrem Angriffskrieg setzt die italienische Invasionsarmee auch Giftgas ein. Foto einer Londoner Zeitung vom 31. August 1935.In Abessinien, dem heutigen Äthiopien, beginnt der Zweite Weltkrieg bereits 1935. Bei ihrem Angriffskrieg setzt die italienische Invasionsarmee auch Giftgas ein. Foto einer Londoner Zeitung vom 31. August 1935. (© akg-images / De Agostini / Biblioteca Ambrosiana)

Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, den die Alliierten – auch – um ihre Vorstellungen von Recht und Freiheit führten, hinterfragten und schwächten die Dominanz der europäischen Kolonialmächte. In Asien, wo während des Kriegs Japan zur regionalen Vormacht aufgestiegen war, konnten sie ihre alte Position nach 1945 nicht wieder einnehmen. Hier setzte nun die Dekolonisation mit aller Macht ein, noch bevor dann auch der Nahe und Mittlere Osten sowie Afrika unabhängig wurden.

Indes blieben die Folgen kolonialer Erfahrungen überall spürbar, in Krisen und Konflikten, die teils bis heute nachwirken. Dies gilt nicht allein für die ehemaligen Kolonien, sondern ebenso für die Europäer selbst. Sie mussten sich neu orientieren. Die europäische Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg war Teil dieser Neuorientierung. Doch auch in den nun entstehenden Europäischen Gemeinschaften blieben Spuren des kolonialen Erbes erkennbar. Die Vorstellung, die Europäer bzw. der Westen hätten eine besondere Zivilisierungsaufgabe in der Welt, blieb zählebig und verlor nur langsam an Bedeutung.

Der Zweite Weltkrieg und die Illusion kolonialer Einheit

Begann der Zweite Weltkrieg am 3. Oktober 1935? Vor allem afrikanische Historiker haben dafür plädiert, dieses Datum und nicht den 1. September 1939, den Tag des deutschen Überfalls auf Polen, als Kriegsbeginn zu setzen. Vieles spricht für ihre Deutung: Am 3. Oktober 1935 marschierten Truppen des faschistischen Italien ohne vorherige Kriegserklärung in Äthiopien ein. Ein regelrechter Vernichtungskrieg begann, die italienischen Truppen setzten unter Missachtung des bestehenden Völkerrechts Giftgas, Brand- und Splitterbomben ein und richteten ihre Angriffe auch gegen die afrikanische Zivilbevölkerung. Zwar vermochten sie ihre Übermacht gegen die äthiopischen Truppen rasch auszuspielen, doch gegen die Armeen und die Flotte Großbritanniens, dem Italien 1940 den Krieg erklärte, war Mussolinis Militär machtlos; nur ein Jahr später mussten die Italiener Äthiopien aufgeben.

Die ungewohnte Datierung des Kriegsbeginns – 1935 anstelle von 1939 – lenkt den Blick darauf, dass der Zweite Weltkrieg auch in den Kolonien hart und erbarmungslos geführt wurde. Und sie waren nicht nur Schauplatz bewaffneter Auseinandersetzungen, sondern zugleich Beuteobjekt, denn die faschistischen Mächte Italien, Deutschland und Japan verfolgten unverhohlen Eroberungspläne in Afrika und Asien. Im September 1939 teilten sie weite Teile der beiden Kontinente auf dem Papier untereinander auf.

Auch die nationalsozialistischen Machthaber, die koloniale Eroberungen lange Zeit hinter ihrem Hauptziel, Deutschland "Lebensraum im Osten" Europas zu sichern, zurückgestellt hatten, sahen nach ihrem Sieg über die europäischen Kolonialmächte Frankreich und Belgien 1940 eine günstige Gelegenheit gekommen, ihre Herrschaft nach Afrika auszudehnen. Dahinter standen die strategischen Erwägungen, auf diese Weise Großbritannien und sein Empire nachhaltig zu schwächen und in Afrika den eigenen Bedarf an Rohstoffen und Kolonialprodukten zu sichern.

