Familie und Familienpolitik

20.3.2009 | Von:
Johannes Huinink

Familienleben und Alltagsorganisation

Familie und Sozialstatus

Die Leistungen der Familie für ihre Mitglieder hängen wesentlich von den verfügbaren Ressourcen ab, darunter Geld und Vermögen, Bildung und soziale Beziehungen. Wie unterscheiden sich die Lebenslagen von Familien in dieser Hinsicht und wie stark sind diese Unterschiede mit den verschiedenen Familien- und Lebensformen verbunden?

KarikaturKarikatur
Die Forschung zur sozialen Ungleichheit in einer Gesellschaft hat die Familie stark vernachlässigt. Soziale Ungleichheit wurde aus der gesamtgesellschaftlichen Perspektive betrachtet und als Ungleichheit zwischen sozialen Schichten untersucht und dokumentiert. Diese waren über den Berufsstatus, das Bildungsniveau und das Einkommen bestimmt. Kinder kommen in dieser Forschungstradition ebenfalls nicht ausreichend vor.

Materielle Armut

Die öffentliche Diskussion rückt den Zusammenhang zwischen Familie, Familienformen, Kinderzahl und sozialer Ungleichheit immer stärker in den Vordergrund - nicht zuletzt wegen der von vielen als skandalös empfundenen hohen Armutsquote von Kindern.

So wird im Datenreport 2008 des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2006 eine Armutsquote für Kinder bis 17 Jahren von 16,5 Prozent ausgewiesen. Betroffen von Armut sind vor allem Ein-Eltern-Familien, in denen überwiegend die Mütter mit ihren Kindern leben (35,4 Prozent). Auch Familien mit Migrationshintergrund sind überdurchschnittlich von Armut betroffen.

Einkommensverteilung nach fmilialen Lebensformen 2006Einkommensverteilung nach fmilialen Lebensformen 2006
Die Einkommenssituation von Familien unterscheidet sich also sehr voneinander. Mehr als die Hälfte der alleinerziehenden Frauen verfügt nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts über ein Familiennettoeinkommen unterhalb von 1300 Euro, das Pro-Kopf-Einkommen ist entsprechend niedrig. Der Spielraum für Ausgaben ist gering. In einer ähnlichen Situation befinden sich Familien mit vielen Kindern.

Kinder zu haben kann also erhebliche wirtschaftliche und damit auch soziale Benachteiligungen mit sich bringen. Beides ist in der Regel nicht auf das Unvermögen der Betroffenen zurückzuführen, sondern zu einem großen Teil Folge struktureller Behinderungen und "Rücksichtslosigkeiten" in der Gesellschaft, die Familien benachteiligen. Die materiellen Folgen sind wesentlich durch den Rückzug der Frauen aus dem Arbeitsmarkt nach der Familiengründung verursacht. Die größten Einbußen im Haushaltseinkommen treten nach der Familiengründung auf, wenn die Mütter nicht mehr oder nur reduziert arbeiten gehen, mit jedem weiteren Kind sinkt dann das Pro-Kopf-Einkommen weiter. Letztlich ist die schwierige Vereinbarkeit von Elternschaft und Erwerbstätigkeit also eine wichtige Ursache für sinkenden materiellen Wohlstand in Familienhaushalten.

Lebenslage von Familien

In der Ungleichheitsforschung herrscht seit einiger Zeit Konsens, dass das Einkommen und das Ausbildungsniveau von Menschen sowie eine daran festgemachte Zuordnung zu sozialen Schichten nicht genügt, um soziale Ungleichheit ausreichend zu charakterisieren und ihre Auswirkungen auf das Leben der Menschen darzustellen. Die Lebenslage der Menschen ist umfassender zu beschreiben - auch wenn sich daran zeigen lässt, wie viel letztendlich doch von Einkommen und Qualifikation abhängt. Zu weiteren Kriterien sozialer Ungleichheit gehören Aspekte der sozialen und beruflichen Sicherheit, Arbeits- und Freizeitbedingungen sowie regional unterschiedliche Lebensbedingungen. Formen der Benachteiligung bzw. Diskriminierung von sozialen Gruppen aufgrund ihrer ethnischen Identität, des Geschlechts oder sexueller Neigungen sind ebenfalls zu beachten.

Auch die Lebens- und Familienform ist Teil der Lebenslage von Personen und beeinflusst ihr individuelles Wohlbefinden, wenngleich auf andere Weise als Geld oder materieller Wohlstand. Allerdings beeinträchtigen materielle bzw. finanzielle Probleme vermutlich die Chancen, einen Partner oder eine Partnerin zu finden sowie eine Familie zu gründen und gefährden den Sozialisationserfolg von Eltern. Zu der materiellen Misere kommt daher oft die soziale hinzu.

