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Dossierbild Haushalt – Markt – Konsum

19.11.2010 | Von:
Birgit Weber

Herausforderungen und Gestaltungsoptionen für private Haushalte

Zwischen materiellen Gütern und sozialer Geborgenheit

Lange Zeit ermöglichte das Wirtschaftswachstum der breiten Bevölkerung einen verbesserten Lebensstandard, unterstützt durch die marktwirtschaftliche Ordnung und die gesellschaftlichen Institutionen. Letztere gewährleisteten Funktionsfähigkeit und Rechtssicherheit und linderten durch Umverteilung Konflikte zwischen Arm und Reich.

Heute besteht die Gefahr, dass immer mehr Gruppen dauerhaft vom steigenden Wohlstand ausgeschlossen werden und dass nicht jede Form der Erwerbsarbeit Existenzsicherung gewährleistet. In der Diskussion sind zwei Strategien, die solche Probleme lindern sollen.
  • Die einen (zum Beispiel die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) setzen auf den Markt, wollen wettbewerbsfeindliche Regulierungen abbauen, um das Wirtschaftswachstum zu fördern. Sie sprechen sich für mehr individuelle Verantwortung im Hinblick auf die eigene Vorsorge aus. Ein "aktivierender" Sozialstaat soll die Eigenverantwortung voranbringen, sich ansonsten auf seine Kernaufgaben beschränken und die Steuern senken.
  • Die anderen (zum Beispiel die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik) fordern mehr Staatsausgaben im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge für Bildung, Infrastruktur, Kultur, Umwelt und soziale Dienstleistungen, möchten mehr öffentliche Beschäftigung gekoppelt mit Arbeitszeitverkürzung schaffen und den privaten Konsum durch Aufstockung niedriger Einkommen anheben. Die Finanzierung soll über eine Einkommensumverteilung, durch höhere Neuverschuldung und höhere Steuern erfolgen.
Beide Strategien setzen weiterhin auf Wirtschaftswachstum, ohne dessen Notwendigkeit zu hinterfragen. Es erleichtert zwar die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen sowie die Einkommensumverteilung, ist aber nicht unumstritten. Während es aber in der Vergangenheit vor allem dazu diente, Konsumgüterknappheit zu beseitigen, fragen kritische Stimmen inzwischen häufiger danach, ob Wirtschaftswachstum angesichts des heutigen Versorgungsniveaus weiterhin notwendig ist, und weisen darauf hin, dass es seinerseits auf anderen Gebieten neue Knappheiten entstehen lässt.

So wird zunehmend bezweifelt, dass mit steigendem Lebensstandard die emotionale Zufriedenheit wächst. Der amerikanische Ökonom Richard Easterlin hatte schon in den 1970er Jahren festgestellt, dass wachsender materieller Wohlstand ab einem gewissen erreichten Niveau nicht gleichzeitig mit steigendem Wohlbefinden einhergeht. Nach dem Easterlin-Paradox können die Schattenseiten des ökonomischen Fortschritts sogar seinen positiven Beitrag zum Glück zunichte machen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman und sein Kollege Angus Deaton fanden in einer großangelegten Studie 2010 heraus, dass mit jedem Dollar höheren Einkommens zwar das emotionale Wohlbefinden wächst, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze, während geringes Einkommen dafür sorgt, dass sich emotionaler Schmerz in persönlichen Krisen noch verschärft.

