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Entwicklungsdefizite und mögliche Ursachen

Uwe Andersen

/ 25 Minuten zu lesen

Labortechniker Mercy Oluya testet Blutproben auf HIV in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières) in den Kibera-Slum von Nairobi, Kenia. (© AP)

Streit um Begriffe

Der Begriff "Entwicklungsländer" (developing countries) ist sprachlich in gewisser Weise problematisch. Kritische Stimmen wie der schwedische Ökonom Gunnar Myrdal haben darauf hingewiesen, er unterstelle in unangemessen optimistischer Weise, dass diese Länder sich tatsächlich entwickelten. Dabei sei doch gerade die Frage, ob und wie sie sich entwickelten, klärungsbedürftig. Für die ärmsten Entwicklungsländer hat sich der Begriff "am wenigsten entwickelte Länder" (Least Developed Countries - LDC) durchgesetzt. Die Bezeichnung "Dritte Welt" wird meist historisch auf die Einteilung in Erste Welt (westliche Industrieländer) und Zweite Welt (östliche Industrieländer) bezogen, sodass die Entwicklungsländer dann als jüngste Ländergruppierung als Dritte Welt erscheinen. Er ist nicht etwa im Sinne einer Rangordnung ("drittrangig") zu verstehen. Der Begriff Dritte Welt wurde auch verwendet, um die Einheit dieser Ländergruppe zu betonen. Andere Fachleute haben die ärmste Teilgruppe, die "am wenigsten entwickelten Länder", noch als "Vierte Welt" ausgegliedert. Mit dem Ende des Ostblocks und der Pluralisierung der Entwicklungsländer wird der Benennung zunehmend fragwürdig.

Ländergruppen

Aber auch die mögliche sprachliche Alternative, der "Süden", ist problematisch. Nicht nur die geografische Zuordnung ist ungenau, da sich beispielsweise die wohlhabenden Staaten Australien und Neuseeland auf der Südhalbkugel befinden. Vielmehr legt der Begriff "Süden" eine Einheitlichkeit von Interessen und Handlungen nahe, die faktisch nicht oder nicht mehr vorhanden ist.

Die diskutierten Begriffe werden trotz wachsender Kritik überwiegend weiter verwendet - wie auch hier -, weil sie in den Sprachgebrauch eingegangen sind und bessere Alternativen fehlen. Man sollte sich aber der mit ihnen verbundenen Problematik bewusst sein. Unter "Entwicklung" können sehr verschiedene Dinge verstanden werden. Die 1977 unter Vorsitz des früheren deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt eingesetzte internationale "Unabhängige Kommission für internationale Entwicklungsfragen" (Brandt-Kommission) hat den Begriff wie folgt umschrieben: "Entwicklung ist mehr als der Übergang von Arm zu Reich, von einer traditionellen Agrarwirtschaft zu einer komplexen Stadtgemeinschaft. Sie trägt in sich nicht nur die Idee des materiellen Wohlstands, sondern auch die von mehr menschlicher Würde, mehr Sicherheit, Gerechtigkeit und Gleichheit."

Die wachsende Gefährdung des Ökosystems Erde hat ebenso ihren Niederschlag in der Entwicklungspolitik gefunden. Mitte der 1980er Jahre wurde der Begriff "Entwicklung" um das präzisierende Adjektiv "dauerhaft" oder "nachhaltig" (sustainable) erweitert. Die "Weltkommission für Umwelt und Entwicklung" (Brundtland-Kommission) hat in ihrem 1987 vorgelegten, an Industrie- wie Entwicklungsländer gerichteten Bericht folgende Definition gewählt: "Unter dauerhafter Entwicklung verstehen wir eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Die Forderung, diese Entwicklung 'dauerhaft' zu gestalten, gilt für alle Länder und Menschen. Die Möglichkeit kommender Generationen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ist durch Umweltzerstörung ebenso gefährdet wie durch Unterentwicklung in der Dritten Welt." In einem anderen Versuch ist Entwicklung betont als "menschliche Entwicklung" (human development) definiert worden.

Allgemein gilt es, die genannten Begriffe mit Vorsicht zu verwenden, weil dabei unbedacht Wertungen einfließen, die dem eigenen Kulturkreis entstammen und als Beurteilungsmaßstab zu Pauschalurteilen führen können.

Schwächen in der Binnenökonomie

Die folgende Zusammenstellung berücksichtigt Merkmale und spezielle Probleme der Entwicklungsländer im Bereich der Binnenökonomie.

  • Geringes Bruttonationaleinkommen pro Kopf: Als Maßstab für die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung wird meist das durchschnittliche Bruttonationaleinkommen (BNE, früher Bruttosozialprodukt BSP) pro Kopf herangezogen. Die Messung des BNE pro Kopf ist aber - und dies gilt für andere Merkmale teilweise in noch stärkerem Maße - mit methodischen Problemen verbunden, die die Aussagekraft einschränken und die bei der Verwendung berücksichtigt werden sollten. Eine Schwierigkeit ist bereits die Erfassung des BNE. Sie ist wenig zuverlässig und teilweise auf Schätzungen (zum Beispiel Produktion nur für den Eigenbedarf, also Subsistenzwirtschaft) angewiesen. Deshalb hat die Weltbank so genannte Kaufkraftparitäten entwickelt, bei denen für die Lebenshaltung der Bevölkerung repräsentative Warenbündel ermittelt und deren Preise miteinander verglichen werden. Die durchschnittliche Kaufkraft pro Kopf im Vergleich zum BNE pro Kopf lag in den Entwicklungsländern imJahr 2001 mehr als drei mal so hoch. Verantwortlich dafür sind die meist deutlich niedrigeren Preise des täglichen Bedarfs. Allerdings gibt es auch gegenüber Kaufkraftvergleichen methodische Vorbehalte, vor allem, wenn sie benutzt werden, um die Situation des ärmsten Bevölkerungsteils zu messen. Der Warenkorb der Armen ist anders zusammengesetzt als der durchschnittliche Warenkorb. Zudem sind die Preise auf dem Land und in der Stadt sowie zwischen den Regionen häufig sehr verschieden.

