Familie und Familienpolitik

20.3.2009 | Von:
Johannes Huinink

Familienleben und Alltagsorganisation

Erziehung und Sozialisation

Im Zuge der Sozialisation entwickelt sich der junge Mensch zu einer individuellen Persönlichkeit und wird zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft. Der Jugendsoziologe und Pädagoge Klaus Hurrelmann, der den aktiven Part des Kindes besonders betont, definiert: "Sozialisation bezeichnet (...) den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt."

Die Familie hat neben engen Beziehungen in Verwandtschaft und Freundschaft als "primäre" Sozialisationsinstanz zentralen Anteil an der Entwicklung der Kinder. Einerseits wird die Ausbildung der individuellen Identität und Handlungsfähigkeit des Kindes gefördert oder gar erst ermöglicht. Andererseits werden ihm Wertorientierungen und Verhaltenserwartungen vermittelt, die im Umgang mit anderen Menschen und sozialen Institutionen in unserer Gesellschaft wichtig sind. Verwandte sowie Freundes- und Gleichaltrigengruppen (peers) können Unterstützung bieten und im Fall von Problemen, die in Familien entstehen können, Belastungen für die Kinder vermindern. Gesellschaftliche Institutionen und Organisationen, wie die Schule und andere Bildungseinrichtungen, werden als "sekundäre" und Freizeitorganisationen, Medien und Gleichaltrige als "tertiäre Sozialisationsinstanzen" betrachtet. Sie und die soziale Umwelt beeinflussen - positiv wie negativ - die Primärsozialisation in der Familie.Zu den institutionellen Rahmenbedingungen gehören die ganze Palette der Familienpolitik mit ihren materiellen Transfers und Steuererleichterungen sowie die Unterstützung durch außerfamiliale Organisationen und Fördereinrichtungen, wie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe (insbesondere Kinderkrippen und -gärten) sowie Schulen und andere Bildungsinstitutionen.

Man kann argumentieren, dass die institutionelle Übernahme von familialen Aufgaben, etwa im Bereich der Kinderversorgung und -betreuung, den Eltern die Kinder immer mehr entzieht und damit deren Autorität und Verantwortung untergräbt. Auch kann die Qualität dieser Einrichtungen in Zeiten knapper Mittel zur Klage Anlass geben. Aber für den Fall, dass die Erziehungsleistungen in einzelnen Familien nicht ausreichen, und um Kindern gleiche Chancen einzuräumen, wird übereinstimmend eine frühzeitige außerfamiliale Unterstützung befürwortet. Sie kann auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet förderlich wirken, indem sie den Eltern Freiräume schafft, was deren Lebenszufriedenheit und damit wiederum der Sozialisation der Kinder zuträglich sein dürfte.

Doch häufig wird beklagt, dass die verschiedenen Sozialisationsinstanzen, etwa Elternhaus und Schule, zu wenig vernetzt seien, um den Kindern ein verlässliches und möglichst konstruktives Sozialisationsumfeld zu bieten (Erziehungspartnerschaft).

Wenn Heranwachsende zunehmend in soziale Beziehungen und Aktivitäten außerhalb der Familie oder des näheren familialen Umfelds wie beispielsweise Schule, außerschulische Lernorte oder weiter entfernt wohnende Freunde eingebunden werden, kommt es zur "Verinselung" oder Zersplitterung ihrer Lebenswelt, die auch die Eltern in mehrfacher Hinsicht herausfordert. Sie führt zu einem steigenden Aufwand allein schon für den Hin- und Her-Transport von Kindern zu ihren Freunden und Aktivitäten. Die wohnungsnahen Freiräume für das selbstbestimmte Spiel von Kindern gibt es, wenn überhaupt, meist nur noch auf dem Lande, Kinder bedürfen also zunehmend "flächendeckender" Beaufsichtigung.

Quellentext

Die Spielräume werden enger

[...] Hatten Kinder in Deutschland vor 20 Jahren einen Spielradius von 20 Kilometern, bewegen sie sich heute höchstens vier Kilometer von zu Hause fort; sie verbringen gerade mal zwölf Stunden in der Woche außer Haus. Und wenn sie draußen sind, dann fast ausschließlich in Gehegen wie Trainings- oder Spielplätzen mit DIN-gemäßen und TÜV-geprüften Gerätschaften.

