Familie und Familienpolitik

20.3.2009 | Von:
Irene Gerlach

Familienpolitik: Geschichte und Leitbilder

Leitbilder und Moral im Wandel

Das Verhältnis von Staat und Familie gewann vor allem in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs immer ein besonderes Profil. Oft versuchte der Staat, das Familienleben zu beeinflussen, um so mit den Mitteln des Rechts, mit der Änderung von Leitbildern oder durch finanzielle Anreize neue politisch-gesellschaftliche Strukturen zu sichern oder auch "alte" wieder herzustellen. Zentrale Elemente der französischen Familienpolitik - beispielsweise ihre Organisation über Familienkassen und die Dominanz von Arbeitgebern in der Finanzierung - entstanden schon im 19. Jahrhundert, nachdem die Geburtenzahl im Anschluss an die Französische Revolution zurück gegangen war und sich der französische Staat angesichts der Nationalstaatsbildungen in Europa in seinem Bevölkerungsbestand gefährdet sah. Der neue russische Staat erließ nach der Revolution schon im Dezember 1917 zwei Dekrete über die "Zivilehe, die Kinder und die Führung des Personenstandsregisters" sowie über die "Ehescheidung",die Ehe und Familie dem Verständnis des "neuen", freien, sozialistischen Menschen anpassten. So wurden Scheidungen erleichtert, der Mutterschutz ausformuliert und das Prinzip der Gleichberechtigung in der Ehe eingeführt.

Als mit der Weimarer Republik 1919 die erste deutsche Demokratie gegründet wurde, fand in den Artikeln 119 bis 121 der Weimarer Reichsverfassung (WRV) die Regelung von Familienleben erstmalig in Deutschland Eingang in eine Verfassung:
  • "Art. 119 WRV: (1) Die Ehe steht als Grundlage des Familienlebens und der Erhaltung und Vermehrung der Nation unter dem besonderen Schutz der Verfassung. Sie beruht auf der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter. (2) Die Reinerhaltung, Gesundung und soziale Förderung der Familie ist Aufgabe des Staates und der Gemeinden. Kinderreiche Familien haben Anspruch auf ausgleichende Fürsorge. (3) Die Mutterschaft hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge des Staates.
  • Art. 120 WRV: (1) Die Erziehung des Nachwuchses zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit ist oberste Pflicht und natürliches Recht der Eltern, über deren Betätigung die staatliche Gemeinschaft wacht.
  • Art. 121 WRV: (1) Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche, seelische und gesellschaftliche Entwicklung zu schaffen wie den ehelichen Kindern."
In der Weimarer Republik entstand eine ganze Reihe von Spezialverwaltungen in den Bereichen des Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswesens, die teilweise auch auf die Familien Einfluss zu nehmen suchten. So unternahmen zum Beispiel Vertreterinnen der Sozialverwaltung Hausbesuche, um vor allem Frauen in der Haushaltsführung und Kinderpflege zu unterweisen.

Das nachfolgende nationalsozialistische Regime widmete der Familie gesteigerte Aufmerksamkeit: Es gewährte erstmalig eine finanzielle Familienförderung, veranlasste umfassende rechtliche Änderungen und betrieb eine extreme symbolische Aufwertung von Familie. Dennoch kann in diesem Zusammenhang noch nicht von Familienpolitik gesprochen werden, da die Familie uneingeschränkt für die bevölkerungs- und rassepolitischen Absichten des Regimes instrumentalisiert wurde und zudem große Gruppen von Familien von den Maßnahmen ausgeschlossen blieben, wie zum Beispiel Juden oder politisch zum Regime in Opposition stehende Personengruppen. Diese zentrale Funktion von Familie im Politik- und Gesellschaftsbild des Nationalsozialismus findet sich in "Mein Kampf" von Adolf Hitler. Danach hätte der völkische Staat die "Rasse" in den Mittelpunkt des allgemeinen Lebens zu stellen und für ihre "Reinerhaltung" zu sorgen. Das Kind sollte zum kostbarsten Gut eines Volkes erklärt werden, und der völkische Staat hätte dafür Sorge zu tragen, dass nur "wer gesund ist, Kinder zeugt". Umgekehrt dürften der Nation aber auch keine gesunden Kinder vorenthalten werden. Der Staat als "Wahrer einer tausendjährigen Zukunft" müsste dem Wunsch und der Eigensucht einzelner entgegentreten.