  • Extrem ungleiche Verteilung: Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Werte sind vor allem dann irreführend, wenn der künstlichen statistischen Gleichheit der Durchschnittswerte in den betreffenden Staaten real eine ausgeprägte Ungleichheit der Verteilung gegenübersteht. Das Monatseinkommen eines Plantagenbesitzers von 5000 Geldeinheiten und von 100 Plantagenarbeitern in Höhe von jeweils 50 Geldeinheiten ergibt addiert und durch die Personenzahl geteilt zwar ein durchschnittliches Einkommen pro Person von rund 100 Geldeinheiten; aber diese Durchschnittsgröße verrät nichts über die krasse Ungleichheit der Verteilung zwischen den genannten Personengruppen. Sie ist in den Entwicklungsländern sowohl regional als auch nach Personen sehr viel ausgeprägter als in den Industriestaaten.

  • Niedrige Spar- und Investitionstätigkeit: Ausdruck der für den größten Teil der Bevölkerung extrem geringen Einkommen ist auch eine niedrige Sparrate. Die Investitionstätigkeit wird zudem durch Kapitalflucht weiter geschwächt. Der vermögende Teil der Bevölkerung investiert häufig nicht im eigenen Land, sondern bringt große Teile des eigenen Vermögens in das als sicherer eingeschätzte Ausland, zum Beispiel auf vertrauliche Nummernkonten Schweizer Banken.

  • Unzureichende Infrastruktur: Der Ausbau der Wirtschaft wird durch eine mangelhaft ausgebaute Infrastruktur, zum Beispiel ein unzulängliches Verkehrs- und Kommunikationsnetz, behindert.

  • Unzureichende Schul- und Ausbildung: Obwohl der Anteil der Analphabeten (Menschen ohne Lese- und Schreibfähigkeit) an den über 15-Jährigen deutlich zurückgegangen ist, machte er 2001 in den Entwicklungsländern durchschnittlich noch ein Viertel aus. In den ärmsten Entwicklungsländern, mit Schwerpunkten in Südasien und Subsahara-Afrika, betrug er sogar mehr als ein Drittel. In mindestens einem Dutzend Länder kann mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen und schreiben, was nicht nur den wirtschaftlichen Aufbau beeinträchtigt, sondern diesen Menschen eine wichtige Voraussetzung für eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben vorenthält. Trotz teilweise großer Anstrengungen und auch Erfolgen im Schulbereich ist das von der UN-Erziehungskonferenz 1990 abgegebene Versprechen, bis 2000 weltweit eine Primarschulerziehung sicherzustellen, nicht erreicht worden. 2000 gab es noch 115 Millionen Kinder, die keine Schule besuchten, mit Schwerpunkt wiederum in Südasien und Subsahara-Afrika. Darüber hinaus gelingt es nur einem Viertel der Entwicklungsländer, alle Schulkinder auch über die gesamte Zeit der Primarstufe in der Schule zu halten.

  • Hohe, verdeckte Arbeitslosigkeit: Verdeckte Erwerbslosigkeit tritt vor allem im Zusammenhang mit dem informellen Sektor auf, der in vielen Entwicklungsländern ein Auffangbecken für Arbeitslose darstellt, die sich zum Beispiel mit Straßenhandel ihr Überleben sichern. Auch in der Landwirtschaft spielt verdeckte Arbeitslosigkeit eine Rolle, wenn beispielsweise ein Bauer für die Bewirtschaftung seiner kleinen Ackerfläche nur einen geringen Teil seiner verfügbaren Arbeitszeit benötigt. Von offener oder verdeckter Arbeitslosigkeit ist ein relativ hoher Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung in den Entwicklungsländern betroffen. Dabei ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit angesichts des großen Anteils der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung besonders bedrohlich. Neben der Arbeitslosigkeit spielen auch die Arbeitsbedingungen eine wichtige Rolle. In vielen Entwicklungsländern werden die von der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf propagierten Kernarbeitsnormen - insbesondere Verbot von Zwangsarbeit, Kampf gegen Kinderarbeit, Vereinigungsfreiheit der Arbeitnehmer in Gewerkschaften - nicht eingehalten.

  • Dominanz des primären Sektors: Der größte Produktionsbereich ist meist weiterhin der primäre Sektor (Land-, Forstwirtschaft, Fischerei und Bergbau) und hier insbesondere die Landwirtschaft. Allerdings hat sich der Anteil der Dienstleistungen im Laufe der Zeit deutlich erhöht, während der Industrialisierungsgrad vergleichsweise gering blieb.

  • Unzureichende Ernährung: Ungeachtet der Dominanz des Agrarsektors sind Unter- und Mangelernährung verbreitet und Hungerkatastrophen für Hunderte von Millionen Menschen in der Dritten Welt gegenwärtig und auch in absehbarer Zukunft bittere Realität. Schätzungen bewegen sich zwischen 400 und 880 Millionen. Viele Entwicklungsländer sind bisher nicht in der Lage, ihre wachsende Bevölkerung aus eigener Kraft ausreichend zu versorgen. In der Getreideversorgung zum Beispiel sind sie immer abhängiger geworden von Importen aus dem Norden, vor allem aus Nordamerika. Andere Entwicklungsländer, hauptsächlich in Asien, haben dagegen mit Hilfe der "Grünen Revolution" (Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität durch neue Anbaumethoden, insbesondere neue Sortenzüchtungen, aber auch neue kontroverse Debatten um die Risiken genetisch veränderter Nahrungsmittel) ihre Nahrungsmittelproduktion weit über das Bevölkerungswachstum hinaus steigern können. Zur Lösung desErnährungsproblems müssten viele Entwicklungsländer nicht nur hinreichendend viel produzieren, ihre Agrarstruktur reformieren und ihre Preispolitik zu Gunsten der Erzeuger ändern. Darüber hinaus ist es notwendig, die Nahrungsmittel besser zu verteilen, um die Versorgung der ärmsten Teile der Bevölkerung zu sichern.