Nun klingen all die Erzählungen der Erwachsenen, wie sie mal aus Versehen das Feld vom Bauern Müller angezündet haben, weil sie mit dem Benzinkanister grillen wollten; wie sie unten am Fluss übernachtet haben oder in der Stadt in alten Ruinen herumstromerten; - all diese Erinnerungen klingen für viele heutige Kinder wie Geschichten aus einem fernen Land. Teilweise sind sie das auch: Die BRD der Sechziger- und Siebzigerjahre mit ihren Kriegsbrachen hat wenig zu tun mit dem Land, in dem unsere Kinder heutzutage aufwachsen. Die Stadt ist ein optimal genutzter Raum. Brachen, Wildwuchsflächen, vollgerümpelte Hinterhöfe gibt es kaum noch, schließlich ist das potenzieller Baugrund. [...]
Laut einer Studie des britischen Innenministeriums spielen 33 Prozent aller Kinder bis zu zehn Jahren nie ohne Aufsicht Erwachsener im Freien. Dieselben Eltern wundern sich, wenn ihre Kinder kaum noch dazu in der Lage sind, Spiele zu erfinden und die Eltern dauernd fragen, was sie machen sollen. [...]
Die dank der Elternängste neu entstandene Kindersicherheitsindustrie reibt sich die Hände: Jeder dritte Achtjährige besitzt ein Telefon, damit die Eltern wissen, wo ihr Kind gerade ist. Einige Telefongesellschaften bieten Rundumüberwachung an. Ist das Kind nicht pünktlich zu Hause, können die Eltern es über ihren Computer via GPS auf zehn Meter genau verorten. Bei anderen Handys kann man einstellen, dass sich das Kind nur 500 Meter von zu Hause fortbewegen kann; wird der Radius überschritten, sendet das Handy eine SMS an die Eltern. Da ist es schwer, ein Baumhaus zu bauen. [...]
Eines der erfolgreichsten Sachbücher in Amerika und England war in den vergangenen Jahren übrigens das "Dangerous Book for Boys", ein Buch, das Jungen erklärt, wie man Feuer macht, Baumhäuser baut, Pfeile schnitzt. Ein Zwölfjähriger schrieb an den Verlag einen Dankesbrief, weil ihm das Buch zum ersten Mal gezeigt habe, "dass es okay ist zu spielen".

Alex Rühle, "Ich sehe was, was du nicht siehst", in: Kinderleben. Das Familienmagazin der Süddeutschen Zeitung, 2/2008, S. 10ff.

Ein anderer außerfamilialer Bereich, der massiv auf die Sozialisation der Kinder Einfluss nimmt und dem sich die Eltern stellen müssen, sind die Medien wie Printmedien, Fernsehen, Mobiltelefone, Computerspiele und Internet. Von früh an versuchen ihre Anbieter die Kinder als Konsumenten zu gewinnen. Dabei verfolgen sie vorwiegend wirtschaftliche Ziele, die nicht unbedingt den Interessen der Kinder dienen, sie oft sogar gefährden können.

Die Ressourcen, die Eltern zur Verfügung stehen, haben Auswirkungen auf die Sozialisationsbedingungen ihrer Kinder. Vom Einkommen und Vermögen der Eltern hängen Angebote und Ausstattungsmöglichkeiten ab, die einen wichtigen Einfluss auf die soziale Teilhabe ihrer Kinder und das Anregungspotenzial in ihrem familialen Alltag haben. Eine schwierige Einkommenssituation, materielle Armut und Arbeitslosigkeit der Eltern können sich daher belastend auf die Erziehung der Kinder auswirken, zu Problemen in der Schule führen, die sozialen Kontakte der Kinder beeinträchtigen, ihnen soziale Anerkennung versagen und schließlich physische und psychische Beeinträchtigungen zur Folge haben. Oft führen schwierige wirtschaftliche Verhältnisse zu einer hohen Stressbelastung, die das Entwicklungsumfeld der Kinder stark stören und vereinseitigen kann.

Es ist umstritten, wie stark die Zusammensetzung der Familie die Sozialisation der Kinder beeinflusst. Wegen der Zunahme von Scheidungen und Trennungen wachsen immer mehr Kinder in Ein-Eltern-Familien, Stieffamilien und nichtehelichen Familienformen auf. Allgemeine Aussagen dazu, inwieweit diese die Entwicklung der Kinder beeinträchtigen oder fördern, sind nicht möglich. Zu viele Dinge spielen dabei zusammen. Da aber zum Beispiel das Armutsrisiko für Ein-Eltern-Familien im Vergleich zu anderen Familien wesentlich höher ist, leitet sich schon daraus ein größeres Risiko ab, dass Kinder aus diesen Familien benachteiligt werden.