Familie wurde in der starken Betonung des bevölkerungspolitischen Motivs zum Vehikel der "Produktion von Menschen", die das auf extreme Expansion ausgerichtete "Reich" zukünftig brauchen würde und die dabei seinen "rassehygienischen" Vorstellungen entsprechen mussten. Die nationalsozialistischen Gesetze zu Ehe und Familie erfüllten zugleich aber auch arbeitsmarktpolitische Funktionen, indem sie die Frauen vom Arbeitsmarkt drängten. Dass sich der Staat hier steuerungspolitische Vorteile sowohl im Hinblick auf sein bevölkerungspolitisches als auch sein arbeitsmarktpolitisches Motiv erhoffte, lässt sich daran ablesen, dass die entsprechenden Gesetze vergleichsweise früh verabschiedet wurden.

Die bedingungslose Instrumentalisierung des Familienlebens geschah dabei, ohne auf eine konzeptionelle Stimmigkeit der Politik zu achten: So führten die Nationalsozialisten mit dem Ehegesetz von 1938 erstmalig in Deutschland in Scheidungsverfahren den Zerrüttungstatbestand ein. Er verwehrte dem scheidungsunwilligen Partner jeglichen Einspruch bei Unfruchtbarkeit, "völkisch unerwünschter Altehe" oder dem Wunsch des Scheidungswilligen eine außereheliche Beziehung zum Zwecke der Familiengründung zu legalisieren. Gleichzeitig wurde die Familie symbolisch inszeniert und extrem aufgewertet. Der nationalsozialistische "Hausideologe" für die Familie, Horst Becker, beschwor das (idealisierte) Bild der bäuerlichen Familie aus dem 19. Jahrhundert. Kinderreiche Mütter wurden mit dem Mütterkreuz ausgezeichnet, und der Propaganda-Apparat verbreitete in der Öffentlichkeit das Bild der nationalsozialistischen Familie. Gleichzeitig wurde der Einfluss der Familie jedoch faktisch zurückgedrängt durch neu geschaffene Institutionen wie die Zweige der NS-Jugendorganisationen (Bund Deutscher Mädel und Hitlerjugend), die zu wesentlichen Sozialisationsträgern wurden. Auch der "Lebensborn" unterhöhlte die Institution Familie. Bei ihm handelte es sich um einen von der SS getragenen Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Geburtenzahlen von "arisch reinen" Kindern zu erhöhen. Dazu ermöglichte er es Frauen, in entsprechenden Einrichtungen anonym Kinder - oft aus nichtehelichen Verbindungen SS-Angehöriger - zu entbinden, die später zur Adoption frei gegeben wurden. Zudem war der Lebensborn für die Verschleppung "arischer" Kinder aus besetzten Gebieten zuständig.

Nationalsozialistische "Familiengesetze"Nationalsozialistische "Familiengesetze"
Die nationalsozialistische Funktionäre und ihre Familien folgten dem öffentlichen Bild von Familie nicht durchgängig. Das beste Beispiel dafür war Adolf Hitler selbst, der in nichtehelichen Beziehungen lebte, oder Magda Goebbels, die Frau des Propagandaministers Joseph Goebbels, die der Propagandaapparat zur Vorzeigemutter des Reiches stilisierte und deren Eheleben in keiner Weise dem öffentlich erzeugten Bild entsprach.

Familienleitbild der DDR

In der DDR versuchte die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands ein Familienleitbild nach sozialistischen Maßgaben zu schaffen. In der Zeit zwischen 1945 und der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 wurden in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zwei Entwürfe für ein Familiengesetz vorgelegt. Der eine wurde schon im Herbst 1945 vom Justizministerium der Landesverwaltung Sachsen vorbereitet, war "aus dem allgemeinen Wunsch nach einer gesetzlichen Basis für die Schaffung einer neuen Ordnung, die von der Familie auszugehen habe", entstanden und stark am Vorbild der Sowjetunion orientiert.

Der Demokratische Frauenbund Deutschlands legte einen zweiten Entwurf für ein Familiengesetz vor, der 1948 und 1949 vom Deutschen Volksrat zwar beraten, aber nicht verabschiedet wurde. 1950 wurde das "Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau" (MKSchG) verabschiedet. Es sollte Frauen die wirtschaftliche Selbstständigkeit garantieren und ihnen ermöglichen, ihre Aufgaben als Staatsbürgerin und Mutter zu vereinbaren. Darüber hinaus regelte das Gesetz die besondere Unterstützung kinderreicher Mütter, die Einrichtung von Kinderkrippen, Kindergärten, Wochenheimen und anderen helfenden Einrichtungen.