Nachteile in der Außenwirtschaft

Als wichtige Merkmale der außenwirtschaftlichen Beziehungen der Dritten Welt gelten:

  • Ausrichtung auf die Industrieländer: Die Produktionsstruktur der Entwicklungsländer ist - so die Sicht der Kritiker - immer noch stark an den Märkten der Industrieländer orientiert, und der Außenhandel wird vor allem mit den westlichen Industriestaaten abgewickelt. Dies führt nicht nur zu starker Abhängigkeit von der westlichen Wirtschaftsentwicklung, sondern auch zu einer dualen Wirtschaftsstruktur in der Dritten Welt. Häufig existiert ein kleiner, moderner, leistungsfähiger Exportsektor, der aber als Fremdkörper in der überwiegend traditionellen Wirtschaft wirkt. Zudem wird gerade der moderne Sektor in vielen Fällen von transnationalen Konzernen beherrscht und von deren Zentralen in den Industrieländern gesteuert.

  • Einseitiges Exportangebot: Die Exportpalette der meisten Entwicklungsländer ist einseitig zusammengesetzt mit einem hohen Anteil mineralischer und agrarischer Rohstoffe, aber nur wenigen Halb- und Fertigwaren, insbesondere wenigen Industrieerzeugnissen. Eine Reihe von Entwicklungsländern bezieht den überwiegenden Teil ihrer Exporterlöse sogar nur aus dem Verkauf eines einzigen Produktes, wie zum Beispiel Burundi (Kaffee) oder Libyen (Erdöl). Diese Länder werden dadurch sehr empfindlich gegenüber Nachfrageschwankungen bei einzelnen Produkten und ihrer Preisentwicklung auf dem Weltmarkt.

  • Verschlechterung der Terms of Trade: Die Terms of Trade sind das in gleichen Währungseinheiten ausgedrückte Austauschverhältnis von Exporten und Importen eines Landes. Eine preisbezogene Verschlechterung der Terms of Trade bedeutet, dass ein Land für die gleiche Menge seiner Exportgüter (zum Beispiel Rohstoffe) nur eine geringere Menge seiner Importgüter (zum Beispiel Fertigwaren) beziehen kann, etwa weil die Preise seiner Importgüter stärker als die seiner Exportgüter gestiegen sind. Die Terms of Trade haben sich entsprechend der Zusammensetzung der Ex- und Importe für die einzelnen Entwicklungsländer und der zu Grunde gelegten Zeiträume sehr unterschiedlich entwickelt. Sie haben sich zum Beispiel für die Ölexportländer langfristig stark verbessert, während sie sich für die Rohstoffexporteure allgemein eher verschlechtert haben.

  • Hohe Auslandsverschuldung: Auslandsverschuldung ist grundsätzlich ein Mittel, den Engpass einer zu geringen Kapitalbildung im Inland durch Rückgriffe auf Auslandskapital zu mildern. Auf diese Weise kann ein Land sich über eigene Exporterlöse hinaus Devisen, also Geld in fremden Währungen, verschaffen, um zum Beispiel ausländische Investitionsgüter wie Maschinen zu importieren. Werden die ausländischen Kredite so verwendet, dass die damit bewirkte Produktions- und Exportsteigerung die für den Schuldendienst (Zinsen und Tilgung) erforderlichen Mittel übersteigt, erscheint die Kreditaufnahme für das Schuldnerland sinnvoll. In der Dritten Welt ist die Auslandsverschuldung seit den siebziger Jahren jedoch dramatisch angewachsen. Zu Beginn der achtziger Jahre führte sie in Verbindung mit ungünstigen weltwirtschaftlichen Bedingungen zum offenen Ausbruch der "Schuldenkrise", die auch westliche Gläubigerbanken mit hohen Kreditanteilen in der Dritten Welt zu ruinieren drohte.

Die wichtigsten Ursachen waren:

  • die Ölpreissteigerung für die ölimportierenden Entwicklungsländer;

  • der Preisverfall für wichtige Rohstoffe der Dritten Welt und zunehmende Handelshemmnisse der Industrieländer gegenüber Fertigwarenexporten;

  • zeitweilig extremer Zinsanstieg;

  • die unwirtschaftliche Verwendung von Kreditmitteln zum Beispiel für Prestigeobjekte oder Waffenkäufe.

Die Schulden der Entwicklungsländer

Betrug die Gesamtverschuldung der Entwicklungsländer im Jahre 1980 nach Angaben der Weltbank 647 Milliarden US-Dollar, so erreichte sie 2001 2332 Milliarden US-Dollar. Der Grad der Verschuldung ist in der Dritten Welt sehr unterschiedlich. Spitzenreiter sind Brasilien (2001: 226 Milliarden US-Dollar), China (170 Milliarden), Mexiko (158 Milliarden), Russland (153 Milliarden) und Argentinien (137 Milliarden). Die absolute Höhe der Verschuldung sagt noch wenig über die Fähigkeit aus, den Schuldendienst zu leisten und die damit verbundene Belastung zu tragen. Aussagefähiger ist in dieser Hinsicht die Schuldendienstquote, die den Prozentsatz der Exporterlöse angibt, der für den Schuldendienst aufgebracht werden muss. Sie war nach Angaben der Weltbank für die Schuldenspitzenreiter 2001 sehr unterschiedlich: Brasilien lag bei 28,6 Prozent, China bei 4,2 Prozent, Mexiko bei 14,1 Prozent, Russland bei 12 Prozent und das in einer akuten Krise befindliche Argentinien bei extremen 48,6 Prozent.

Die Schuldendienstquote zeigt aber auch an, dass Länder, deren absolute Verschuldung auf den ersten Blick nicht besonders hoch erscheint, von der Last dieser Schulden erdrückt werden. So erreichte zum Beispiel das zu den ärmsten Entwicklungsländern zählende Sierra Leone 2001 untragbare 74,3 Prozent. Im regionalen Vergleich entfällt die höchste Verschuldung auf die wirtschaftlich relativ besser gestellten Entwicklungsländer Lateinamerikas und der Karibik. Sie wiesen 2001 knapp ein Drittel der Gesamtverschuldung sowie eine Schuldendienstquote von 19,4 Prozent auf. Gezielte Maßnahmen wie die Initiative gegen die Verschuldung der am stärksten betroffenen Entwicklungsländer (Highly Indebted Poor Countries, HIPC - hoch verschuldete arme Länder) haben zur Stabilisierung der Gesamtsituation beigetragen, ohne dass das Verschuldungsproblem als gelöst angesehen werden kann.