Kolonien als Planungs- und Aktionsfeld derJudenverfolgung
Zwei Jahre lang intensivierte das NS-Regime nun seine kolonialen Initiativen, die sich zeitweise mit dem von ihm vorangetriebenen Völkermord an den europäischen Juden verschränkten. So wurde die Insel Madagaskar, vor der Küste Ostafrikas gelegen, zeitweilig als Zielort für die Deportation von rund vier Millionen europäischer Juden in Betracht gezogen, wo die überwiegende Mehrzahl von ihnen, bedingt durch die klimatischen und ökonomischen Verhältnisse der tropischen Insel, mit großer Sicherheit nicht überlebt hätte. Der Seekrieg gegen Großbritannien verhinderte die Umsetzung dieses Vorhabens. 1939/40 zog die Regierung in London dann ihrerseits die britische Kolonie Guyana in Betracht, um den durch die Nationalsozialisten verfolgten Juden und Jüdinnen ein sicheres Terrain zu erschließen. Keiner dieser Pläne wurde verwirklicht.

Durch die Kollaboration mit dem französischen Vichy-Regime, das nach der militärischen Niederlage Frankreichs am 16. Juni 1940 in starker Abhängigkeit vom Deutschen Reich verblieb, erreichte die deutsche Politik der Judenvernichtung auch Nordafrika. Dort wurden antijüdische Gesetze erlassen, Menschen jüdischer Herkunft deportiert oder zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Bei arabischen Akteuren fanden die Deutschen ebenfalls oft willige Unterstützung, da sie sich selbst gegen die zunehmende jüdische Besiedlung Palästinas zur Wehr setzten. Eine führende Rolle übernahm dabei der islamische Geistliche und Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini. Freilich kam es auch vor, dass Araber sich aktiv für Verfolgte einsetzten. So gewährte der muslimische Tunesier Khaled Abdul-Wahab mehreren jüdischen Familien Zuflucht auf dem elterlichen Bauernhof.

Kolonien als Reservoir für wichtige Kriegsgüter
Das Hauptinteresse der deutschen Politik galt den Erdölvorkommen im Nahen und Mittleren Osten sowie den kriegswichtigen Bodenschätzen Afrikas. Mit dem Start von Projekten zum Bau von Atombomben wurden die Uranvorkommen im Kongo nicht nur für die Deutschen, sondern auch für ihre alliierten Kriegsgegner interessant.

Für den Kriegseinsatz der Alliierten hatten die Kolonien zentrale Bedeutung. Neben Bodenschätzen wurden ihnen Nahrungsmittel, Textilien und andere wichtige Kriegsgüter abverlangt; und auch Frankreich und Großbritannien setzten Zwangsarbeiter in der kolonialen Kriegswirtschaft ein – neben Hunderttausenden von Soldaten, die in den Kolonien rekrutiert und auf allen Kriegsschauplätzen eingesetzt wurden.

Quellentext

Rekrutierungsmethoden der Briten in den Kolonien

Aziz Brimah lebte vor dem Krieg als Sohn eines wohlhabenden Kolanusshändlers in Accra, der Hauptstadt der Goldküste. Seine Familie hatte von der Kolonialherrschaft profitiert, und so fühlte er sich dem britischen König George verpflichtet und meldete sich freiwillig zur Armee.
"Ich dachte, es wäre auch in unserem eigenen Interesse. Die Deutschen wollten die ganze Welt erobern. Wenn wir uns ihnen nicht entgegenstellten, würden sie auch nach Afrika kommen." Die britische Propaganda tat das ihre, junge Männer zum Kriegsdienst zu motivieren. In den westafrikanischen Kolonien verteilten die britischen Behörden Flugblätter: Eine Hälfte zeigte Britain’s way – schwarze Richter, Lehrer, Krankenschwestern und Polizisten – und versprach, England wolle "die Afrikaner nach und nach lehren, sich um ihr eigenes Land zu kümmern und selbst gute Gesetze zu machen". Die andere Hälfte des Flugblattes zeigte Germany’s way: grobschlächtige, mit Hakenkreuzen behangene Sturmtruppen, die ihre afrikanischen Opfer auspeitschten und niederschossen.

Aber auch in vielen Gebieten des Empires wurden Afrikaner systematisch zwangsrekrutiert. […]
In Britisch-Ostafrika ging der 15-jährige Jackson Mulinge, der später einmal die kenianische Armee befehligen sollte, mit seiner Schwester auf dem Markt seines Dorfes Machakos "Hühner und eine Schuluniform" einkaufen, als dort gerade rekrutiert wurde. "Ich hatte noch nie zuvor Weiße getroffen und drängte mich vor, um besser sehen zu können. Da befahlen sie mir vorzutreten. Wenig später warfen sie mich auf einen LKW und brachten mich in ein Trainingszentrum in Uganda." In allen Kolonien mussten sich die Dorfvorsteher, die chiefs, an der Werbung von Rekruten beteiligen. Die Dorfvorsteher waren als Teil des kolonialen Herrschaftssystems in die britische Verwaltung eingebunden. […]