Zwar hatte schon das MKSchG einen Gesetzgebungsauftrag für ein Familiengesetzbuch enthalten, doch dauerte es bis 1965, bis ein solches auch verwirklicht wurde. Grund war die Uneinigkeit der Verantwortlichen darüber, ob die neue Familie erst durch die sozialistische Praxis geschaffen und dann rechtlich fixiert werden sollte oder umgekehrt. Zudem gab es Differenzen, wie Frauenpolitik im Verhältnis zur Familienpolitik gewichtet werden sollte. Seit dem VI. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) 1963 fand die Vorstellung von Familienbeziehungen "neuer Art" Eingang in die Diskussionen. Deren besondere Qualität bestehe weniger in materiellen Interessen, sondern in engen menschlichen Beziehungen, die auf die Gesellschaft zurückwirken sollten. 1958 waren dazu schon "Zehn Gebote der sozialistischen Moral" verkündet und 1963 in das Parteistatut der SED aufgenommen worden. Die "Gebote", welche die Familie betrafen, lauteten: "8. Du sollst Deine Kinder im Geiste des Friedens unddes Sozialismus zu allseitig gebildeten, charakterfesten und körperlich gestählten Menschen erziehen. 9. Du sollst sauber und anständig leben und Deine Familie achten."

Quellentext

Erfolge und Misserfolge der DDR-Familienpolitik

[...] Aufgrund der besonderen demographischen Situation nach Kriegsende war es für das wirtschaftliche Überleben beider deutscher Staaten unabdingbar, Frauen in den Arbeits- und Produktionsprozeß einzubeziehen. Da die DDR-Wirtschaft in den fünfziger Jahren noch zusätzlich unter der Abwanderung von Arbeitskräften und später unter technischer Rückständigkeit litt, blieb diese Notwendigkeit bis zum Ende der DDR bestehen. [...]

Frauen sollten neben ihrer Arbeit im Produktionssystem auch die "Reproduktionsaufgaben" der Gesellschaft übernehmen und den Kinderreichtum der DDR mehren.[...] Die Anzahl staatlicher Betreuungsplätze für Kleinkinder, Kinder und Schüler stieg im Laufe der Jahrzehnte stetig an. Im Jahre 1989 wurde ein nahezu vollständiger Betreuungsgrad erreicht. Dies begünstigte einen raschen Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit bis zu einer Rate von über 90 Prozent im Jahre 1989.[...]
Ihre bevölkerungspolitischen Ziele erreichte die SED jedoch nie. Die einfache Reproduktion der Bevölkerung, d.h. der Ersatz der Elterngeneration durch eine entsprechende Kinderzahl (damals etwa 2,1 Kinder pro Frau), gelang letztmalig im Jahre 1971. Durch spezielle Familienfördermaßnahmen (Kindergeld, Krediterlasse nach der Geburt von Kindern, Babyjahr, Pflegeurlaub etc.) stieg zwar die Geburtenrate in den siebziger Jahren zwischenzeitlich an, sank aber seit Anfang der achtziger Jahre wieder kontinuierlich. Zum Ende der DDR lag die Kinderzahl pro Frau bei durchschnittlich 1,7.
Ein Grund für den Mißerfolg der DDR-Bevölkerungspolitik war sicher die unzureichende Arbeitsteilung im Haushalt. Der tägliche Zeitaufwand für hauswirtschaftliche Tätigkeiten betrug bei Frauen in Familien mit Kindern über vier Stunden [...], während Männer in der Regel weniger als drei Stunden im Haushalt beschäftigt waren. Auch die Instabilität vieler Ehen - im Jahre 1989 kamen auf 137 000 Eheschließungen 50 000 Scheidungen - trug zur Verringerung der durchschnittlichen Kinderzahl bei. Daneben dürften auch die beruflichen Nachteile, die Frauen trotz gesetzlicher Gegenmaßnahmen nach der Geburt von Kindern zu erwarten hatten, deren Motivation zur Geburt vieler Kinder abgeschwächt haben.[...]
Die Frauen- und Familienpolitik der SED blieb primär an ökonomischen und demographischen Rastern ausgerichtet. Sie verzichtete völlig auf emanzipatorische Impulse, stellte das Rollenverständnis der Männer nicht in Frage und mutete den Frauen eine doppelte Belastung und mangelnde Chancengleichheit in Beruf und Gesellschaft zu. Aber: [...] im Ergebnis brachte sie den meisten Frauen bzw. ihren Familien eine Verbesserung der materiellen Lage, eine höhere Qualifikation und eine gewisse ökonomische Unabhängigkeit.
Klaus Schröder, Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR, München 1998, S.527ff.