Ökologische Probleme

Vielfach hat die Dritte Welt mit ähnlichen Umweltproblemen zu kämpfen, wie sie aus den Industrieländern bekannt sind, insbesondere mit den Folgeproblemen von Industrialisierung, Verstädterung und chemiegestützter Landwirtschaft. Das Tempo dieser Veränderungsprozesse und der armutsbedingte Verzicht auf ökologische Auflagen und Schutzmaßnahmen führen aber zu einer enormen Verschärfung der Umweltprobleme. Hinzu kommt, dass es sich in der Dritten Welt teilweise um besonders empfindliche, störanfällige Ökosysteme handelt. Obwohl die agrarisch genutzte Fläche unter dem Bevölkerungsdruck in der Dritten Welt noch ausgeweitet worden ist, wurde sie gleichzeitig entwertet, und zwar durch Überweidung und das Vorrücken der Wüste (Desertifikation), die Abtragung fruchtbarer Erde (Bodenerosion) und Versalzung des Bodens, Waldvernichtung zugunsten landwirtschaftlicher Nutzung und Waldschädigung, zum Beispiel durch übermäßige Entnahme von Feuerholz.

Die tropischen Regenwälder, die auf nur noch etwa sechs Prozent der Erdoberfläche circa 40 Prozent der biologischen Artenvielfalt beherbergen, gehen aufgrund von Edelholzeinschlag und Brandrodung dramatisch zurück. Allein zwischen 1975 und 1990 sind mehr als 220 Millionen Hektar tropischer Wälder vernichtet worden. 1990 bis 1995 wurden jährlich 12,5 Millionen Hektar zerstört. Bei konstanten Rodungsraten wäre nach Auskunft der Food and Agriculture Organization (FAO) 2050 mehr als die Hälfte aller Tropenwälder verschwunden.

Die Tropenwälder binden als "globale Lungen" unter anderem Kohlendioxid (CO2), und die Abholzung des Waldes ("Kahlschlag") trägt nach Meinung vieler Fachleute zur langsamen Klimaerwärmung bei. Dadurch werden wiederum niedrig gelegene Länder mit Überflutungskatastrophen ganz neuen Ausmaßes bedroht. Die starke Zunahme künstlich bewässerter landwirtschaftlicher Nutzflächen und die wachsende Verunreinigung und Vergiftung von Wasser führen zu einer gefährlichen Verknappung nutzbaren Wassers. Der immer kostbarer werdende Rohstoff Wasser, der durch grenzüberschreitende Flüsse verteilt wird, droht bei Eingriffen in den Naturkreislauf (zum Beispiel Stauwerke) zu gewaltsamen Konflikten zwischen Staaten zu führen.

Zu den wachsenden Umweltproblemen der Dritten Welt tragen häufig auch die Industrieländer direkt oder indirekt bei. So exportieren sie unter Ausnutzung der Notlage und vielfach mit Hilfe der Korruption gefährliche Abfallstoffe in Entwicklungsländer, um sie dort zu lagern. Mit einem Energie- und Rohstoffverbrauch, der pro Kopf gerechnet in den Industrieländern um ein Vielfaches höher liegt als in den Entwicklungsländern, geben die Industriestaaten darüber hinaus ein schlechtes Vorbild ab. Wenn Entwicklungsländern im Zuge globaler Umweltpolitik ökonomische Nutzungsverzichte (zum Beispiel zum Schutz der tropischen Regenwälder) zugemutet werden, ist es notwendig, sie dafür zu entschädigen.

Risikotrends der Bevölkerungsentwicklung

Eines der Schlüsselprobleme der Dritten Welt, das ihre Entwicklungschancen mindert, ist das starke Wachstum ihrer Bevölkerung seit dem 20. Jahrhundert. Der medizinische Fortschritt, insbesondere bei der Seuchenbekämpfung, hat auch in den Entwicklungsländern zu einem Rückgang der Sterbeziffer (Zahl der Verstorbenen pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner) geführt. Anders als in den Industrieländern ist die Geburtenziffer aber nicht im entsprechenden Maße abgesunken, auch wenn sie rückläufig ist. Daher wächst die Weltbevölkerung derzeit jährlich noch um 1,6 Prozent, und die UN erwarten, dass sie von 6,3 Milliarden 2003 bis 2050 auf knapp neun Milliarden steigen wird. Dabei wird die Bevölkerung in den westlichen Industriestaaten etwa bei 1,1 Milliarden stagnieren, in Europa sogar zurückgehen. Der Bevölkerungszuwachs konzentriert sich in Zukunft also auf die Entwicklungsländer. Mit dem stärksten prozentualen Bevölkerungswachstum, einer Verdoppelung von 0,9 auf 1,8 Milliarden Menschen, ist in Afrika zu rechnen. Der Anteil der Entwicklungsländer an der Weltbevölkerung von etwa fünf Sechstel 2003 wird bis auf etwa sieben Achtel 2050 weiter ansteigen. Die Chancen und Risiken des Bevölkerungszuwachses werden unterschiedlich bewertet, wobei auch die verschiedenen Ausgangsbedingungen wie Bevölkerungsdichte und Verfügbarkeit von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen eine Rolle spielen. Positiv wird das mit wachsender Bevölkerung größer werdende Potenzial an menschlicher Kreativität hervorgehoben. Auf der Negativseite stehen die mit einer großen Kinderzahl verbundenen Belastungen: Nahrungssicherung, Bereitstellung von Wohnungen und Schulen, die enormen Investitionen für die erforderlichen Arbeitsplätze und die Gefahr einer Überlastung der natürlichen Ressourcen. Das bisherige, durchaus beachtliche wirtschaftliche Wachstum der Dritten Welt hat sich aufgrund des Bevölkerungswachstums pro Kopf etwa halbiert. Die meisten Entwicklungsländer versuchen daher, das Bevölkerungswachstum zu verringern. Mögliche Mittel dafür sind die Heraufsetzung des Heiratsalters und die Verringerung der Geburtenzahl mit Hilfe verstärkter Familienplanung (Empfängnisverhütung). Die staatliche Steuerung in diesem intimen Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen ist jedoch umstritten.

