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Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Ausblick

Die Epoche der europäischen Kolonialreiche ist unwiederbringlich Vergangenheit, aber ihre Geschichte wirft Fragen auf, die auch für heute wichtig sind.

Eine Welt formen, in der die Menschen in ihrer Vielfalt gleichberechtigt integriert sind: eine Aufgabe für die Zukunft, die die Reflektion über die gemeinsame Vergangenheit zur Voraussetzung hat.Eine Welt formen, in der die Menschen in ihrer Vielfalt gleichberechtigt integriert sind: eine Aufgabe für die Zukunft, die die Reflektion über die gemeinsame Vergangenheit zur Voraussetzung hat. (© picture alliance / Ikon Images / Freya)

Mit dem Kolonialismus ist die europäische Epoche zu Ende gegangen, die die Geschichte der Neuzeit geprägt hat. Vom späten 15. bis zum späten 20. Jahrhundert gestalteten die Europäer einen "imperialen Raum", in dem die Frage nach der Geltungskraft von Rechten und nach Zugehörigkeiten ein ums andere Mal zu ihren eigenen Gunsten entschieden wurde. Dies war kein unilinearer, unumstrittener Prozess, vielmehr verbanden sich damit mannigfache Kämpfe und Konflikte, Widerstände, Gegenläufigkeiten und Subversionen. Die vielfältigen Verflechtungen mit den Amerikas, mit Asien und Afrika haben nicht nur die dortigen, sondern auch die europäischen Gesellschaften mitgeprägt.

Blickt man auf die Welt von heute, so scheint es, als sei von Europas einstmaliger globaler Größe nur wenig übrig geblieben. Andere geben den Takt der Weltpolitik vor und die Europäer sind nur Akteure unter mehreren. Dass sich dies schon um 1900 mit dem Aufstieg der USA abzeichnete, ließ sich übersehen, solange ihre Imperien den europäischen Mächten Rang und Macht in der Welt sicherten. Nach 1945, als sich die neue, die postkoloniale Ordnung der Welt abzuzeichnen begann, herrschte zunächst der Glaube, mit der politischen Integration Westeuropas und "privilegierten" Beziehungen nach Afrika ("Eurafrika") ließe sich Ersatzmacht schaffen. In Frankreich und Großbritannien hatte die Vorstellung imperialer Größe auch dann noch Bestand, als die Auflösung ihrer Kolonialreiche längst in vollem Gange war. Reste davon blitzten 2017 noch einmal auf, als einige britische Befürworter eines Austritts aus der Europäischen Union in Aussicht stellten, dass sich der alte internationale Rang des Vereinigten Königreichs noch einmal in neuer Form herstellen ließe.

Die Epoche der europäischen Kolonialreiche ist unwiederbringlich Vergangenheit, aber ihre Geschichte wirft Fragen auf, die auch für heute wichtig sind. Sind globale Ungleichheiten Folgen des Kolonialismus, oder entstehen sie aus anderen Logiken? Wie lassen sich europäische Einflüsse in Asien und Afrika, etwa in der medizinischen Versorgung oder im Bildungswesen, abwägen gegen gewaltvolle Aktionen, die in Teilen nach heutigen Maßstäben als Völkermord zu bewerten sind? Welche Form kann gemeinsame Erinnerung annehmen, welche Voraussetzungen sind dafür zu erfüllen – von Seiten der Europäer wie auch der vormals kolonisierten Gesellschaften? Lassen sich die unterschiedlichen Erfahrungen integrieren in eine Geschichte – und damit immer auch in die Zukunft – der Einen Welt?

Quellentext

Wie weit reicht die Verantwortung des Kolonialismus?

[…] Der Kolonialismus wirkt in der politischen Gegenwart fort. Dschihad, Krieg, Hunger, Migration, Umweltkrisen – keines dieser harten Themen von heute ist zu verstehen ohne die Kolonialgeschichte.

[…] Es ist auch kein Zufall, dass der Dschihad seine Basis dort hat, wo einst Kolonialkriege geführt wurden […]. Oder in jenen Ghettos des globalen Nordens, in denen heute die Nachkommen der Kolonisierten leben. Ebenso wenig zufällig ist es, dass die in den globalen Norden ziehenden Migranten überwiegend aus dessen ehemaligen Kolonien stammen. Mit anderen Worten: Der Kolonialismus ist der große Bumerang, der auf seine Herkunftsländer zufliegt.

[…] Der Kolonialismus hat sich sogar verallgemeinert.

Sein Wesen heißt Unterordnung und Ausplünderung fremder Völker, namentlich ihrer Rohstoffe und Arbeitskräfte. Wird der Begriff des Kolonialismus weit gefasst und nicht auf die Existenz staatsrechtlich abhängiger Kolonien verengt, dann lässt sich sagen, dass seine Zeit noch lange nicht zu Ende ist. Zu seinen Methoden zählen auch unfairer Handel, das Ausnutzen geringer Sozial- und Umweltstandards in armen Ländern oder der Massentourismus, soweit er auf wirtschaftlicher, ökologischer oder sexueller Ausbeutung beruht.

