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3.11.2020 | Von:
Jaana Müller-Brehm
Philipp Otto
Michael Puntschuh

Wirtschaft und Arbeit

Die Digitalisierung automatisiert und vernetzt neben der industriellen Produktion zunehmend auch zentrale Leistungen und Prozesse im Dienstleistungssektor. Damit verändern sich Arbeitsabläufe und Berufsbilder. Neue Geschäfts- und Wirtschaftsmodelle entstehen, in denen Daten eine wertvolle Ressource sind.

Blick auf die vollautomatisierte Fertigungslinie mit Fertigungsrobotern im Karosseriebau des Volkswagenwerkes Sachsen in Zwickau 2020Vollautomatisierte Fertigungslinie im Karosseriebau des Volkswagenwerkes Sachsen in Zwickau 2020 (© picture-alliance, Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/ZB)

Die Bereiche Wirtschaft und Arbeit unterliegen mit der voranschreitenden Digitalisierung einem umfassenden Wandel, der sowohl den Arbeitsalltag beinahe jedes einzelnen Menschen betrifft, als auch ganze Unternehmen und Wirtschaftszweige erfasst.

Dieser Wandel betrifft Arbeitsprozesse, Arbeitsstrukturen und Arbeitsinhalte. Neue Wirtschaftszweige und, Unternehmensmodelle entstehen. Immer wieder ist in diesen Zusammenhängen die Rede vom Ende der Arbeit, wie es etwa der Ökonom Jeremy Rifkin in seinem Buch "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft" von 1995 beschreibt. Denn mit dem technologischen Wandel werden zahlreiche zuvor von Menschen ausgeführte Arbeitsprozesse automatisiert und finden vernetzt statt. Dass in Prozessen des wirtschaftstechnologischen Wandels Vorstellungen, wie das vom Ende der Arbeit, aufkommen, ist nichts Neues: Sie tauchen immer dann auf, wenn technische Entwicklungen die Tätigkeiten des Menschen nachhaltig und weitreichend verändern, wie dies etwa auch durch die mechanisierte Webmaschine oder das Fließband zur industriellen Fertigung von Massengütern geschah.

Automatisierung und Vernetzung in Fertigung und Dienstleistung

Diese Veränderungen im Bereich der Fertigung und Dienstleistung werden häufig als vierte Industrielle Revolution bezeichnet, worauf der gängige Begriff der "Industrie 4.0"  verweist. Er bezeichnet allgemein die weitgehende Automatisierung und Vernetzung der Produktion sowie zentraler Leistungen und Prozesse im Dienstleistungssektor.
Der Weg zur "Industrie 4.0". Quelle: BMWiDer Weg zur "Industrie 4.0". Quelle: BMWi (© picture-alliance, dpa-infografik 12 129)

Für die Fertigung in Industriebetrieben bedeutet das vor allem: Menschen steuern nicht länger einzelne Maschinen, sondern überwachen die Produktion an zentraler Stelle. Damit das funktioniert, ist entsprechende Hardware  notwendig, beispielsweise Fertigungsroboter oder führerlose Transportfahrzeuge. Außerdem braucht ein Unternehmen der Industrie 4.0 spezielle Software, mit deren Hilfe es Menschen möglich ist, die Produktion zu überwachen. Diese Software kommt darüber hinaus zum Einsatz, um weitgehend selbstgesteuert Produktionsprozesse zu planen und zu optimieren.

In einer Produktion der Industrie 4.0 sind zudem alle Bestandteile der Fertigung, also etwa Maschinen oder Bauteile, über das Internet erfasst und miteinander vernetzt. So ist es möglich, dass Prozesse wie der Wareneinkauf, die Produktion und die Auslieferung in großen Teilen automatisiert erfolgen, wie es bei einigen erfolgreichen Automobilherstellern gegenwärtig bereits der Fall ist. Jedoch ist das längst noch kein Standard für alle Industriebetriebe, die ihre Arbeits- und Produktionsprozesse bislang überwiegend schrittweise und über längere Zeiträume hinweg digitalisieren. Die Studie "Industrie 4.0 2020" stellt fest, dass in Deutschland lediglich neun Prozent der erfassten Unternehmen eine umfassende Industrie-4.0-Strategie verfolgen. Die Mehrheit arbeitet der Studie zufolge derzeit mit punktuellen Ansätzen.

Die Automatisierung und Vernetzung der Produktion macht die Fertigungsprozesse effizienter, weil sie unter anderem besser planbar sind und die Fertigung potenziell rund um die Uhr erfolgen kann. Dadurch ist es möglich, Produkte schneller und teilweise auch günstiger anzubieten. Der jährlich erhobene "Industrie 4.0 Index" nennt in seiner Ausgabe von 2019 folgende Motive als die häufigsten für Investitionen in Vernetzung und Automatisierung: die Steigerung der internen Effizienz, Transparenz in den Abläufen, etwa in der Produktion, sowie Kostensenkungen. Mit diesen Entwicklungen entstehen allerdings neue Sicherheitsrisiken, denn Wirtschafts- sowie Industriespionage und Angriffe über die entsprechende technische Infrastruktur bekommen neue Möglichkeiten (siehe auch Kapitel Kriminalität, Sicherheit und Freiheit).

Die Industrie 4.0 umfasst auch den Dienstleistungssektor. Dieser galt lange Zeit als schwer automatisierbar, da zahlreiche Tätigkeiten in diesem Bereich von menschlicher Kommunikation geprägt sind. Doch die Technologien entwickeln sich in dieser Hinsicht ebenfalls weiter und können bestimmte Aufgaben abdecken. Ein Beispiel dafür sind Chatbots. Sie sind etwa Teil des Serviceangebots vieler Krankenkassen und bieten beispielsweise Informationen zu Bonusprogrammen an. Damit machen sie bei einfachen Fragen den Kontakt zu Kundenberaterinnen und -beratern überflüssig. Problemstellungen und Rückfragen komplexerer Natur können jedoch weiterhin nur Menschen bearbeiten.

Darüber hinaus übernehmen viele Kundinnen und Kunden im Zusammenspiel mit digitalen Anwendungen manche Aufgaben lieber selbst. Statt sich etwa im Reisebüro beraten zu lassen und es schließlich mit der Buchung einer Reise zu beauftragen, recherchieren und buchen sie diese Reise direkt über das Internet und die dafür verfügbaren Plattformangebote. Dabei kommt es nicht zwangsläufig zu einem Wegfall von Arbeitsplätzen. Schließlich ist es notwendig, die neuen digitalen Dienste zu entwickeln und zu betreuen. Ebenso besteht eine umfassende neue Aufgabe darin, eine Struktur aufzubauen, um mit den entstandenen Daten umzugehen und sie so zu organisieren, dass Unternehmen und Kundschaft sie jeweils sinnvoll nutzen können.

Im Dienstleistungssektor sind in den letzten Jahren einige wenige Unternehmen zu global agierenden Großkonzernen herangewachsen, die über eine beträchtliche Wirtschaftsmacht verfügen. Dazu zählen insbesondere die US-Unternehmen Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft, aber auch das russische Yandex oder die chinesischen Unternehmen Alibaba, Baidu und Tencent. Ein Großteil ihres Leistungsspektrums fällt unter die Dienstleistungen. Zu ihren Angeboten gehören Werbung, IT-Services, Verkaufsplattformen, Kommunikationsangebote, Streaming- und Distributionsdienste. Damit richten sich ihre Geschäftsmodelle direkt an die Konsumentinnen und Konsumenten (siehe auch Kapitel Wirtschaft und Arbeit).