Entwicklungen in der Bundesrepublik

Die zitierten Beispiele verdeutlichen einerseits die besondere Funktion, die dem Recht - sowohl dem Verfassungs- als auch dem Familienrecht - für die Familienpolitik zukommt, andererseits unterstreichen sie in ihrer speziellen Formulierung die besondere Bedeutung, die Moral in der Familienpolitik lange Zeit hatte.

Dies gilt - mit Einschränkungen - auch für Phasen der Familienpolitik, die der Gründung der Bundesrepublik Deutschland folgten und teilweise einhergingen mit Zielen einer Gleichstellungspolitik. Zunächst war dem westdeutschen Staat in den 1950er Jahren vor allem daran gelegen, die Situation der Nachkriegsfamilien zu verbessern, die von Unvollständigkeit, das heißt einem fehlenden Elternteil und/oder fehlenden Geschwistern, Vertreibung, mangelndem Wohnraum und fehlenden Arbeitsplätzen betroffen waren. Vielen Politikern schien dazu weiterhin das Modell der "bürgerlichen" Familie am ehesten geeignet, in der der erwerbstätige Vater dominierte, die Mutter sich auf Haushalt und Familie konzentrierte und allenfalls unter Umständen ehrenamtlich tätig war. Berufstätigen Frauen wurde "Wohlstandsfieber" und "Geltungsstreben" vorgeworfen. Dies belegt beispielsweise ein Zitat des ersten Bundesfamilienministers Franz-Josef Wuermeling (1953 bis 1962): "So ist die Mutter daheim, zumal derVater weithin nicht daheim ist, heute noch vielfach wichtiger als früher. Eine Mutter daheim ersetzt vielfach Autos, Musiktruhen und Auslandsreisen, die doch allzu oft mit ihrer Kinder gestohlenen Zeit bezahlt wurden". Auch in diesem Zusammenhang wurde Familie politisiert, wie ein weiteres Zitat von Wuermeling zeigt: "Millionen innerlich gesunder Familien mit rechtschaffend erzogenen Kindern sind als Sicherung gegen die drohende Gefahr der Völker des Ostens mindestens ebenso wichtig wie alle militärische Sicherung."

Rein rechtlich gesehen brauchte es von der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, 1949, an immerhin 28 Jahre, bis mit der Reform des Ehe- und Scheidungsrechts im Jahr 1977 die Grundlagen für die endgültige Übertragung des Gleichbehandlungsgebotes nach Art. 3 GG auf das Ehe- und Familienrecht geschaffen wurden und damit die Freiheitsrechte der Moderne vor allem auch für Frauen verwirklicht werden konnten. Bis dahin gab es einen Widerspruch zwischen dem in Art. 3 und 6 GG vermittelten, am Maßstab der gleichen Rechte orientierten Bild der Geschlechter und demjenigen im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), das ungleiche Rechte zementierte, indem es die Rollenteilung zwischen Mann und Frau vorschrieb. Mit dem Fortgang der Bundesrepublik Deutschland verlor insbesondere das "moralisierende" Recht stark an Bedeutung. So wurde 1976 das Schuldprinzip bei der Scheidung abgeschafft, in Stufen 1969, 1979 und 1997 wurden eheliche und nichteheliche Kinder in ihren Rechten gleichgestellt, und schließlichbrachte auch die formale Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Beziehungen Berührungspunkte zur Familienpolitik mit sich: Schon mit Verabschiedung des Lebenspartnerschaftsgesetzes 2001 wurde das "Kleine Sorgerecht" für Partner bzw. Partnerinnen in Fällen eingeführt, in denen leibliche Kinder mit in die Lebenspartnerschaft gebracht wurden. 2005 folgte das Recht zur Stiefkindadoption in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften.

