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Extremwetter: Bisherige Rekorde werden deutlich überschritten

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Extremwetter: Bisherige Rekorde werden deutlich überschritten Interview mit Dr. Peter Hoffmann

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Ein Jahr ist die Flutkatastrophe im Ahrtal her. Länger anhaltende Extremwetterereignisse nehmen wegen des Klimawandels zu, so der Meteorologe Dr. Peter Hoffmann. Deutschland müsse eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz einnehmen.

Externer Link: Dr. Peter Hoffmann forscht seit 2012 am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) e. V. Zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leipziger Institut für Meteorologie tätig. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte umfassen Methoden der Klimadiagnostik, um den langfristigen Wandel unserer gewohnten jahreszeitlichen Witterungsabläufe und deren mögliche Folgen für Mensch und Natur besser einzuordnen. (© picture-alliance, Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres)

bpb.de: Können Sie zu Beginn einmal kurz erläutern, was ein Extremwetterereignis überhaupt ist?

Unter Extremwetter bezeichnet man zum einen Ereignisse, die in der Vergangenheit relativ selten aufgetreten sind, zum anderen aber oftmals auch solche, die Mensch oder Umwelt beeinträchtigen. Also etwa durch Hitzebelastung, oder wenn extreme Starkregen-Ereignisse wiederkehrend am gleichen Ort zu viel Regen bringen und damit die Infrastruktur und Leben gefährden. Am Ende muss man sich immer über das Gesamtjahr hinweg anschauen, was es an ungewöhnlichen Ereignissen gegeben hat. Und da gehören nicht immer Ereignisse dazu, die man direkt spürt. So können z.B. im Sommer Dürren sehr schadensintensiv sein. Aber genauso Ereignisse im Winter, wenn man sich bestimmte extreme Schneefälle anschaut. Oder extrem milde Winter, wo ungewöhnlich hohe Temperaturen auftreten. Das sind ja auch Extreme, aber eben in einer anderen Jahreszeit und weniger mit einer direkten Wirkung verbunden.

Die Berichte über Extremwetterereignisse nehmen aktuell zu. Inwiefern kann das durch die Daten aus der Klimaforschung bestätigt werden?

Was man erst mal festhalten muss: Die beobachtete Veränderung der globalen Durchschnittstemperatur und die damit verbundenen Folgen, wie die Zunahme von extremen Wetterbedingungen weltweit, sind deutlich auf menschliches Handeln zurückzuführen. Der globale Anstieg der Temperatur – mittlerweile über 1,2 Grad – ist natürlich lokal verbunden mit noch höheren Erwärmungen über den Landmassen. Damit verändern sich auch Temperaturgegensätze in der Atmosphäre und die führen zur Veränderung von globalen Windsystemen. In mittleren Breiten ist das der Jetstream, der unsere Wettersysteme steuert. Schwächt sich dieser ab, kann es in der Folge zu beständigeren Wetterlagen kommen als bislang gewohnt. Und das eben auch über Europa, was Extremwettersituationen verstärken kann. Anhand von Daten kann man für die letzten Jahrzehnte nachweislich zeigen, dass Hitzewellen länger andauern und in ihrer Häufigkeit zugenommen haben. Teilweise werden sogar bisherige Rekorde von monatlichen Mitteltemperaturen deutlich überschritten – wie z.B. der Juni 2019. Ähnliches gilt beim Niederschlag: Monatsregenmengen fallen vermehrt an einzelnen Tagen. Ebenfalls sind unter bestimmten Bedingungen auch Kältewellen durchaus ein Szenario und können wahrscheinlicher werden, weil durch die Veränderung von Windsystemen häufiger auch Luftmassen arktischen Ursprungs weit nach Süden vordringen können. Kältewellen, die durch den Klimawandel verstärkt werden, sind also zukünftig denkbar. Andernorts dagegen bringen Ausgleichsströmungen sehr warme Luftmassen in die Eisregionen und beschleunigen den Erwärmungsprozess in der Arktis.

Woran liegt es, dass die Häufigkeit von Extremwetterereignissen auch in Deutschland in den letzten Jahren zunimmt?