Bisherige Erfahrungen zeigen, dass es für die Verringerung der Geburtenzahl auf eine Veränderung der Rahmenbedingungen ankommt. Eine allgemeine Erhöhung der Lebensqualität, breitere Bildung, eine Verbesserung der Situation von Frauen, verringerte Kindersterblichkeit, eine nicht mehr allein auf eine große Kinderzahl gestützte Altersversorgung sind wichtige Faktoren. Notwendig sind aber auch Mentalitätsveränderungen, zum Beispiel weg von der Fixierung auf männliche Nachkommen. Die Erfolge der Bevölkerungspolitik, insbesondere der Rückgang der Kinderzahl pro Frau, fallen in den einzelnen Entwicklungsländern und Weltregionen sehr unterschiedlich aus - am geringsten sind sie in den Ländern Afrikas südlich der Sahara. Der Altersaufbau der Bevölkerung in den Entwicklungsländern - etwa die Hälfte ist unter 20 Jahre - sorgt dafür, dass die Zahl der Frauen, die in das gebärfähige Alter kommen, noch lange zunehmen wird.

Schnelle Verstädterung

Zu den Merkmalen der Dritten Welt gehört nicht nur das explosive Bevölkerungswachstum, sondern auch dessen ungleiche Verteilung zwischen Stadt und Land. Obwohl die Geburtenrate in den Städten der Entwicklungsländer meist geringfügig unter der ländlicher Regionen liegt, ist der Bevölkerungszuwachs in den Städten sehr viel größer. Dazu trägt wesentlich die Landflucht (Migration) gerade jüngerer Menschen in die Städte bei, die nach Schätzungen der Weltbank etwa 25 bis 30 Prozent des Zuwachses ausmacht. Auch wenn die Verstädterung nicht nur Nachteile hat - als vorteilhaft erweist sich die Konzentration von Wirtschaftsfaktoren mit geringen Transport- und Kommunikationskosten -, werden vor allem die Verwaltungen der Großstädte überfordert, wenn sie die nötigen städtischen Infrastrukturleistungen bereitstellen sollen. So entstehen Slums, steigen die Kriminalität und die ökologische Belastung. Dennoch bleiben die urbanen Ballungsräume für die mobilen Teile der Landbevölkerung attraktiv, da sie bessere Einkommens- und Arbeitsmöglichkeiten sowie eine vorteilhaftere Versorgung mit öffentlichen Leistungen bieten.

Grenzüberschreitende Migration

Neben der Binnenmigration haben auch grenzüberschreitende Wanderungsbewegungen zugenommen, beschleunigt in den 1990er Jahren. Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Migrantinnen und Migranten, die außerhalb ihres Geburtslandes leben, 2000 auf 175 Millionen Menschen (1990: 154 Millionen). Ziel der Arbeitsmigration sind vergleichsweise attraktive Entwicklungsländer - zum Beispiel Südafrika für Menschen aus seinen Nachbarstaaten, die arabischen Golfstaaten für Arbeitssuchende aus Ägypten -, überwiegend aber die Industrieländer (2000: 62 Prozent).

Angesichts aktuell wachsender eigener Probleme wie Arbeitslosigkeit hält eine zunehmende Zahl der Zielländer den Zustrom von Zuwandernden für zu hoch und versucht, ihn zu steuern und zu begrenzen. Dies trifft auch die Flüchtlinge unter den Migranten, die 2000 16 Millionen (neun Prozent) ausmachten. Bürgerkriegsflüchtlinge ziehen größtenteils in ihreunmittelbaren Nachbarstaaten und stellen für diese häufig eine kaum tragbare zusätzliche Bürde dar. Weil die meisten Kriege auf der Südhalbkugel geführt werden, entfiel der größte Teil der Flüchtlinge 2000 auf Asien (neun Millionen) und Afrika (vier Millionen).

Mängel in Gesundheit und medizinischer Versorgung

Gesundheit ist ein zentrales Element für die Lebensqualität jedes Menschen und ein wichtiger Faktor für die Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung. Die in der Regel deutlich schlechtere gesundheitliche Verfassung der Bevölkerung in der Dritten Welt wird beeinflusst von der Ernährung, aber auch von den Wohnverhältnissen, von hygienischen Bedingungen und insbesondere dem fehlenden Zugang zu ausreichenden Mengen sauberen Trinkwassers, vor allem auf dem Land.

Welt-Aids-Bilanz 2004

Obwohl gerade bei der Bekämpfung von Epidemien in der Vergangenheit beachtliche Erfolge zu verzeichnen waren, stellen bestimmte Seuchen eine grenzüberschreitende Bedrohung dar, die wiederum am stärksten Entwicklungsländer trifft. Im Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit steht die Immunschwächekrankheit HIV/Aids; auch Tuberkulose und Malaria haben wieder an Bedeutung gewonnen und fordern in der Dritten Welt Millionen von Opfern. Angesichts von bisher 20 Millionen Aids-Toten und 38 Millionen HIV-Infizierten sowie der bisher höchsten Zahl von Neuinfektionen 2003 stellte die Welt-Aids-Konferenz 2004 in Bangkok das bisherige Versagen im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit fest.

Am stärksten ist derzeit das südliche Afrika mit extremen HIV-Raten von 20 bis über 30 Prozent betroffen. Die stärksten Steigerungsraten zeigen sich dagegen in Osteuropa und in den bevölkerungsreichen Ländern Asiens, denen ein Anstieg von sieben Millionen Infizierten 2003 auf 17 Millionen 2010 prognostiziert wird. Da Aids vor allem über ungeschützte Sexualkontakte und verschmutzte Drogenspritzen verbreitet wird, trifft das Virus vorrangig die jüngere Bevölkerung. Der im südlichen Afrika bereits beobachtbare Ausfall der besonders aktiven Jahrgänge führt zu katastrophalen sozialen, ökonomischen und politischen Folgen.

Das Beispiel HIV/Aids veranschaulicht die unzureichende medizinische Versorgung der Entwicklungsländer. Auch wenn es bisher keine Heilung von Aids gibt, können Medikamente den Ausbruch der Krankheit verzögern und Lebensqualität wie Arbeitsfähigkeit erhalten. Solche Medikamente stehen aber trotz politisch durchgesetzter Niedrigpreise und preiswerterer Nachahmerprodukte nur einem Bruchteil der Betroffenen in den Entwicklungsländern zur Verfügung. Allgemein ist die ärztliche Versorgung in den Entwicklungsländern viel schlechter als in den Industriestaaten, wobei noch die sehr ungleiche Verteilung zwischen Stadt und Land zu berücksichtigen ist.

