Unternehmen und Produktion

7.3.2007 | Von:
Birgit Weber

Von der Selbstversorgung zum Weltmarkt

Arbeitsteilung und Spezialisierung

Arbeitsteilung ist eine grundlegende Voraussetzung für das Wirtschaften in fast allen Gesellschaften, sie gilt aber ebenso als Basis für das beispiellose Wachstum der Güterversorgung. Man stelle sich vor, jeder Mensch müsse das, was er zum Leben braucht, selbst herstellen. Berücksichtigt man lediglich die Befriedigung überlebensnotwendiger Grundbedürfnisse, müsste jeder selbst in Abhängigkeit von den Umweltbedingungen für Nahrungsmittel, Kleidung und ein Dach über dem Kopf sorgen. Eine Lebensform nach dem Motto "Selbstversorgung aus dem Garten" war in den 1980er Jahren für einige gesellschaftliche Gruppen eine interessante Option einer gesundheits- und umweltfreundlicheren Lebensweise. Die Selbstversorgung bezog sich aber letztlich nur auf einen relativ kleinen Bereich: Schon zur Verarbeitung der Nahrungsmittel bedurfte es nicht nur Messer, sondern auch Öfen, zur Reinigung der Kleidung wurden keine Waschbretter, sondern Waschmaschinen genutzt, zur Reise in die unberührte Natur waren Verkehrsmittel erforderlich, zu deren Herstellung dem Einzelnen sowohl die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten als auch die Mittel fehlten. Wenn schon allein die Befriedigung von Grundbedürfnissen mit solchen Schwierigkeiten verbunden war, wie sollte das bei der Aufzucht und der Bildung des Nachwuchses, der Minderung von Krankheiten, der Vorsorge im Alter gelingen, ganz zu schweigen von der Befriedigung kultureller Bedürfnisse.

Adam Smith (1723-1790), der Begründer der klassischen Volkswirtschaftslehre, hat am Beispiel einer Stecknadel deutlich gemacht, wiedurch arbeitsteilige Produktion in kurzer Zeit eine wesentlich größere Menge dergleichen Güter erzeugt werden kann.

Quellentext

Anstatt einer entstehen 4 800 Stecknadeln

Ein Arbeiter, der noch niemals Stecknadeln gemacht hat und auch nicht dazu angelernt ist [...], könnte, selbst wenn er sehr fleißig ist, täglich höchstens eine, sicherlich aber keine zwanzig Nadeln herstellen. Aber so, wie die Herstellung von Stecknadeln heute betrieben wird, ist sie nicht nur als Ganzes ein selbständiges Gewerbe. Sie zerfällt vielmehr in eine Reihe getrennter Arbeitsgänge, die zumeist zur fachlichen Spezialisierung geführt haben. Der eine Arbeiter zieht den Draht, der andere streckt ihn, ein dritter schneidet ihn, ein vierter spitzt ihn zu, ein fünfter schleift das obere Ende, damit der Kopf aufgesetzt werden kann. Auch die Herstellung des Kopfes erfordert zwei oder drei getrennte Arbeitsgänge. Das Ansetzen des Kopfes ist eine eigene Tätigkeit, ebenso das Weißglühen der Nadel, ja, selbst das Verpacken der Nadeln ist eine Arbeit für sich. Um eine Stecknadel anzufertigen, sind somit etwa 18 verschiedene Arbeitsgänge notwendig, die in einigen Fabriken jeweils verschiedene Arbeiter besorgen, während in anderen ein einzelner zwei oder drei davon ausführt. Ich selbst habe eine kleine Manufaktur dieser Art gesehen, in der nur 10 Leute beschäftigt waren, so dass einige von ihnen zwei oder drei solcher Arbeiten übernehmen mussten. Obwohl sie nun sehr arm und nur recht und schlecht mit dem nötigen Werkzeug ausgerüstet waren, konnten sie zusammen am Tage doch etwa 12 Pfund Stecknadeln anfertigen, wenn sie sich einigermaßen anstrengten. Rechnet man für ein Pfund über 4000 Stecknadeln mittlerer Größe, so waren die 10 Arbeiter imstande, täglich etwa 48 000 Nadeln herzustellen, jeder also ungefähr 4800 Stück. Hätten sie indes alle einzeln und unabhängig voneinander gearbeitet, noch dazu ohne besondere Ausbildung, so hätte der einzelne gewiss nicht einmal 20, vielleicht sogar keine einzige Nadel am Tag zustande gebracht. Mit anderen Worten, sie hätten mit Sicherheit nicht den zweihundertvierzigsten, vielleicht nicht einmal den viertausendachthundertsten Teil von dem produziert, was sie nunmehr infolge einer sinnvollen Teilung und Verknüpfung der einzelnen Arbeitsgänge zu erzeugen imstande waren.

Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen (1776), München 1978, S. 11f.

Die Vorteile der Arbeitsteilung für die Güterversorgung einer Wirtschaft beruhen zunächst auf zwei grundlegenden Gegebenheiten. Zum einen wird ein Arbeitsvorgang in mehrere Schritte zerlegt und ein einzelner Mensch führt nur noch jeweils einen dieser Schritte aus, so dass er durch Lernerfahrungen in diesem Bereich immer schneller und besser wird. Der amerikanische Ingenieur Frederick Winslow Taylor (1856-1915) perfektionierte dieses System mit dem Ziel, die Produktivität menschlicher Arbeit zu steigern. Die Minderung unnötiger Leerläufe durch Zeit- und Bewegungsstudien sowie Anreize durch ein auf Leistungssteigerung ausgerichtetes Lohnsystem ermöglichten zunächst einen erheblichen Produktivitätsanstieg menschlicher Arbeit. Die immer wiederkehrenden gleichen körperlichen Anstrengungen bei minimaler geistiger Beanspruchung wurden jedoch bald zum Inbegriff inhumaner Arbeitsgestaltung. Seine praktische Anwendung fand der Taylorismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst in den Fabriken der Ford-Automobil-Werke in Detroit.

Quellentext

Autos für jeden - zu welchem Preis?

Als um die Jahrhundertwende der amerikanische Ingenieur Frederick Winslow Taylor - nach Untersuchungen in den Schlachthöfen von Chicago und Cincinnati - darauf hinwies, dass Serienprodukte am billigsten hergestellt werden können, wenn die Arbeit in möglichst kleine Teilaufgaben zerlegt wird, fand dies nicht zuletzt bei Henry Ford I. großen Anklang. Tatsächlich gab ihm die mit der Fließbandfertigung einhergehende Produktionssteigerung mit sinkenden Stückkosten recht: Erforderte die handwerkliche Montage eines Ford "Modell T" (Tin Lizzy) zunächst 728 Minuten, so war die Angelegenheit am (gut zwei Kilometer langen) Fließband nach 93 Minuten erledigt. Zwischen 1909 und 1926 konnte daraufhin der Preis des Autos von 950 Dollar auf 290 Dollar gesenkt werden, obwohl die Arbeiter zeitweise mehr als doppelt soviel verdienten als bei der Konkurrenz. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Verfahren der Fließbandfertigung immer weiter perfektioniert: Arbeiten, bei denen am Tag 2000- bis 5000-mal der gleiche Handgriff getan werden musste, waren schließlich keine Seltenheit mehr. Gleichzeitig wurden alle dispositiven Arbeiten vom Band weg auf eine Angestellten-Hierarchie verlagert. In der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg zeigten sich jedoch zunehmend die Grenzen dieses Verfahrens: Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, Nervosität, Schlafstörungen und Herzbeschwerden wurden immer häufiger Symptome, unter denen die Arbeitnehmer am Fließband litten. Dies wiederum führte zu steigendem Krankenstand, zunehmender Fluktuation der Mitarbeiter und wachsendem Ausschuss in der Produktion.