Erstmal sieht man anhand von langen Messreihen, dass wir uns klimatisch verschieben. Das heißt, dass die jahreszeitlichen Mittelwerte von Temperatur und Niederschlag im Vergleich zu den 60er bis 80er Jahren spürbar abweichen. Und das ist kein Zufall, vielmehr liegt dahinter ein physikalischer Prozess, den wir selbst durch die Übernutzung von fossilen Energieträgern angestoßen haben. Durch die Anhäufung von klimaschädlichen Gasen in der Atmosphäre, die bei der Energiegewinnung entstehen, verstärkt sich der natürliche Treibhauseffekt. Wenn gewisse Gase in der Atmosphäre an Konzentrationen zunehmen, hat das Auswirkungen auf die globale Durchschnittstemperatur, weil sie die Wärmestrahlung der Erde zurückhalten. Und dann gibt es zudem Rückkopplungseffekte, d.h. wenn die Temperatur einmal ein gewisses Niveau erreicht hat, kommt es zu Domino-Effekten wie dem Schmelzen der Gletscher, Meeresspiegelanstieg, der Zunahme von Hitzeextremen und mehr Verdunstung des Meerwassers, das in der wärmeren Atmosphäre gespeichert wird. Das wiederum bedeutet auf der einen Seite, dass Regen über lange Zeit ausbleiben kann, weil die Atmosphäre das Potenzial hat, noch mehr Wasser aufzunehmen. Auf der anderen Seite braucht es dann aber ebenso extreme Ereignisse wie z.B. Gewitter, wo die Atmosphäre gewissermaßen ausgewrungen wird – einfach weil potenziell mehr Regenwasser zur Verfügung steht, wodurch die Intensitäten von lokalem Sturzregenereignissen innerhalb kürzester Zeit zunehmen dürften.

Sie haben auch davon gesprochen, dass diese Wetterlagen teilweise länger andauern. Woran liegt das?

Ein Grund ist, dass die Erde nicht gleichmäßig erwärmt wird. Das führt zu sich verändernden Temperaturgegensätzen. Normalerweise ist ein starker Temperaturgegensatz zwischen Pol und Äquator der Motor dafür, dass wir bevorzugt sogenannte Westwind-Wetterlagen in mittleren Breiten bei uns haben. Das heißt, dass das Wetter eher wechselhaft und feucht ist, mit einem vergleichsweise kühlen Sommer und mildem Winter. Nun kommt es aber durch die stärkere Erwärmung von den Polen oder auch von den Landmassen dazu, dass dieser Motor nicht mehr ganz so stark ist und öfter ins Stocken gerät. Das heißt, die Westwind-Zirkulation schlingert – mit stärkeren Auswuchtungen nach Norden und Süden. Die Folge sind dann beständigere Wetterlagen, die nicht mehr überwiegend vom Atlantik kommen, sondern bevorzugt Luftmassen aus südlichen oder nördlicheren Richtungen nach Europa transportieren. In Summe bedeutet das: Wetterlagen, die sonst rasch von West nach Ost gezogen sind, dauern länger an. So können am Ende auch Extremwetter entstehen, also andauernde Hitzewellen mit Dürren, Waldbränden usw. Diese treten dann durchaus nicht allein auf, sondern auch mal zeitgleich an mehreren Orten.

Müssen wir uns auf Katastrophen wie im Ahrtal häufiger einstellen?

Aus historischen Beobachtungen können wir Zusammenhänge zwischen extremen Wetterbedingungen und den auslösenden Strömungsbedingungen über Europa herstellen. Der Befund macht deutlich, dass kritische Wetterlagen eine stärkere Wirkung entfalten, wenn diese länger als bislang gewohnt anhalten. Damit erhöht sich die Neigung sowohl für Hitzewellen, langandauernde Trockenphasen, aber auch für langsam ziehende Starkregengebiete. Werden mediterrane Luftmassen angezapft, können ergiebige Regenmengen in Deutschland die Folge sein. So könnte es auch die Elbe, die gesamte Donau oder auch mal ein kleineres Flussgebiet treffen. Die konkreten Auswirkungen hängen natürlich stark davon ab, wie die lokalen Gegebenheiten sind: Gibt es etwa eine kritische Tallage, wo sich Wasser relativ schnell innerhalb weniger Stunden ansammeln kann? Oder handelt es sich um ein großes Flusshochwasser, wo die Vorwarnzeit wesentlich größer ist, weil die Fließgeschwindigkeit viel langsamer und das Gebiet hier viel flacher ist? Da muss man unterscheiden zwischen diesen eher sturzflutartigen Ereignissen und den großen Flusshochwasser, wo es wiederum auch davon abhängt, wie die Sättigung von Böden ist, wie schnell das Wasser abfließen kann oder ob ein Zwischenspeicher möglich ist.

Was muss getan werden, um die Bevölkerung vor extremen Wetterereignissen zu schützen?