Geringere Lebenserwartung

Als direkte Folge der Gesundheitsdefizite, aber auch größerer Gewaltbereitschaft, die sich in Kriminalität und ethnischen Konflikten äußert, liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in der Dritten Welt mit 64 Jahren (2001) um 14 Jahre hinter den Industrieländern zurück. Dabei ist der zentrale Indikator Lebenserwartung in den meisten Entwicklungsländern nach 1945 deutlich gestiegen, vor allem aufgrund geringerer Kindersterblichkeit. Sein jetziges Durchschnittsniveau erreichten die heutigen Industriestaaten erst nach 1930. Andererseits hat insbesondere HIV/Aids die durchschnittliche Lebenserwartung in einigen Ländern deutlich herabgesetzt. Sie liegt in acht afrikanischen Staaten (wie zum Beispiel Botswana) nur noch bei knapp 40 Jahren.

Soziokulturelle Hemmnisse

Hierzu zählen die

  • starke Orientierung an Primärgruppen: Im Vergleich zu Industriestaaten gibt es in den Entwicklungsländern eine sehr viel engere Bindung an "Nahgruppen", insbesondere an die Großfamilie, aber auch an die ethnische Gruppe oder die Dorfgemeinschaft. Zwar hat dies durchaus positive Aspekte wie Altersversorgung und soziale Abfederung, doch die Folge ist auch eine geminderte Loyalität gegenüber "abstrakteren" Sozialgebilden wie dem Staat. "Besitzer" eines privilegierten Arbeitsplatzes, beispielsweise in der Verwaltung, sehen sich unter Umständen verpflichtet, für den Lebensunterhalt oder das "Unterbringen" einer Vielzahl Verwandter zu sorgen;

  • geringere soziale Mobilität: Sie ist in traditionellen Wert- und Verhaltensmustern verankert und teils religiös untermauert, wie zum Beispiel beim indischen Kastenwesen. Geringere soziale Mobilität wird häufig als Hemmschuh für den Entwicklungsprozess angesehen, aber die Verbreitung dieses Faktors und die Stärke seiner kulturellen Verankerung in der Dritten Welt sind umstritten;

  • Benachteiligung von Frauen: Mängel bei der Gleichstellung der Geschlechter gibt es auch in den Industriestaaten, aber in der Regel sind Frauen in den Entwicklungsländern wirtschaftlich, sozial, rechtlich und politisch erheblich stärker benachteiligt. Sie stellen zum Beispiel einen deutlich höheren Anteil unter den Ärmsten sowie den Lese- und Schreibunkundigen, und die Einschulungsrate von Mädchen ist in der Dritten Welt niedriger als die von Jungen. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen hat einen geschlechtsbezogenen Entwicklungsindex (Gender Development Index - GDI) entwickelt, der für die Entwicklungsländer zwar im Zeitverlauf deutlich verbesserte Werte anzeigt, aber gegenüber den Werten der Industrieländer deutlich abfällt. Wird die Möglichkeit der Frauen in den Industriestaaten zur aktiven Vertretung ihrer Interessen, zum Beispiel ihre Rolle in der Politik, einbezogen, ist die geschlechtsbezogene Ungleichheit noch größer. Dabei spielen Frauen eine Schlüsselrolle im Entwicklungsprozess, und zwar nicht nur für Familienplanung, Kindererziehung, Gesundheit und Hauswirtschaft, sondern auch bei der wirtschaftlichen Erwerbstätigkeit, insbesondere in der Subsistenzwirtschaft, der Erzeugung von Produkten für den unmittelbaren Eigenverbrauch. Entwicklungschancen sind daher in hohem Maße mit einer Verbesserung der Situation von Frauen verknüpft. Vor allem gilt es, die gröbsten Diskriminierungen zu beseitigen und in mehr Chancengleichheit zu investieren.

Politische Strukturschwächen

Defizite in good governance

Good governance wird meist mit "gute Regierungsführung" oder "verantwortungsvolle Staatsführung" übersetzt und ist ein relativ weit gefasstes Konzept. Die Europäische Union hat es wie folgt umschrieben: "In diesem Sinne zeichnet sich eine verantwortungsvolle Staatsführung durch Transparenz, Verantwortungsbewusstsein, Partizipation, Gerechtigkeit und Achtung der Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit aus. Sie umfasst das gesamte staatliche Handeln gegenüber der Zivilgesellschaft, einschließlich der Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung und der gerechten Verteilung der Ressourcen." Seit Ende der 1980er Jahre spielt good governance als Voraussetzung für Entwicklung eine wachsende Rolle.

Teufelskreise der Armut

Der "Wind des Wandels" hat insbesondere in den 1990er Jahren dazu geführt, dass die Zahl der demokratischen Regime auch in der Dritten Welt deutlich zugenommen hat. 2001 galten von 191 Staaten 118 und damit die Mehrheit als demokratisch regiert. Die Durchführung von Wahlen und der formale Status als Demokratie bedeuten allerdings noch keineswegs, dass die anspruchsvollen Anforderungen von good governance erfüllt sind. Dies zeigt sich auch bei den folgenden beiden Konkretisierungen.

  • Verletzung der Menschenrechte: In der Abschlusserklärung der Wiener Menschenrechtskonferenz von 1993 heißt es in Artikel 5: "Alle Menschenrechte- sind universell, unteilbar, bedingen einander und hängen miteinander zusammen." Gleichwohl gibt es bereits Streit über den Rang unterschiedlicher Rechte. Politische Freiheitsrechte spielen in der westlichen Tradition im Verhältnis zu wirtschaftlichen und sozialen Grundrechten oder gar zu Gruppenrechten auf Entwicklung eine herausgehobene Rolle. Asiatische Regierungen berufen sich dagegen auf einen angeblich in ihrer Tradition verankerten Vorrang von Staat und Gesellschaft gegenüber individuellen Freiheitsrechten. Aber selbst wenn über die Anerkennung von grundlegenden Menschenrechten theoretisch Einigkeit besteht und die Regierungen sich zu deren Einhaltung vertraglich verpflichtet haben, bedeutet dies für die Praxis noch wenig. Wie die Berichte der Nichtregierungsorganisation Amnesty International belegen, ist Folter in vielen Staaten der Erde verbreitet, wiederum mit Schwerpunkt in Entwicklungsländern.

