Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Kultureller Wandel und hybride Identitäten

Alltägliche Aneignungen: Ethnic Food

Mit der postkolonialen Migration kamen andere Lebensstile in die westeuropäischen Gesellschaften. Am sichtbarsten wurden sie in der Alltäglichsten aller Aktivitäten: beim Essen.
Schon früh hatten sich wechselseitige Beeinflussungen zwischen europäischen und nichteuropäischen Küchen entwickelt. Die Europäer brachten Koch- und Essgewohnheiten aus Europa mit in die Kolonien und trafen dort auf andere Nahrungsmittel, Gewürze und Zubereitungsweisen. Im Ergebnis entstand häufig etwas, das heute gerne "fusion cuisine" genannt wird.

Insofern griffe die Behauptung zu kurz, die kulinarischen Einflüsse der postkolonialen Migration nach 1945 seien gänzlich neu oder völlig "fremd" gewesen. Allerdings waren sie bis dahin in Europa nur einer Minderheit aus eigener Anschauung bekannt. Die Mehrheit der Europäer ernährte sich mit traditioneller heimatlicher Kost und war auch in Anbetracht der allgemein schwierigen wirtschaftlichen Situation in der Nachkriegszeit nicht zu kulinarischen Experimenten in der Lage. Vor diesem Hintergrund erschlossen sich mit den Restaurants und Imbissen, die postkoloniale Migranten eröffneten, ungewohnte, interessante, aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft "exotische" Geschmackswelten.

Zu den Migranten aus den ehemaligen Kolonien, die die nationalen Küchen in Westeuropa veränderten, gesellten sich diejenigen, die aus Süd- oder Südosteuropa, aus Italien, Griechenland und dem damaligen Jugoslawien, sowie aus dem türkischen und arabischen Raum nach Westen und Norden kamen.

Bald waren indonesische Restaurants aus den Niederlanden, indische Gaststätten aus Großbritannien oder maghrebinische Restaurants aus Frankreich nicht mehr wegzudenken. Bis heute findet sich die "Reistafel", ein umfangreiches Angebot aus bis zur vierzig unterschiedlichen Gerichten, die zu Reis serviert werden, auf der Speisekarte nahezu jeden indonesischen Restaurants in den Niederlanden. Ursprünglich entstammte die Rijsttafel der Kultur der niederländischen Kolonialherren in Ostindien, die damit ihren Reichtum und den exotischen Überfluss ihrer Kolonie demonstrativ zur Schau stellten. In Indonesien selbst war diese Form des Mahls nach der Unabhängigkeit als typisch niederländisch verrufen und daher kaum mehr üblich.

Nicht nur geschmackliche, sondern auch zeitliche Auf- und Abschwünge sind festzustellen. So war das indische Curry in Großbritannien bereits im 19. Jahrhundert beliebt, ein erstes indisches Restaurant eröffnete in London 1809. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ließ die Begeisterung für indisches Essen spürbar nach, und so waren es in den 1950er- und 1960er-Jahren tatsächlich erst wieder die Zugewanderten aus Südasien, die diese alte britische Vorliebe wiederbelebten. Schon 1960 zählte man in Großbritannien 500 indische Restaurants, zehn Jahre später waren es mehr als doppelt so viele.
Ethnic food brach den kulinarischen Nationalismus auf, der sich in den westeuropäischen Gesellschaften in der Moderne herausgebildet hatte. An die Stelle nationaler Essgewohnheiten und Kochstile trat ein buntes und vielfältiges, häufig in den Stilen gemischtes Angebot von Essen aus aller Welt.


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