Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Redaktion am 03.06.2015

Kleines 3x3 des Teilens

Drei Fragen. Drei Antworten. Drei Perspektiven.

Wie und warum teilen Lehrende? Die Werkstatt der bpb hat Hochschulprofessor Stefan Piasecki, Medienpädagoge Eike Rösch und Lehrerin Regina Schulz gefragt, welche Regeln, Strukturen und Tools das Teilen von Bildung beeinflussen.


LehrendeLehrerinnen und Lehrer teilen in sozialen und beruflichen Netzwerken – analog wie digital. Lizenz: cc by/2.0/de (Texas A&M University / Flickr / Foto bearb.)



Werkstatt: Welche Rolle spielt das Teilen von Bildung an Ihrem Lernort bzw. in Ihrem Arbeitsbereich?

Regina Schulz: Teilen von Bildung ist das Fundament von Schule. Lernende und Lehrende teilen täglich Bildungswerkzeuge, -infrastruktur, Erfahrungen und Wissen. Zu oft wird das vermeintliche Teilen von Bildung jedoch zum einseitigen Konsum: Schüler und Schülerinnen konsumieren Unterricht; Lehrende konsumieren didaktische und pädagogische Konzepte der Schulbuchverlage. Was das Teilen unter Lehrenden betrifft, gilt: Je innovativer und zeitaufwendiger die Erstellung der Unterrichtsmaterialien ist, desto geringer scheint die Motivation, diese mit Kollegen und Kolleginnen zu teilen. Teilen wird so im vielseitigen Schulalltag zu oft zur Ausnahme.

Eike Rösch: In der Medienpädagogik herrscht aufgrund der immensen Innovationsdynamik im Medienbereich ein ebenso großer Innovationsdruck. Medienpädagoginnen und -pädagogen können deshalb nur dann bestehen, wenn sie ihr Wissen weitergeben und solidarisch mit anderen zusammenarbeiten. Das ist in meinem Bereich der naheliegendste und pragmatischste Grund, das eigene Know-how zu teilen. Ich bin aber auch generell der Meinung, dass Teilen und Solidarität wichtige Prinzipien für eine Gesellschaft sind.

Stefan Piasecki: An unserer christlichen Hochschule sprechen wir viel vom Teilen. Wir bilden junge Leute für die Soziale Arbeit und Religions- und Gemeindepädagogik aus. Da spürt man manchmal schon die Widersprüche zwischen dem Gebot zu Teilen und dem Zwang dazu - etwa aus organisationspsychologischer Sicht. Als Dozent teilt man natürlich Wissen mit. Ich persönlich liebe es aber auch, Herausforderungen und Chancen zu teilen und zu sehen, wie Menschen sich entwickeln. Ich binde Studierende in wichtige Projekte ein, die dann auch unter unseren Namen veröffentlicht werden. Wir wissen ja auch aus der Sozialarbeit: Menschen wachsen, wenn sie ernst genommen werden.


Welche Regeln und (digitalen) Strukturen helfen Ihnen an Ihrem Lernort bzw. in Ihrem Arbeitsbereich beim Teilen?

Eike Rösch: Medienpädagoginnen und -pädagogen sind überdurchschnittlich aktiv in sozialen Medien. In vielen thematischen Gruppen auf Facebook, aber auch in verschiedenen Zusammenhängen auf anderen Plattformen (etwa im #edchatde auf Twitter) werden Wissen und aktuelle Trends geteilt. Persönliche Blogs und Websites sind in der Medienpädagogik ebenso recht verbreitet und bieten zahlreiche Möglichkeiten, Wissen zu teilen.

Stefan Piasecki: Wir haben als Hochschule ein festes Regelwerk, eine „Campusvereinbarung“. Dort wird viel von Gemeinschaft gesprochen, und diese bedeutet ja ebenfalls zu teilen oder Anteil zu haben. Unser Arbeitsbereich ist außerdem von Kommunikationsmedien geprägt, wir arbeiten und organisieren viel über Moodle-Lernplattformen, Studierende agieren teilweise über Facebook. Wir teilen online Papiere und Skripte. Das Onlinestudium fußt ebenfalls stark auf Moodle. Dort teilen sich Arbeitsgruppen die Aufgaben, Dozierende teilen Ergebnisse mit. Natürlich gibt es dabei auch Konflikte, aber für gewöhnlich teilt man auch schwierige persönliche Situationen. Das habe ich so zuvor – in anderen Arbeitskontexten – nie kennen gelernt.