In der praktischen Umsetzung von bestehenden Meldeketten gibt es sicher noch Potenzial für Verbesserungen, um schnell die potentiell gefährdeten Ortschaften zu informieren und erforderliche Maßnahmen einzuleiten. Am Anfang der Kette stehen immer Vorhersagen von möglichen Regengebieten. Sie reichen in der Regel aus, um die betroffene Bevölkerung in Alarmbereitschaft zu versetzen. Kritische Regionen, wo sich im Starkregenfall das Regenwasser schnell ansammeln kann, sind meist bekannt und kartiert. Nichtsdestotrotz werden diese weiterhin bebaut, obwohl man eigentlich weiß, dass die gegebenen Schutzmaßnahmen keine ausreichende Sicherheit vor wetterbedingten Naturkatastrophen darstellen. Und erst recht nicht im Klimawandel. Darüber hinaus gibt es sicherlich noch mehr Potenzial, beispielsweise wie das Warnsystem verbessert werden kann: Akteure wie Meteorologen, die die Vorhersagen tätigen, sehen in der Regel nur die Regensummen. Sie haben aber nur vage Vorstellung darüber, was diese Regensummen dann in bestimmten Regionen auslösen können. Es wäre gut, wenn man Regenmengen, die sich innerhalb weniger Stunden akkumulieren, auch übersetzen könnte in eine Regenwasser-Ansammlung am Boden. Und das betrifft ja nicht nur kritischen Tallagen, sondern auch urbane Zentren oder Ballungszentren, die stark versiegelt sind. Wenn da 100 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb weniger Stunden runterkommt, dann können beispielsweise U-Bahn-Schächte volllaufen. Gerade auch urbane Zentren sind kritische Gebiete, weil dort viel Infrastruktur vorhanden ist.

Gibt es auch bauliche Maßnahmen, die Orte sicherer machen vor solchen Katastrophen?

Wenn sich ein Haus in einer kritischen Lage befindet, ist es einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Aber im Prinzip reicht vielleicht schon das Wissen darum, dass man in einem kritischen Gebiet wohnt, um eine Wachsamkeit auszulösen. Aber auch im Nachgang ist es sehr schwierig: Baut man wieder an Ort und Stelle auf oder wartet man und macht erstmal eine richtige Nachsorge? Lohnt es sich überhaupt in diesen Regionen wiederaufzubauen? Welche Flächen stünden zur Verfügung, um Wassermassen besser zu entschleunigen? Manchmal wird alternatives Bauland zur Verfügung gestellt, um den Leuten schnell zu helfen. Aber wenn man von einem kritischen Gebiet ins nächste kommt, nur um schnell eine Lösung anzubieten, ist Schnelligkeit nicht die beste Antwort.

Welche Weltregionen sind von welchen Extremwetterereignisse besonders betroffen?

Europa ist ein Kontinent, der wiederkehrend durch Witterungsextreme (z.B. Dürren) oder Extremwetter (Hitzewellen, Hochwasser und Winterstürme) heimgesucht wird – zum Beispiel ist die Mittelmeerregion eine Hotspot-Region, wo Hitze, Dürre und auch intensive Starkregenereignisse sehr relevant sein können. Extremwetter in diesen Regionen hängen oft auch zeitlich zusammen: Heiße Sommer können im Herbst dazu führen, dass die Regenfälle über zu warmem Meerwasser intensiver ausfallen.

Andere Weltregionen sind durch andere Klimate und Extreme gekennzeichnet, die z.B. durch eine Trockenzeit und eine Regenzeit bestimmt sind. Wie jüngst in Indien können auch dort die jahreszeitlichen Rhythmen extremer als gewohnt ausfallen. Dort war die zu frühe und überdurchschnittliche Hitzeperiode in der Vor-Monsunzeit ungewöhnlich und erreichte mit Werten um die 50 Grad unvorstellbare Dimensionen für Mensch und Natur.

Ist es dann auch ein realistisches Szenario, dass gewisse Regionen unbewohnbar werden?

Wenn man bei den Extremwerten an die 50 Grad herankommt, ist eine Grenze der Lebensfähigkeit erreicht. Dabei ist es nicht nur die Temperatur alleine, die ausschlaggebend ist. Kann man in einer Region, in der zu hohe Temperaturen und auch zu wenig Wasser vorhanden ist, überhaupt langfristig wirtschaften und seinen Lebensunterhalt verdienen? Dauerhaft nicht. Besonders in Regionen, die stark von Landwirtschaft geprägt sind und in denen es zu wiederkehrenden extremen Dürrezuständen kommt, kann für die örtliche Bevölkerung häufig nicht mehr die Lebensgrundlage erwirtschaftet werden. Und dann sind Migrationsbewegungen in andere Regionen eine mögliche und logische Konsequenz.