Ein Bereich, in dem die Automatisierung durch die Digitalisierung bereits in weiten Teilen umgesetzt ist, ist der des "Algorithmic Trading". Damit ist der automatisierte Handel von Wertpapieren mithilfe von Software gemeint, die insbesondere Kauf- und Verkaufsentscheidungen ohne das Zutun von Menschen in elektronischer Form an die Börse weiterleitet. Verschiedene Systeme, so beispielsweise auch reine Risikobewertungen, fallen unter diesen Begriff.

Im Zusammenhang mit dem automatisierten Wertpapierhandel diskutieren Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit immer wieder, ob die algorithmischen Systeme zu Massenverkäufen an der Börse führen und wiederum fatale Auswirkungen auf den Finanzmarkt haben können. Der Wirtschaftswissenschaftler Christoph Lattemann kommt zum Schluss, dass die Automatisierung des Finanzmarktes sowohl Vor- als auch Nachteile birgt. Ein Vorteil ist etwa, dass die algorithmischen Systeme wesentlich mehr Informationen in eine Entscheidungsfindung einbeziehen können als es Menschen möglich ist. Zu den Nachteilen zählt, dass ohne menschliches Zutun Fehler nicht auffallen und das System mithilfe der Fehler weiteroperiert, was zu einem Ergebnis führen kann, das nicht der eigentlichen Zielvorgabe entspricht.

Während die Vorteile insbesondere bei normalen Marktsituationen überwiegen, treten die Nachteile bei außergewöhnlichen Marktsituationen auf. In diesem Zusammenhang mangelt es an differenzierten wissenschaftlichen Betrachtungen, die eine genauere Bewertung der Vor- und Nachteile vornehmen können, um schlussendlich ebenfalls sinnvolle Regulierungen der Automatisierung in diesem Bereich zu ermöglichen. Der Wissenschaft fehlt der Zugang zu umfassenden und qualitativ hochwertigen Daten, um entsprechende Analysen durchführen zu können.

Veränderte Arbeitsprozesse und neue Berufe

Mit der Digitalisierung verändert sich auch die Arbeit. Zahlreiche Stellen in der Fertigung werden überflüssig. Maschinen ersetzen hier die Arbeit von Menschen. So sagt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von 2019 voraus, dass in Deutschland bis 2040 18 Prozent der Stellen in der Industrie durch die Automatisierung wegfallen könnten. Das betrifft im Produktionsprozess häufig auch, aber nicht nur, körperlich belastende, monotone oder gefährliche Arbeiten.

Zugleich entstehen andere Beschäftigungsfelder, für die neue Qualifikationen erforderlich sind, wie das Warten von Robotern, die in der Produktion zum Einsatz kommen, oder das zentrale Überwachen des Produktionsprozesses. Für 36 Prozent der Arbeitsplätze bedeutet das laut der OECD-Studie große Veränderungen: Nur diejenigen Beschäftigten, die sich an die neuen Anforderungen anpassen können, hätten damit die Chance, ihre Arbeitsplätze zu behalten.

Die Prognosen zum Wandel des Arbeitsmarkts unterscheiden sich recht stark und sprechen von einem Stellenwegfall von etwa acht bis hin zu 50 Prozent. Das steht in Zusammenhang mit den unterschiedlichen Studiensettings sowie der Komplexität des technologischen Wandels, dessen umfassende dynamische Veränderungen sich schwer im Voraus abschätzen lassen. Insgesamt sind bislang eher Tätigkeiten aus dem niedrigen bis mittleren Qualifikationsbereich gefährdet – vor allem solche, die einen hohen Routineanteil aufweisen. Dazu zählen beispielsweise Aufgaben in der Buchhaltung oder der Warenprüfung. Als relativ zukunftssichere Beschäftigungsfelder gelten Tätigkeiten, in denen etwa Kreativität, Empathie und unternehmerisches Denken notwendig sind.
Einsatzmöglichkeiten Künstlicher Intelligenz in Logistikzentren. KonzeptQuartier: Infografik auf Basis von Ben Gesing/ Steve J. Peterson/ Dirk Michelsen, Artificial Intelligence in Logistics, 2018, Abb. 48; Quelle: DHL, S. 30/31; www.dhl.com/content/dam/dhl/global/core/
documents/pdf/glo-core-trend-report-artificial-intelligence.pdfEinsatzmöglichkeiten Künstlicher Intelligenz in Logistikzentren. KonzeptQuartier: Infografik auf Basis von Ben Gesing/ Steve J. Peterson/ Dirk Michelsen, Artificial Intelligence in Logistics, 2018, Abb. 48; Quelle: DHL, S. 30/31; www.dhl.com/content/dam/dhl/global/core/ documents/pdf/glo-core-trend-report-artificial-intelligence.pdf (© bpb)

Neue Arbeitsplätze entstehen vorrangig in den Bereichen, in denen bereits jetzt Fachkräftemangel herrscht, wie in der Informationstechnologie (IT), Datenanalyse, Ingenieurwissenschaft und anderen Naturwissenschaften. Hinzu kommen Tätigkeiten, die sich damit beschäftigen, wie neue Technologien anzuwenden sind, zum Beispiel Interfacedesignerin und -designer oder Kaufleute im E-Commerce.
Verschiebungen am Arbeitsmarkt durch DigitalisierungVerschiebungen am Arbeitsmarkt durch Digitalisierung. Quellen: Vogler-Ludwig u. a. (Arbeitsmarkt 2030), BMAS (Weißbuch Arbeiten 4.0); Stand Datenerhebung: März 2017 (© picture-alliance, dpa-infografik)

Darüber hinaus wird ein Zuwachs bei höher qualifizierten und damit tendenziell anspruchsvolleren und vielseitigeren Tätigkeiten erwartet. In diesem Zusammenhang befürchten 64 Prozent der Befragten der Studie "Industrie 4.0 2020" einen Fachkräftemangel. Für diese Fachkräfte müssen neue Ausbildungswege und Nachwuchsförderungen in zahlreichen Bereichen geschaffen werden. Darüber hinaus sind Weiterbildungsmaßnahmen notwendig, damit Beschäftigte sich entsprechend der neuen Anforderungen qualifizieren können. Diese Weiterbildungsmaßnahmen fehlen laut OECD-Studie in Deutschland insbesondere im Bereich der niedrigeren Qualifizierungen. Es müssen Strukturen aufgebaut werden, um Qualifizierungsmaßnahmen – auch in kleinen und mittelständischen Unternehmen – zu ermöglichen.

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Fit für den digitalen Arbeitsplatz

Frau Burkhardt, wenn es um die Digitalisierung geht, bekommen die Menschen vor allem eines zu hören: Wer nicht abgehängt werden will, muss sich fortbilden. Wie soll man das anpacken?

[…] Eine einfache Lösung gibt es für niemanden. Es führt nichts daran vorbei, dass sich die Menschen auch selbst damit beschäftigen, was Digitalisierung bedeutet und was sich dadurch für ihre Firma und ihren Arbeitsplatz ändert. Also: Welchen Einfluss haben zum Beispiel 3D-Druck, Roboter oder künstliche Intelligenz? Wie verändern sie Produktions- oder Verwaltungsprozesse? Ermöglichen sie neue Produkte? Welche Tätigkeiten machen sie künftig überflüssig? Wo entstehen neue Wettbewerber mit digitalen Geschäftsmodellen?

