Familie und Familienpolitik

20.3.2009 | Von:
Johannes Huinink

Familienleben und Alltagsorganisation

Organisation des Alltags

Die Organisation des Paar- und Familienalltags ist komplizierter geworden. Da heutzutage beide Partner oder Eltern häufig berufstätig sind, muss mehr koordiniert werden, sind unterschiedliche Interessen miteinander in Einklang zu bringen.

Beziehungen, die auf Liebe und emotionaler Zuwendung beruhen, sind so zu organisieren, dass alle Beteiligten das Arrangement gerecht finden. Die Zeiten sind vorbei, in denen sich Ehepartner bereitwillig in ein klar vorgegebenes Raster von Aufgaben- und Rollenzuweisungen fügten, weil dies nach dem bürgerlichen Familienideal als Ausdruck gegenseitiger Liebe verstanden werden konnte oder weil dieses Muster durch konventionellen Zwang vorgegeben war. Heute handeln Partner und Eltern häufig in einem komplizierten Balance-Akt aus, wie sie am besten die emotionale mit der zweckmäßigen Seite einer Partnerschaft verbinden.

So sehr sich die Geschlechtsrollenbilder in unserer Gesellschaft geändert haben mögen - die Aufgaben sind nach wie vor geschlechtstypisch verteilt. Während die Frauen mehrheitlich waschen, bügeln, putzen, kochen, einkaufen und die Kinder betreuen, übernehmen die Männer eher Reparaturen und kümmern sich um finanzielle und behördliche Dinge. Frauen verbringen im Durchschnitt mehr Zeit mit Hausarbeit als Männer, auch wenn beide vollzeiterwerbstätig sind.

Die Ursachen für dieses überholte Rollenverständnis in den Familien und Paargemeinschaften sind nicht einfach zu benennen. Sicher gibt es immer noch Verhaltensnormen, zu denen unter anderem soziale Erwartungen an ein typisches Verhalten von Männern und Frauen im Haushalt gehören, die während der Kindheit vermittelt und verinnerlicht werden. Auch die Zuweisung der Geschlechter zu bestimmten Rollenmustern von Seiten der sozialen Umwelt und gesellschaftlicher Institutionen dürfte weiterhin für die Arbeitsteilung innerhalb von Partnerschaften bedeutsam sein.

Eine Arbeitsteilung im Haushalt ist ja auch durchaus sinnvoll, weil sie die Effizienz des Haushaltens vergrößert. Dass jeder alles macht, ist nicht erstrebenswert. Das Problem ist nur, wie die Hausarbeit organisiert wird und wie verhindert wird, dass man immer wieder aushandeln muss, wer was übernimmt. Die Übertragung traditioneller Geschlechtsrollenbilder könnte dabei eine Rolle spielen. Die Menschen greifen - unbewusst und ohne die Konsequenzen für sich zu bedenken - auf Muster zurück, den Alltag zu regulieren, die sie in der Kindheit kennen gelernt haben, so eine These. Aber auch andere Strategien sind beim internen Kampf um die Hausarbeit möglich - vor allem dann, wenn die Hausarbeit in einer Beziehung eine zunehmend untergeordnete Rolle spielt und pragmatische Lösungen gesucht werden. Personen, die sich weniger engagieren, profitieren vom Einsatz anderer Haushaltsmitglieder: Sie folgen dem Prinzip des geringsten Interesses (principle of least interest) und verhalten sich als "Trittbrettfahrer". Eine Aufgabe im Haushalt muss nur hinreichend lange liegen gelassen werden, bis jemand anderes sie aus eigenem Interesse erledigt. Ein Beispiel ist das Putzen: Derjenige Partner, der Schmutz am wenigsten erträgt, der die niedrigere Schmutzschwelle hat, wird eher beginnen zu putzen, und somit kommt der andere aufgrund seines - realen oder vorgetäuschten - geringeren Interesses an Sauberkeit in den Genuss einer sauberen Wohnung, ohne sich aktiv beteiligen zu müssen.

Aufgabenverteilung im HaushaltAufgabenverteilung im Haushalt
Doch so einheitlich traditionell, wie das Bild sich zunächst darstellt, ist die Arbeit in deutschen Haushalten nicht verteilt. In der Bundesrepublik gibt es zwischen Regionen und Lebensformen Unterschiede: In Ostdeutschland sind die Männer stärker an der Hausarbeit beteiligt als in Westdeutschland. In nichtehelichen Lebensgemeinschaften ist die Arbeitsteilung weniger traditionell, wenn auch in der Regel nicht gleichgewichtig organisiert. Es gibt Unterschiede zwischen verschiedenen Familienphasen. Die gleichberechtigte Organisation des Haushalts zwischen den Partnern klappt häufig solange, wie keine Kinder im Haushalt sind. Die Familiengründung ist dann spätestens der Zeitpunkt, zu dem das traditionelle Muster der Erledigung von Hausarbeit Oberhand gewinnt. Es trifft die Mutter, da sie in der Regel für einige Zeit zu Hause bleibt und dabei nicht nur die Kinder versorgen, sondern auch alle anderen Tätigkeiten überwiegend übernehmen kann. Offensichtlich gelingt es in den meisten Fällen nicht, im Vorfeld der Familiengründung die Männer an den gestiegenen Haushaltsbelastungen zu beteiligen. Die Tatsache, dass dies immer mehr eingefordert wird, soll mutmaßlich ein Grund dafür sein, dass immer mehr Männer darauf verzichten (wollen), eine Familie zu gründen.

Die Beteiligung der Kinder am Haushalt dürfte gering sein. Umfassendere Studien dazu gibt es nicht. Waltraud Cornelißen und Karen Blanke geben 2004 in ihrer Auswertung der Zeitbudgetdaten des Statistischen Bundesamts durchschnittlich eine Stunde "Familienarbeit" pro Tag für Jungen und je nach Alter eineinviertel bis anderthalb Stunden für die Mädchen an.

Auch der rasante Fortschritt der Technik, die bei Hausarbeiten zum Einsatz kommt, hat den zeitlichen Aufwand für Hausarbeit offensichtlich nicht entscheidend verringert. Sie bringt zwar Einsparungen mit sich, schafft aber auch neue Tätigkeitsfelder und -möglichkeiten. Waschmaschinen erleichtern die Reinhaltung der Bekleidung, dafür wird aber auch ein mehr an Kleidung öfter als früher gewaschen (und gebügelt). Eher noch könnte eine weitere Auslagerung von Aufgaben Entlastung schaffen. Damit ist nicht nur die Kinderbetreuung gemeint. Bei der Essenszubereitung kann man auf vorgefertigte Gerichte zurückgreifen. Fast Food hat die Ernährungsgewohnheiten vieler Menschen nachhaltig verändert, und Kinder sind besonders davon betroffen. Oder, wer es sich leisten kann, geht mittags in die Kantine und abends in ein Restaurant. Das Für und Wider dieser Angebote wird allerdings - auch in Hinblick auf die gesundheitlichen Begleitaspekte - kontrovers diskutiert.


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