Familie und Familienpolitik

20.3.2009 | Von:
Johannes Huinink

Familienleben und Alltagsorganisation

Beziehungen zwischen den Generationen

Die familiären Beziehungen zwischen den Generationen sind auch im Alter für die individuelle Wohlfahrt der Menschen sehr wichtig. Die These vom Zerfall der Familie, die behauptet, dass dieses Solidarnetzwerk immer weniger funktioniert, ist aufgrund der Befunde vieler Studien nicht zu halten. Dies zeigen beispielsweise die Analysen der beiden Erhebungen des Alterssurveys, in denen in den Jahren 1996 und 2002 umfassende Informationen über das Leben älterer Menschen in Deutschland erhoben worden sind. Familienbande sind stark, das gilt bis heute. Die Alterssurveys belegen auch, dass Familie nicht an Haushaltsgrenzen endet, sondern über räumliche Distanzen hinweg als soziales Solidarnetzwerk funktioniert. Und die Generationenbeziehungen werden sogar wichtiger, so die allseits geteilte Auffassung der Familienforschung.

Familienmitglieder unterschiedlicher Generationen verbringen wegen der steigenden Lebenserwartung heute eine so lange Lebenszeit miteinander wie nie zuvor. Das hat zu einer Verstetigung bzw. Dauerhaftigkeit der verwandtschaftlichen Beziehungen geführt und gilt, obwohl Paarbeziehungen zunehmend brüchig werden. Das Verhältnis von Kindern und (Groß)Eltern ist in der Regel unkündbar und daher stabiler und verlässlicher. Ein weiteres Phänomen, das auch in der internationalen Forschung immer öfter betont wird, ist, dass die Großeltern an Bedeutung gewinnen.

Wegen der zurückgehenden Geburtenzahlen verringert sich allerdings das "Personal". Mehr, aber weniger stark besetzte überlebende Generationen sind die Folge dieser Entwicklung, die so genannten Bohnenstangen-Familien. Die drei oder vier Generationen leben, wenn die (Groß)Eltern schon betagt sind, eher nicht in einem Haushalt zusammen. Ältere Kinder und ihre Eltern wohnen aber zu einem hohen Anteil relativ nahe beieinander. Die räumlichen Voraussetzungen für gegenseitige Unterstützung auch im alltäglichen Leben sind daher in der Regel gut. Dabei werden emotionale Nähe und Hilfe sowie Unterstützung durch persönliche Interaktion und Kontakt, materielle und immaterielle Transfers, gegenseitige Hilfeleistung im Alltag oder in Notsituationen, Schenkungen und Vererbung als zentrale Dimensionen der intergenerationalen Solidarität genannt. Demgegenüber betonen andere Forschungen, dass Beziehungen der Generationen untereinander, wie vielleicht allen engen persönlichen Beziehungen, eine eigenartige Ambivalenz innewohne. Diese entsteht durch das Bedürfnis nach Nähe und Solidarität auf der einen Seite und das Streben nach Autonomie bzw. die Abwehr sozialer Kontrolle auf der anderen Seite. Darin ist immer auch der Konflikt als Teil der Realität der Beziehungen zwischen den Generationen angelegt.

Studien belegen, dass Familienmitglieder generell emotional sehr eng verbunden sind. Eltern und Kinder unterstützen sich und kommunizieren eng miteinander, zudem heute räumliche Distanzen einfacher zu überbrücken sind. Nach den Ergebnissen des Alterssurveys 2002 haben von den befragten 75- bis 80-Jährigen mit Kindern fast 90 Prozent mindestens wöchentlich persönlichen Kontakt zu ihnen.

Erbquote und Erbhöhe (in %)Erbquote und Erbhöhe (in %)
Untersuchungen des Familiensurveys und anderer Studien zeigen auch, welche Leistungen die Generationen füreinander erbringen, wenn Eltern und Kinder ein höheres Alter erreicht haben. Die Eltern unterstützen ihre Kinder überwiegend mit Geld und Sachwerten. Hinzu kommen Schenkungen von Eltern oder Großeltern sowie Erbschaften, die Jahr für Jahr an Umfang und Wert zunehmen. Das heißt natürlich nicht, dass nur materielle Güter vererbt werden, sondern auch Werte, die für die Familie von hoher ideeller Bedeutung sind. Erbschaften bilden somit unter Umständen ein verbindendes Element der Familienbeziehungen, sie geben aber auch Anlass zu erbitterten Auseinandersetzungen.

In der umgekehrten Richtung - von den Kindern zu den Eltern - überwiegen die praktischen Hilfen sowie Dienst- und Pflegeleistungen. Dazu gehört auch die Pflege hilfsbedürftiger alter Eltern. Nur fünf Prozent der Menschen im Alter von 65 und mehr leben in einem Heim. Schätzungsweise werden immer noch neun von zehn Pflegebedürftigen privat in Familien, in der Regel von Frauen, versorgt, wobei natürlich auch auf professionelle Hilfe zurückgegriffen wird. Es liegt aber auf der Hand, dass dieses die Beteiligten zum Teil erheblich belastet, was zu ernsthaften Problemen in den betroffenen Familien führen kann.