Gehen wir davon aus, dass der Mitarbeiter weiß, dass ein Computer bald Teile seiner Arbeit machen wird. Was tut er dann?

Er sollte sich Gedanken machen, welche dieser Tätigkeiten ein Computer nicht erledigen kann und was er benötigt an neuen Fähigkeiten und Kenntnissen, um sein Profil für diese Tätigkeiten weiterzuentwickeln. Man sollte viel mit anderen Menschen im und außerhalb des Unternehmens sprechen und versuchen rauszufinden, wohin die Reise geht. Und dann braucht es auch eigene Transferleistung.

Ein konkretes Beispiel?

Wenn ich bei Playmobil arbeite, was bedeuten dann Entwicklungen wie 3-D-Drucker für die Firma? Wahrscheinlich, dass sich die Menschen ihre Playmobil-Figuren künftig zu Hause selbst ausdrucken können. Wenn ich an der Herstellung oder dem Vertrieb dieser Figuren beteiligt bin, muss ich also darüber nachdenken, wohin ich mich künftig beruflich weiterentwickle.

Und das wäre?

Es könnte zum Beispiel sein, dass die Menschen ihre Figuren individuell gestalten wollen. Dann könnte man überlegen, ob man sich in Richtung Programmierung der dafür notwendigen Software entwickelt. Ich halte es für sehr wichtig, dass die Menschen sich in dieser Phase des Umbruchs klar darüber werden, welche Arbeit sie in Zukunft gerne machen würden. Denn man sollte die berufliche Weiterentwicklung positiv angehen. Laut Studien werden wir bis zu zwölf Mal in unserem Berufsleben den Job wechseln.

Wo erhält man grundlegende Informationen, die man über die Digitalisierung haben sollte?

Im Internet, bei Veranstaltungen und durch Lesen von Zeitschriften und Büchern zu dem Thema. […] Und ich sage: Lesen Sie die Bücher vollständig, nicht die Abstracts davon. Man muss sich tiefer mit den Themen auseinandersetzen, um Zusammenhänge zu erkennen.

Welche Verantwortung kommt denn den Unternehmen zu?

Die sollten sich darum kümmern, dass sie die Mitarbeiter mitnehmen und gezielt weiterentwickeln. Aber: Die Firmen wissen häufig gar nicht genau, was ihre Beschäftigten für Fähigkeiten und Interessen haben. Sie wissen also auch nicht so gut, welche Fortbildungsmaßnahmen wirklich sinnvoll sind und entwickeln Jobprofile anstatt die Menschen.

Und was passiert mit den Menschen, die sich nicht vorstellen können, wie 3-D-Drucker oder künstliche Intelligenz ihren Arbeitsplatz verändern werden? Oder die den Wandel nicht mitgehen können oder wollen?

Ich habe da kein Patentrezept. Es geht sicherlich darum, dass man die Menschen möglichst gut über anstehende Veränderungen aufklärt und ihnen Angebote zur Fortbildung macht. Man kann aber niemanden zwingen, sich fortzubilden. In den Firmen selbst beginnt man den Veränderungsprozess am besten mit denjenigen, die sich verändern möchten. Sie können ein positives Beispiel für Kollegen sein – und Interesse an Veränderung bei anderen entfachen. […]

"Die Neugierde am Wandel ist da", Interview von Daniel Baumann mit Tina Burkhardt, Gründerin der Shiftschool, Nürnberg, in: Frankfurter Rundschau vom 30. Oktober 2019 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt.

Aber nicht jede eher geringqualifizierte Arbeit wird künftig automatisiert von Maschinen durchgeführt. Ein Beispiel ist das neue Berufsbild der sogenannten Picker: Das sind Beschäftigte, die in großen Logistikzentren Waren für den Versand zusammenstellen. Digitale Technologien leiten sie durch den gesamten Sammelvorgang. Die Software gibt selbst den Weg zu den jeweiligen Regalen und die dafür zur Verfügung stehende Zeit vor. Solche Tätigkeiten sind häufig nicht nur anstrengend, sondern auch monoton und schränken die Autonomie und das Mitdenken ein. Menschen führen die Arbeiten jedoch bislang günstiger aus, als es Maschinen können.

Zugleich existieren Arbeitsbereiche, bei denen es gesellschaftlich nicht wünschenswert ist, dass etwa Roboter menschliche Arbeitskräfte vollständig ersetzen. Das ist vor allem im sozialen Bereich der Fall, zum Beispiel in der Kinderbetreuung oder in der Pflege (siehe auch Kapitel Handlungsspielräume und digitalethische Fragen).

Digitale Assistenzsysteme können dazu beitragen, dass ältere oder behinderte Beschäftigte besser, länger oder überhaupt am Arbeitsleben teilnehmen. Zudem wird das Arbeiten im Zuge der Digitalisierung unabhängiger von Ort und Zeit. So ist in einigen Bereichen das Homeoffice oder Mobile Office möglich, also das Arbeiten von zu Hause oder einem beliebigen anderen Ort. Über das Internet und entsprechende Programme können die Beschäftigten beispielsweise auf die Produktionsdaten von Maschinen zugreifen, Fehler erkennen und im Bedarfsfall Lösungen für Probleme suchen.

Vielfach diskutieren Medien, Politik und Öffentlichkeit dies als Möglichkeit für Beschäftigte, die Kinder oder pflegebedürftige Angehörige haben, Arbeit und Familie besser zu vereinbaren. 93 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer von Homeoffice-Angeboten bestätigen dies – so die Publikation "Digitale Vereinbarkeit" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2017. Sie definiert Bedingungen, die seitens der Unternehmen und Beschäftigten erfüllt sein müssen, damit es tatsächlich zu einer besseren Vereinbarkeit kommen kann.

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Vor- und Nachteile im Homeoffice

[…] Vor der Corona-Krise hatte etwa jeder sechste Beschäftigte in Deutschland (etwa 16 Prozent) eine sogenannte Telearbeitsvereinbarung, weitere Beschäftigte arbeiteten auch ohne solche Regelung teilweise zu Hause. Im April [2020] habe man dann einen überdeutlichen Anstieg der Leute gesehen, die im Homeoffice arbeiten, sagt Nils Backhaus von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund.

[…] [Die] allgemeinen Daten zur Homeoffice-Nutzung schwanken laut Backhaus: Internationale Daten gehen von 39 Prozent aus, das deutsche Sozio-ökonomische Panel (SOEP) nennt etwa 35 Prozent. Mit fortschreitender Dauer der Corona-Krise nehme das aber wieder ab, sagt Backhaus. […] Vor allem eins habe sich geändert: "Vorher hat der Hauptteil so ein bis zwei Tage pro Woche von zu Hause gearbeitet, es gab ein paar wenige, die haben auch fünf Tage räumlich von der Firma getrennt gearbeitet", sagt Backhaus. Durch Corona waren es plötzlich für alle Vollzeit-Beschäftigten, die zu Hause arbeiten mussten, jedoch fünf Tage. Außerdem hätten nicht mehr nur bestimmte Gruppen zu Hause gearbeitet, etwa Eltern oder jüngere Beschäftigte, sondern alle Generationen, ergänzt Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) in Ludwigshafen.