Bildad Kaggia, nach dem Krieg Mitglied der kenianischen Befreiungsbewegung, arbeitete bei Kriegsausbruch im Rekrutierungsbüro, als die britischen Distriktkommissare die chiefs aufforderten, monatlich eine bestimmte Zahl junger Männer zu rekrutieren. Um das Soll zu erfüllen, benutzten die Oberhäupter alle möglichen Methoden, "von Überzeugung bis Zwang. Obwohl die Afrikaner kein Interesse an diesem Krieg hatten, ließen sich viele freiwillig einziehen, weil sie in zivilen Berufen keine Arbeit fanden. Die Armee bot ihnen Jobs. (...) Andere wurden zwangsverpflichtet, und die chiefs nutzten die Wehrpflicht, unliebsame Leute loszuwerden." Weil es immer schwieriger wurde, Rekruten zu finden, und weil viele Zwangsverpflichtete desertierten, führten die Briten in einigen Kolonien wie der Goldküste die allgemeine Wehrpflicht ein. […]

Selbst die meisten so genannten Freiwilligen gingen nicht aus Loyalität gegenüber den Kolonialmächten in die Armee, sondern um ihren Unterhalt zu verdienen. Immerhin erhielten sie dort für eine ungelernte Tätigkeit mehr als das Doppelte als in anderen Jobs. Die meisten Rekruten kamen vom Land, waren Analphabeten und ungelernte Wanderarbeiter. Sie erhofften sich ein festes Einkommen und soziale Anerkennung. Der Kenianer Robert Kakembo, der vom Studenten zu einem der wenigen afrikanischen Oberfeldwebel aufstieg, beobachtete, dass der Militärdienst das Prestige ostafrikanischer Männer deutlich verbesserte: "Ein Mann verlässt sein Dorf, verschwindet für 18 Monate und kommt hundertprozentig verändert zurück. Er ist gut genährt, stark, sauber und clever; er kann viel erzählen und viel Geld ausgeben. Die jungen Mädchen beten ihn an; die jungen Männer folgen ihm auf Schritt und Tritt (…) Mit anderen Worten: Er macht die beste Werbung für die Armee."

[…] Die Armee machte aus armen, unterernährten, vernachlässigten Arbeitssklaven gehorsame Infanteristen. Sie mussten ihre Identität wechseln, ihre Stammeszeichen entfernen und ihre indigene Sprache verleugnen. Die King’s African Rifles sollten ihre neue Identität werden. Auch Fachkräfte fanden ein Auskommen beim Militär. Afrikaner mit einer Ausbildung als Techniker, Sanitäter, Funker, Artilleristen oder Fahrer der Spezialeinheiten wurden sogar besser bezahlt als europäische Gefreite und rangierten deshalb in der militärischen Hierarchie zwischen den britischen und den afrikanischen Soldaten. Am unteren Ende der Rangordnung standen jedoch die afrikanischen Hilfsarbeiter der britischen Truppen. […]

Rheinisches JournalistInnenbüro, "Unsere Opfer zählen nicht". Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, hg. v. Recherche International e. V., 4. unveränd. Aufl., Berlin/Hamburg: Assoziation A 2012, S. 69 ff.

Sie alle erfuhren Diskriminierungen, angefangen von geringerem Sold und schlechteren Aufstiegschancen über eine miserable Behandlung in Kriegsgefangenschaft bis hin zu entwürdigender Schlechterstellung in der Veteranenversorgung nach dem Krieg. Schon im Dezember 1944 kam es in einem Lager bei Dakar zu einem Aufstand senegalesischer Soldaten, die den vorgesehenen Sold für die Zeit ihrer Kriegsgefangenschaft einforderten, aus der sie just zurückgekehrt waren. Anstatt sie auszuzahlen, schlug die französische Militärverwaltung die Revolte brutal nieder, die Zahl der dabei getöteten senegalesischen Soldaten wird zwischen 35 und 300 geschätzt.