Helmut Schmalen / Hans Pechtl, Grundlagen und Probleme der Betriebswirtschaft, 13., überarb. Aufl., Stuttgart 2006, S.226

Aufgrund der Kritik an diesen Auswüchsen inhumaner Arbeit wird Arbeitsteilung oft allein mit Fließbandarbeit assoziiert. Dabei wird aber übersehen, dass Arbeitsteilung nicht allein auf die industrielle Produktion begrenzt ist. Auch die "Bildung" eines Menschen, wird durch arbeitsteilige Institutionen gefördert - zunächst die Eltern, dann die Kindergärtnerinnen, schließlich die Lehrkräfte, die spezialisiert sind auf die Förderung von Kindern in den Grund- oder Sekundarschulen sowie auf den Unterricht in den unterschiedlichen Fächern. Immer werden von den professionell für einen Bereich ausgebildeten Personen auch besondere Eigenschaften, Fähigkeiten und Kenntnisse für ihren spezifischen Tätigkeitsbereich erwartet, so dass die Nutznießer der Güter und Dienstleistungen aufgrund der Spezialisierung auf eine besondere Qualität vertrauen. Somit kann das grundlegende Prinzip der Arbeitsteilung in allen menschlichen Gesellschaften zunächst als Beitrag zur Wohlstandsverbesserung begriffen werden, da sie erlaubt, Menge und Qualität der produzierten Güter zu erhöhen. Wenn der Einzelne sich auf die Produktion dessen spezialisiert, was er am besten kann, kann er seine Überschüsse gegen gewünschte Güter mit jenen tauschen bzw. handeln, die in anderen Bereichen produktiver sind.

Abgesehen von unterschiedlichen Talenten sind Arbeitsteilung, Tausch und Handel schon allein deshalb notwendig, weil keine unendliche Zeit zur Verfügung steht, um sich als Einzelner für die Herstellung aller benötigten Güter zu qualifizieren. Ohne Arbeitsteilung wäre nicht einmal ein Prozentsatz des gegenwärtig erreichten Ausmaßes an Güterversorgung denkbar. Die mit der Spezialisierung einhergehenden Lernerfahrungen ermöglichen Kostensenkung aufgrund höherer Produktionsgeschwindigkeit, sie führen zu sinkender Fehlerhäufigkeit und zur Verbesserung der Produktionsprozesse. Arbeitsteilung ist aus modernen Gesellschaften nicht wegzudenken.

Dennoch mag es für den Einzelnen vielleicht gar nicht erstrebenswert sein, nur eine begrenzte Anzahl von Fähigkeiten - im Extremfall einen Handgriff - zulasten aller anderen Befähigungen zu perfektionieren. Bei extremer Einseitigkeit drohen Entfremdung, Monotonie und Gesundheitsbelastungen für das Individuum. Dies beschrieb Karl Marx bereits 1848 im "Manifest der Kommunistischen Partei": "Die Arbeit der Proletarier hat durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Teilung der Arbeit allen selbständigen Charakter und damit allen Reiz für die Arbeiter verloren. Er wird ein bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird. Die Kosten, die der Arbeiter verursacht, beschränken sich daher fast nur auf die Lebensmittel, die er zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Rasse bedarf. Der Preis einer Ware, als auch der Arbeit ist aber gleich ihren Produktionskosten. In demselben Maße, in dem die Widerwärtigkeit der Arbeit wächst, nimmt daher der Lohn ab."

Arbeitsteilung ist grundsätzlich eine Voraussetzung zur Steigerung des Wohlstands, indem sie eine höhere Produktivität ermöglicht, mit steigenden Gewinnen und Arbeitseinkommen, niedrigeren Produktpreisen und geringeren Arbeitszeiten.

Vor- und Nachteile der ArbeitsteilungVor- und Nachteile der Arbeitsteilung
Sie ermöglicht über die Lerneffekte der Spezialisierung eine höhere Produktqualität und höhere Qualifizierungsmöglichkeiten für den Einzelnen. Lassen sich aber trotz höherer Produktivität die zusätzlich produzierten Waren nicht absetzen, kannes auch zum Verlust von Arbeitsplätzen kommen. Ist das Ausmaß der Spezialisierung zu eintönig, kann sie sich sowohl negativ auf die körperliche und psychische Gesundheit auswirken als auchdas Interesse an der Arbeit durch geringere Möglichkeiten der Selbstverwirklichungerheblich beeinträchtigen.