Unterschwellig sind aber sowohl der parteipolitische als auch der öffentliche Diskurs in der Familienpolitik bis heute nicht frei von moralischen Urteilen und Vorurteilen. Dies wurde beispielsweise deutlich, als Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (ab 2005) im Frühjahr 2007 das Ziel formulierte, zumindest für 35 Prozent aller Kinder unter drei Jahren in Deutschland mittelfristig Betreuungsangebote zu schaffen. Das bedeutete, Deutschland im europäischen Vergleich der U3(Unter drei-)-Betreuung von einem der letzten auf einen Platz im vorderen Drittel zu bewegen und entspricht im Übrigen Zielsetzungen, die in europäischen Verträgen niedergelegt wurden. Zwischen den Parteien und in der Öffentlichkeit brach daraufhin eine stark emotional geführte Diskussion über das Wohl der Kinder aus.

In einer Position wurde die Ansicht vertreten, dass Kinder unter drei Jahren grundsätzlich zuhause (von der Mutter) am besten betreut würden und in Einrichtungen Schaden nähmen. Dem ließe sich entkräftend entgegenhalten, dass es sich bei dem Vorhaben nur um ein Angebot an gut ein Drittel der Kinder handeln sollte, zwei Drittel also weiterhin von den Eltern betreut würden. Auch könnte man Fragen nach der realen Betreuungssituation zuhause zulassen: Werden alle Kinder dort wirklich gefördert? Kann eine professionelle Betreuung nicht für manche Kinder auch vorteilhafter sein als die elterliche? Wie kann eine stundenweise professionelle Betreuung mit "intelligent" gelegten Arbeitszeiten von Mutter und Vater verbunden werden? Interessanterweise kommen in familienpolitischen Diskussionen dieser Art bis heute häufig Klischees zum Tragen: Eine "gute Mutter" kann demnach nur eine sein, die nicht erwerbstätig ist, Elternkompetenzen werden Lebenspartnern automatisch mit dem Erreichen desElternstatus' per Geburt von Kindern zuteil.

Quellentext

Kontroverse um die Kinderbetreuung

[...] Eben weil sich [in Deutschland] jeder als Experte fühlt [...], tobt der Kulturkampf ums Kleinkindwohl so aufgeregt und hektisch wie kaum eine politische Debatte der vergangenen Jahre.

