Familie und Familienpolitik

20.3.2009 | Von:
Irene Gerlach

Sozialstaatskonzeptionen und Familienpolitik

Herausforderungen der Gegenwart: ein Resümee

Familie ist auch heute noch die zentrale gesellschaftliche Institution, die Individuen den Weg in ihr Leben ebnet, sie in ihrer Entwicklung unterstützt, sie in Krisenzeiten auffängt und Zeiten von Glück und Erfolg mit ihnen feiert. Für die Gesellschaft übernimmt Familie zentrale Aufgaben des Fortbestandes, der Sozialisation, des Zusammenhalts und vor allem - wie vom Fünften Familienbericht in den familienpolitischen Diskurs eingeführt - der Produktion von "Humanvermögen". Schon aufgrund dieser zentralen Funktionen, aber auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass in einem nicht zu vernachlässigendem Ausmaß Defizite bei der Erfüllung der familialen Funktionen festzustellen sind, bedarf Familie breiter gesellschaftlicher Unterstützung. Die Koordination und teilweise auch die direkte Sicherung der Hilfe erfolgt durch Familienpolitik.

Ein Rückblick auf die Familienpolitik der letzten Jahrzehnte im Verbund mit einer aktuellen Problemdiagnose lässt die Identifikation von vier zentralen aktuellen und zukünftigen Aufgabenbereichen zu:
  • In einem ersten Handlungsfeld geht es um die finanzielle Anerkennung von Familienleistungen und die Reduzierung der Opportunitätskosten. Das heißt, die Verzichtskosten, die Eltern leisten, um Kinder zu betreuen, müssen weitgehend von der Gesellschaft getragen werden. Eine besonders sensible Aufgabe ist angesichts des hohen Anteils Kinderloser in unserer Gesellschaft der Ausgleich zwischen Eltern und Kinderlosen. In den 1990er Jahren und zu Beginn des neuen Jahrtausends erließ das Bundesverfassungsgericht zahlreiche Urteile zum Familienlastenausgleich, die dem Gesetzgeber verbindliche Vorgaben für die Höhe sowie die Struktur von Leistungen bzw. steuerlichen Entlastungen für die Familie vorgaben. Die Mittel, die bis dahin lange Zeit als steuerliche Manövriermasse für die deutsche Familienpolitik genutzt wurden, konnten nun erstmalig systematisch, wirkungsorientiert und effizient für den Familienlastenausgleich eingesetzt werden.
  • Die Vereinbarkeit zwischen Erwerbsleben und Elternschaft unter dem Primat der Wahlfreiheit zu gewährleisten, ist ein zweiter wesentlicher Handlungsbereich. Dies ist - ableitbar aus der international vergleichenden Familienpolitikanalyse - die zentrale Stellschraube für die Erfüllung vorhandener Kinderwünsche bei den Menschen, aber auch für die Realisierung der ökonomischen Voraussetzungen für die Familiengründung. Angesichts der vergleichsweise ausgeprägten Instabilität von Familien, des hohen Risikos von Trennung und Scheidung und nachfolgenden Alleinerziehens für einen Elternteil bedeutet Vereinbarkeit aber auch Armutsvermeidung bei Familien. Und schließlich soll auch eine gesamtgesellschaftliche bzw. volkswirtschaftliche Perspektive nicht unterschlagen werden: Unter Berücksichtigung des für Deutschland in den nächsten Jahrzehnten prognostizierten Arbeitskräfterückgangs von über 30 Prozent sollte das vorhandene Potenzial gut ausgebildeter Frauen nicht vernachlässigt werden.
  • Vor dem Hintergrund, dass zunehmend Defizite in der Erziehung von Kindern beobachtet werden können, muss eine aktuelle und zukünftige Familienpolitik zum Ziel haben, die Elternkompetenz breit zu unterstützen und zu entwickeln. Diese Forderung mag erstaunen, doch gibt es deutliche Hinweise darauf, dass Elternkompetenzen keineswegs selbstverständlich sind, obwohl sie vielfach im öffentlichen Diskurs wie Instinkte behandelt werden. Wissen über Erziehungs-, Ernährungs- und Haushaltsfunktionen scheint in unserer Gesellschaft zumindest in Teilen verloren gegangen zu sein. Im Rahmen der PISA-Studien gaben darüber hinaus rund zwei Drittel der untersuchten Jugendlichen an, dass sich ihre Eltern nicht oder nur wenig für ihre schulischen Belange interessierten. Kinderbefragungen haben schon zur Mitte der 1990er Jahre gezeigt, dass viele Kinder sich zwar an ihre Eltern um Rat wenden, hilfreiche Gespräche oder Unterstützung aber häufig vermissen. Auch die World Vision-Studie 2007 wies eine vergleichsweise hohe Zahl von Kindern aus, denen die Zuwendung ihrer Eltern nicht ausreichte. Mit 28 Prozent war sie inssbesondere hoch bei Kindern, deren Eltern nicht erwerbstätig waren. Fehlende Elternkompetenzen bedeuten auf gesamtgesellschaftlicher Ebene mangelnde Unterstützung bei der Schaffung von "Humanvermögen". Gut ausgebildete Kinder und Jugendliche mit Sozialkompetenz, die sie vornehmlich im Elternhaus erwerben können, bilden das Kapital unserer Gesellschaft.
  • In Zusammenhang mit den beiden letzten Handlungsfeldern und darüber hinaus veranlasst durch die bildungspolitische Diskussion nach "PISA" ist es angeraten, Betreuung, Erziehung und Bildung stärker aufeinander abzustimmen. Erziehung obliegt - neben den Eltern - auch staatlichen Stellen auf kommunaler oder Landesebene, rechtlich ist sie durch Bundesgesetz, das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) geregelt. Bei der Betreuung stehen die Kommunen nicht nur in der Gewährleistungsverantwortung, müssen also ein ausreichendes Betreuungsangebot vorhalten, sie sind gleichzeitig für die Finanzierung von Gebäuden und (eines Teils) des Personals zuständig. Mit der 2008 verabschiedeten Schaffung eines Rechtsanspruches auf einen Betreuungsplatz für ein Drittel aller Unter-Drei-Jährigen ab 2013 hat sich diese Situation noch einmal verschärft. Dies gilt ungeachtet der Tatsache, dass der Bund und die Länder 2007 und abschließend mit dem Kinderförderungsgesetz 2008 zusätzliche Finanzierungsformen gefunden haben, um das Angebot zu entwickeln, da es sich hier erstens um Formen der außergewöhnlichen Finanzierung handelt und der Bund keinerlei Möglichkeit hat, die Mittelverwendung auf ihre ursprünglichen Zwecke oder bezüglich einer anzustrebenden Qualitätssicherung hin zu kontrollieren. Bildung gehört schließlich in den Bereich der Länderkompetenz, obwohl vieles dafür spricht, dass auch der Betreuung von Kindern vor dem Schuleintritt eine zentrale Bildungsfunktion zukommt. Darum erscheint eine Verbindung der drei Zuständigkeitsbereiche unverzichtbar. Sie dürfte allerdings angesichts der Kompetenzverteilung im deutschen Föderalismus eine Aufgabe sein, für die Lösungen allenfalls in ferner Zukunft sichtbar werden.