Seit etwa 50 Jahren lässt das Interesse der reichen Länder an vielen Nahrungsmittel- und Industrierohstoffen nach. Einige davon haben jedoch wieder Konjunktur, insbesondere die sogenannten Konfliktrohstoffe wie Zinn, Tantal und Wolfram, die sich in unseren Smartphones und anderen elektronischen Massenartikeln finden. Häufig sind diese Rohstoffe Anlass und Geldquelle bewaffneter Konflikte oder werden unter unmenschlichen Bedingungen gewonnen.

[…] In Diskussionen über dieses Thema taucht regelmäßig der Einwand auf: Der Kolonialismus mag seinen Anteil daran haben, dass es uns materiell so gut geht – aber können arme Länder ihre Probleme wirklich nur auf den Kolonialismus zurückführen? Ist nicht auch schlechtes Regieren, sind nicht auch Völkerhass, Verblendung und Korruption daran schuld?

Durchaus. Aber es ist nicht einfach jeder seines Glückes Schmied. Die Kolonialmächte errichteten in den abhängigen Gebieten ihnen genehme Herrschaftsstrukturen; sie erkoren lokale Machthaber zu Präsidenten über fiktive Nationen oder zu Häuptlingen von Stämmen, die sogenannte Völkerkundler zusammenfantasiert hatten. Und als die Kolonialherren endlich abzogen, hinterließen sie oft korrupte Regime, die ihnen eine fortgesetzte Ausbeutung der Ressourcen garantierten.

Oder es kamen die Gegner der Kolonialherren an die Macht. […] [Dann] war die Dekolonisierung allzu oft soziale Revanche und die Machtübernahme von Leuten, die überhaupt erst einmal herausfinden mussten, was das für sie heißt: Macht. […] Das sind die Umstände, aus denen Regime entstanden, denen auch Wohlmeinende schlechtes Regieren vorwerfen. Zu Recht! Nur muss man wissen, wie es dazu kam. Und wohin es führt. […]

Gero von Randow, "Die Neuvermessung der Welt", in: DIE ZEIT Nr. 32 vom 2. August 2018

[…] Ist die Epoche des Kolonialismus, die vor mehr als einem halben Jahrhundert endete, wirklich der Hauptgrund für die anhaltende Kluft zwischen Nord und Süd? Für Armut, Hunger, Terror, Krieg?

[…]. Der islamistische Terror […], der sich auf den Dschihad beruft, ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die Moderne, die die muslimische Welt erfasst hat. Bis heute wird er vor allem innerhalb der muslimischen Gemeinschaft geführt, dort fordert er bis heute auch die meisten Opfer. […]

Es führt auch kein direkter Weg vom Kolonialismus zu den Umweltkrisen unserer Tage. Natürlich spiegelt der Klimawandel die globale Ungleichheit und verschärft die Gerechtigkeitsfrage. Die einen, mehrheitlich Reiche, verbrauchen die Ressourcen; bei den anderen, mehrheitlich Arme, steigt der Meeresspiegel, haben Hitze und Dürre tödliche Folgen. Nur hat der Kolonialismus zum Klimawandel nicht allzu viel beigetragen. […]

Wer die heutigen Flucht- und Migrationsströme mit der Kolonialgeschichte erklären will, muss alle regionalen und historischen Unterschiede ignorieren. […][W]enn jede Form der Ausplünderung und Unterdrückung eine Form des Kolonialismus darstellt, dann wird der Begriff historisch vollständig entleert – der Kolonialismus gewissermaßen enthistorisiert. […]

[…] [A]uch in Afrika hat die postkoloniale Geschichte verschiedene Richtungen eingeschlagen. Ein auffälliges Gegenbeispiel auf der Wohlstandsskala des südlichen Afrikas ist Botswana. […] Die postkolonialen Politiker dort garantierten Eigentumsrechte, pluralistische Mitbestimmung und demokratische Wahlen. Ihre Politik bediente nicht nur ihre Stammes- oder Clanmitglieder, sondern schaffte Teilhabemöglichkeiten für alle Bürger – […] eine inklusive Gesellschaft.

Ganz anders verfuhr der frühere Freiheitskämpfer und spätere Diktator Robert Mugabe in Simbabwe. Nach der Unabhängigkeit des Landes 1980 schaffte er es, das Bruttoinlandsprodukt bis 2008 zu halbieren. […]

Mugabe hatte seine Gegner entweder buchstäblich oder wirtschaftlich erdrosselt und lediglich seinen Anhängern Jobs und Ländereien verschafft. Das Ergebnis war ein korruptes, ausbeuterisches Regime, das freies Unternehmertum systematisch verhinderte und weder Recht noch Eigentum garantierte. Natürlich endete der Einfluss der Kolonialmächte selten mit dem Abzug. Auch waren die Strukturen, die sie in den früheren Kolonien hinterließen, unterschiedlich.

[…] Es geht nicht darum, die historische Verantwortung für die Grausamkeiten des Kolonialismus zu leugnen. Auch soll nicht bestritten werden, dass Einfluss und Lebenschancen auf dieser Welt ungerecht verteilt sind. Die Frage, vor der wir stehen und vor die uns die Menschen, die aus dem Süden zu uns kommen, stellen, lautet, wie wir dieser Ungerechtigkeit begegnen. […]

Jochen Bittner / Matthias Krupa / Ulrich Ladurner, "Nicht bloß Opfer der Geschichte", in: DIE ZEIT Nr. 34 vom 16. August 2018