Unternehmen und Produktion

7.3.2007 | Von:
Birgit Weber

Von der Selbstversorgung zum Weltmarkt

Betriebe, Firmen, Unternehmen

Betriebe bzw. Unternehmen sind die professionellen Akteure, die in modernen Gesellschaften für die Produktion und Bereitstellung von Gütern sorgen. Natürlich sind auch die privaten Haushalte nicht allein Konsumenten, sondern auch sie produzieren Güter und Dienstleistungen. Dies erfolgt aber in der Regel für den Eigenbedarf, wobei sie in hohem Maße auf die Gebrauchs- und weiterzuverarbeitenden Verbrauchsgüter aus Unternehmen angewiesen sind. Betriebe sind hingegen fremdbedarfsdeckende Wirtschaftseinheiten, die in jedem Wirtschaftssystem existieren. Sie kombinieren Produktionsfaktoren (Arbeit, Rohstoffe, Technik, Kapital), agieren nach dem Prinzip der Wirtschaftlichkeit und des finanziellen Gleichgewichts. Im normalen Sprachgebrauch werden die Begriffe Betrieb und Unternehmen, aber auch Firma und Fabrik und manchmal sogar völlig undifferenziert "die Wirtschaft" oft mit gleicher Bedeutung verwendet. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird eher Wert gelegt auf klar definierte Begrifflichkeiten. Aber auch hier existiert über manche Definitionen keine Einigkeit. Sind Unternehmungen durch die Merkmale Autonomie und Privateigentum definiert, die dem erwerbswirtschaftlichen Prinzip folgen, sind sie zentral mit dem marktwirtschaftlichen System verbunden. Nach dieser Definition kann es zwar öffentliche Betriebe, nicht aber öffentliche Unternehmen geben. Wird lediglich die Autonomie, nicht aber die Gewinnmaximierung und das Privateigentum zu den konstitutiven Merkmalen gerechnet, gibt es auch öffentliche Unternehmen. Laut Handelsgesetzbuch gilt als Firma der Name, unter dem ein Kaufmann seine Geschäfte betreibt. Damit kennzeichnet die Firma vor allem die kaufmännische Betriebsführung, während eine Fabrik letztlich nur das Gebäude ist, in dem die industrielle Produktion erfolgt.

Unternehmen nach BranchenUnternehmen nach Branchen
Unternehmen produzieren im Gegensatz zu den Haushalten für einen Markt, auf dem anonyme Dritte die Leistung der Unternehmen durch Käufe belohnen oder durch Nicht-Käufe bestrafen. Da die Konkurrenz ebenfalls um die Gunst der Nachfragenden wirbt, müssen Unternehmen deren Bedürfnisse berücksichtigen, da sie sonst auf ihrem Angebot sitzen bleiben. In der Annahme, dass die Konsumenten sich bei eigenen begrenzten Mitteln und einer Vielfalt von zu befriedigenden Bedürfnissen bei gleich guten Produkten zumeist für das günstigere Angebot entscheiden oder bei gleichem Preis das Produkt mit dem höheren Nutzen bevorzugen, müssen sich Unternehmen in der Konkurrenz mit anderen permanent um die Gunst der Kunden bemühen.

Die Rechtsform der UnternehmenDie Rechtsform der Unternehmen
Der Wettbewerb treibt sie an, nach Möglichkeiten zur Kostensenkung zu suchen, etwa durch sparsamen Umgang mit Ressourcen, günstigen Einkauf und effiziente Organisation der Produktion. Außerdem suchen die Unternehmen den Kunden zu verdeutlichen, dass das eigene Produkt ausgezeichnet - und aus der eigenen Sicht selbstverständlich besser als vergleichbare andere - deren Bedürfnisse befriedigen könne und deshalb auch seinen Preis wert sei. Nach Adam Smith trägt das eigennützige Gewinnstreben unter Wettbewerbsbedingungen - wie von unsichtbarer Hand gesteuert - zum Gesamtinteresse bei: Die professionelle Erstellung von Gütern und Dienstleistungen unter Wettbewerbsbedingungen führt knappe Ressourcen Verwendungen zu, die von den Nachfragenden durch die Zuführung von Kaufkraft belohnt werden. So leisten die Unternehmen einen Beitrag zur volkswirtschaftlichen Güterversorgung sowie zur Bereitstellung von Arbeitsplätzen und erbringen Steuern für öffentliche Leistungen.