8- bis 11 Jährigen (in %) beklagen, dass ihre Eltern zu wenig Zeit haben8- bis 11 Jährigen (in %) beklagen, dass ihre Eltern zu wenig Zeit haben
Auch die Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen, spielt für deren Sozialisation eine Rolle. Je weniger Familienzeit zur Verfügung steht, so könnte man schließen, desto eher besteht die Gefahr, dass Kinder - auch schon in früherem Alter - auf sich allein gestellt sind oder gar verwahrlosen. Da die Zeitknappheit vor allem dadurch entsteht, dass beide Eltern berufstätig sind, müssten grundsätzlich Kinder in allen sozialen Schichten der Bevölkerung davon betroffen sein. Befunde der World Vision Studie 2007 für Deutschland zeigen aber, dass keine einfachen Schlüsse zu ziehen sind: "Insgesamt geben 13 Prozent der Kinder an, ihre Eltern hätten beide zu wenig Zeit bzw. ein Elternteil habe zu wenig oder selten Zeit für sie. Davon sind es aber 35 Prozent derjenigen Kinder, die mit einem erwerbstätigen alleinerziehenden Elternteil zusammenleben und 28 Prozent, deren Eltern arbeitslos sind. Aus Sicht der Kinder ist folglich weniger das Ausmaß der Erwerbstätigkeit derEltern ein Indikator für Zuwendungsdefizite, sondern zusätzliche Belastungen, wie sie etwa Alleinerziehende haben oder die Alltagssituation in Familien, in denen Arbeitslosigkeit das Leben dominiert." Auch sind extreme Formen der Vernachlässigung, wie sie etwa im 19. Jahrhundert in Arbeiterfamilien häufig vorkamen, heute sehr selten. Zudem ist nicht allein die Quantität, sondern vielmehr die "Qualität" der Beschäftigung von Eltern und Kindern miteinander in der zur Verfügung stehenden Zeit wichtig.

Wie Eltern und Kinder mit Problemen oder Belastungen umgehen, wie sie Probleme lösen und Stress bewältigen können, ist bedeutsam für die Sozialisation. Da Eltern die Entwicklung ihrer Kinder stark beeinflussen, wirken sich ihre persönlichen Überzeugungen und Leitbilder wesentlich aus. Diese haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Die Leitbilder von Gehorsam und Unterordnung sind abgelöst worden durch Selbstständigkeit, Autonomie und freien Willen, Toleranz und Durchsetzungsfähigkeit. Allerdings scheinen unter der über 16-jährigen Bevölkerung Erziehungsziele wie Höflichkeit, Benehmen und Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit kaum an Bedeutung verloren zu haben.

ErziehungsstileErziehungsstile
Auch die Erziehungsstile haben sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Der autoritäre, strenge und (körperlich) strafende Stil des "Befehlshaushalts" ist zunehmend dem kameradschaftlichen Stil eines "Verhandlungshaushalts" gewichen. Trotzdem ist der Anteil von Familien, in denen die Eltern-Kind-Beziehung konfliktbeladen ist oder die Eltern streng sind und sich den Kindern weniger zuwenden, noch erheblich. Die Familiensoziologin Yvonne Schütze berichtet, dass heutzutage von diesem Stil vor allem Kinder betroffen sind, die in wirtschaftlich und sozial benachteiligten Familien, mit einem alleinerziehenden Elternteil oder in "Mehrelternfamilien" (Mütter und Väter mit neuen Partnern und unter Umständen deren Kindern) aufwachsen.

Empirische Analysen beschäftigen sich mit den Auswirkungen verschiedener Erziehungsstile. Danach scheint sich vor allem ein "autoritativer" Erziehungsstil bewährt zu haben, um "Eigenverantwortlichkeit" und "Gemeinschaftsfähigkeit" zu fördern. Er kontrolliert und setzt Grenzen, bleibt flexibel, begründet Forderungen, akzeptiert das Kind und setzt sich ernsthaft mit dem Kind und seinen Interessen auseinander. Der Familienpsychologe Klaus Schneewind spricht von "Freiheit in Grenzen". Der "autoritative" Erziehungsstil wird mittlerweile vielfach als Erziehungsmodell empfohlen und mit Anschauungsmaterial Familien näher gebracht.

Kinder lernen durch ihre Erfahrungen im Elternhaus. Diese beeinflussen nachgewiesenermaßen ihr späteres Bindungs- und Familienverhalten, ihre Orientierungen und Überzeugungen oder Lebensziele (intergenerationale Transmissionseffekte). Exakte Belege für solche generationsübergreifenden Übertragungseffekte sind nur schwer zu gewinnen und verlangen langfristig angelegte Entwicklungsstudien. In einer solchen Studie des amerikanischen Familienforschers Vern Bengtson, der das Leben kalifornischer Mittelstandsfamilien über vier Generationen hin untersucht hat, konnten nicht nur Effekte der Werteübertragung zwischen Eltern und Kindern, sondern auch zwischen Großeltern und Enkelkindern nachgewiesen werden.


Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen

Regierung und Wirtschaft diskutieren derzeit die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen. Bisher sind Chefetagen überwiegend von Männern besetzt, obwohl Frauen gleiche oder höhere Abschlüsse, Qualifikationen und Führungskompetenzen besitzen.

Mehr lesen