Familie und Familienpolitik

20.3.2009 | Von:
Irene Gerlach

Sozialstaatskonzeptionen und Familienpolitik

Familienpolitische Regimetypen

Grob lassen sich die folgenden familienpolitischen Regimetypen in Europa unterscheiden:
  • Das nordische Familienpolitikregime ist dem sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat zuzuordnen. Es betont die zentrale Rolle des Staates als Erbringer wohlfahrtsstaatlicher Leistungen, die Gleichheit der Geschlechter, das Wohlergehen des Kindes, eine hohe weibliche Erwerbstätigkeit sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Der Staat gewährt großzügige und universelle Leistungen an Familien und vor allem an erwerbstätige Eltern. Um zum einen Familien zu stärken und zum anderen größere individuelle Unabhängigkeit zu ermöglichen, bemüht sich die staatliche Wohlfahrtspolitik aktiv darum, dass die Familienmitglieder über andere als familiale Einkommensquellen abgesichert (De-Familialisierung) und in hohem Maße von marktmäßig erzieltem Einkommen unabhängig sind. (De-Kommodifizierung)
  • Das kontinentaleuropäische Familienpolitikregime zeigt sich in Staaten mit einem konservativen bzw. staatskorporatistischen Wohlfahrtsregime. Es betont die "traditionelle" Rolle der Familie und der Familienmitglieder, das heißt die "Versorger-Ehe" (in der Regel erwerbstätiger Mann, auf Familienarbeit beschränkte Frau) als Erbringerin von Wohlfahrtsleistungen. Es begrenzt die Frauenerwerbstätigkeit, und daher sind Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf geringer entwickelt, wobei die Leistungen an Familien allgemein als moderat eingestuft werden. Während der konservative Wohlfahrtsstaat durchaus einen hohen Grad an De-Kommodifizierung aufweist, ist sein Grad an De-Familialisierung gering. Wir finden diesen Typ etwa in Deutschland, Frankreich oder Österreich.
  • Das anglo-amerikanische Familienpolitikregime ist in liberalen Wohlfahrtsstaaten anzutreffen und betont die Rolle des Marktes als zentralem Erbringer wohlfahrtsstaatlicher Leistungen. Dieses Familienpolitikregime ist durch geringe staatliche Leistungen an (oft nur) bedürftige Familien gekennzeichnet, zugleich jedoch durch eine hohe Frauenerwerbstätigkeit. Dies kann aufgrund geringer Leistungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu Spannungen in den Familien führen. Im letzten Jahrzehnt wurden deshalb zusätzliche Maßnahmen ergänzt. Deren Charakter lässt sich durch die Workfare-Philosophie beschreiben, das heißt, es handelt sich um eine Kombination aus Arbeitsmarkt(Work)- und Wohlfahrtspolitik (Welfare), die Leistungen für Familien unter der Voraussetzung vorsehen, dass die Eltern einer Mindesterwerbstätigkeit nachgehen.
Diese Systematik ergänzende Analysen haben versucht, die südeuropäischen Staaten als "rudimentäre" Sozialstaaten zu beschreiben. In der Familienpolitik fallen alle Staaten Südeuropas (auszunehmen: Südosteuropa) durch extrem niedrige und bedürftigkeitsgeprüfte Leistungen auf, zugleich bilden sie in Bezug auf die Geburtenquoten in Europa die absoluten "Schlusslichter".

Defizite dieser Typologien sind zum Beispiel darin zu sehen, dass Deutschland und Frankreich trotz ihres unterschiedlichen Institutionen- und Finanzierungssystems in der Familienpolitik (Frankreich hat ein umfassendes System einer Familienkasse, und die Arbeitgeber haben in der Vergangenheit eine große Rolle bei der Finanzierung gespielt) demselben Typ zuzuordnen sind. Der Wert, den Familie im Leben der Menschen darstellt, geht zum Beispiel nicht in den Vergleich mit ein, er dürfte aber für die unterschiedliche Ausgestaltung von Familienpolitik und ebenso für die Tatsache, dass Frankreich heute wieder die höchste Geburtenrate Europas vorweisen kann, sehr bedeutsam sein.


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