Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

"Wir" und die "Anderen": europäische Selbstverständigungen

Menschenschauen und Kolonialausstellungen

In Berlin, im Bezirk Wedding, gibt es bis heute das Afrikanische Viertel. Ortsnamen wie Togostraße oder Petersallee verweisen auf die kolonialen Bezüge, die bei der Namensgebung um 1900 hergestellt wurden. Tatsächlich aber zeugen sie von einem gescheiterten Projekt: Denn eigentlich hatte Carl Hagenbeck, ein Hamburger Tierhändler, Ausrichter von Völkerschauen und Gründer des Hamburger Tierparks, in diesem Viertel einen Zoo inklusive eines Areals für Völkerschauen geplant.

Zwar vereitelte der Kriegsausbruch 1914 das Vorhaben, doch deutet die städtische Lage und die Größe des vorgesehenen Areals auf die enorme Popularität von Tier- und Menschenschauen hin, die diese nicht allein im Deutschen Reich genossen. So galt ein nachgebildetes "Negerdorf", in dem mehr als 400 Männer, Frauen und Kinder aus Frankreichs afrikanischen Kolonien zur Schau gestellt wurden, als eine der Hauptattraktionen der Pariser Weltausstellung von 1889. Vor dem Ersten Weltkrieg dürfte es in Westeuropa Hunderte solcher Spektakel gegeben haben und auch nach 1918 erfreuten sie sich großer Beliebtheit. Allein für Deutschland wird die Zahl der Völkerschauen von 1870 bis in die 1930er-Jahre auf rund 400 geschätzt.

Quellentext

"Völkerschauen"

[…] Das späte 19. Jahrhundert hatte für Forscher, Entdecker und Bürger viel an Exotik zu bieten: 5000 Jahre alte ägyptische Mumienschädel, die auf eigenen "Mumien-Auswickel-Partys" als Sensation ausgerollt wurden; Karl May, der mit seinen Büchern nicht nur Kinder mit Abenteuern aus dem Orient-Zyklus fesselte; Orientmalerei, zoologische und botanische Gärten, Opern wie "Aida" von Verdi – all das nährte Phantasie, Schwärmerei und Wissensdurst.

Dass sich die vermeintlich antiken Mumien mitunter als alte Holzstücke in dreckigen Tüchern entpuppten, schmälerte die Begeisterung für Exotik damals genauso wenig wie die Tatsache, dass Karl May Sachsen erstmalig Richtung Orient verließ, als seine berühmten Werke schon über zehn Jahre alt waren. Ähnlich verhielt es sich mit den Völkerschauen: Nicht jeder angekündigte "Indianer" war auch wirklich einer, und nicht jede "garantiert originale" afrikanische Prinzessin war von königlichem Blut, auch wenn die Impresarios dies dem Publikum glaubhaft machen wollten. […]

Als Spielort dienten häufig zoologische Gärten: Tiergärten zogen an sich viele Zuschauer an, boten ausreichend Präsentationsfläche, entsprechende Logistik und Werbemittel. [Carl] Hagenbeck [einer der erfolgreichsten Aussteller von Völkerschauen] trieb seine Inszenierungen bis zur Perfektion, installierte sogar Basare, errichtete Tempel, stellte Zelte auf und sorgte immer für eine optisch ausgesprochen attraktive Szenerie, die dem Betrachter Originalität und Authentizität versprach.

[…] [V]ieles war vertraglich geregelt für die Monate, die eine Schau dauerte: "Der Auszuführende willigt hiermit ein, im Umfang der allgemeinen Nützlichkeit in Hagenbecks Show tätig zu sein, … alles zu tun, was nach Vernunft und Billigkeit von ihm verlangt werden kann … Der Dienst … soll aus nicht mehr als sechsundzwanzig (26) Vorstellungen pro Woche und zehn (10) Arbeitsstunden pro Tag bestehen."

Die durch solche Verträge verpflichteten "Völker" versuchten aber durchaus, sich zu wehren: Aktenbestände in Polizeibehörden sowie Presseberichte verzeichnen Beschwerden über Misshandlungen durch die Veranstalter. Umgekehrt gab es auch Menschen, die öfter zu Völkerausstellungen nach Europa kamen und zu denen die Veranstalter bisweilen jahrzehntelang Kontakt hielten.