Es ist ein Glaubenskrieg.
Drei völlig verschiedene Aspekte des Umgangs mit den Kleinen werden dabei munter durcheinandergeworfen. Erstens: Wie möchte ich als Elternteil leben? Möchte ich ganztags ins Büro oder daheim sein bei meinem Kind? Diese Frage muss jeder für sich beantworten.
Zweitens: In welcher Gesellschaft möchten wir leben? Sollen Frauen und Männer gleichberechtigt am Berufsleben teilnehmen? Müsste der Staat mehr Mittel in die Kinderbetreuung investieren? Wenn ja: Wie viel ist ihm die wert? Diese Fragen müssen politisch entschieden werden.
Schließlich drittens: Was eigentlich ist gut fürs Kind? Schadet ihm die stundenlange Trennung von der Mutter? Fördert gar umgekehrt die Krippe seine soziale Entwicklung? Hier ist die Wissenschaft gefragt. [...]
Die Ratlosen sind die Eltern. Mütter, die ihr Kind eben noch ganz unbesorgt betreuen ließen, beginnen plötzlich zu zweifeln: Ist mein Kind wirklich bestmöglich versorgt? Sollte ich doch den Job hinschmeißen? Was, wenn die Krippengegner recht haben?
Bin ich eine Rabenmutter?
Frauen wiederum, die ihre Berufstätigkeit um des Kindes willen aufgegeben haben, fragen sich: Wird es mir mein Kind am Ende überhaupt danken? Wird es mir nicht später vorwerfen, dass ich mich nicht um mich selbst gekümmert habe?
Bin ich eine Glucke? [...]
Kleinkinder, so die Erkenntnis aller Bindungsforschung, brauchen ihre Mutter. "Aber deshalb muss die Krippe noch nicht des Teufels sein, wenn man sich dort fürsorglich kümmert", schränkt die Kölner Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert von der Uni Köln ein.
Bemerkenswert differenziert scheinen selbst kleinste Kinder zwischen Mama und anderen zu unterscheiden. Dies gilt auch und gerade für ihre Betreuerin in der Krippe. "Die sind ja keine Waisen, die bei einem Erzieherwechsel eine Ersatzmutter verlieren", erklärt Ahnert. Die Kleinen erwarteten gar keinen Mutterklon. "Sie sehen die Erzieherin eher als Spielpartner."
Nimmt man diesen feinen Unterschied zur Kenntnis, entweicht der ideologischen Krippendebatte die ganze Luft. Keine Erzieherin soll und wird jemals eine Mutter ersetzen, keine Krippe an die Stelle der Familie rücken. In der Hauptsache geht es darum, Kinder werktags einige Stunden lang bestmöglich zu betreuen, zu fördern und die Eltern zu entlasten, indem sie qualifizierte Unterstützer an die Hand bekommen.
Es geht nicht um "entweder oder", sondern um "sowohl als auch". [...]
Tatsächlich ist das mütterliche Betreuungsmonopol, wie es in Deutschland praktiziert wird, weltweit die Ausnahme. "Wenn sich nur Kinder gut entwickeln würden, die in den ersten Jahren an ihrer Mutter kleben, dann wären die Kinder der Hausfrauen in den reichen Industrienationen die ersten und einzigen normalen Menschen auf der Erde", spottet der amerikanische Gelehrte Jared Diamond.
In der gesamten Menschheitsgeschichte sei die Erziehung ganz anders gelaufen: "Die meisten Kinder wurden in einem Netz von Tanten, Onkeln und Freunden erzogen, das hat unsere Spezies geprägt." Bis heute werden Kinder in jedem Volk anders großgezogen. "Und all die verschiedenen Betreuungsmodelle in der Welt generieren glückliche Menschen", sagt Heidi Keller (Kleinkindforscherin in Osnabrück - Anm. d. Red.). Das kann nur heißen: Es ist die Kultur, die darüber bestimmt, wie der Mensch umgeht mit seinen Babys. [...]
Nirgends wird beispielsweise die kognitive Entwicklung als so wichtig erachtet wie in den westlichen Industrienationen. Deshalb, so Keller, sei es nicht erstaunlich, dass hier die sprachliche Entwicklung besonders flott vonstatten geht: "Niemand labert seine Kinder so zu wie wir."
Andererseits verstauen westliche Eltern ihre Säuglinge in Kinderwagen und Babyschalen, anstatt sie auf dem Leib zu tragen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, bereiten sie ihren Nachwuchs damit vor auf eine Welt, in der Individualität und Autonomie mehr zählen als das Verschmelzen mit der Gemeinschaft.
Das heißt, die Eltern packen es automatisch richtig an - richtig im Sinne von: angepasst an die Kultur, in der das Kind aufwachsen wird. So wird es fit für die spezielle Ökologie seiner direkten Umgebung - eine beruhigende These in der deutschen Krippendebatte. [...]

Andrea Brandt / Rafaela von Bredow / Merlind Theile, "Glaubenskrieg ums Kind", in: Der Spiegel Nr. 9 vom 25. Februar 2008, S. 40ff.

Beruf - FamilieBeruf - Familie
Der "gute Vater" hingegen geistert als eher unspezifische Figur durch die familienpolitische Diskussion. Immerhin ist es mit dem Elterngeld, das ab 2007 für zwei Monate länger gezahlt wird, wenn der im ersten Lebensjahr nicht betreuende Elternteil (das ist in den meisten Fällen der Vater) diese Betreuung zwei Monate lang übernimmt, schon im ersten Jahr des Bestehens der neuen Regelung gelungen, die formale Betreuungsquote der Väter von zuvor 3,5 auf fast zwölf Prozent zu steigern, und im Folgejahr auf 16 Prozent. Ein großer Teil der beantragenden Väter betreut tatsächlich nur in diesen zwei Monaten, aber immerhin fast ein Fünftel auch in Zeiträumen bis zu einem Jahr.

Arbeitszeiten 2006Arbeitszeiten 2006
Auch in einem demokratischen und dem Ziel der Rechtgleichheit verpflichteten freiheitlichen Staat muss sich Familienpolitik mit Vorurteilen und moralisch begründeten Rolleninhalten auseinandersetzen. Sie ist gleichzeitig vor die Aufgabe gestellt, Familiengründungen und Familienleben in Formen zu ermöglichen, die Menschen sich wünschen und in denen zugleich die Leistungen erbracht werden, die für die Gesellschaft unverzichtbar sind.


Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen

Regierung und Wirtschaft diskutieren derzeit die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote für Führungspositionen. Bisher sind Chefetagen überwiegend von Männern besetzt, obwohl Frauen gleiche oder höhere Abschlüsse, Qualifikationen und Führungskompetenzen besitzen.

Mehr lesen