Arbeitsteilung ist zwangsläufig mit gegenseitigen Abhängigkeiten verbunden. So sind die weiterverarbeitenden Gewerbe auf die Rohstofflieferanten, die Produzenten von Vorprodukten sowie auf die Transportunternehmen angewiesen, die Händler benötigen die Produkte der produzierenden Gewerbe. Am Beispiel der Produktion des Gutes "Bildung" werden ebenfalls die wechselseitigen Abhängigkeiten durch die spezialisierte berufliche Arbeitsteilung, aber auch durch die Vielzahl der Produzenten deutlich. So ist der Unterricht in der Mittelstufe darauf angewiesen, dass bestimmte Fähigkeiten und Kenntnisse in der Grundschule erworben wurden, die Oberstufe baut auf den Ergebnissen der Mittelstufe auf. In den einzelnen Fächern wird ein grundlegendes Verständnis für Texte und Zahlen in Deutsch und Mathematik vorausgesetzt. Erforderlich für die Produktion des Gutes Bildung ist auch die Mitwirkung der Schüler und Schülerinnen als Koproduzenten. Doch damit nicht genug: Die Bildungsproduzenten inder Schule erwarten bestimmte Fähigkeiten im Sozialverhalten, wozu die Familie ihren Beitrag leisten soll, während die Ausbildung im Unternehmen oder an der Universität auf die in der Schule erworbenen Fähigkeiten vertrauen müsste, derweil die Schule aber wiederum darauf angewiesen ist, dass die Lehrer und Lehrerinnen in der Lehrerausbildung an Universitäten und Schulen die Fähigkeiten erwerben, angemessene Lernbedingungen zu schaffen. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen und verweist auf die gegenseitigen Abhängigkeiten bei der Produktion eines komplexen Gutes. Dieses Netz gegenseitiger Tauschabhängigkeit nennt man Interdependenz. Sie erfordert ein System, das die wirtschaftlichen Prozesse koordiniert.

Lohnkaufkraft - damals und heuteLohnkaufkraft - damals und heute
Arbeitsteilung ist aus modernen Gesellschaften nicht wegzudenken. Sie fördert sowohl Produktivitätsentwicklung als auch Kostensenkung, sie erhöht sowohl die Menge als auch die Qualität der verfügbaren Güter. Sie ermöglicht die Automatisierung -und damit auch den Wegfall - einfacher Tätigkeiten. Durch Spezialisierung werden stärker ausführende und stärker leitende Tätigkeiten getrennt mit Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit. Die Spezialisierung bedingt gegenseitige Abhängigkeiten, wobei die Erträge nicht zwangsläufig allen Beteiligten zu gleichen Teilen zufließen - wie die Spezialisierung auf Produzenten von Rohstoffen, Fertigwaren bzw. Dienstleistungen im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung zeigt. Arbeitsteilung existiert in unterschiedlichen Formen als
  • familiäre Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, zwischen Großeltern, Eltern und Kindern,
  • berufliche Arbeitsteilung zwischen unterschiedlichen Berufen,
  • betriebliche (technische) Arbeitsteilung bei der Erzeugung von Produkten als Arbeitszerlegung im Betrieb oder Produktionsteilung zwischen Betrieben,
  • volkswirtschaftliche Arbeitsteilung zwischen den unterschiedlicher Produktionsstufen der Urproduktion, des industriellen Sektors und des Dienstleistungssektors,
  • internationale Arbeitsteilung zwischen Ländern, die sich auf Produktionen spezialisieren, die sie im Vergleich zu anderen günstiger herstellen können.




Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarktpolitik ist in der Bundesrepublik Deutschland eines der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Sie ist einerseits "wahlentscheidend" und greift andererseits tief in die individuellen Belange der Bürger ein. Das Dossier stellt die theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktpolitik, die Ziele und die Akteure, die gesetzlichen Grundlagen und die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

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