Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Die "Anderen" in den Metropolen

Durch die Dekolonisierung wurden die westeuropäischen Gesellschaften durcheinandergewirbelt. Hunderttausende von Migrantinnen und Migranten aus den Kolonien gelangten nach Europa, manchmal gefördert, weil sie als Arbeitskräfte willkommen waren; manchmal aber auch gegen Widerstände und Abwehr. Damit waren unterschiedliche Rechte, Integrations-, aber auch Ausgrenzungs-, ja Gewalterfahrungen verbunden.

Im Ersten Weltkrieg kommen vermehrt Soldaten und Arbeitskräfte aus den Kolonien in die europäischen Mutterländer. Trotz staatlicher Hindernisse und gesellschaftlicher Diskriminierung lassen sich viele dort dauerhaft nieder. Indischer Bonbon-Verkäufer in London 1930.Im Ersten Weltkrieg kommen vermehrt Soldaten und Arbeitskräfte aus den Kolonien in die europäischen Mutterländer. Trotz staatlicher Hindernisse und gesellschaftlicher Diskriminierung lassen sich viele dort dauerhaft nieder. Indischer Bonbon-Verkäufer in London 1930. (© Imago / United Archives International)

Aktivisten, Arbeiter, Künstler: frühe Migrationen nach Europa

Seit die Europäer Kolonien erworben hatten, waren diese ein Auswanderungsziel von Menschen gewesen, die in Übersee ihr Glück suchten, als Abenteurer, Arbeiter, Siedler, Händler oder Plantagenbesitzer; manche freilich auch in Diensten der Kolonialverwaltung oder einer Missionsgesellschaft. Vor allem die Amerikas waren und blieben bis weit ins 20. Jahrhundert das Hauptziel europäischer Auswanderung. Nach deren Unabhängigkeit zogen insbesondere die Kapkolonie (im heutigen Südafrika), Algerien, Kenia, Mosambik und Angola sowie Deutsch-Südwestafrika europäische Siedler an, wenngleich Siedlerkolonien eher den Sonder- als den Normalfall des europäischen Kolonialismus darstellten.
In umgekehrter Richtung waren zunächst nur vereinzelte Wanderungsbewegungen zu beobachten. Im 19. Jahrhundert nahmen sie, wie der Historiker Jochen Oltmer festgestellt hat, vielfach die Form von "Bildungsmigration" an, denn die meisten der nach Europa kommenden Asiaten und Afrikaner wollten sich an den – vor allem französischen und britischen – Universitäten für den Verwaltungsdienst und andere höhere Positionen in ihren Heimatländern qualifizieren. Unter ihnen war beispielsweise der junge Inder Mahatma Gandhi, der von 1888 bis 1891 in London Jura studierte. Hinzu kamen seit der Wende zum 20. Jahrhundert Seeleute, die für die Handelsmarinen arbeiteten und sich, wenn sie nicht auf den Weltmeeren unterwegs waren, in den europäischen Hafenstädten niederließen. Liverpool und Cardiff, Hamburg und Rotterdam boten schon vor dem Ersten Weltkrieg ein lebendiges multikulturelles Bild.

Rassendiskriminierung statt staatsbürgerlicher Gleichheit
Der Erste Weltkrieg dynamisierte die interkontinentale Migration. Erstmals wurden Soldaten aus den Kolonien auf europäischen Kriegsschauplätzen eingesetzt. Auch Arbeitskräfte wurden von dort rekrutiert, von denen viele nach Kriegsende in Europa blieben. Dadurch gewann die Frage nach rechtlicher Anerkennung, Zugehörigkeit und staatsbürgerlicher Gleichstellung erheblich an Bedeutung.