Umgekehrt suchen Menschen, denen eine erfolgreiche Ausbildung oder berufliche Laufbahn verwehrt zu sein scheint, möglicherweise den Sinn ihres Lebens in der Elternschaft. So lassen sich zum Beispiel Fälle von Teenagemutterschaft begründen, die in der Bundesrepublik im Unterschied zu den USA oder Großbritannien allerdings selten sind. Die Mädchen versprechen sich von einer Mutterschaft eine Klärung ihrer eigenen Zukunft. Faktisch verbauen sie sich möglicherweise ihre Lebenschancen, wenn ihnen nicht geholfen wird, doch eine Ausbildung zu absolvieren und einen Beruf zu ergreifen. Die unvorteilhaften Lebensbedingungen dieser jungen Frauen am Beginn des Erwachsenenalters können sich darüber hinaus negativ auf die Lebenschancen ihrer Kinder auswirken.


Es gibt weitere Faktoren, an denen sich die Benachteiligungen in den Lebenslagen von Familien zeigen lässt. Familien mit vielen Kindern leiden in West- und Ostdeutschland oftmals unter schlechten oder beengten Wohnbedingungen. Sie leben zudem häufiger in Stadtvierteln mit mangelhafter Infrastruktur und schlechter Bausubstanz und in "sozialen Brennpunkten" der Städte. Untersuchungen zeigen auch, dass sie auf viele Konsumgüter verzichten und an Ausgaben für Möbel, Kleider und Qualitätsprodukte, Urlaub und Freizeitaktivitäten sparen müssen. Sie sind, was ihre Gesundheit, belastende Lebensereignisse, ihr subjektives Wohlbefinden, Alltagsprobleme und persönliche wie materielle Unterstützung durch soziale Netzwerke betrifft, schlechter gestellt.

Bildungsvererbung

In Familien wird soziale Ungleichheit weitergegeben. Offensichtlich haben Kinder aus Familien niedriger Einkommensstufen und eines niedrigeren Bildungsgrades, wie Arbeiter- und Migrantenfamilien, deutlich schlechtere Chancen, einen hohen Bildungsabschluss zu erreichen oder zu studieren, als Kinder aus wirtschaftlich und sozial privilegierten Familien mit hohem Bildungsniveau. Die Ergebnisse der PISA-Studien haben dieses auch Bildungsvererbung genannte Phänomen für alle beteiligten Nationen belegt. Für Deutschland ist dieser Zusammenhang besonders stark.

Ausländer und Deutsche: Ungleiche BildungswegeAusländer und Deutsche: Ungleiche Bildungswege
Er ist auf zahlreiche Ursachen zurückzuführen: Kinder aus statushöheren Elternhäusern können aufgrund der materiellen Besserstellung wirksamer gefördert werden und sind besser auf die Anforderungen in der Schule vorbereitet. Auch ist der Anteil des Einkommens, den diese Familien für die Bildung und berufliche Zukunft ihrer Kinder aufwenden, geringer als in statusniedrigeren Familien. Letztere müssen daher unter Umständen auf mehr verzichten (Opportunitätskosten), und sie streben deshalb eher nach einer Entlastung, das heißt nach einer kürzeren Bildungslaufbahn der Kinder.

Kinder aus statushöheren Elternhäusern können in der Regel von höheren Wissens- und Bildungskompetenzen der Eltern und einem intellektuell anregenderen Klima profitieren. Sie sind damit auch besser auf die sozialen und kulturellen Anforderungen in der Schule vorbereitet.

Eltern haben zudem unterschiedliche Bildungs- und Berufsziele für ihre Kinder. So wollen Eltern mit einem hohen sozialen Status in der Regel einen Statusverlust für ihre Kinder vermeiden. Für Eltern aus statusniedrigen Schichten ist dieses Motiv weniger wichtig. Ein höherer Bildungsabschluss der Kinder wird von ihnen möglicherweise gar nicht so hoch bewertet, weil ein zu starker Bildungsaufstieg der Kinder dazu führen könnte, dass sich ihre und die Interessen ihrer Kinder zu sehr voneinander entfernen. Die "Bildungsaspiration" von Eltern ist also unterschiedlich hoch.

In statusniedrigeren Familien werden die Risiken einer langen Ausbildung höher eingeschätzt, und ihre Kinder müssen vergleichsweise mehr leisten, damit ihnen eine längere Ausbildung mit dem Ziel eines akademischen Abschlusses zugestanden wird. Die frühe Entscheidung für eine weiterführende Schule in Deutschland (in den meisten Bundesländern nach dem 4. Schuljahr) ist daher besonders ungünstig.

Ein Grund hat allerdings nichts mit der Familie zu tun: Kinder aus sozial schwächeren Familien werden in der Schule, wenn ihre Leistungen eingeschätzt und die Schulempfehlung am Ende der Grundschule ausgesprochen wird, systematisch benachteiligt.


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