Viele Studien und Gesellschaftsanalysen verweisen hingegen auf den hohen Wert sozialer Beziehungen für das individuelle Glück. Diese Beziehungen werden aber heute immer brüchiger. Dem Sozialwissenschaftler Robert Putnam zufolge erhöhen soziale Netzwerke die individuelle und kollektive Produktivität, angesichts des nachlassenden gesellschaftlichen Engagements schwinde aber ihr Zusammenhalt. Auch der französische Soziologe Pierre Bourdieu beklagte den Verfall des sozialen Zusammenhalts in einer Gesellschaft als "Rezession des Sozialkapitals". Der britische Ökonom Richard Layard hat familiäre Beziehungen, die finanzielle Lage, Arbeit, Umgebung und Freunde, Gesundheit, persönliche Freiheit und Lebensphilosophie als Glücksfaktoren ausgemacht. Entscheidend für das Glück einer Gesellschaft sei es, ob Menschen sich um andere kümmern oder nicht. Positiv wirken sich Sicherheit und innere Ruhe aus, negative Folgen haben Arbeitslosigkeit, Krankheit und zerrüttete Familienverhältnisse. Der britische Sozialforscher Roger Wilkinson verweist auf enge Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit und den Problemen einer Gesellschaft. Wenn in einer Gesellschaft Kooperation wenig bedeute und das Selbstwertgefühl vor allem auf materiellem Erfolg beruhe, führe dies zu Statusangst, die sowohl die Werte als auch die Qualität der sozialen Beziehungen beeinflusse. Seine Daten verweisen darauf, dass vor allem in sehr ungleichen Gesellschaften weniger Vertrauen, weniger sozialer Zusammenhang und dafür mehr Gewalt existiert. Dabei benötigt eine arbeitsteilige Tauschgesellschaft auch schon aus ihrer Funktionslogik heraus Kooperation und Vertrauen.

Knapp wird auch die Zeit, die permanent flexible Menschen für die Pflege sozialer Beziehungen oder auch zur Muße aufbringen. Der Soziologe Hartmut Rosa hat das Gefühl des Gehetztseins als Dauerzustand der Beschleunigungsgesellschaft diagnostiziert, in der die Zeit zur Muße fehle, die als Voraussetzung für Kreativität, Gesundheit und soziale Beziehungen wertvoll sei, während selbst die Nichtarbeitszeit unter Erfolgsdruck gerate. Zeit ließe sich zwar tendenziell "kaufen", etwa wenn moderne Haushalte Dienstleistungen wie Behördengänge, Einkäufe, Wäsche, Gartenpflege, Reinigung oder die Organisation von Familienfeiern, des Urlaubs oder der Renovierung an Personal Assistance Services vergäben. Diese Dienstleister verkauften "Zeit", befriedigten aber nicht das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen.

Quellentext

Mit Odysseus gegen die Zeitknappheit

DIE ZEIT: Viele Menschen fühlen sich ständig gehetzt und haben das Gefühl, die Zeit sei knapp wie ein wertvoller Rohstoff. Bilden wir uns das nur ein - oder geht uns wirklich die Zeit aus?