Zunächst waren die Reaktionen auf diese Entwicklung geteilt. "Ich glaube, da ging so ein Riss durch die Nation: Es gab die einen, die sich gefreut haben, dass sie keine Arbeitswege haben und auf ihrem Balkon in der Sonne mit ihrem Laptop sitzen konnten, und aus meiner Sicht gab es dann die anderen: Die haben Kinder", sagt Tabea Scheel, Arbeits- und Organisationspsychologin von der Europa-Universität Flensburg. Vor allem die ersten Wochen waren für Eltern eine enorme Belastung. Als dann der Schulbetrieb schrittweise wieder hochgefahren und die Notbetreuung ausgeweitet wurde, stieg laut einer Umfrage des Fraunhofer Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) in Sankt Augustin die Zufriedenheit im Homeoffice. Das könne, müsse aber nichts miteinander zu tun haben, erklärt Wolfgang Prinz, stellvertretender Leiter des Instituts.

Angesichts der Kosten für Büroflächen rechnet wohl so manche Geschäftsführung schon durch, ob das Büro auf lange Sicht nicht ganz abgeschafft werden könnte. Experten halten das für keine gute Idee. Die Ludwigshafener Personalmanagement-Expertin Rump nennt ein 25 Jahre altes Beispiel einer Versicherung in Münster: Dort wurde aus Kostengründen die Hälfte der Beschäftigten in die Telearbeit geschickt. Nach rund zweieinhalb Jahren habe man festgestellt, dass Kommunikationsketten abgerissen waren und der Zusammenhalt unter den Mitarbeitern gelitten hatte […]. Allerdings waren die Kommunikationswege vor 25 Jahren noch nicht so vielfältig.

Dennoch zeigt auch die FIT-Umfrage, dass die Kontaktpersonen in der Corona-Krise weniger geworden sind. Hatten die mehr als 2000 Teilnehmer vorher noch Kontakte zu durchschnittlich rund 10 bis 15 Kollegen, waren es im Homeoffice nur noch 5 bis 9, sagt Prinz. Vermutlich ist die Verringerung des sozialen Kontakts am Arbeitsplatz für viele der größte Einschnitt bei der Arbeit zu Hause: Ein Kaffee zwischendurch, ein Plausch auf dem Flur oder die gemeinsame Mittagspause. Laut Umfrage vermissen jeweils rund 65 Prozent der Befragten die gemeinsame Kaffee- und Mittagspause.

Dieser Austausch am Arbeitsplatz ist essenziell, wie die FIT-Zahlen belegen: 85 Prozent der Befragten vermissen demnach den persönlichen und 66 Prozent den fachlichen Austausch. Fehlen diese Kanäle, könnten Prozesse innerhalb eines Unternehmens ins Stocken geraten, erklärt die Flensburger Arbeitspsychologin Scheel. "Dieses ganze aus Versehen geteilte Wissen wird nicht mehr aus Versehen geteilt. Und das kann die Arbeitsprozesse tatsächlich sehr erschweren. Da arbeiten Leute dann vielleicht zu Hause ins Blaue rein, weil sie irgendetwas nicht mitgekriegt haben."

Auch die Struktur der Arbeit kann im Homeoffice leiden. So falle es im Büro leichter, eine Pause zu machen, erläutert Scheel. "Zu Hause machen wir Pause, wenn’s zu spät ist. […]." […]

Hinzu kommen gesundheitliche Risiken, wenn man dauerhaft am Küchentisch oder gar auf der Couch arbeitet: "Für ein, zwei Monate im Notfall […], kann das funktionieren", sagt Backhaus. Für richtige Arbeitsplätze gebe es aber Vorgaben: etwa, dass der Monitor getrennt von der Tastatur sein müsse – was bei einem Laptop nicht gegeben sei. Ziel müsse sein, dass Arbeitsplätze auch ergonomisch gut gestaltet seien, so Backhaus. Monitore, Dockingstations, aber auch ein höhenverstellbarer Stuhl mit hoher Lehne und ein Schreibtisch: "Nach Möglichkeit sollte der Arbeitsplatz zu Hause genauso aufgebaut sein wie im Betrieb", sagt Backhaus. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) mache Vorgaben dazu, wie ein Arbeitsplatz ausgestattet sein sollte. Wenn diese Richtlinien nicht eingehalten werden, drohen etwa Verspannungen, Rückenschmerzen und Sehnenscheidenentzündungen.

Mit der Heimarbeit entfällt auch der Arbeitsweg. Für Pendler, die morgens und abends im Stau stehen, mag das eine Erleichterung sein. Aber wer den Weg zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt hat, dem fehlt ein erheblicher Teil der täglichen Bewegung. Das kann ebenfalls die Gesundheit beeinträchtigen. Hinzu kommt ein psychologischer Effekt: Fehlt der Arbeitsweg, fällt auch die Distanz zwischen Beruf und Freizeit weg. "Ich habe praktisch keine Abgrenzung, das ist unheimlich erschöpfend", erklärt Arbeitspsychologin Scheel. Vor allem, wenn es zu Hause kein eigenes Arbeitszimmer gibt, wo die Tür nach getaner Arbeit geschlossen werden kann. […]

Dennoch: Je normaler die Situation außerhalb der eigenen vier Wände wurde, desto besser kamen laut der Umfrage des Fraunhofer Instituts die Befragten mit der Lage klar: Bis Juli [2020] stieg die Zufriedenheit bis etwa 90 Prozent – und zwar branchenübergreifend. […]
Dass das Homeoffice keineswegs nur eine Übergangsphase darstellt, bestätigt eine gerade veröffentlichte Umfrage des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung: Demnach hat fast die Hälfte (42 Prozent) der rund 500 befragten Unternehmen schon beschlossen, die Möglichkeiten, von zu Hause aus zu arbeiten, nach der Corona-Krise auszuweiten. Ein ebenso großer Anteil war zwar noch unentschlossen, zurück zu weniger Homeoffice will aber kaum ein Unternehmen. Fast 90 Prozent gaben an, dass bei ihnen mehr Homeoffice möglich sei, ohne dass dadurch Nachteile entstünden. Personalmanagement-Expertin Rump glaubt: Auch wenn sich das Modell aus 100 Prozent Homeoffice vielleicht nicht durchsetzen werde – Mischformen würden es bestimmt. Sie betont: "Wir werden nicht mehr in die alte Welt zurückgehen."

Jennifer Weese, "Homeoffice: Ein Modell für die Zukunft?", in: dpa-Dossier Wissen vom 9. Juli 2020

Einige Unternehmen kooperieren mittlerweile mit Beschäftigten, die in der ganzen Welt verteilt sind. Die Arbeitsorganisation findet über digitale Hilfsmittel wie Videokonferenzen, Clouds, Chatprogramme sowie digitale Projektmanagement- und Zeiterfassungswerkzeuge statt. Unternehmen mit mehreren Niederlassungen können durch solche Dienste einfacher standortübergreifend zusammenarbeiten.

Dadurch ergibt sich wiederum eine neue Herausforderung: Privat- und Berufsleben verschwimmen zunehmend miteinander. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber erwarten teilweise von ihren Beschäftigten, auch außerhalb traditioneller Arbeitszeiten erreichbar zu sein. Zahlreiche Stimmen aus der Wissenschaft, wie etwa die Soziologin Karin Jurczyk, sprechen unter anderem in diesem Zusammenhang von einer Entgrenzung der Arbeit. Das Verhältnis zwischen Erwerbstätigkeit, Erholungszeit und privatem Raum verändert sich. Die Entgrenzungstendenzen stehen in einem starken Zusammenhang mit der Flexibilisierung, die mit der Digitalisierung auf räumlicher, fachlicher und zeitlicher Ebene entsteht.