Im britischen Empire wurde zunächst jede Person, die dort geboren wurde, als "British subject" und damit in einem besonderen Treue- und Schutzverhältnis gegenüber der Krone stehend angesehen. Dies symbolisierte die Einheit des Empire. Gleiche politische Rechte waren damit allerdings nicht verbunden, der Status des britischen citizen mit politischen Rechten war abhängig davon, im Vereinigten Königreich geboren zu sein oder in den Dominions der Weißen Bevölkerungsgruppe anzugehören. Die mit dem Subject-Status verbundene Freizügigkeit, also das Recht, sich im gesamten Empire frei zu bewegen und auch niederzulassen, grenzten nicht nur die Dominions bereits vor dem Ersten Weltkrieg entlang rassistischer Kriterien ein, die vor allem gegen Inder gerichtet waren. In Anbetracht eines angespannten Arbeitsmarktes in den frühen 1920er-Jahren verschärfte auch die Regierung im Vereinigten Königreich die Gesetzeslage, um weitere Zuwanderung zu erschweren. Einige dieser Gesetze wie die "Special Restriction (Coloured Alien Seamen) Order" von 1925 waren ganz offen rassistisch und deuteten bereits an, dass "race" die entscheidende Trennlinie innerhalb der britischen Einwanderungsgesellschaft würde.

Auch im Falle Frankreichs höhlten rassistische Unterscheidungen den eigentlich universalistischen Anspruch der französischen Staatsbürgerschaft aus. So wurde in den französischen Kolonien zwischen "citoyens", also Vollbürgern, und "sujets indigènes" ohne politische Rechte unterschieden.
Neben "rassischem Anderssein" erzeugten auch religiöse Differenzen Spannungen zwischen den Gesellschaften der Metropole und Zuwandernden aus den Kolonien. Gerade die französische Gesellschaft zeigte sich zunehmend sensibel gegenüber einer wachsenden muslimischen Präsenz in ihrer Mitte. Die Eröffnung der Großen Moschee in Paris, die 1926 in Anwesenheit des Staatspräsidenten stattfand, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass muslimische Migrantinnen und Migranten in der französischen Gesellschaft bereits in den 1920er-Jahren weitgehend an den Rand gedrängt und mit Einrichtungen wie etwa einem eigenen Krankenhaus in Paris separiert wurden. Ein rechtliches Gefälle zwischen den Europäern und den Kolonisierten blieb in der Zwischenkriegszeit bestehen. Es war dabei unerheblich, ob es sich um Migrantinnen und Migranten handelte, die sich in den europäischen Metropolen niederließen, oder um Menschen in den europäischen Kolonien in Afrika und Asien.

Bemerkenswerte Karrierewege
Bei allen bestehenden Asymmetrien zwischen den europäischen Gesellschaften und ihren Zuwandernden gelang es in der Zwischenkriegszeit einer kleinen Gruppe von Menschen aus den Kolonien dennoch, die Aufmerksamkeit des europäischen Publikums auf sich zu ziehen. Denn die großen westeuropäischen Städte waren in den 1920er-Jahren Zentren einer echten Unterhaltungsindustrie, in der auch Menschen gerade aus Afrika ihren Platz fanden. Zwar speiste sich das Interesse auch in diesem Fall oft vornehmlich aus der Vorstellung von Schwarzen als den exotisch Anderen. Aber einigen Schwarzen Künstlern gelang es, auf dieser Basis eine beachtliche Karriere zu machen. Ein Beispiel dafür bietet der aus Kamerun stammende Schauspieler Ludwig M’bebe Mpessa, der unter seinem amerikanisierten Künstlernamen Louis Brody bis in die NS-Zeit hinein in einer Vielzahl von deutschen Spielfilmen mitwirkte.