Hartmut Rosa: Die Zeit wird uns wirklich knapp, und zwar aus drei Gründen: Erstens nimmt die technische Beschleunigung zu, das Auto ist schneller als das Fahrrad, die E-Mail schneller als der Brief, wir produzieren immer mehr Güter und Dienstleistungen in immer kürzerer Zeit. Das verändert den sozialen Erwartungshorizont: Wir erwarten von einander auch eine höhere Reaktionsfrequenz. Dazu kommt, zweitens, der soziale Wandel. Leute wechseln ihre Arbeitsstelle in höherem Tempo als früher, ihre Lebenspartner, Wohnorte, Tageszeitungen, ihre Gewohnheiten. Wir sind ungeheuer flexibel - und finden immer weniger Verankerung in stabilen sozialen Beziehungen. Und drittens ist insgesamt eine Beschleunigung des Lebenstempos zu beobachten. Wir versuchen, mehr Dinge in kürzerer Zeit zu erledigen. Wir essen Fast Food, statt in Ruhe zu kochen, machen Multitasking auf der Arbeit, power nap statt Mittagsschlaf oder lassen die Pausen gleich ganz weg.
ZEIT: Dabei ermöglicht uns die Technik doch, Zeit zu gewinnen. Eigentlich müssten wir mehr Zeit denn je haben. Warum nicht?
Rosa: Das lässt sich gut an der elektronischen Kommunikation erklären. Früher schrieb man zum Beispiel zehn Briefe in einer Stunde, heute brauche ich für zehn E-Mails nur eine halbe. Ich habe also theoretisch eine halbe Stunde gewonnen. In der Praxis aber sieht es so aus, dass wir fünf- oder sechsmal mehr E-mails als früher Briefe verfassen. Und da das alle tun, wächst die Nachrichtenmenge zu einem gigantischen Berg. All das will auch gelesen und bearbeitet werden. Wir haben also pro Mail sehr viel weniger Reflexions- und Reaktionszeit als früher, fühlen uns deshalb ständig gehetzt. [...]
ZEIT: Aber diesen Wahnsinn muss man doch nicht mitmachen.
Rosa: Es kommt ja noch die moderne Wettbewerbslogik hinzu. Früher war die Verteilung von Privilegien, Anerkennung und Status ziemlich statisch - Adelige zum Beispiel hatten von vornherein bestimmte Rechte oder bestimmte Sozialpartner; in der modernen Gesellschaft dagegen werden Macht, Geld, Privilegien und Anerkennung frei verteilt und ständig hinterfragt: Politiker werden an Polls gemessen, Chefredakteure an Quoten, Professoren an Drittmitteln, Manager an Vierteljahresbilanzen. Selbst in Ehen und Familien hält dieses Performanzprinzip Einzug: Man prüft immer wieder, wie es "läuft" - und behält sich vor, etwas Besseres zu suchen, wenn die Bilanz nicht positiv ausfällt.
ZEIT: Und wenn dieses Prinzip überall gilt, kann der Einzelne nicht einfach sagen: Ich lass mir Zeit, ich renne da nicht mit?
Rosa: Das große Missverständnis der Beschleunigungsgesellschaft ist es, zu meinen, wir könnten souverän über unsere Zeit bestimmen. Doch wenn die ganze Gesellschaft beschleunigt, kann ich nicht einfach individuell langsamer laufen, sonst stolpere ich und falle auf die Nase.
[...] Gegen die Beschleunigung einer ganzen Gesellschaft müssen alle individuellen Entschleunigungsstrategien fast notwendigerweise scheitern. [...]
ZEIT: Zum Glück können wir an den Feiertagen, der Zeit zwischen den Jahren, mal ausspannen!
Rosa: Vielen fällt offenbar auch das zunehmend schwer. Man sagt: "Nun lass ich aber mal die Arbeit ruhen" - und hat trotzdem das Gefühl, die Zeit sei knapp. Denn nun drängt, was man schon lange mal tun wollte: Endlich einmal wieder mit der Familie, den Kindern, den Eltern etwas machen, die Klassenkameraden wiedersehen, zusammen essen, Hobbys pflegen, Sport treiben ... Am Ende können sogar solche Termine den Charakter von Arbeit annehmen [...].
ZEIT: Sind wir also unfähig geworden, die Muße zu genießen?
Rosa: Das Problem ist, dass wir ständig das Gefühl haben, Zeit sei kostbar und dass sich deshalb jede Aktivität rechtfertigen müsse. Wenn ich mir vornehme, heute mal zu Hause in Ruhe ein Buch zu lesen, dann gäbe es da auch hundert andere Optionen: fernsehen, im Internet surfen, Mails checken ... Das heißt: Wenn ich lese, muss ich zugleich das Gefühl haben, dies sei die nützlichste, die sinnvollste Verwendung meiner Zeit.
ZEIT: Sie meinen, ich muss es quasi vor mir selbst rechtfertigen, dass ich nun ein Buch lese?
Rosa: Natürlich läuft dieses Abwägen nicht bewusst. Es beschäftigt uns aber permanent unbewusst und bindet Denkressourcen, das kostet Energie. [...]
ZEIT: Das hieße: Um die Muße genießen zu können, muss ich mich bewusst von einer Vielzahl möglicher Optionen abschneiden?
Rosa: Deshalb gehen Menschen etwa auf eine einsame Berghütte oder drei Wochen ins Kloster, wo die Zahl möglicher Optionen extrem reduziert ist. Das nenne ich die Odysseus-Strategie: Man fesselt sich selbst, um den Sirenengesängen der unendlichen Möglichkeiten nicht zu verfallen. [...]

Ulrich Schnabel, "Muße braucht Zeit". Interview mit Hartmut Rosa, in: Die Zeit Nr. 1 vom 30. Dezember 2009