  • Korruption: Bestechung ist auch in Industriestaaten nicht unbekannt. In der Dritten Welt ist sie eher der Regelfall. Korruption begünstigt diejenigen, die bestechen können, und damit in der Regel Reiche und Privilegierte. Dazu gehören nicht zuletzt auch Akteure aus Industriestaaten, zum Beispiel Unternehmen. Ein weiterer schwer wiegender Nachteil ist der Verlust von Vertrauen in die Verwaltung und allgemeiner der Verlust von Legitimität des Staates bei den benachteiligten Bevölkerungsteilen. Weiter gefasst ist der Staat in der Dritten Welt häufig zum ökonomischen Beuteobjekt einer politischen Elite geworden - zulasten der Entwicklungschancen.

  • Gewaltsame Konflikte und hohe Rüstungsausgaben: Gewaltsam ausgetragene Konflikte sind keineswegs ein "Monopol" der Entwicklungsländer, aber die Bevölkerung in der Dritten Welt hat unter zwischenstaatlichem und innerstaatlichem Gewalteinsatz sehr viel stärker zu leiden als die der Industrieländer. So sind zum Beispiel allein zwischen1990 und 2001 57 größere bewaffnete Konflikte in 45 Orten/Regionen gezählt worden. Der Schwerpunkt liegt in Subsahara-Afrika, aber keine Entwicklungsregion der Erde ist verschont geblieben. Schätzungsweise starben dabei rund 3,6 Millionen Menschen. Besonders schockierend ist, dass es sich bei vermutlich über 90 Prozent der Opfer um Zivilpersonen handelt und von diesen wiederum wenigstens die Hälfte Kinder sind. Eine wichtige Ursache ist sicher in der schon genannten politischen Struktur - autoritäre und zugleich schwache Staaten mit hohem Gewalteinsatz und mangelnder Stabilität bis hin zu nicht mehr existenten staatlichen Institutionen (failed states) - der Entwicklungsländer zu suchen. Häufig waren an den Konflikten direkt oder zumindest indirekt auch die Industriestaaten beteiligt. Eine indirekte Beteiligungsform ist der Rüstungsexport. In einer Reihe von Entwicklungsländern, zum Beispiel Brasilien, ist aber auch eine eigene Rüstungsindustrie aufgebaut worden. Diese Länder sind inzwischen selbst am Waffenexport in andere Staaten der Dritten Welt beteiligt, und einige Entwicklungsländer geben für ihre Bewaffnung einen höheren Haushaltsanteil aus als für Gesundheit und Erziehung zusammen.

Viele der genannten Merkmale beeinflussen sich gegenseitig so, dass sie sich ringförmig verstärken ("Teufelskreise").

Ursachendiskussion

Die benannten Probleme werfen die Frage nach den Ursachen der Entwicklungsdefizite auf. Die wichtigsten Erklärungsversuche werden im Folgenden kurz diskutiert, wobei zur besseren Orientierung eine grobe Dreiteilung verwendet wird.

Natürliche Gegebenheiten

Sie stellen Potenziale dar, die die Menschen bereits als vorgegebene Bedingungen vorfinden. Als mögliche Ursachen der Unterentwicklung werden in diesem Zusammenhang genannt:

  • Rohstoffmangel: Unbestreitbar beeinflusst das Vorhandensein von natürlichen Rohstoffen die Entwicklungsmöglichkeiten, wie das Beispiel der finanzstarken arabischen Ölexportländer zeigt. Doch schon die Tatsache, dass sich rohstoffarme (zum Beispiel Taiwan, Schweiz) wie -reiche Länder (Zaire, Kanada) sowohl unter den Entwicklungs- als auch unter den Industrieländern befinden, macht deutlich, dass mangelnde Rohstoffausstattung schwerlich als Hauptursache der Unterentwicklung angesehen werden kann.

  • Ungünstiges Klima: Auch das Klima ist ein entwicklungspolitischer Einflussfaktor, indem es zum Beispiel die landwirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten mitbestimmt. Extrem "menschenfeindliches" Klima wie in Wüsten oder im "ewigen Eis" beeinträchtigt die Entwicklungschancen. Es kann sich entwicklungsfördernd - zum Beispiel in gemäßigten Breiten - oder entwicklungshemmend - zum Beispiel in den Tropen - auswirken. Dennoch zeigt sich im systematischen Vergleich, dass ähnliche klimatische Bedingungen keineswegs automatisch den gleichen Entwicklungsstand zur Folge haben.

Innere Ursachen

Darunter werden Erklärungsansätze verstanden, die beim menschlichen Verhalten in Gesellschaften beginnen.

Sonst wächst die Weltbevölkerung

  • Bevölkerungswachstum: Starker Bevölkerungszuwachs belastet viele Entwicklungsländer, weil er unter anderem auch deren Wohlstandsgewinne aufzehrt. Eine Rückführung der Geburtenziffer setzt Verhaltensänderungen der Bevölkerung voraus. Da es in der Dritten Welt aber auch Staaten geschafft haben, einen hohen Bevölkerungszuwachs mit wirtschaftlichen Verbesserungen zu verbinden, ist festzuhalten: Der Bevölkerungsanstieg verhindert Entwicklung nicht, muss aber als eher belastender Faktor gewertet werden. Bei der Frage nach dem Zusammenhang von Bevölkerungszuwachs und Entwicklungsstand hat sich erwiesen, dass Fortschritte bei der wirtschaftlichen Entwicklung nach den bisherigen Erfahrungen die Geburtenrate verringert haben.

  • Kapitalmangel: Häufig sind in der Dritten Welt Kapitalmangel und damit verbundene unzureichende Sachinvestitionen anzutreffen und als zentrale Ursachen des wirtschaftlichen Entwicklungsrückstandes gegenüber den Industrieländern angegeben worden. Anreize für eine höhere Sparbereitschaft und die Kapitalanlage im Inland (Verhinderung von Kapitalflucht, Anlocken von Auslandskapital) können die Situation jedoch verbessern. Andererseits belegen die einkommensstarken Ölexportländer, dass Verfügung über Kapital nicht unbedingt eine breit angelegte gesellschaftliche Entwicklung garantiert.