Quellentext

Warum gibt es überhaupt Unternehmen?

Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften von 1991, Ronald Coase, fragte sich, warum es überhaupt sinnvoll ist, Unternehmen zu gründen, wenn doch eigentlich die ganze Wirtschaftstätigkeit kurzfristig über den Markt organisiert werden könnte. Dies hört sich zunächst etwas abwegig an. Man stelle sich nun vor, die Beschaffung der benötigten Produktionsfaktoren, die Erstellung der einzelnen Teile eines Gutes, das Controlling und der Vertrieb würden je nach Auftragslage kurzfristig am Markt besorgt. Jede einzelne Leistung und jeder einzelne Arbeitnehmer mit seinen spezifischen Qualifikationen müsste je nach Bedarf nachgefragt werden. Erforderlich wären also viele kurzfristige Verträge für die Beschaffung der notwendigen Ressourcen, den Absatz der Produkte, die Beschaffung des Kapitals, die Kontrolle des Ergebnisses mit vielen weiteren Personen. Dadurch entstehen sowohl Suchkosten für die Ermittlung der günstigsten Preise sowie Kosten für den Vertragsabschluss durch Verhandlungen, die Coase Transaktionskosten nennt. Müssen die Vertragsparteien beispielsweise noch spezifische Investitionen vornehmen, sind sie nach Abschluss der Verträge leicht ausbeutbar. Solche Investitionen, die nicht leicht auf die Produktion anderer Güter übertragen werden können, begünstigen die Einbeziehung in ein einheitliches Unternehmen und erschweren die Koordination über den Markt. Auf diese Weise können Unternehmensgründungen die Zahl der abzuschließenden Verträge mindern, da nicht jeder Besitzer eines Produktionsfaktors mit anderen Faktoreignern kurzfristige Verträge abschließen muss. Auf diese Weise werden Unsicherheiten und Transaktionskosten gemindert. Ein Unternehmen werde demnach das Ausmaß der Arbeitsteilung solange in der eigenen Organisation bewältigen wie die Such- und Vertragsabschlusskosten größer sind als die Kosten für die Aufrechterhaltung der Organisation.

Nach Ronald Coase, The nature of the firm, in: Economica, Vol. 4, No. 16 (1937), S. 386-405