Quellentext

Von Kamerun nach Babelsberg: Die Geschichte des Schauspielers Louis Brody

Ludwig M’bebe Mpessa, der sich später Louis Brody nannte, wurde am 15. Februar 1892 in Duala/Kamerun geboren. Wie er nach Deutschland kam, ist unbekannt. Mit 23 Jahren bekam er seine erste Rolle […]. Immer wieder trat er in Abenteuerfilmen als bedrohlich-exotischer "schwarzer Mann" auf. […]

Die Nazi-Zeit bedeutete für Louis Brody keinen Bruch in seiner Karriere. Für das neue Genre der Kolonialfilme brauchten die Nazis schwarze Schauspieler. […] Am bekanntesten wurde […] [Louis Brody] in der Rolle des bösen Häuptlings im NS-Kolonialfilm Ohm Krüger von 1941. Brody gehörte zu den wenigen schwarzen Darstellern, denen auch Sprechrollen zugestanden wurden – die meisten schwarzen Filmkomparsen hatten lediglich dekorativ im Hintergrund herumzustehen, während im Vordergrund die weißen "Herrenmenschen" ihre Heldentaten vollbrachten. Die Rollen, die Brody zu spielen hatte, zeigten ihn allerdings stets in untergeordneter Position, mal als Diener oder Barmann, manchmal auch als Ringer. […] Seine vielseitige Begabung und seine großen Sprachkenntnisse sicherten ihm bis zum Kriegsende seinen Lebensunterhalt – und retteten ihm möglicherweise das Leben. 1938 heiratete er die schwarze Danzigerin Erika Diek, deren Vater ebenfalls aus Kamerun stammte. Sie erzählt über das Leben damals in einem Interview:

"Meinem Mann wurde die deutsche Staatsangehörigkeit damals auch aberkannt. Da Kamerun noch französische Kolonie war, wandte er sich an das französische Konsulat und erhielt ohne weiteres die französische Staatsangehörigkeit. Somit wurde ich durch die Heirat französische Staatsbürgerin. Wir mussten uns jede Woche bei der Polizei melden. In Berlin hatten wir viel auszustehen. Als ich schwanger war, bekam ich zu hören: ‚Unser Führer legt keinen Wert auf solche Kinder.‘ Als unsere Tochter vier Jahre alt war, meldete ich sie im Kindergarten an, ich arbeitete den Tag über. Nach einer Woche durfte ich sie nicht mehr hinbringen, da den anderen Kinder nicht zugemutet werden konnte, mit einem ‚Negerkind‘ zu spielen. […]"

Den Zusammenbruch der NS-Herrschaft erlebte Brody in Berlin […]. Nach dem Krieg setzte er seine Schauspielerkarriere bei der Deutsche Film AG (DEFA) fort. Außerdem trat er als Sänger und Schlagzeuger der McAllen Band […] auf. Noch 1950 ging er mit dieser Formation auf Tournee. Am 11. Februar 1951 starb Louis Brody in Berlin und wurde auf dem Friedhof Berlin-Hohenschönhausen beerdigt. Sein Grab existiert heute nicht mehr.

© Deutsches Historisches Museum https://www.dhm.de/archiv/
ausstellungen/namibia/stadtspaziergang/muenzenbergkonzern.htm

Der unumstrittene Star der Schwarzen Kulturszene dieser Zeit war allerdings Josephine Baker. Mit ihrer Revue Nègre schlug sie besonders das Pariser Publikum in ihren Bann, doch auch anderswo jubelten die Weißen Zuschauer der Tänzerin zu. Indem sie koloniale Stereotype aufgriff und künstlerisch umsetzte – etwa in ihrem berühmten "Bananentanz" –, wendete sie den Rassismus der Weißen subversiv gegen diese. Der – in den Augen des Weißen Publikums – Primitivismus und die unverstellte Sexualität, die in den Schwarzen Aufführungen zum Ausdruck kamen, verband sich mit der Jazz-Musik und den Einflüssen der afroamerikanischen Harlem Renaissance, einer Bewegung afroamerikanischer Künstler und Schriftsteller der 1920er-Jahre, zu einer wirkmächtigen Gegenkultur. Auch sie trug, zusammen mit dem wachsenden politischen Aktivismus Schwarzer Menschen, dazu bei, die Selbstverständlichkeiten europäischer Kolonialherrschaft zu hinterfragen.