Was würden Sie sagen, wo liegen die entscheidenden Hebel, um im Klimaschutz etwas zu verändern?

So ein Hebel ist mit dem CO2-Preis schon ausgelöst, um eine langfristige Verhaltensänderung zu mehr Klimaschutz voranzubringen. Somit bekommt jede Tonne ausgestoßener CO2-Moleküle, die bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas entstehen, einen Preis. Dadurch werden langfristig Produkte teurer, die in der Produktion viel CO2 freisetzen und jene Produkte günstiger, die nachhaltiger hergestellt werden. Eine sozial ausgewogene Ausgestaltung ist dabei eine große politische Herausforderung, um den dringendsten Problemen sowohl der heutigen und der zukünftigen Generationen mit der nötigen Weitsicht entgegenzutreten. Jeder Einzelne trägt dafür eine Mitverantwortung.

Nur durch das alleinige Aufzeigen der Notwendigkeit ändern wir unsere Lebensgewohnheiten von heute auf morgen kaum. Durch akute Krisen jedoch kann der kurzzeitige Wandel beschleunigt werden. Die Bepreisung von CO2-Emissionen ist ein langfristiges und auch marktwirtschaftliches Instrument, um die Zukunft noch gestalten zu können. Da kann sich jeder darauf einstellen und sich aktiv daran beteiligen. Und ja, es wird weiterhin Teile der Gesellschaft geben, die zu höheren Preisen unverhältnismäßigen Luxus genießen. Auf diejenigen zu warten wäre jedoch vergeudete Zeit. Alle Felder unseres täglichen Alltags müssen neu gedacht und stärker Alternativen aufgezeigt werden, die auch die bezahlbar sind.

Wie kann sich Deutschland solidarisch verhalten, wenn man bedenkt, dass es zu mehr Fluchtbewegungen kommen könnte?

Es ist wichtig, den Leuten vor Ort Hilfe anzubieten. Klar muss man, so gut es eine Nation eben kann, Flüchtlinge unterstützen. Aber ich denke, noch wichtiger ist es vor Ort Ressourcen oder Finanzen bereitzustellen – auch durch Technologieentwicklung bzw. einen Technologietransfer –, um solche Risiken abzumildern. Zum Beispiel: Wie können landwirtschaftliche Systeme so angepasst werden, dass es genau nicht zu drastischen Fluchtbewegungen kommt? Oder wie können Mikro-Versicherungen installiert werden, die mögliche Ertragsausfälle gemeinschaftlich abfedern, um vor Verlusten zu schützen? Und letztendlich muss natürlich auch Deutschland seinen eigenen Beitrag leisten und seine Hausaufgaben in der Klimapolitik machen, damit die Entwicklung nicht noch weiter so voranschreitet wie bislang. Und das ist nicht allein mit Geld getan.

An welchen Stellen müsste die Bundesregierung den Klimaschutz intensivieren?

Ein Stück weit trägt der tragische Interner Link: Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine dazu bei, Maßnahmen der Energieunabhängigkeit in Deutschland doch schneller umzusetzen. Denn ein beschleunigter Ausbau von erneuerbaren Energien ist ein Schlüssel für eine nachhaltige Energieversorgung über Ländergrenzen hinweg. Und Deutschland muss da mit seinen Möglichkeiten vorangehen. Langfristig kann es sich auszahlen, Vorbild zu werden und Technologien zu exportieren.

Wie steht Deutschland da, wenn es um die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens geht?

In meiner Einschätzung ist durchaus noch Luft nach oben. Im Vergleich zu den Jahren vor der Klimabewegung 2019, hat sich durch die junge Generation in den letzten Jahren relativ viel bewegt, was vorher so überhaupt nicht denkbar war. Gewisse Themen sind jetzt viel stärker auf der politischen Agenda als vorher: Mal ist es die Dürre oder die langandauernden ungewöhnlichen Witterungszustände oder auch mal Extremereignisse, und zwar nicht nur hier bei uns, sondern auch anderswo. Dennoch: Aktuell ist es in Sachen Interner Link: Pariser Klimaabkommen von der Geschwindigkeit zu wenig. Wir müssen da noch zulegen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fussnoten

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