  • Traditionsorientierte Kultur und Wertordnung: Für die wirtschaftlichen Entwicklungsdefizite, etwa das Fehlen einer schöpferischen, änderungswilligen Unternehmerschicht, werden häufig die traditionsorientierten gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere die religiösen Traditionen, verantwortlich gemacht. Sie als entscheidendes Entwicklungshemmnis zu benennen, ist jedoch nicht haltbar. Vielmehr gilt es, die Anpassungsfähigkeit und das Entwicklungspotenzial der einzelnen Religionen im Zusammenhang mit den jeweils besonderen gesellschaftlichen Verhältnissen zu untersuchen und den Einfluss der jeweiligen Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu berücksichtigen. Eine "positiv" gemeinte, gleichwohl höchst problematische Position macht für den Modernisierungrückstand der Entwicklungsländer pauschal andere Wertmaßstäbe der Bevölkerung in der Dritten Welt verantwortlich: Diese räume etwa der freien Verfügung über Zeit einen viel höheren Stellenwert ein als materiellen Gütern, sie sei "arm, aber glücklich". Für die meisten Menschen in Entwicklungsländern ist im Gegensatz dazu eine "Revolution der steigenden Erwartungen" zu beobachten: Bezugspunkte sind häufig Lebensstandards und Konsummuster der Industrieländer, zu deren Verbreitung der internationale Tourismus und der weltweite Einsatz von Massenmedien beigetragen haben.

Äußere Ursachen

Als dritter Erklärungsversuch für Unterentwicklung gelten äußere Ursachen. Gemeint sind Einflüsse, die vom Umfeld der Entwicklungsländer, die ja Teil des internationalen Systems sind, ausgehen. Dabei sollen drei besonders umstrittene Thesen diskutiert werden.

  • Kolonialismus: Von wenigen Ausnahmen - zum Beispiel Äthiopien und Liberia - abgesehen wurden die Länder der Dritten Welt im Zeitalter des Kolonialismus durch die Kolonialmächte ihrer politischen, ökonomischen und soziokulturellen Selbstständigkeit beraubt. Die "Mutterländer" richteten ihre Kolonien auf ihre Interessen aus und zwangen sie in eine ungleiche internationale Arbeitsteilung hinein. Dem standen zwar auf der Habenseite eine verbesserte Infrastruktur (Straßen- und Schienennetz) sowie medizinische und technische Neuerungen gegenüber, auch wenn sie ursprünglich dem Eigeninteresse der Kolonialmächte entsprungen waren. Dennoch vertreten einige Autoren die Ansicht, die Entwicklung der Industrieländer sei auf Kosten der Entwicklungsländer erfolgt, die Entwicklungsländer seien also "unterentwickelt worden". Fraglos wirken Strukturen der kolonialen Vergangenheit in vielen, längst unabhängig gewordenen Entwicklungsländern bis heute nach - zum Beispiel Monokulturen und willkürliche Grenzziehungen. Dennoch wird die Erblast des Kolonialismus heute zunehmend weniger als Hauptursache der Unterentwicklung angesehen. Ein Argument gegen diese Sichtweise ist unter anderem die sehr unterschiedliche Entwicklung sowohl der früheren Kolonien - zum Beispiel der ehemaligen britischen Kolonien Australien, Singapur, Indien und Uganda - als auch der früheren Kolonialmächte, zum Beispiel Portugals auf der einen, Großbritanniens auf der anderen Seite. Die Schuldzuweisung an den Kolonialismus wird aber häufig mit anderen Aspekten äußerer Verursachung verknüpft.

  • Außenwirtschaftliche Ausbeutung: Unabhängig von den schon bei den Merkmalen und Problemen der Dritten Welt genannten Terms of Trade wird die auf Rohstoffe konzentrierte Exportstruktur der Entwicklungsländer als nachteilig hervorgehoben, weil bei den überwiegend von den Industrieländern hergestellten und exportierten Fertigwaren die größeren Lerneffekte, technologischen Fortschritte und Verdienstspannen anfielen. Es handele sich also um ein ungleiches Warenaustauschverhältnis zu Lasten der Dritten Welt. Dagegen spricht zwar der Erfolg wichtiger Rohstoffexporteure wie Australien und Kanada, gleichwohl sind die außenwirtschaftlichen Beziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern durchaus in mancher Hinsicht problematisch und änderungsbedürftig.

  • Strukturelle Abhängigkeit: Umfassender als die These der außenwirtschaftlichen Benachteiligung oder gar Ausbeutung ist die der strukturellen Abhängigkeit. Die Dependenztheorien (von span.: Dependencia, Abhängigkeit) sind ursprünglich in Südamerika entwickelt worden. Sie besagen, auch nach der formalen politischen Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien seien die Entwicklungsländer in ein internationales System eingebunden, dessen Struktur weiterhin durch eine "strukturelle Abhängigkeit" der Dritten Welt (auch als Peripherie bezeichnet) von den industriellen Zentren (auch Metropolen genannt) gekennzeichnet sei. Die Dritte Welt werde mit Hilfe dieser Strukturen weiter "unterentwickelt gehalten". Das gelte nicht nur für den ökonomischen, sondern auch für den kulturellen Bereich. So seien die politischen Eliten der Entwicklungsländer nach Ausbildung, Lebensführung und Interessenlage "Brückenköpfe" der Metropolen. Die teilweise spektakulären Erfolge von Entwicklungsländern mit starker Exportorientierung - das am intensivsten diskutierte Beispiel sind die vier "kleinen Tiger" in Südostasien - hat wichtige Verfechter dieser These allerdings zu einer veränderten Einschätzung veranlasst.

Diskussionsstand

Die behandelten Ursachenannahmen können zweifellos zur Analyse möglicher Entwicklungshemmnisse beitragen. Aber in der Regel wird eine Mischung verschiedener Ursachen anzunehmen sein, wobei die Bestimmung des Mischungsverhältnisses für jedes Entwicklungsland individuell ausfällt und schwerlich für die Dritte Welt als Ganzes gelten kann.