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Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Kultureller Wandel und hybride Identitäten

Mit der Dekolonisierung verband sich ein tiefgreifender kultureller Wandel in den westeuropäischen Gesellschaften, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Formen des Erzählers über den imperialen Raum veränderten sich ebenso wie das Denken über die wissensbedingten Grundlagen von Identität. Der Wandel erfasste nicht allein intellektuelle Debatten, sondern auch Jugendkulturen sowie ganz alltägliche Praktiken wie etwa Esskulturen.

Die Mitglieder der französischen Rapmusik-Band IAM kommen aus unterschiedlichen Nationen und setzen dem Vorwurf, ihre Heimatstadt Marseille sei wegen deren hoher Zuwanderung "überfremdet", ihre eigene Sicht entgegen: den Planeten MARS, der durch seine Buntheit, Vielfalt und Kreativität besticht.Die Mitglieder der französischen Rapmusik-Band IAM kommen aus unterschiedlichen Nationen und setzen dem Vorwurf, ihre Heimatstadt Marseille sei wegen deren hoher Zuwanderung "überfremdet", ihre eigene Sicht entgegen: den Planeten MARS, der durch seine Buntheit, Vielfalt und Kreativität besticht. (© AFP / Getty Images)

Postkoloniale Literaturen und Theoriebildung

In Erzählungen, Gedichten und Romanen meldeten sich seit den ausgehenden 1940er-Jahren Autoren und Autorinnen zu Wort, die ihre Erfahrung von Kolonialherrschaft, Dekolonisierung und oft auch Migration nach Europa thematisierten. Die Geschichten, die sie erzählten, kreisten seltener um die harte materielle Ausbeutung und politische Entrechtung während der europäischen Herrschaft, häufiger sprachen sie von den Schwierigkeiten, aus einer Lebenssituation "dazwischen" (in-between) eine eigene Identität zu gewinnen. Kulturelle Unterschiedlichkeit und hybride, aus Verschiedenem neu zusammengesetzte Identitäten – das waren die Leitmotive postkolonialen Erzählens, das sich ansonsten denkbar vielfältig darbot. 1989 bemühten sich britische Literaturwissenschaftler mit dem Sammelband "The Empire writes back" erstmals um eine systematische Bestandsaufnahme, gelangten aber hauptsächlich zu der Einsicht, wie heterogen koloniale Erfahrungen und Erinnerungen waren.

In der postkolonialen Literatur verschmelzen höchst unterschiedliche Schreibtraditionen und Erzählweisen, Themenstellungen und Perspektiven. Auch die Sprache ("Kreolisierung") weist ein größeres Variantenspektrum auf als die jeweilige "traditionelle" Nationalliteratur. Regionale Schwerpunkte fol-gen dabei in einigen Fällen der Geografie der ehemaligen Imperien: In Großbritannien bereichern Autoren und Autorinnen vor allem aus Indien, Afrika und der Karibik die Literatur, in Frankreich sind Einflüsse aus dem Maghreb, der Karibik und Westafrika spürbar. Die Werke von Salman Rushdie, Zadie Smith, Chinua Achebe, V. S. Naipaul, Wole Soyinka, aber auch Kamel Daoud, Boualem Sansal oder Assia Djebar haben längst den Status von Klassikern erlangt.

Was sie literarisch verarbeiten, hat auch Niederschlag in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Theoriebildung gefunden. Die postkoloniale Theorie (postcolonial studies) widmet sich vorrangig der Frage, wie kulturelle Unterschiede konstruiert und in Machtverhältnisse übertragen werden. Als einer der ersten kritisierte Frantz Fanon die Hegemonie einer Weißen Kultur, der sich die Schwarzen nicht widersetzen könnten ("Peau noire, masques blancs"/"Schwarze Haut, weiße Masken", 1952). Um überhaupt sichtbar zu werden, trügen sie "weiße Masken", und weil sie kein authentisches Leben führen könnten, sondern stets die Weiße Kultur als leitend verstünden, prägten sie Minderwertigkeitskomplexe und neurotische Existenzen aus. Daraus könnten sie sich nur durch Gewalt befreien, nur durch Gewalt könnten die Schwarzen zu eigenständigen Subjekten werden, schrieb er 1961 in seinem Klassiker "Die Verdammten dieser Erde".

Edward Saids "Orientalism" und die "Subaltern Studies"
Zum zentralen Bezugspunkt postkolonialer Theoriebildung wurde Edward Saids Orientalism von 1978. Schon zuvor hatte es Kritik daran gegeben, wie Weiße Wissensformen als vermeintlich überlegen konstruiert worden waren, etwa durch Alberto Memmis "Portrait du colonisé, portrait du colonisateur" von 1957. Said legte nun systematisch die wissensbedingten Grundlagen des europäischen Kolonialismus offen. Im Zentrum seiner Studie standen die Orientwissenschaften. An ihnen zeigte Said, wie eine eurozentrische Perspektive jedwede Beschäftigung mit "dem Orient" bestimmte, ja "den Orient" überhaupt erst erschuf. Indem westliche Wissenschaftler "dem Orientalen" feste Eigenschaften zuschrieben, konnte "der Westen" als positives Gegenbild etabliert und bestätigt werden. Aus solchen Zuschreibungen von "Anderssein" ("Othering") hätten, so Said, die Europäer ihre Identität gewonnen.