Quellentext

Familie war schon immer bunt

FR:
[...] Herr Bertram, wie werden Familien in zehn Jahren aussehen?
Hans Bertram: Bei den Familien mit deutschem Hintergrund werden wir zwei Standardformen haben: die klassische Familie, deren Existenzsicherung auf den Schultern von Mann und Frau liegt, und ein hoher Prozentsatz alleinerziehender Eltern. Migranten werden vor ihrem anderen kulturellen Hintergrund "Familie" wieder ganz anders leben. Und Familie ändert sich ja auch im Lebensalter, beispielsweise, wenn dann der 60-jährige Sohn mit der 90-jährigen Mutter zusammenlebt. Wir haben heute schon ein gewisses Maß solcher Buntheit erreicht.
FR: Diese Buntheit quält heute schon viele, weil sie nicht wissen, wo sie Vorbilder finden.
Bertram: Familien waren schon immer ziemlich bunt. Die Menschen müssen ihre privaten Beziehungen selbst organisieren. Das müssen alle aushalten. Von außen können nur Rahmenbedingungen geschaffen werden, die sicher stellen, dass man diese Buntheit leben kann. Das heißt beispielsweise, wenn ich als 60-jähriger Sohn für meine Mutter sorge, dann brauche ich, wenn es ihr schlecht geht, eine Auszeit. Die Bundesregierung hat darauf reagiert und vor kurzem beschlossen, dass man sechs Monate Pflegezeit in Anspruch nehmen kann.
FR: Müssen Männer und Frauen bei der Neuaufteilung der Rollen nicht auch mutiger werden?
Bertram: Die Männer sind, bevor Kinder kommen und noch beim ersten Kind relativ egalitär und kümmern sich auch um ihr Kind. Wenn dann das zweite Kind kommt, gibt es häufig eine Re-Traditionalisierung der Lebensformen. Das kann man nachvollziehen, denn wenn zwei oder mehr Kinder da sind, muss die Familie sehr genau auf ihr Einkommen schauen. Derjenige, der mehr verdient, wird also noch mehr arbeiten, um noch mehr zu verdienen. Und dann verfällt die Familie wieder in die klassische Form der Arbeitsteilung.
FR: Wie ließe sich das ändern?
Bertram: Frauen und Männer müssen gleich viel verdienen. Das ist hier zu Lande leider noch nicht der Fall. Wenn Mann und Frau gleich viel verdienen, dann werden die Rollen auf Augenhöhe ausgehandelt. Das geht aber nicht, wenn einer von beiden 20 Prozent weniger verdient. Hier müssen Politiker, Arbeitgeber und Gewerkschaften etwas tun.

Interview von Katharina Sperber mit dem Soziologen Hans Bertram, in: Frankfurter Rundschau vom 6. August 2007



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