Unterscheidungskriterien

Betriebsgröße und BeschäftigteBetriebsgröße und Beschäftigte
Unternehmen können unterschieden werden nach folgenden Kriterien:
  • Branchenzugehörigkeit, zum Beispiel grob nach Sachleistungs- oder Dienstleistungsbetrieben oder feiner nach Land- und Forstwirtschaft, Energie- und Wasserversorgung, Verarbeitendem Gewerbe, Baugewerbe, Handel, Verkehr und Nachrichten-übermittlung, Kreditinstituten und Versicherungsgewerbe, Dienstleistungen durch Unternehmen und freie Berufe;
  • Rechtsformen als Personen- oder Kapitalgesellschaften: Während bei den Personengesellschaften der Eigentümer gleichzeitig die Verfügungsgewalt hat und unbeschränkt haftbar ist, sind bei den Kapitalgesellschaften, den GmbHs und Aktiengesellschaften, die Eigentümer und diejenigen, die die Verfügungsgewalt ausüben, unterschiedliche Personen;
  • Größe gewichtet nach Zahl der Beschäftigten, Umsatz, Bilanzsumme oder Börsenwert. Als Kleinunternehmen gelten nach dem Handelsgesetzbuch solche mit weniger als 50 Beschäftigten, einer Bilanzsumme unter 3,44 Millionen Euro und einem Jahresumsatz unter 6,88 Millionen Euro, zu Großunternehmen rechnen Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten, einer Bilanzsumme über 13,75 Millionen Euro und mehr als 27,5 Millionen Euro Jahresumsatz;
  • Standort bzw. geographischer Ausbreitung als nationale, internationale oder multinationale Unternehmen;
  • Formalziel als Profit-Organisationen mit dem Ziel der Gewinnmaximierung oder als Non-Profit-Organisationen mit dem Ziel der Kostendeckung;
  • Unternehmensverbindungen nach dem Grad der Kooperation und Konzentration, wobei Arbeitsgemeinschaften ein gemeinsames Ziel realisieren wollen, etwa ein industrielles Großprojekt, Interessengemeinschaften langfristige Ziele verfolgen etwa als Einkaufskooperationen oder Werbegemeinschaften; Joint Ventures fungieren als Gemeinschaftsunternehmen mehrerer selbstständiger Unternehmen, während Kartelle Absprachen rechtlich und wirtschaftlich selbstständiger Unternehmen mit dem Ziel der Wettbewerbsbeschränkung sind. Von Unternehmenszusammenschlüssen, etwa als verbundene Unternehmen, spricht man, wenn ein Unternehmen über mehr als 50 Prozent der Stimmrechte oder Kapitalanteile an einem anderen Unternehmen verfügt, wenn zwei oder mehr Unternehmen unter der einheitlichen Leitung eines Konzerns stehen oder zwei Unternehmen zu einem neuen rechtlich und wirtschaftlich selbstständigen Unternehmen fusionieren. Schließlich sind Unternehmensverbände Interessengemeinschaften oder wirtschaftliche Verbünde.


Quellentext

Ansätze der Betriebswirtschaftslehre

Die Wissenschaft, die sich mit dem ökonomischen Handeln im Unternehmen und den Umweltbeziehungen von Unternehmen befasst, ist die Betriebswirtschaftslehre (kurz BWL). Als erkenntnis-orientierte Wissenschaft soll sie beobachtbare Sachverhalte beschreiben und erklären. Als anwendungsorientierte Wissenschaft wird von ihr Hilfestellung für eine effiziente Unternehmensführung erwartet. Uneinigkeit besteht bei ihren Vertretern darüber, ob die BWL als Sozialwissenschaft verstanden werden soll, wenngleich die meisten kaum abstreiten, dass in der unternehmerischen Praxis die Ergebnisse der Sozialwissenschaften berücksichtigt werden müssen. Der Betriebswirt Günter Wöhe geht davon aus, dass die Betriebswirtschaftslehre durch die Kunstfigur des homo oeconomicus die Analyse wirtschaftlicher Abläufe vereinfacht und damit die Konflikte zwischen Individuen ausklammert, mit denen sich die Sozialwissenschaften befassen. Nach diesem vorherrschenden Ansatz bezieht sich die BWL vor allem auf die durch Erträge und Kosten gesteuerte Unternehmensführung, deren Hauptaufgabe eine nach dem Wirtschaftlichkeitsprinzip organisierte Kombination der Produktionsfaktoren ist, wie sie der Nestor der deutschen Betriebswirtschaftslehre, Erich Gutenberg, als faktortheoretischen Ansatz begründet hat. Da eine solche BWL die menschliche Arbeit technologisch allein als "Produktionsfaktor" begreift, begründete der deutsche Ökonom Edmund Heinen eine entscheidungsorientierte Betriebswirtschaftslehre, die den ökonomischen Ansatz zwar nicht ersetzen, aber doch zumindest um die Berücksichtigung der wirtschaftlich entscheidenden und handelnden Individuen erweitern sollte. Der Ansatz ist auf die ökonomischen Zielsetzungen ausgerichtet, indem Entscheidungsprämissen für optimale Lösungen ermittelt werden. Dabei werden verschiedene sozialwissenschaftliche Ansätze zur Erklärung des menschlichen Verhaltens berücksichtigt. Gleichwohl stehen bei der Suche nach optimalen Lösungen betriebswirtschaftliche Ziele im Vordergrund, soziale Konflikte werden kaum berücksichtigt. Eng damit verflochten ist der institutionenökonomische Ansatz in der BWL. Dieser Ansatz nach Werner Neus untersucht vor allem die auf die Einkommenserzielung aller beteiligten Individuen bezogenen Entscheidungen und die Voraussetzungen ihrer Koordination. Dabei werden die institutionell vertraglichen Regelungen auf ihre Erfolgsbedingungen zur Realisierung von Kooperationsvorteilen untersucht. Angenommen wird, dass sich die Akteure eigennützig verhalten und dass ihre Informationen asymmetrisch verteilt sind.