Quellentext

Erfolgreicher Widerstand ostafrikanischer Askaris

[…] Die größte Widerstandsaktion während des Zweiten Weltkrieges organisierten ostafrikanische Askaris im Februar 1942. Eine Infanteriebrigade, einige Tausend Mann, weigerte sich, an Bord eines Schiffes nach Ceylon zu gehen.
Die meisten der Soldaten hatten bereits zwei Jahre ohne Heimaturlaub in Äthiopien gekämpft und den Kontakt zu ihren Familien verloren; manche wollten zu Beschneidungszeremonien ihrer Nachkommen nach Hause. Tatsächlich hatte General Jonas Mansfield Platt auch "eine kurze Ruhepause vor weiteren Kämpfen" versprochen. Aber während die britischen Offiziere zum Kurzurlaub nach Nairobi flogen, saßen die Askaris im eritreischen Hafen Massawa fest. Ohnehin hatte man den Heimaturlaub für ostafrikanische Soldaten während des Krieges von drei Monaten auf 20 Tage jährlich gekürzt.

Am 19. Januar 1942 erreichte ein anonymer Brief das britische Offizierskorps, in dem es hieß: "Eure Regierung will uns in einen Krieg in weiter Ferne schicken, mit dem wir nichts zu tun haben. Unser Krieg in Ostafrika ist vorbei. Unser Sold ist sehr niedrig, beträgt nur 28 Schilling. Das ist extrem wenig, um dafür in ein Land zu ziehen, das so weit weg liegt. Eure Herren glauben anscheinend, uns Schwarze wie Hunde behandeln zu können. Aber wir alle, Schwarze und Weiße, sind Geschöpfe Gottes. Wir können ihre Befehle nicht verweigern, und wenn sie uns zwingen, werden wir gehen, aber wir werden uns dem Feind ergeben, sobald wir ihn treffen, denn auch hier leben wir wie Gefangene." Die Verfasser monierten außerdem, man habe ihnen verschwiegen, dass sie aus Afrika verlegt werden sollten. Die Unruhe unter den Soldaten im Camp in Massawa nahm zu; einige verließen unerlaubt die Baracken und machten sich auf die Suche nach Frauen und Alkohol; andere verweigerten offen die Befehle, und es gab erste Übergriffe auf Offiziere. Ein Askari erklärte: "Ihr Europäer behauptet, uns zu helfen. Tut ihr das wirklich? Tatsächlich sind wir es doch, die Schwarzen, die euch helfen, obwohl wir kein Empire haben, das wir verteidigen müssten."

Weil die Briten nicht ein paar tausend Mann entwaffnen und inhaftieren konnten und den Imageschaden im Falle einer gewaltsamen Niederschlagung des Aufstandes fürchteten, hatte die Meuterei der Askaris Erfolg. Ab März 1942 fuhren die ersten Lastwagen von der eritreischen Küste aus nach Süden, in die Heimat, denn die Soldaten weigerten sich, an Bord eines Schiffes zu gehen. "Wenn ein Schiff erst mal auf See ist – wer weiß schon, wohin es dann fährt?!" Die Afrikaner konnten einen Erfolg verbuchen. Allerdings identifizierte der militärische Geheimdienst später einige "Rädelsführer" und stellte sie vor ein Kriegsgericht. Die Kolonialregierung in Britisch-Ostafrika befürchtete, dass der Widerstand auf die "Eingeborenenreservate" übergreifen würde; sie unterdrückte alle Nachrichten über den Streik und verbot den Soldaten, im Heimaturlaub davon zu erzählen. Einige Anführer wurden aus der Armee entlassen, einige Soldaten desertierten und nur eines von drei ostafrikanischen Bataillonen rückte nach Burma aus. […]

Rheinisches JournalistInnenbüro, "Unsere Opfer zählen nicht". Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, hg. v. Recherche International e. V., 4. unveränd. Aufl., Berlin/Hamburg: Assoziation A 2012, S. 75 ff.


Quellentext

Roshan Horabin erlebt den Zweiten Weltkrieg

"[…] Als ich mich in meinem überwiegend europäischen Wohnviertel zur St. John’s Ambulance Brigade melden wollte, einer Sanitätseinheit, wiesen sie mich mit der Begründung ab, dass sie nur Weiße akzeptierten und ich mich beim YMCA melden sollte, was ich auch tat.
[…] Auch dort war ich das einzige Mädchen mit braunem Gesicht. Nach dem Schulabschluss wollte ich mich der Frauenabteilung der Marine anschließen, dem Women’s Royal Naval Service, aber wieder hieß es, sie rekrutierten keine eingeborenen Mädchen, was mich sehr empörte und verärgerte."