[…] Gesucht wurde, was dem bestehenden Bild des "Wilden" und "Exotischen" in den Köpfen der Zuschauer entsprach, damit diese ihre Erwartungen befriedigen konnten. […] Es bildete sich durch diese Schauen ein ewiger Kreislauf: Das Klischee galt als Vorbild für die Völkerschau, die Völkerschau diente als Bestätigung des Klischees.

Kritik am menschenverachtenden Charakter der Völkerschauen gab es zwar, aber diese war eher selten. Die Schauen konnten keinen differenzierten Blick auf die Kultur eines Volkes bieten, bildeten Stereotype ab, welche ihre "alltägliche" Lebensweise darstellen sollten. Komplexe gesellschaftliche Strukturen, Hierarchien, Religionen oder Arbeiten wurden nicht erläutert.

[…] Die große Zeit der Völkerschauen ebbte nach den 1930ern mit dem Einzug des Filmwesens ab; man konnte nun mit der Kameralinse in die Ferne sehen – und das noch gekonnter. […]

Dr. Anne Dreesbach promovierte über die Geschichte der Völkerschauen. Sie leitet den Dreesbach Verlag in München.

Nadine Beck studierte Europäische Ethnologie und Kunstgeschichte. Sie arbeitet als Autorin.

Anne Dreesbach / Nadine Beck, "Ausgestellt und angegafft", in: DAMALS 6-2018, S. 26 ff.

Aus den Programmen der Weltausstellungen waren sie kaum wegzudenken und auch die großen Kolonialausstellungen, die nach dem Ersten Weltkrieg stattfanden, präsentierten häufig Menschen aus den Kolonien. Sie wurden in vermeintlich authentischer Umgebung, zwischen einfachen Hütten, vorgeführt; häufig aber auch vor prächtigen Kulissen, die weniger den Reichtum ihrer Kultur als vielmehr die vermeintliche zivilisatorische Leistung ihrer Kolonialherren dokumentieren sollten. So boten die Franzosen 1931 in Vincennes eine monumentale Rekonstruktion des Tempels von Angkor Wat auf, um sich als Einiger "Indochinas" darzustellen. Ganz gleich, ob Bauwerke, Kunstwerke, Tiere oder Menschen: Immer ging es darum, "Andersartigkeit", Exotik, zu inszenieren und zu betonen, und aus dem Kontrast dazu konnte das europäische Publikum ein weiteres Mal ein Bild von sich selbst gewinnen.

Die Kolonialausstellungen als Leistungsschauen der europäischen Kolonialmächte richteten sich an die konkurrierenden Staaten, vor allem aber an die eigenen Bevölkerungen. Sie zogen – selbst nach heutigen Maßstäben – ein Riesenpublikum an: Die in Wembley besuchten 1924/25 rund 27 Millionen Gäste, die Exposition Internationale Coloniale in Vincennes bei Paris zog 1931 acht Millionen Gäste an, und selbst die Antwerpener Wereldtentoonstelling voor Koloniën, Zeevaart en Oud-Vlaamsche Kunst kam 1930 auf fünf Millionen Besucherinnen und Besucher. Zum Vergleich: Für die Weltausstellung, kurz Expo, 2000 in Hannover interessierten sich 18 Millionen Menschen. Neben ihrer propagandistischen Funktion hatten die Völkerschauen auch eine gewisse Bedeutung für den wissenschaftlichen Diskurs. Forscher wie der Mediziner und Politiker Rudolf Virchow stießen anthropologische Forschungsprojekte an, in deren Rahmen Akteure dieser Schauen beispielsweise serienmäßig Vermessungen ihrer Schädel unterzogen wurden.

Neben den Ausstellungen häuften sich schon in der Zwischenkriegszeit Reisen in die Kolonien. Besonders beliebte Reiseziele waren die "orientalischen" Mandatsgebiete im Libanon und Palästina. Touristische Abenteuer, wie sie beispielsweise der französische Automobilclub organisierte, boten vielen Reisenden Gelegenheit, stereotype Sichtweisen zu verfestigen. Der touristische Blick verschmolz mit dem eingeübten kolonialen Blick auf den "Anderen".