Neue Geschäfts- und Wirtschaftsmodelle

Die Digitalisierung bringt im Bereich Wirtschaft und Arbeit neben grundlegenden Veränderungen auch komplett neue Wirtschafts- und Geschäftsmodelle hervor, die ihrerseits wiederum die Wirtschaft und das Arbeiten insgesamt beeinflussen. So beschreibt der britische Politikwissenschaftler und Soziologe Colin Crouch in einer Studie aus dem Jahr 2019 am Beispiel der sogenannten Plattformökonomie  den Wandel von Arbeitsverhältnissen hin zu prekären Arbeitsmodellen. Für die ersten 15 Jahre dieses Jahrhunderts stellt Crouch fest, dass sich in nahezu allen Sachfeldern die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Beschäftigten und Arbeitsuchenden verschlechtert hätten. Als besonders betroffen sieht er vor allem junge Menschen, Frauen, Migrantinnen und Migranten sowie Menschen ohne Berufsqualifikation an.

Plattformökonomie
Die Plattformökonomie beschreibt ein bedeutsames Geschäftsmodell der Gegenwart, in dessen Zentrum die Online-Plattform als Umschlagsort für Waren und Leistungen steht. Beispiele für solche Plattformen sind Amazon, YouTube, Facebook, Ebay, Lieferando oder Airbnb. Auf ihren jeweiligen Plattformen laufen Angebot und Nachfrage zu ganz unterschiedlichen Produkten und Leistungen zusammen. Um dieses breite Spektrum erfassen und abbilden zu können, entwickelte der Ökonom Bernd W. Wirtz das sogenannte 4C Business-Modell. Es teilt Unternehmen der Plattformökonomie entsprechend in vier Kategorien ein. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Allan Afuah und der britische Ökonom Christopher Tucci erweiterten das Modell um eine fünfte Kategorie.
  1. Content: Hierunter fallen solche Plattformen, die Inhalte sammeln, bereitstellen oder es ermöglichen, Inhalte zu erstellen und zu veröffentlichen. Dazu gehören etwa Nachrichtenplattformen, Musik- oder Videostreamingdienste, Weblogsysteme und Video- oder Games-Plattformen. Das Ziel ist hier, Inhalte einfach und gut aufbereitet online zugänglich zu machen.
  2. Commerce: In diesem Segment bieten entsprechende Unternehmen Plattformen an, die dabei helfen, Transaktionen anzubahnen, auszuhandeln und abzuwickeln. Dies umfasst alle Phasen des Angebots und des Kaufs sowie entsprechende Werbeangebote, aber auch Plattformen, die Waren unter bestimmten Transaktionsbedingungen anbieten.
  3. Context: Zu diesem Teilbereich zählen Angebote, die Inhalte im Internet ordnen und systematisieren. Dabei handelt es sich beispielsweise um allgemeine Suchmaschinen oder spezielle Produktsuchmaschinen.
  4. Connection: Diesem Feld werden Plattformen zugeordnet, die Kommunikation ermöglichen, wie etwa soziale Netzwerke oder Mailingdienstanbieter. Auch sogenannte Internet Service Provider (ISP)  werden hier verortet, denn sie bieten Zugang zum Internet als übergeordnete Plattform an.
  5. Coordination: Gemeint sind hier Angebote, die Privatpersonen, aber auch Unternehmen nutzen, um etwa Termine zu koordinieren oder eine Zusammenarbeit abzustimmen. Das sind beispielsweise Onlinekalender, Terminabfragetools oder auch Projektmanagementsysteme.
In der Praxis haben die Segmente zahlreiche Schnittmengen. So bietet etwa das Unternehmen Google eine kommerzielle Suchmaschine, die Inhalte ordnet (Context), und verkauft dafür Werbeplätze (Commerce). Darüber hinaus stellt es Werkzeuge zur Verfügung, um gemeinsam arbeiten zu können, wie etwa einen Onlinekalender (Coordination), ist ein Mailingdienstanbieter (Connection) und bietet über eine Plattform unter anderem Musik, E-Books, Filme, Fernsehserien und digitale Zeitschriften an (Content). Eine Videoplattform wie das chinesische Angebot TikTok bietet zugleich Inhalte (Content) sowie Werbemöglichkeiten (Commerce) und eröffnet durch Funktionen sozialer Netzwerke Möglichkeiten zum Austausch (Connection).

Unter den Begriff der Plattformökonomie fallen auch Angebote der Sharing-Economy. Grundidee der Sharing-Economy ist es, Waren wie Autos oder Fahrräder, die eine Person nicht dauerhaft nutzt, vorübergehend anderen zur Verfügung zu stellen und diese Teilnutzung über digitale Plattformen zu organisieren.

Parallel zum Zugang zu Waren verändert die Digitalisierung auch den Zugang zu Arbeitskräften und Dienstleistungen hin zu neuen Arbeitsformen, die sich von dem bislang vorherrschenden Modell der abhängigen Beschäftigung deutlich unterscheiden. Das erfasst der Begriff der Gig-Economy, der ebenfalls zur Plattformökonomie zählt, denn hier werden Dienstleistung und Arbeitskraft über Plattformen vermittelt. Nach deren Allgemeinen Geschäftsbedingungen sind die Arbeitskräfte meist als Selbstständige tätig. Diese Form des selbstständigen Arbeitens wird häufig auch als Crowdworking bezeichnet.
Verschiedene Arten von PlattformenVerschiedene Arten von Plattformen. Eigene Darstellung (© bpb)

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Kooperative mit eigener Plattform

[…] Die Reinigungskraft Maria Carmen Tapia von Up & Go ist […] Eigentümerin ihres eigenen Betriebs. "Wer mich bucht, bekommt den Boss höchstpersönlich!", sagt die 42-Jährige lachend.

Hinter Up & Go steckt eine Kooperative. Allen 25 Putzkräften – 23 Frauen und zwei Männer – gehört der Betrieb gemeinsam. Sie teilen sich die Geschäftsbüros, den Kundenservice und die App. Und sie fällen alle wichtigen Entscheidungen zusammen. […]

"Ich verdiene doppelt so viel wie vorher", sagt Tapia. Seit sie vor 21 Jahren mit ihrer Mutter aus Ecuador nach Amerika floh, arbeitet sie als Putzfrau. Immer auf eigene Rechnung, "immer knapp am Existenzminimum". Als sie vor zwei Jahren überlegte, sich mit einigen Kolleginnen zusammenzuschließen, kam das gemeinnützige Center for Family Life (CFL) mit der Idee auf sie zu, sich an der gerade in Gründung befindenden Plattform und App Up & Go zu beteiligen. […]

Das CFL in Sunset Park, Brooklyn, kümmert sich seit 1978 um Bedürftige in der Nachbarschaft, von der Kinderbetreuung bis zur Seniorenhilfe. Schon seit zwölf Jahren versucht das Zentrum auch, den meist ungelernten Hilfsarbeitern in der Gegend durch den Zusammenschluss zu Kooperativen zu besseren Jobs zu verhelfen. Mit Up & Go wagen sie sich seit 2017 an ein gänzlich neues und bislang einmaliges Modell. "Wir wollen faire Arbeitsbedingungen für die Arbeiter schaffen", formuliert Sylvia Morse vom CFL als Ziel, "indem wir die Kooperativen ins 21. Jahrhundert bringen." Als Projektleiterin unterstützt sie die Eigentümerinnen von Up & Go dabei, ihr Reinigungsunternehmen aufzubauen und weiterzuentwickeln.