Regina Schulz: In der Schule geschieht das Teilen unter Kolleginnen und Kollegen vor allem auf zwei Ebenen: in persönlichen sozialen und beruflichen Netzwerken – jeweils analog und digital. Analog sind es die Fachschaften, die Jahrgangsteams, das KUR-Feedback ("Kollegiale Unterrichtsreflexion"), aber auch die papierenen Unterrichtsmaterialien in sämtlichen Ordnern im Lehrerzimmer. Digital wird der Austausch über Portale (z.B. ZUM-Wiki, segu-geschichte), Blogs, soziale Netzwerke (darunter auch der von Eike Rösch erwähnte Chat #edchatde) sowie Etherpads, Cloud-Dienste oder YouTube organisiert. Gefiltert wird die Flut von Unterrichtsmaterialien durch persönliche Empfehlungen von befreundeten Kolleginnen und Kollegen.


Wie könnte eine „Kultur des Teilens“ an Ihrem Lernort bzw. in Ihrem Arbeitsbereich weiter gefördert werden?

Stefan Piasecki: Eine „Kultur des Teilens“ ist ein schöner Gedanke. Ein wenig praktizieren wir diese schon: Studierende er-„teilen“ Flüchtlingen aus der Nähe einfach so Deutschunterricht. Wir teilen Know-how oder Kontakte, auch unter Dozierenden, arbeiten über die Cloud gemeinsam an Dokumenten oder man ist auch mal „Sidekick“ in einer fremden Lehrveranstaltung. Grundsätzlich bedeutet Teilen immer auch, dem anderen zu begegnen. Es hapert sicher noch zu oft daran, den Anderen bzw. die Andere hinter einer vielleicht nicht geteilten Forderung oder Ansicht immer noch als Person wahrzunehmen.

Eike Rösch: Die Möglichkeit, insbesondere in sozialen Medien, vom Wissen anderer zu profitieren, führt häufig dazu, dass nach den vorhandenen Erfahrungen von Kolleginnen und Kollegen gefragt wird, ohne das eigene Wissen oder die bisherigen Recherchen offenzulegen. Die Ergebnisse werden zudem häufig nicht systematisch gesammelt und wiederum anderen zur Verfügung gestellt. Ich wünsche mir, dass solche Informationen vermehrt in frei verfügbaren Dokumenten gesammelt werden. Wie das aussehen könnte, habe ich jüngst in einem Blogbeitrag aufgeschrieben.

Regina Schulz: Die Förderung einer „Kultur des Teilens“ ist im System Schule unbedingt notwendig. Dafür müssen aber die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden: Vertrauen, Teamarbeit, Wir-Gefühl. Dabei können bauliche, organisatorische und strukturelle Maßnahmen helfen. Lehrerarbeits- und Fachschaftsräume, die Möglichkeit eines institutionalisierten Austauschs durch effektive Nutzung von Freistunden und Präsenztagen, der Aufbau einer „Feedback-Kultur“ durch Möglichkeiten des Teamteachings und der kollegialen Unterrichtsreflexion. Digitale Medien können den Auf- und Ausbau einer „Kultur des Teilens“ fördern - jedoch nur, wenn sie einen unkomplizierten Zugriff auf relevante Materialien ermöglichen und bereits vorhandene Strukturen des Austauschs unter Lehrenden integrieren. Die Entwicklung einer „Kultur“ braucht Zeit, stete Schritte, positive Erfahrungen und Engagement.

Vielen Dank für Ihre Antworten!


Über unsere Interviewpartner/-in:

Stefan Piasecki ist Professor für Soziale Arbeit an der CVJM-Hochschule in Kassel und leitet dort die Forschungsstelle Medienpädagogik. Neben Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit gilt sein besonderes Interesse der Medienanalyse und Rezeptionsforschung sowie medieninduzierten Identitätsbildungsprozessen. Zusätzlich ist er Jugendschutzprüfer bei der FSK in Wiesbaden und der FSF in Berlin.

Eike Rösch ist Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und hat einen Lehrauftrag der »HAWK Hildesheim-Holzminden-Göttingen«. Darüber hinaus ist er Herausgeber des „Medienpädagogik Praxis-Blog“. Zuvor war er mehrere Jahre als Medienpädagoge in der Jugendarbeit tätig.

Regina Schulz ist Lehrerin in Hamburg für die Fächer Englisch und Geschichte. Nach Ihrer Arbeit an der Jürgen-Fuhlendorf-Schule, die für das Lehrer-Kollegium iPads eingeführt hat, arbeitet sie nun am Gymnasium Grootmoor in Hamburg. Sie konzipierte bereits Seminare der politischen Bildung für Die Neue Gesellschaft Vereinigung für politische Bildung e.V. und interaktive Unterrichtsmaterialien für den bilingualen Geschichtsunterricht für dokumentARfilm.

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