Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Kultureller Wandel und hybride Identitäten

Hybride Identitäten postkolonialer Gemeinschaften

Weit mehr als für die Europäer veränderten sich durch die postkoloniale Migration Lebensstil und Identität der Zuwanderer selbst. Dabei warf die sprachliche Anpassung zunächst die wenigsten Probleme auf. Die meisten Zuwanderer beherrschten die Sprache der vormaligen Kolonialherren, nicht zuletzt deshalb, weil diese vielfach Spracherwerb als Beleg für Assimilationsfähigkeit und -bereitschaft gewertet und einheimischen Sprachen im offiziellen Leben so gut wie keinen Raum gelassen hatten.

Anders sah es mit religiösen Zugehörigkeiten aus. Nur sehr zögerlich finden sich die westeuropäischen Gesellschaften bis heute bereit, etwa muslimischen Festen und Riten Raum zu geben. Dies gilt auch für andere religiöse Gruppen wie Buddhisten oder Hindus. Und für diejenigen unter den Zuwanderern, die christlichen Glaubens waren, mochte sich die Situation nur auf den ersten Blick einfacher darstellen. Denn sie mussten feststellen, dass die Glaubenspraxen in Europa sich von denen ihrer Heimatländer in Afrika oder Asien unterschieden.

Bei ihrer Suche nach Wohnraum und Beschäftigung sahen sich die zugewanderten Menschen ein ums andere Mal Diskriminierungen ausgesetzt, und bisweilen vererbten sich Ungleichheiten über mehrere Generationen hinweg. Noch heute haben die Nachkommen derjenigen, die aus dem Maghreb nach Frankreich einwanderten, unterdurchschnittliche Bildungsabschlüsse, während die Erwerbslosenrate unter ihnen über dem französischen Durchschnitt liegt.

Ob darin eine Ursache für den wachsenden radikalen Islamismus gesehen werden kann, ist nicht eindeutig geklärt. In Frankreich tragen darüber seit einigen Jahren die Sozialwissenschaftler Olivier Roy und Gilles Kepel eine Kontroverse aus: So sieht Kepel generell in einer Hinwendung zum islamischen Fundamentalismus die Ursache für Terror, während Roy darin eher eine Folge "islamisierten Radikalismus" erkennt. Aus seiner Sicht hat dieser Radikalismus soziale Ursachen und trägt wesentlich Merkmale eines Generationenkonflikts, religiöse Begründungen legten sich gewissermaßen erst später darüber.

Tatsächlich hat es sich immer wieder als schwierig erwiesen, in einer Weißen Mehrheitsgesellschaft zu eigener Identität zu finden. Wie spannungsreich, aber auch wie produktiv und aufregend dieser Prozess sein kann, zeigen prominente Beispiele von Hybridisierungen. Der Notting Hill Carnival in London, heute eines der touristischen Großereignisse in der britischen Hauptstadt, hat seine Wurzeln in den Kämpfen der afrokaribischen Community um Anerkennung. Die "race riots" der späten 1950er-Jahre gaben Zugewanderten Anlass, ihre eigene Kultur offen zu thematisieren und in die britische Gesellschaft einzubringen. Das ging nicht ohne Konflikte vonstatten, sind doch die karibischen Herkunftskulturen sehr viel heterogener als der Carnival heute zeigt.

Bemerkenswerterweise prägte sich erst in Großbritannien eine verbindende afrokaribische Identität zwischen Menschen aus Jamaika, Trinidad und Tobago und den weiteren Karibikinseln aus. Hatten der Notting Hill Carnival wie auch sein niederländisch-indonesisches Pendant, der seit 1959 stattfindende Pasar Malan Besar (heute: Tong Tong Festival) ihre Wurzeln in einer (öffentlichen) Bekundung kulturellen Eigensinns und des Stolzes auf die eigene (Herkunfts-)Kultur, so erfuhr der Notting Hill Carnival in den 1980ern und 1990ern einen massiven Kommerzialisierungsschub. Heute ist er eines – wenngleich das größte – von multikulturellen Festivals, wie es seit 1996 auch in Berlin als "Karneval der Kulturen" stattfindet.

Der allgemeinen Assimilierungsrhetorik setzten diese Festivals die Erzählung multikultureller Gesellschaften entgegen; sie verweisen darauf, wie vielfältig die kulturellen Wurzeln der heutigen westeuropäischen Gesellschaften sind und machen sie auf spektakuläre Weise sichtbar.


Weitere Inhalte