Im Grunde versucht Up & Go, das Gute aus verschiedenen Welten zu vereinen: die leichte Bedienbarkeit und moderne Oberfläche der App, mit der Kunden sich einfach und schnell Hilfe im Haushalt buchen können, die Sicherheit und Aufstiegschancen eines regulären Jobs und den Enthusiasmus von frisch gebackenen Geschäftsgründerinnen. […]

Was Up & Go von Putzplattformen […] und anderen Reinigungsunternehmen unterscheidet: Es gibt keinen Dritten, der an der Arbeit der Reinigungskräfte mitverdient, weder Chef noch Vermittlungsfirma. […] Bei Up & Go fließen […] fünf Prozent der Bezahlung in einen gemeinsamen Topf: Mit dem Geld finanziert die Kooperative die Weiterentwicklung der Plattform, den gemeinsamen Kundenservice und die Gebühren für Kartenzahlung.

Maria Carmen Tapia kommt so im Durchschnitt auf einen Stundenlohn von 22 Dollar, umgerechnet 20 Euro, und damit auf etwa ein Drittel mehr, als in der Branche in New York üblich ist. […] Aber es geht Tapia […] nicht nur um den Lohn: "Ein großer Unterschied ist, dass wir jetzt unsere Rechte viel besser kennen; wir wissen, was unsere Arbeit wert ist", sagt sie. "Wir sind nicht nur Arbeiterinnen, sondern Unternehmerinnen, und das hat verändert, wer wir sind und wie wir uns sehen. Ich lerne ständig dazu – wie man ein Geschäft führt, wie man demokratisch Entscheidungen trifft, was gutes Management ist."

Tapia schätzt auch, dass sie ihre Arbeitszeit flexibel einteilen kann. Ihre Kinder sind zehn und zwölf Jahre alt, sie holt sie von der Schule ab und arbeitet deshalb an drei bis vier Tagen nur vormittags. "Auch mein Mann respektiert mich jetzt mehr, weil wir ebenbürtig sind und ich genauso viel zum Haushaltsbudget beitrage wie er."

Die 25 Up-&-Go-Eigentümer, allesamt aus Lateinamerika eingewandert, haben auch gemein, dass sie nur wenig Englisch sprechen. Ihre Sprachkenntnisse reichen, um eine Uhrzeit für einen Termin zu vereinbaren, aber mit der professionellen Kundenakquise auf Englisch wären sie überfordert. "Genau für diese Menschen haben wir Up & Go gegründet", sagt Sylvia Morse vom CFL. "Schon seit Langem werden diese Tätigkeiten in Amerika meist von Einwanderern erledigt, und überwiegend von Frauen. Rassismus und Sexismus haben diese Art von Arbeit entwertet."

Das CFL hilft den Reinigungskräften in vielerlei Hinsicht: juristisch, etwa bei der Gestaltung ihrer Geschäftsbedingungen, technisch, mit der Kundenvermittlung über die App, und mit praktischer Unterstützung beim Management. Denn in der Regel, sagt Sylvia Morse, "bleiben diese Leute bei regulären Programmen zur Geschäftsentwicklung außen vor, weil ihre Geschäftserfahrung oder ihre Sprachkenntnisse nicht gut genug sind, sich in dieser Bürokratiewelt zurechtzufinden". Keine der Eigentümerinnen von Up & Go hatte vorher Marketing- oder Tech-Erfahrung. […]

Kranken- und sozialversichert sind aber […] die Up-&-Go-Eigentümerinnen nicht über die Kooperative. Und wer krank ist, verdient auch nichts. Weil die soziale Absicherung in den USA nicht so umfassend ist wie in Deutschland und Maria Carmen Tapia es nicht anders kennt, sieht sie darin auch kein Problem. […] Die Up-&-Go-Eigentümerinnen hoffen, mit ihren Einnahmen in Zukunft eine gemeinsame Krankenversicherung für alle Mitglieder der Kooperative finanzieren zu können.

Gerade in New York werden Kooperativen immer beliebter, weil die Stadt diese Geschäftsform unterstützt und darin ein funktionierendes Modell sieht, ungelernte Arbeiter aus der Armut zu holen. Auch Gärtnereien und Pflegedienste, Maler und Babysitter organisieren sich dort zunehmend in Kooperativen. Trotzdem ist Up & Go eine besondere Kooperative, weil sie das Prinzip eines arbeiterinnengeführten Unternehmens mit den neuen Methoden der Gig-Economy verbindet, also einer Onlineplattform und App.

Die größte Schwierigkeit, das Modell von Up & Go nachzuahmen – ob durch Putzkräfte oder Fahrradkuriere –, ist offensichtlich: Zum Start braucht es Geld und Know-how. […] [Viele] Kooperativen scheitern daran, dass sie keine Geldgeber finden, die sie über mehrere Jahre unterstützen – neu gegründete klassische Unternehmen sind ja ebenfalls oft lange von Investoren abhängig. Nur wegen der Förderung können die Eigentümerinnen von Up & Go schon jetzt 95 Prozent ihrer Einnahmen behalten.

Morse und ihre Kollegen vom CFL hoffen zunächst einmal darauf, dass Up & Go sich noch in diesem Jahr auch ohne gemeinnützige Unterstützung trägt: weil die Anlaufkosten nun wegfallen und die Kooperative wächst. Seit dem Start im Mai 2017 habe Up & Go Hunderte Stammkunden gewonnen, sagt Sylvia Morse. Langfristig ist das Ziel des CFL, dass das Modell Up & Go in anderen Städten und Branchen kopiert wird, sagt Morse: "Wenn wir uns den Wandel in der Arbeitswelt anschauen, sind diese Fragen wichtig: Wem gehört die Technologie? Wer bestimmt, wie sie gestaltet wird? Wie beeinflusst sie die Lebensqualität der Arbeiter in der Gig-Economy?" […]

© Michaela Haas für ZEIT ONLINE (www.zeit.de) vom 24.09.2019 "Putzhilfe: Wie Helpling, nur in fair"

Die Plattformökonomie galt für viele insofern als vielversprechende Idee, als sie sich von ihr eine verbesserte Nutzung vorhandener Ressourcen erhofften. Doch Plattformen kommerzialisieren die ursprüngliche Idee von geteilten Gütern. Fernab der Wirtschaft gibt es im Bereich des zivilgesellschaftlichen Engagements andere Modelle, vorhandene Ressourcen optimal auszunutzen und sich der Konzepte der Plattformen zu bedienen. Foodsharing-Angebote sind hierfür ein Beispiel. Statt Lebensmittel wegzuwerfen, tauschen Privatpersonen, aber auch Unternehmen, zu viel Produziertes oder Eingekauftes oder tauschen über entsprechende Onlineportale Wohnraum für eine bestimmte Zeit, um beispielsweise Urlaub zu machen.

Die Plattformökonomie bringt tiefgreifende Veränderungen für den Arbeitsmarkt mit sich: Sie erlaubt es etwa, über entsprechende Dienstleistungsplattformen Tätigkeiten auszulagern. Damit entsteht für Unternehmen die Möglichkeit, weniger festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu beschäftigen und dafür kurzfristig selbstständig Tätige einzusetzen. Unternehmen sind dadurch flexibler. Zudem entfallen für sie Kosten und sie sind nicht an arbeitsrechtliche Vorschriften etwa zu Arbeits- und Pausenzeiten gebunden.

