Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

"Wir" und die "Anderen": europäische Selbstverständigungen

Mit dem kolonialen Projekt verbanden sich auf europäischer Seite auch langlebige Weltsichten und Selbstbeschreibungen. Die Auffassung, eine zivilisatorische Aufgabe in der Welt zu haben, wurde untermauert mit Repräsentationen "des Anderen" auf Völkerschauen und Weltausstellungen, in der Wissensproduktion und in der populären Kultur. Doch vor allem Literatur und bildende Kunst der Zwischenkriegszeit setzen dem hegemonialen Blick bereits radikal andere Sichtweisen entgegen.

"Zivilisierungsmissionen"

Als der französische Politiker Jules Ferry im Juli 1885 vor der Nationalversammlung in Paris von einem Recht Europas auf kolonialen Besitz sprach, begründete er diesen Anspruch mit der "Pflicht der überlegenen Rassen, die minderwertigen [Rassen] zu zivilisieren". Die Formel von der "Zivilisierungsmission", die auf Ferry zurückgeht, stellte das Leitmotiv des europäischen Hochimperialismus dar. In der Gewissheit, anderen "Rassen" überlegen zu sein, diente sie dazu, die Ausdehnung europäischer Macht ideologisch zu rechtfertigen, und zugleich spiegelte sich darin die europäische Selbstsicht wider: Indem sie permanent ihre Fortschrittlichkeit und Überlegenheit beschworen, konnten die Menschen in (West-)Europa ein Bewusstsein von Gemeinsamkeit ausprägen, das sowohl die osteuropäischen und die europäischen Gesellschaften an der südlichen und südöstlichen Peripherie des Kontinents ausschloss als auch afrikanische und asiatische Gesellschaften; ja in ihrer "Zivilisiertheit" lag geradezu der Kern einer (west-)europäischen Identität.

Die "Zivilisierungsmission" richtete sich jedoch nicht allein nach außen, sondern auch nach innen. Denn die Befürworter dieser Idee vertraten die Auffassung, auch die europäischen Gesellschaften selbst dürften nicht auf dem erreichten Stand stehenbleiben, sondern müssten sich weiterentwickeln, wollten sie nicht der Dekadenz anheimfallen.
Die europäischen Gesellschaften betrachten es als ihre Aufgabe, die Menschen in den Kolonien zu "zivilisieren". Die erste Klasse der evangelischen Missionsschule in Windhuk, Namibia, um 1910.Die europäischen Gesellschaften betrachten es als ihre Aufgabe, die Menschen in den Kolonien zu "zivilisieren". Die erste Klasse der evangelischen Missionsschule in Windhuk, Namibia, um 1910. (© bpk / Robert Lohmeyer)

Es ist kein Zufall, dass mit Jules Ferry der zentrale Bildungs- und Schulpolitiker der III. Französischen Republik die "Zivilisierungsmission" ausrief. Ferry hatte sich im Inneren die Verdrängung der Jesuiten aus den Schulen, den Kampf gegen den Einfluss der katholischen Kirche und einen geradezu militanten Laizismus auf die Fahnen geschrieben. Schulbildung galt in Frankreich als Schlüssel zur Integration in die Nation, in den Kolonien sollte sie den Weg zur Assimilierung ebnen. Die Durchsetzung der französischen Sprache wurde in den Kolonien zur gleichen Zeit forciert wie in Frankreich selbst, wo die regionalen Dialekte zurückgedrängt wurden, um "Franzosen" zu kreieren. Die Vorstellungen darüber, wie ein "Franzose" zu sein hatte, prägten sich also auch in einem Beziehungsgeflecht zwischen Frankreich und den Kolonien aus.

Ähnliche Konstellationen zeigen sich nach Erkenntnissen des Historikers Sebastian Conrad im Hinblick darauf, wie ein verbindliches Arbeitsethos durchgesetzt wurde. Die stereotype Darstellung der Menschen in den Kolonien als ungebildet, faul und arbeitsunwillig ermöglichte im Kontrast ein positives Selbstbild der Europäer: Sie konnten sich als bildungsbeflissen, arbeitsam und fleißig wahrnehmen oder wenigstens einen eben solchen Anspruch an sich selbst stellen. In diesem Gedankengebäude war es nur konsequent, auch soziale Randgruppen und Unterschichten in den eigenen Gesellschaften als "Wilde" oder "Barbaren" zu bezeichnen.