Weil die vorherrschenden Konzeptionen die Entfaltungsinteressen der erwerbstätigen Menschen im Unternehmen eher vernachlässigten, strebte eine Projektgruppe im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des Deutschen Gewerkschaftsbundes eine arbeitsorientierte Einzelwirtschaftslehre an. Diese sollte die Interessen der erwerbsabhängig Beschäftigten an der Sicherung von Arbeitsplätzen und Einkommen sowie an der demokratischen und humanen Gestaltung der Arbeitsbedingungen stärker berücksichtigen. Kritisch erkenntnistheoretisch wurde zwar die einseitige Ausrichtung der herkömmlichen BWL auf die Kapitalinteressen aufgedeckt, der Ansatz fand aber keine praktische Anwendung, da die Selbstentfaltungsinteressen der Beschäftigten tendenziell über die Effizienz des Produktionsprozesses gestellt wurden ohne Berücksichtigung möglicher Leistungseinbußen. Die Einseitigkeiten der bisherigen Entwicklungen im Blick wurde in der jüngeren Vergangenheit vor allem in St. Gallen vonHans Ulrich eine systemorientierte Unternehmensführungslehre entwickelt, die sich als Managementlehre auf das Gestalten, Lenken und Entwickeln komplexer sozialer und auch ökologischer Systeme bezieht, die in enger Verbindung mit ihrer Umwelt und ihren Bezugsgruppen bestehen.
Das Unternehmen gilt dabei als offenes, lernfähiges, komplexes, zielgerichtetes, produktives, soziales und kybernetisches System mehrdimensionalen Charakters in Wechselwirkung mit seiner Umwelt. Ähnlich sozialwissenschaftlich ausgerichtet stellt Günter Schanz mit dem verhaltensorientierten Ansatz den Menschen als wirtschaftendes Individuum in den Mittelpunkt. Statt den durchgängig rational handelnden Menschen anzunehmen, werden sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zum menschlichen Verhalten unter Berücksichtigung soziokultureller Einflüsse einbezogen und vor allem für die Funktionsbereiche Organisation und Absatz fruchtbar gemacht. Schwierigkeiten ergeben sich allerdings bei der Integration der wenig quantifizierbaren verhaltenswissenschaftlichen Erkenntnisse in betriebswirtschaftliche Entscheidungsmodelle. Die ausgewählten betriebswirtschaftlichen Ansätze zeigen, dass die Betriebswirtschaftslehre kein funktionalistisches, einheitliches Gebäude ist. Inwiefern die BWL allein als eigenständige Wirtschaftswissenschaft zu begreifen ist oder als Bestandteil der Sozialwissenschaft, ist zumindest umstritten, während die Bedeutung der Integration betriebswirtschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse zumindest in der praktischen Umsetzung als erforderlich betrachtet wird.

Birgit Weber



Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarktpolitik ist in der Bundesrepublik Deutschland eines der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Sie ist einerseits "wahlentscheidend" und greift andererseits tief in die individuellen Belange der Bürger ein. Das Dossier stellt die theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktpolitik, die Ziele und die Akteure, die gesetzlichen Grundlagen und die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

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