Im Umkehrschluss müssen Selbstständige in diesem Gefüge auf Sicherheiten und soziale Leistungen verzichten, die ihnen in einem Anstellungsverhältnis zustünden. Dazu gehören etwa Zahlungen des Arbeitgebers in die Rentenkasse oder in die Krankenversicherung. Auch die Unterstützung durch Solidargemeinschaften wie etwa Gewerkschaften in größeren Betrieben entfällt. Diese Nachteile werden medial und politisch diskutiert, wie etwa im Beitrag "Selbstständig und doch abhängig?" den der Deutschlandfunk im Jahr 2020 ausstrahlte: Unternehmen kaufen demnach mehr Leistungen über Plattformen ein und vermeiden damit Anstellungsverhältnisse.

Gleichzeitig gäbe es zahlreiche Selbstständige, die eine Anstellung im Grunde vorziehen würden, jedoch keine solche fänden. Denn das Stellenangebot sinke gerade in den Branchen, in denen Dienstleistungen über Plattformen eingekauft werden könnten. Deshalb sehen sich manche gezwungen, ihre Leistungen als Selbstständige über Plattformen anzubieten. So kommt es zu einer Verlagerung des wirtschaftlichen Risikos zu Lasten der Selbstständigen. Für andere, die sich bewusst dafür entscheiden, selbstständig zu sein, ergibt sich dagegen die Möglichkeit, über Plattformen neue Aufträge zu erhalten.

Überwachungskapitalismus
Für viele große und international tätige Unternehmen der Plattformökonomie sind die Daten ihrer Nutzerinnen und Nutzer von großem Wert. Tracking bezeichnet das Ausforschen individuellen Nutzungsverhaltens und ist Kern des Geschäftsmodells dieser Unternehmen. Dieses Instrument ist inzwischen so allgegenwärtig, dass die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff dafür den Begriff des Überwachungskapitalismus  etablierte. Im Gegensatz zu vordigitalen Formen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zeichne diesen aus, dass nicht mehr länger natürliche Ressourcen oder Lohnarbeit die primären Rohstoffe bildeten, sondern "menschliche Erlebnisse", die digital erfasst, gespeichert, ausgewertet und damit messbar gemacht werden sollen.

Anstatt für Dienste Geld zu verlangen, sichern sich viele erfolgreiche Unternehmen die Verfügungsmacht über die persönlichen Daten der Nutzerinnen und Nutzer, um diese wirtschaftlich zu verwerten. Große Mengen von Einzelinformationen, die wir als Datenspuren im Internet hinterlassen, werden zu umfassenden Persönlichkeitsprofilen zusammengeführt und mithilfe von algorithmischen Systemen ausgewertet. Zu diesen Daten zählen unter anderem Angaben wie Name, Alter, Wohnort oder auch persönliche Vorlieben. Letztere lassen sich beispielsweise aus besuchten Internetseiten ableiten, etwa mit Hilfe von Cookies (engl.: Keks). Dabei handelt es sich um Textinformationen, die einerseits im Browser auf dem Computer der Betrachterin oder des Betrachters gespeichert werden, wenn sie oder er einen Onlinedienst aufruft. Die gleiche Information wird dem entsprechenden Datenprofil zu dieser Person zugeordnet, wodurch es möglich ist, sie über mehrere Webseitenbesuche hinweg wiederzuerkennen. Zumeist ist das Ziel, die Erkenntnisse für maßgeschneiderte und zielgerichtete Werbung zu nutzen, sogenanntes Microtargeting, oder dafür, die eigenen Angebote zu optimieren und Bedarfe für neue Angebote frühzeitig zu erkennen.

Quellentext

Datensammeln via Smartphone

Maria Brandl ist 28 Jahre alt […] und heißt im echten Leben anders. Sie will anonym bleiben […]. Denn es geht in dieser Geschichte weniger um die Münchnerin Brandl als um die Daten, die sie im Alltag hinterlässt, wie Milliarden Menschen. Und darum, was mit diesen Daten passiert, wer sie sammelt, wie sie neu zusammengesetzt werden und ein digitaler Zwilling der Münchnerin entsteht.

[…] [F]ür den Normalverbraucher ist es nahezu unmöglich zu überprüfen, was eine App mit den eigenen Daten tatsächlich anstellt. Und ob das, was sie da macht, gegen Gesetze verstößt.

Diese Daten sind zum Rohstoff einer schwerreichen digitalen Industrie geworden. Die Kraftzentren dieser Industrie sind junge Großkonzerne wie Facebook, Google und Amazon. Sie wurden mit revolutionären Plattformen groß, um aber groß zu bleiben, setzten sie auf ein altes Geschäftsmodell: Werbung. Diese Werbung ist maßgeschneidert für Menschen wie Maria Brandl. Je mehr die Firmen über Brandl erfahren, je mehr Daten sie über sie erfassen, desto präziser können sie die Werbung auf die Interessen der jungen Frau zuschneiden und desto teurer können sie Werbeflächen in Apps und auf Webseiten verkaufen. Und nirgends kommen die Firmen ihr näher als in ihrem Smartphone.

[…] Instagram hatte als App begonnen, in der man Fotos mit Freunden teilte. Heute ist es ein soziales Netzwerk mit mehr als einer Milliarde Nutzern. Seit 2012 gehört das Unternehmen zu Facebook und damit zu einer Gruppe von Konzernen, die in der Werbebranche "walled gardens" heißen, ummauerte Gärten. Auch Amazon, Googles Mutterkonzern Alphabet und Apple gehören zu der exklusiven Gruppe. Wer ihre Dienste nutzen möchte, muss sich mit einer E-Mail-Adresse oder einer Telefonnummer registrieren, speichert vielleicht sogar Kontodaten. Diese Informationen sind für die Datenunternehmen besonders wertvoll, denn sie ändern sich oft über Jahre hinweg nicht. Und nun können sie angereichert werden, zu Kundenprofilen wachsen: was hat Maria Brandl gesucht, wofür interessiert sie sich, zu welcher Tageszeit hat sie die App geöffnet, wie häufig, in welchem Netz war sie eingeloggt? All das wird in Datenbanken gespeichert.

Ziel der walled gardens ist es, dass sich die Nutzer möglichst oft und lange innerhalb ihrer Mauern aufhalten. Denn dort können sie mit personalisierter Werbung angesprochen werden, sie mussten sich ja, gewissermaßen am Eingang zu dieser exklusiven Gartenparty, identifizieren. Und Instagram ist mit seinem Mutterkonzern Facebook wie ein Gastgeber, der sie unentwegt mit anderen Partygästen bekannt macht, die alle nur eines wollen: Sie wollen Menschen wie Maria Brandl etwas verkaufen.

Diese anderen Gäste haben eine kleine Summe für den Eintritt zur Party gezahlt, in der Hoffnung, dort mit dem Nutzer ins Gespräch und am Ende ins Geschäft zu kommen. So wird Facebook im laufenden Jahr Werbeeinnahmen von 67 Milliarden Dollar verdienen, wie das Marktforschungsunternehmen E-Marketer prognostiziert hat. Der allergrößte Anteil der globalen Werbebudgets wird allerdings bei Google ausgegeben: 2019 sollen es mehr als 100 Milliarden Dollar sein, bei Amazon immerhin noch 14 Milliarden.