Erst als im April 1944 ein Munitionsschiff im Hafen von Bombay explodierte und viele britische Soldaten umkamen und verletzt wurden, griffen die britischen Behörden auch auf indische Helferinnen zurück: "Ich erhielt einen Anruf, wurde um zwanzig nach acht morgens abgeholt, ins St. George’s Hospital gebracht und war dort bis abends um neun damit beschäftigt, Verletzte zu waschen und ihre Wunden zu säubern, ohne auch nur eine Tasse Tee trinken oder etwas essen zu können. […]

Damals bat eine Mrs. Aitkin meine Schwester und mich, als Kellnerinnen in einem Offizierskasino Tee zu servieren. Dort sagte eine blonde Dame mit sehr lauter Stimme: ‚Wir dürfen es nicht zulassen, dass Inderinnen unsere Jungs bedienen. Was sollen sie denn denken?‘ Mrs. Aitkin antwortete darauf: ‚Wir sind hier in Roshans Land und wir alle kennen ihre Familie.‘ Tatsächlich war meine Mutter Leiterin einer Wohlfahrtsorganisation zugunsten der indischen Marine, und sie verbrachte endlose Stunden damit, Schals für die Soldaten zu stricken, während meine Schwester Socken und Handschuhe fertigte. Auch ich half dabei manchmal aus. Später kümmerte ich mich um heimkehrende Kriegsgefangene, die mit einem Schiff namens Andes landeten. […] Ihre grauenvollen Erlebnisse quälten mich nachts in Alpträumen."Als Roshan im Juli 1945 einen englischen Soldaten namens Ivan heiratete, verwehrte ihm die britische Marine deshalb die Abfindung.

"Ich schrieb an Ivans Vater in Cornwall. Er war außer sich, wandte sich an den Obersten Befehlshaber der Marine und erklärte, er werde dafür sorgen, dass dieser Skandal im Unterhaus behandelt werde, wenn sein Sohn nicht umgehend seine volle Entlassungsprämie erhalte: ‚Er ist ein Engländer, geboren und aufgewachsen in England, aber wen er heiratet, geht keinen etwas an.‘ Die Admiralität meldete sich in Delhi, Delhi meldete sich in Bombay und Ivan erhielt seine Abfindung."

Rheinisches JournalistInnenbüro, "Unsere Opfer zählen nicht". Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, hg. v. Recherche International e. V., 4. unveränd. Aufl., Berlin/Hamburg: Assoziation A 2012, S. 266 f.

Die kolonialen Gesellschaften erfuhren den Krieg als Zeit enormer Entbehrungen. In Großbritannien etwa setzte das Kriegskabinett fest, welche Mengen an Lebensmitteln, Rohstoffen und anderen Gütern sie zu welchen Preisen abzuliefern hatten. Strenge Devisen- und Außenhandelskontrollen schränkten den Spielraum kolonialen Wirtschaftens weiter ein. Sogar viele Bauern konnten sich nicht mehr selbst ernähren, weil sie anstelle von Produkten für den Eigenverbrauch nun sogenannte cash-crops, ausschließlich für den Markt erzeugte Agrarprodukte, zur Lieferung an die Kolonialherren anbauen mussten.

Kolonien als Spiegelbild innenpolitischer Konfliktlinien?
Dagegen inszenierte die Kriegspropaganda der Europäer eine unverbrüchliche Einheit und Interessenidentität zwischen ihnen und den Kolonisierten. Europäische Länder, die von den deutschen Truppen besetzt waren, wie Belgien und die Niederlande, suchten ihre Kolonien als Machtbasis zu stabilisieren. Vor allem aber für die gespaltene französische Gesellschaft spielten die Kolonien eine zentrale Rolle, sei es, dass sie das mit dem Deutschen Reich zusammenarbeitende Vichy-Regime unterstützten, sei es, dass sie dem "Freien Frankreich" unter Charles de Gaulle im Widerstand gegen Vichy und die Deutschen halfen wie beispielsweise Kamerun und Tschad. Innenpolitische Konfliktlinien zogen sich im französischen Fall quer durch den gesamten imperialen Raum.

Anders gelagert war die Verbindung von Großbritannien und seinem Empire: Das Land, koloniale Supermacht seit Jahrhunderten, hatte mit dem Fall Singapurs im Februar 1942 und generell durch die japanische Herausforderung in Südostasien eine schwere Niederlage erlitten, die lange nachhallte und das britische Selbstbewusstsein unterhöhlte. Zugeständnisse an die Kolonien waren unumgänglich, um die Kriegsanstrengungen aufrechtzuerhalten. Indiens Unabhängigkeit war so bereits 1942 von Großbritannien ins Gespräch gebracht worden, auch als Gegenleistung für den Militäreinsatz von hunderttausenden Indern auf britischer Seite.


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