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Familie und Familienpolitik

20.3.2009 | Von:
Johannes Huinink

Familie: Konzeption und Realität

Aufgaben und Leistungen

Die heutige Bedeutung der Familie für Individuum und Gesellschaft lässt sich mittels einer Systematik von typischen Aufgaben und Leistungen der Familie ermessen, die der Schweizer Familiensoziologe Franz X. Kaufmann vorgeschlagen hat. Die Familie wird als eine soziale Institution angesehen, die für ihre Mitglieder und die Gesellschaft bestimmte Aufgaben erfüllen soll. Die Individuen erwarten von der Familie, dass sie ihrem Wohlbefinden dient und zur Befriedigung von Bedürfnissen beiträgt, die so von keinem anderen Teil der Gesellschaft übernommen werden können. Im Laufe des skizzierten Wandels ist die Familie zur wichtigsten Institution geworden, um die emotionalen Bedürfnisse von Kindern und Erwachsenen zu befriedigen. Die Gesellschaft erwartet von der Familie, dass sie wesentliche Leistungen für den Erhalt und den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft erbringt. Sie entwickelte sich zu einer leistungsfähigen Institution der Sozialisation der nachwachsenden Generation. Die moderne Familie hat aber auch wichtige ökonomische Funktionen behalten und steht für ihre Mitglieder dort ein, wo die Sozialleistungen des Staates nicht oder nicht mehr greifen (Subsidiaritätsprinzip). Alle Aufgaben, die die Familien nach Auffassung der Gesellschaft zu erbringen haben, sind Bestandteil eines bestimmten Familienleitbildes, das auch die Vorstellungen beinhaltet, in welcher Familienform diese Aufgaben erfüllt werden sollten.

Auf die Leistungen der Familie wird das Augenmerk gerichtet, wenn man betrachtet, wie Familien und ihre Mitglieder ihre Aufgaben erfüllen. Das, was Familien und die Mitglieder von Familien tatsächlich mit- und füreinander tun, für das soziale Gemeinwesen und dessen verschiedene Bereiche wie Gemeinde und Staat, Wirtschaft, Öffentlichkeit und Kultur, kann man als Leistungen der Familien für die Gesellschaft ansehen.

Welche Aufgaben der Familie, über die in unserer Gesellschaft weitgehender Konsens besteht, sind konkret zu nennen? Welche Leistungen für die Individuen, also die Familienmitglieder, und die Gesellschaft sind damit verbunden? Im Folgenden soll dazu ein kurzer Überblick gegeben werden.

Persönlicher Zusammenhalt und emotionale Zuwendung

Die Familie soll für Eltern und deren Kinder den Raum bieten, in dem sie in besonders engen und vertrauten Beziehungen sozialen Zusammenhalt und persönliche emotionale Zuwendung erfahren können. Nirgendwo anders in der Gesellschaft findet sich die besondere Art der intimen, sehr persönlichen sozialen Beziehungen zwischen Partnern sowie Eltern und Kindern; und das hohe Maß der Bereitschaft, sich ohne Wenn und Aber gegenseitig zu unterstützen.

In der modernen Gesellschaft, in der die Individuen außerhalb der Familie in mehr oder weniger anonymen sozialen Rollen agieren, gibt es ein konkretes Bedürfnis für diese Art von sozialen Beziehungen. Die Familienmitglieder können im besten Fall über alles miteinander sprechen, sie sind in Bezug auf alle persönlichen Aspekte und Umstände präsent. In einer funktionierenden Familie erfahren sie persönliche Selbstvergewisserung und positive Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Durch verschiedene Formen persönlicher Zuwendung über die Generationen hinweg bieten sich die Familienmitglieder ideellen und emotionalen Beistand. Dazu gehört auch Sexualität der erwachsenen Lebenspartner als wichtiger Teil des intimen Miteinanders. Sie war denn auch gemäß dem modernen, bürgerlichen Familienbild noch ausschließlich verheirateten Partnern oder Eltern vorbehalten. Diese "Regulierungsfunktion" von Ehe und Familie ist allerdings seit der Mitte der 1960er Jahre radikal in den Hintergrund gedrängt worden.

Gut funktionierende persönliche Beziehungen in Familien fördern nicht nur das individuelle Wohlbefinden und die seelische wie körperliche Gesundheit der Familienangehörigen, sondern ermöglichen es ihnen auch, sich als handlungsfähige, autonome Akteure in der modernen Gesellschaft erfolgreich zu behaupten.

Damit ist die Leistung für die Gesellschaft offensichtlich: Ein gelingendes Familienleben erhöht die Chancen, dass Menschen in der Gesellschaft zurecht kommen. Zerrüttete Beziehungen in der Familie und das Verzichten-Müssen auf Anerkennung und persönliche Zuneigung erhöhen die Gefahr, dass Menschen in der Gesellschaft scheitern.