Die ehemalige Harvard-Professorin Shoshana Zuboff prägte für dieses Geschäftsmodell den Begriff des "Überwachungskapitalismus", der einer "parasitären ökonomischen Logik" folge und zu einer "Enteignung kritischer Menschenrechte" führe. Das Problem ist nur: Dieses System hat den Alltag von Millionen Menschen durchdrungen, weil seine Dienste das Leben leichter machen.

[…] Wer nicht samstags im Wahnsinn einer Einkaufsstraße nach einem Wintermantel suchen will, bestellt entspannt per Amazon-App und bekommt dort sogar die seltene Sondergröße und eine Empfehlung für passende Schuhe dazu. Einer aktuellen Studie des Digitalverbandes Bitkom zufolge, stimmten 87 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Smartphones "eine große Erleichterung im Alltag" seien.
"Ich könnte ohne Google Maps nicht mehr leben", sagt auch Maria Brandl, "das ist für mich wirklich eine Erleichterung." Sorgen um ihre Daten macht sie sich eher unterbewusst. Sie weiß, dass ihr digitaler Helfer nicht nur für sie, sondern für Konzerne arbeitet. Und dass ihr Smartphone, diese Wunderwaffe, zugleich eine Wanze ist. Nur merke man das eben nicht. […]

Kritiker befürchten, dass der Preis des stillen Datensammelns schon bald spürbarer werden könnte. Bei der Vergabe von Krediten zum Beispiel oder bei Versicherungstarifen. Wer eine App des Versicherungskonzerns Allianz auf seinem Handy installiert, die seine Bewegungsdaten beim Autofahren übermittelt, bekommt heute schon Rabatte. Man muss nur vorsichtig fahren, nicht zu schnell durch Kurven, nicht zu stark bremsen, den Berufsverkehr meiden. Bisher sind solche Modelle freiwillig.

Es ist völlig unklar, was in Zukunft aus den Daten entsteht, die heute schon gesammelt werden. […] Aber wer denkt schon an künftige Folgen, wenn die Suche nach der nächsten Apotheke oder nach einem Campingstuhl so praktisch ist? […]

Felix Ebert / Hannes Munzinger, "Auf Sendung", in: Süddeutsche Zeitung vom 14. Dezember 2019

Die Daten oder Informationen werden oft auch an Dritte verkauft. Dies kann weitreichende Folgen haben. Auf einem solchen Weg gelangte die britische Firma Cambridge Analytica 2015 an die persönlichen Informationen von 87 Millionen Facebook-Nutzerinnen und -Nutzern sowie zusätzlich an die ihrer Freundinnen und Freunde. Mithilfe der gewonnenen Einblicke in deren politische Präferenzen gelang es der Firma, für ihre Auftraggebenden Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung in Zusammenhang mit den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016 zu nehmen und auf das Brexit-Referendum in Großbritannien sowie auf Wahlkämpfe in weiteren Staaten einzuwirken (siehe auch Kapitel Kriminalität, Sicherheit und Freiheit). Die EU hat mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) einen umfassenden Versuch unternommen, die gängige Praxis einzuschränken (siehe auch Kapitel Politik, Recht und Verwaltung).

Darüber hinaus beeinflussen solche Profilbildungen insbesondere dann das Leben von Menschen, wenn sie als Basis dafür dienen, Entscheidungen zu treffen. So werden Datenprofile von Personen analysiert, wenn beispielsweise eine Bank über die Vergabe eines Kredits entscheidet. Dieser Vorgang wird als Scoring  bezeichnet. Ein Score ist ein statistischer Zahlenwert, der das Verhalten von Personen in der Vergangenheit bewertet. Das Scoring soll auf Basis dieser Werte zukünftiges Verhalten prognostizieren, indem beispielsweise die Wahrscheinlichkeit beziffert wird, dass eine Person einen Kredit nicht bezahlen kann.

Scoring ist kein Phänomen, das erst mit der fortschreitenden Digitalisierung möglich ist: Solche Formen der individuellen Bewertung gibt es seit den 1920er-Jahren. Im Jahr 1927 wurde etwa die Schutzgemeinschaft für Absatzfinanzierung gegründet, die vor allem unter der Abkürzung Schufa bekannt ist. Die Wirtschaftsauskunftei beurteilt die Kreditwürdigkeit von 67,7 Millionen Personen anhand von 943 Millionen Einzeldaten.

Es gibt neben der Schufa auch noch andere Auskunfteien, die Daten über die Zahlungsfähigkeit von Nutzerinnen und Nutzern sammeln, wie Arvato Infoscore, Creditreform und Bürgel. Diese Auskunfteien erheben Daten meist nicht selbst, sondern bekommen sie von Unternehmen wie Banken, mit denen sie entsprechende Verträge abschließen. In der Regel speichern sie Informationen zur Person, wie Kreditkarten oder in der Vergangenheit unbezahlte Rechnungen. Ziel ist es, die Kundinnen und Kunden durch ein Beziffern und Bewerten objektiver beurteilen zu können. Die Bewertung soll sicherstellen, dass eine Bank nur an solche Personen Kredite vergibt, die diese dann auch begleichen können, oder es werden Rückzahlungsraten und Zinsen entsprechend angepasst.

Die Digitalisierung und die mit ihr entstehenden Möglichkeiten heben das Scoring auf eine neue Ebene: Es sind immer mehr Daten im Umlauf, die genutzt werden, um solche Verhaltensprognosen aufzustellen. Bei Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen können Anbieter Rabatte oder Zuschüsse zu kostenpflichtigen Zusatzleistungen daran koppeln, ob Versicherte beispielsweise über eine App nachweisen können, dass sie sich gesund ernähren und regelmäßig Sport treiben. Die Unternehmen argumentieren, sie wollen die Versicherten auf diese Weise motivieren, ihr Verhalten positiv zu verändern. Zugleich vermuten sie, dass sich dadurch die Lebensweise der Versicherten hin zu einem gesünderen Alltag wandelt, was schließlich geringere Versicherungsleistungen und damit einen Profit bedeuten könnte (siehe auch Kapitel Gesundheit und Krankheit).

Selbst wenn solche Daten auf den ersten Blick objektiv wirken, können sich auch hier diskriminierende Muster ausprägen. Beispielsweise hat eine alleinerziehende, arbeitslose Mutter weniger Möglichkeiten, sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben, als eine Frau ohne Kind mit einem gut bezahlten Job. Ihr Lebensstil würde damit in einem Scoring-System, wie zuvor beschrieben, als weniger gesund gelten. Hinzu kommt, dass die Daten alleine keine Sicherheit darüber geben, dass tatsächlich ein gesünderer Lebensstil gepflegt wird. Dieser Trend zur Individualisierung von Versicherungsleistungen kann, so die Kritik, dem in Deutschland bisher geltenden Solidaritätsprinzip für die gesetzliche Gesundheitsversorgung zuwiderlaufen. Das betrifft jedoch nicht die privaten Krankenkassen oder andere Versicherungsleistungen.

Mit den hier geschilderten Veränderungen stehen zahlreiche politische und rechtliche Fragen in Verbindung, die etwa das Arbeitsrecht, das Wettbewerbsrecht, das Bildungs- und Weiterbildungssystem sowie das Renten- und Steuersystem betreffen (siehe auch Kapitel Politik, Recht und Verwaltung). Viele rechtliche Regulierungen passen bislang nicht zu den veränderten oder neuen Wirtschafts- und Geschäftsmodellen, sodass etwa Unternehmen der Plattformökonomie rechtliche Grauzonen ausnutzen, wie es das Kompetenzzentrum Öffentliche IT des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat bewertet.