Saids Schrift gab den Postcolonial Studies einen nachhaltigen und wirkmächtigen Impuls. Seit den 1980er-Jahren erlebten sie einen ungeheuren Aufschwung. Drei Diskursstränge erlangten zentrale Bedeutung: die Subaltern Studies, die Frage nach Hybriditäten und die Bestrebungen nach einer wahrhaft globalen Perspektive.
Bereits Edward Said hatte in "Orientalism" kritisiert, dass es immer nur westliche Sprecher waren, die über "den Anderen" sprachen, "der Andere" selbst jedoch immer stumm bleibe. Diesen Faden griffen die in den 1980er-Jahren aufkommenden Subaltern Studies auf. Um den indischen Historiker Ranajit Guha gruppierten sich Wissenschaftler und suchten der kulturellen Hegemonie der Weißen Kolonialherren die Geschichte der Kolonisierten "von unten" entgegenzusetzen. Übte zunächst der italienische Schriftsteller, Politiker und marxistische Philosoph Antonio Gramsci erheblichen Einfluss auf sie aus, machten sie sich später auch die Theorien des französischen Philosophen Michel Foucault und des französischen Poststrukturalismus zu eigen. Dessen Anhänger vertreten die Ansicht, Sprache müsse nicht unbedingt die objektive Realität beschreiben, sondern könne bewusst oder unbewusst Unterscheidungen und Hierarchien ausdrücken und damit gleichsam herstellen. Auch regional erweiterte sich ihr Fokus: Hatte zunächst Indien im Zentrum des Interesses gestanden, so rückten in den 1990er-Jahren die US-Wissenschaftler John Beverly und Ileana Rodríguez die Erfahrungen Lateinamerikas ins Blickfeld.

Die Subaltern Studies kritisierten nicht nur, dass People of Color lange Zeit an die Ränder der Geschichtsschreibung gedrängt und der vermeintlichen Handlungsmacht Weißer Menschen untergeordnet worden waren. Autorinnen und Autoren wie der aus Jamaika stammende britische Soziologe Stuart Hall oder die indischstämmige Literaturtheoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak nahmen die Formen von Wissensproduktion und Theoriebildung auch ganz grundsätzlich ins Visier. In ihrem einflussreichen Aufsatz "Can the Subaltern speak?" von 1988 leuchtete Spivak den Eurozentrismus auch kritischer Theorien scharf aus. So kritisierte sie, dass beispielsweise auch die westliche feministische Theorie am Ende doch eine westliche Position sei, aus der heraus beansprucht würde, für die "Subalternen" (Spivaks Bezeichnung für die Kolonisierten) zu sprechen – anstatt sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Deren Wissen, so argumentierten Spivak wie auch Hall, werde marginalisiert, weil es nicht als Wissen anerkannt sei.

Das Konzept der Hybridität und Europa als "Provinz"
Der indischstämmige, in den USA lehrende Kulturwissenschaftler Homi K. Bhabha setzte an einer anderen Stelle gängiger Kulturverständnisse an. Der Vorstellung, es gebe nach außen abgeschlossene Kulturen, von denen man nur der einen oder der anderen angehören oder von der einen in die andere wechseln könne, setzte er das Konzept der Hybridität entgegen. Aus der Begegnung mit einer anderen Kultur, wie sie gerade Migrantinnen und Migranten erfuhren, erwachse nicht einfach deren Übernahme, sondern es entstehe etwas ganz Neues "zwischen" den Kulturen. In diesem "dritten Raum" prägten sich "hybride Identitäten" aus, durch sie fänden Migrantinnen und Migranten zu ihrem Status als Subjekte, durch sie ließe sich die hegemoniale Weiße Kultur subversiv wenden.

Gegen den Eurozentrismus wandte sich schließlich auch eine dritte Strömung innerhalb der Postcolonial Studies, die echte globale Perspektiven einforderte. Besonderen Einfluss erlangte hier das Buch "Provincializing Europe" ("Europa als Provinz", 2000) aus der Feder des indischstämmigen, ebenfalls in den USA lehrenden Historikers Dipesh Chakrabarty. Er suchte damit Wege für eine Globalgeschichtsschreibung zu eröffnen, in der Europa als eine "Provinz" unter anderen erscheine und nicht die leitende Erzählperspektive einnehme. In der Tat hat, davon ausgehend, das Feld der Global History seither einen enormen Aufschwung erfahren. Globalgeschichte bedeutet nicht, die ganze Welt zum Gegenstand historischer Untersuchungen zu machen, was schlechterdings gar nicht möglich wäre. Vielmehr geht es darum, danach zu fragen, in welchen globalen Zusammenhängen die spezifischen untersuchten Themen stehen – kurz, Globalgeschichte bezeichnet eine Perspektive und nicht einen Gegenstand historischer Forschung.

Die Postcolonial Studies haben sich im akademischen Leben Europas und der USA fest etabliert. Durch ihre Anregungen hat sich dort der Blick auf die Welt, auf den Kolonialismus wie auch auf die Dekolonisierung und die postkolonialen Beziehungen erheblich verändert. Damit geht die Bedeutung der Postcolonial Studies weit über die Wissenschaft hinaus: Sie beeinflussen Literatur, Film und bildende Kunst, aber auch die Art und Weise, wie die Europäer sich im Alltag verhalten und wahrnehmen.


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