Unterstützung im Alltag

Familien sind keine Produktionsgemeinschaften im klassischen Sinne mehr. Heute wird von dem Zusammenleben in einem Familienhaushalt erwartet, dass es eine effiziente Basis für die Alltagsorganisation und gegenseitige Hilfe der Menschen bietet. In dieser Hinsicht hat es Vorteile im Vergleich zum Alleinleben. Aufgaben können im Familienhaushalt (und darüber hinaus) aufgeteilt werden. Familienmitglieder, die füreinander einspringen, entlasten sich gegenseitig zeitlich und körperlich.

In Familien, so wird erwartet, und so drückt es sich im rechtlich verankerten Subsidiaritätsprinzip aus, sollen sich Menschen in alltagspraktischen Dingen gegenseitig unterstützen und helfen. Das gilt auch für die Zeit, wenn die Kinder das Elternhaus verlassen haben Die Familie ist als Basis der Solidarität zwischen den Generationen nach wie vor intakt. Viele Analysen zeigen, dass die Transferleistungen zwischen Kinder- und Elterngeneration kaum an Bedeutung verloren haben und nach wie vor für die Familien wirtschaftlich relevant sind.

Gegenseitige Entlastung, Unterstützung und Solidarität sind als Leistungen der Familie für die Gesellschaft von hohem Wert, weil Menschen produktiver sind, wenn sie regenerieren können. Darüber hinaus stärken und erhalten Familien so die intergenerationale Solidarität in der Gesellschaft, die wichtig ist für den übergeordneten sozialen Zusammenhalt. Allerdings werden inzwischen viele dieser Leistungen - zum Beispiel die Kinderbetreuung - auch vom Markt oder vom Staat angeboten. Dies wird zunehmend in Anspruch genommen, weil in vielen Familien beide Partner erwerbstätig sind und damit die für die Familienarbeiten verfügbare Zeit in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgeht.

Fortpflanzung

Die Familie wird als die soziale Basis der Nachwuchssicherung angesehen, in Familien sollen nach Möglichkeit Kinder heranwachsen. In Erfüllung dieser Aufgabe leistet die Familie den physischen Erhalt der Gesellschaft. Während die Aufgabe, persönlichen Zusammenhalt zu wahren und emotionale Zuwendung zu gewähren, eher ein modernes Phänomen ist, gilt die Fortpflanzung traditionell als ureigenste Aufgabe der Familie. Gleichwohl hat sich die Motivation zur Elternschaft und damit auch das, was sie für die Eltern bedeutet und "leistet", im Verlauf der Zeiten geändert. Heute steht die Sicherung des Überlebens nicht mehr im Vordergrund. Sexualität und Fortpflanzungsfunktion sind voneinander getrennt. Der Begriff der "Generativität" aus dem Stufenmodell der psycho-sozialen Entwicklung des deutsch-amerikanischen Psychoanalytikers Erik H. Erikson drückt recht treffend aus, was Elternschaft aber noch bedeuten kann: der zukünftigen Welt etwas Bleibendes, ureigen Geschaffenes und in gewisser Weise ja auch Gestaltetes zu hinterlassen. Daneben ist die Geburt eines Kindes in der Regel auch der Beginn einer sehr engen sozialen Beziehung, in der man Freud und Leid in besonderer Wiese miteinander teilen kann.

Erziehung und soziale Integration der Kinder

Die Familie ist für die Erziehung und für grundlegende Bereiche der Bildung der Kinder verantwortlich. Für Kinder bietet sie den idealen Raum, in dem sie sich entwickeln und entfalten können. Der deutsche Sozialanthropologe und Soziologe Dieter Claessens hat dies in seinem Konzept der Sozialisation in sehr plastischer Weise beschrieben: Die erste Phase ist die "Soziabilisierung" als zweite, "sozio-kulturelle Geburt" des Menschen, in deren Verlauf den Kindern emotionale Grundlagen, erste Kategorien von Weltverstehen und -vertrauen sowie eine erste soziale Positionsbestimmung in dieser Welt vermittelt werden. Es folgt die Phase der "Enkulturation", in der die Heranwachsenden im Zusammenspiel mit Eltern und Bezugspersonen ihre spezifische individuelle Formung bzw. "sozio-kulturelle Prägung" erfahren und auf die Übernahme ihrer sozialen Rolle in der Gesellschaft vorbereitet werden. Die Entwicklungspsychologie und neuerdings auch die Neurowissenschaften betonen den besonderen Wert der engen intimen Beziehung der Kinder zu ihren Eltern als verlässlichen Bezugspersonen - besonders in den ersten Lebensjahren. Die Erziehung umfasst dabei "alle gezielten und bewussten Einflüsse auf den Bildungsprozess", mit dem Eltern oder andere versuchen, "auf die Persönlichkeitsentwicklung anderer Menschen Einfluss zu nehmen", so der Pädagoge Klaus Hurrelmann. Sie ist damit von großer Bedeutung für das zukünftige Leben der Kinder. Die Eltern geben ihren Kindern nicht nur Wissen und Bildung (Sozialisation und Erziehung), sondern auch materielle Güter durch Vererbung mit auf den Lebensweg.