Quellentext

Pflege und Beruf

[...] Für die meisten Arbeitgeber ist es [...] ein großer Unterschied, ob ein Mitarbeiter morgens eine Greisin oder ein Kleinkind füttert. Das eine ist nach wie vor Privatsache, das andere nicht. [...]

Bisher sind Pflege und Beruf ungefähr so schwer zu verbinden wie Kindererziehung und Beruf - und auch dieses Problem müssen in erster Linie Frauen bewältigen, denn pflegende Männer [...] sind noch rar. Während 16 Prozent aller Frauen zwischen 40 und 54 Jahren sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern, tun das nur acht Prozent aller Männer gleichen Alters, und dies oft noch in geringerem Umfang. Sie kümmern sich eher ums "Pflegemanagement", heißt es in einer Untersuchung der Universität Mainz. Pflegende Frauen hingegen geben häufig mit Bedauern ihre Stellen auf. Wegen eines Pflegefalls geschehe das genauso oft wie wegen kleiner Kinder, so eine Studie für den jüngsten Altenbericht der Regierung. [...]
Noch stammen die gängigen Vorstellungen davon, wie alte Menschen ihre letzten Wochen und Monate verbringen sollten, aus der Zeit von Großfamilien mit vielen Geschwistern und Enkeln, die alle am selben Ort leben. Tatsächlich werden heute noch mehr als siebzig Prozent aller Pflegebedürftigen zu Hause betreut, in steigendem Umfang von professionellen Pflegekräften, aber oft auch von Angehörigen. Bei alten Männern kümmert sich meist die Ehefrau, bei alten Frauen die nicht berufstätige Tochter oder Schwiegertochter.
In den neuen Bundesländern pflegen mehr Männer ihre Angehörigen als in Westdeutschland, was vermutlich mit der höheren Arbeitslosigkeit dort zusammenhängt. Insgesamt seien die Strukturen in Deutschland "auf die Bedarfe der Pflegebedürftigen, der Betriebe und der traditionellen Aufgabenteilung in der Familie ausgerichtet", heißt es in einem Positionspapier des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Die Pflegenden und ihre Arbeitsplätze kommen in der Debatte bisher kaum vor.
Doch erwachsene Kinder leben häufig nicht mehr am selben Ort wie ihre Eltern. Viele Töchter und Schwiegertöchter haben Jobs, in denen sie flexibel und mobil sein sollen. Gerade auf die Frauen der geburtenstarken Jahrgänge kommen deshalb schwierige Entscheidungen zu. Sie wissen, was von ihnen erwartet wird, wenn die Eltern Hilfe brauchen. Aber wie sollen sie diesen Erwartungen gerecht werden? Und: Wollen sie es überhaupt?
[...] Viele Menschen, die Angehörige pflegen, werden selbst krank. Manchmal quälen sie die hilfebedürftigen Alten sogar und tragen mit Verspätung alte Konflikte aus der Kindheit aus. Oft ertragen sie die psychischen Belastungen nicht. Sie kommen nicht damit zurecht, dass die an Demenz erkrankte Mutter ihre Kinder nicht mehr erkennt oder sich plötzlich Zahnpasta in die Haare schmiert.[...]
"In der Öffentlichkeit ist viel von Missständen in den Pflegeheimen die Rede, aber in den Familien sieht es längst nicht immer besser aus, man erfährt nur weniger von Gewalt und Not", sagt Gabriele Tammen-Parr, Leiterin der Beratungsstelle Pflege in Not in Berlin.[...]
"Neben dem Geschlecht ist vor allem das Einkommen die prägende Dimension gelingender Vereinbarkeit", heißt es im Pflege-Positionspapier des DGB. Je kleiner das Gehalt und je schlechter die Ausbildung, desto größer ist die Bereitschaft, den Beruf zurückzustellen. Da sind schließlich jene 665 Euro im Monat, die die Kassen für die Pflege durch Angehörige zahlen - je geringer das Einkommen, desto eher taugt dieser Transfer als Teilersatz.
Doch für die allermeisten Berufstätigen ist die Pflegeversicherung bestenfalls eine kleine Hilfe. Eine Managerin mit einer 50-Stunden-Woche, deren todkranker Vater in einer anderen Stadt wohnt, braucht nicht in erster Linie Geld, sondern einen kooperativen Arbeitgeber. [...]

Elisabeth Niejahr, "Der heimliche Pflegenotstand", in: Die Zeit Nr. 12 vom 15. März 2007



Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen

Regierung und Wirtschaft diskutieren derzeit die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen. Bisher sind Chefetagen überwiegend von Männern besetzt, obwohl Frauen gleiche oder höhere Abschlüsse, Qualifikationen und Führungskompetenzen besitzen.

Mehr lesen