Aus gesellschaftlicher Sicht sind die Erziehungs- und materiellen Transferleistungen der Eltern dadurch begründet, dass die biologische Reproduktion allein nicht ausreicht. Für die Sicherung des gesellschaftlichen "Humanvermögens" sind sie von essenzieller Bedeutung, weil sie nur sehr bedingt von anderen gesellschaftlichen Institutionen, etwa durch Bildungseinrichtungen, übernommen werden können. Der Begriff "Humanvermögen" beschreibt die in einer Gesellschaft durch Erziehung, Ausbildung, Weiterbildung und Erfahrung erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse. Im Unterschied zu dem nicht unumstrittenen Begriff des "Humankapitals" geht es hierbei nicht nur um Fähigkeiten, die ökonomisch verwertbar sind, sondern zum Beispiel auch um solche wie Solidarität oder Empathie. Der Begriff "Humanvermögen" wurde mit dem Fünften Familienbericht 1994 in den familienpolitischen Diskurs eingebracht; und zwar, um die gesamtgesellschaftlich bedeutsamen Leistungen von Familien zu verdeutlichen unddie Forderungen nach einem gerechten Ausgleich für die Leistungserbringung zu unterstützen. Da Familien ihren Kindern nur in jeweils spezifischer Form und in höchst unterschiedlichem Ausmaß materielle und nicht-materielle Werte mit auf den Weg geben können, tragen Familien gleichzeitig zu einer "Vererbung" sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft bei.

Fazit

Für die Individuen bieten Partnerschaft und Familie Leistungen, die zum Teil gar nicht oder nur schwer anderswo zu bekommen sind. Allerdings hat der Wohlfahrtsstaat in den letzten 150 Jahren viele Aufgaben oder Funktionen übernommen, die vormals allein der Familie zugeordnet waren und von ihr den gesellschaftlichen Verhältnissen mehr oder weniger angemessen erfüllt wurden. Die Menschen sind weniger auf die Familie angewiesen, wenn es um die Sicherung individueller Wohlfahrt, Hilfe bei Krankheit und die existenzielle Absicherung im Alter geht. Daher wird vielfach die These vom Funktionsverlust der Familie vertreten. Diese dient als Begründung dafür, dass die Motivation, eine Familie zu gründen, beständig zurückzugehen scheint. Allerdings dürfte diese Argumentation zu kurz greifen.

Soziale Beziehungen in der Gesellschaft, in der Arbeitswelt und Öffentlichkeit können zu materiellem Erfolg, sozialem Status und sozialer Anerkennung verhelfen. Die emotionale Bedeutung der Familienbeziehungen kann aber nicht durch diese Arten individuellen Erfolgs aufgewogen werden.

Der Wohlfahrtsstaat ist auf diese Leistungen der Familien angewiesen. Da aber Menschen Familien nicht deshalb gründen, um die damit verbundenen Leistungen für die Gesellschaft zu erbringen, sondern aus einem individuellen Interesse am Familienleben, muss die Gesellschaft einen Beitrag dazu leisten, dass dieses individuelle Interesse erhalten bleibt. Sie muss ebenso Sorge dafür tragen, dass Familien in der Lage sind, die von ihnen erwarteten Aufgaben in befriedigender Weise zu erfüllen. Denn die Auswirkungen des Handelns von Individuen in Familien können für die Gesellschaft sehr problematisch werden und mit hohen sozialen Kosten verbunden sein, so zum Beispiel, wenn Eltern ihren Erziehungsaufgaben nicht mehr oder nicht hinreichend nachkommen.

Wird den Menschen der Raum gewährt, den sie brauchen, um die gewünschten Leistungen in Familien zu erbringen? Wir haben es in Deutschland - stärker als in vielen anderen Ländern - mit einem paradoxen Widerspruch zwischen einem noch vorherrschenden konventionellen, am bürgerlichen Familienideal orientierten Familienleitbild und den Anforderungen des post-industriellen Zeitalters an die Individuen zu tun. Während die bürgerliche Familie mit ihrer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung noch das adäquate Arrangement bot, um der aufstrebenden Industrialisierung zu ihrem Sieg zu verhelfen, hat ein wesentliches Element dieser Ordnung, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zwischen Erwerbsarbeit und Haushalt, zunehmend an Gültigkeit verloren. Eng damit verknüpft ist die steigende Tendenz zur dauerhaften Berufstätigkeit der Frauen. Sie hat ihre Rolle in Partnerschaft, Familie und Gesellschaft nachhaltig verändert, die weibliche Normalbiographie neu strukturiert und zu einem veränderten Selbstverständnis geführt, das mit dem traditionellen bürgerlichen Familienleitbild nicht mehr vereinbar ist. Wenn dieses nicht mehr adäquat funktioniert, was tritt an seine Stelle? Es müssen Vereinbarungen geschaffen werden, die es Frauen und Männern erlauben, familiales und außerfamiliales Engagement in Einklang miteinander zu bringen.


Jede siebte Familie in Deutschland - so wird geschätzt - ist eine Patchworkfamilie. Eltern haben sich getrennt, finden neue Partner, oft bringen sie eigenen Nachwuchs in die Beziehung mit, manchmal kommen gemeinsame Kinder hinzu. Das bunte Familiengefüge ist hoch sensibel.

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