Geschichte begreifen

14.11.2008 | Von:
Gabriele Knapp

Musikprojekte


Überlegungen zur Methode

Um Musik als Thema in der Bildungsarbeit zu Nationalsozialismus und Holocaust zu behandeln, müssen Schülerinnen und Schüler nicht immer zwangsläufig selbst musikalisch aktiv werden. Dies erfordert musikalische und pädagogische Kompetenz sowie Erfahrung in der Vermittlung. Musik als Bestandteil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen fungiert dabei als eine Art "Türöffner" zur Geschichte. Sie weckt Neugier und Interesse, auch wenn die Musik aus einer anderen geschichtlichen Epoche oder einem anderen Kulturkreis stammt.

Musizieren an der Schule ist kein Problem, da es eigens dafür vorgesehene Räume gibt. In Gedenkstätten sollten Räume zur Verfügung stehen, in denen die Jugendlichen bei Projekttagen ungestört üben können, ohne andere Besucher zu stören – beispielsweise in einer angegliederten Jugendbegegnungsstätte.

Doch sollte Musik nicht ein reines Abreagieren von Gefühlen bleiben, sondern gezielt das bisher Erfahrene aufgreifen und auf eine andere Erlebnisebene transformieren - also eine weitere Dimension des Lernens eröffnen. Dies verhindert auch, dass Musizieren in einem ehemaligen Konzentrationslager reinen Event-Charakter bekommt und somit der Ort zur bloßen "Gruselkulisse" für Musikdarbietungen instrumentalisiert wird. Da Gedenkstätten auch Orte der Trauer und der Besinnung sind, muss die dort gespielte Musik dem Ort angemessen sein. Dies muss jedoch noch keine Festlegung der Musikrichtung bedeuten.

Themenbeispiele für musikbezogene Studientage und Unterrichtseinheiten

Musik in Ghettos und Konzentrationslagern eignet sich nicht nur als Thema für die außerschulische Projektarbeit, sondern auch für den schulischen Unterricht. Eine kürzere Unterrichtseinheit kann die Biografie eines musikalisch aktiven Lagerhäftlings oder eines seiner Lieder (sofern Noten dazu überliefert sind oder eine Tonaufnahme existiert) behandeln.

Studientage zu Musik

Oder eine Schulklasse befasst sich im Rahmen eines mehrstündigen Studientages mit der Funktion und Wirkung von Musik in Ghettos und Konzentrationslagern. Als Einstieg kann der Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" (1944, Regie: Kurt Gerron, 22 Min.) eingesetzt werden. Der Film ist unterlegt mit Musik von durch die Nationalsozialisten verbotenen jüdischen Komponisten.

In der Diskussion über den Film können die Themen Musik als Propagandamedium und die Ausgrenzung jüdischer Musiker und Komponisten aus dem Musikleben im Dritten Reich erörtert werden. Außerdem können die Verfolgung und Vertreibung von jüdischen Musikerinnen und Musikern sowie die Begriffe "entartete Musik" beziehungsweise "verfemte Musik" zur Sprache kommen. Hier bietet sich eine Überleitung zu Musik in Ghettos und Konzentrationslagern an.

In Kleingruppen werden dann unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, wie Musik im Warschauer Ghetto, die "Freizeitgestaltung" in Theresienstadt, die Kinderoper Brundibár in Theresienstadt oder Musik in Auschwitz. Anhand von vorbereiteten Materialien und mittels eigenständiger Recherche arbeiten die Jugendlichen frei oder nach vorgegebenen Fragestellungen zu ihrem Spezialthema. Die Arbeitsergebnisse stellen sie anschließend im Plenum zur Diskussion vor.

Eine weitere Lerneinheit kann in einem etwa vier- bis sechsstündigen Studientag andere Schwerpunkte zum Thema Musik im Nationalsozialismus setzen: Auf eine Einführung über die Zeit des Nationalsozialismus, die als Kontrolle des realen Kenntnisstandes der Klasse/Gruppe dient, folgt ein zum Thema passender Film als Einstieg. Dieser sollte nicht länger als 45-60 Min. dauern.

Wichtig ist, dass Musik im Film thematisiert wird beziehungsweise der Film mit Musik unterlegt ist. Dokumentarfilme mit Aufnahmen aus der NS-Zeit sind didaktisch sinnvoller als aktuelle Spielfilme, die historische (Musik-)Ereignisse rekonstruieren. CDs oder Musikkassetten mit Originalmusik aus dem Dritten Reich können Schülerinnen und Schüler möglichst selbstständig anhören.

Falls Musikstücke mit der Klasse einstudiert werden, sollte dies nicht mit NS-Liedern beziehungsweise der Musik der Täter geschehen. Gleichwohl sollten diese kritisch analysiert und nach ihrer Wirkungsweise und Funktion bewertet werden.

In einer Phase des forschenden, selbstständigen Arbeitens, für die ausreichend Zeit eingeplant wird (ca. ein Drittel der gesamten Lerneinheit), können die Jugendlichen sich in ihr Spezialthema vertiefen, eigene Fragen entwickeln, Widersprüchlichkeiten in den Dokumenten entdecken usw. Bemerken sie am Ende dieser Arbeitsphase, sie hätten "zu wenig Zeit" gehabt, ist diese erfolgreich verlaufen.

Vorschläge für Teilbereiche

Teilbereiche des Themas Musik im Nationalsozialismus, die an Studientagen, in mehrstündigen Unterrichtseinheiten oder in Arbeitsgruppen angeboten werden können, lauten:
  • Schicksale von Musikerinnen und Musikern (Ausgrenzung aus dem Musikleben, Vertreibung, Verfolgung, KZ-Gefangenschaft, Exil, Remigration),
  • "Entartete Musik" (Jazz, Swing, Musik jüdischer Komponistinnen und Komponisten, sog. "jüdische Musik"),
  • Musik in der nationalsozialistischen Bewegung (z.B. Gesetze der Reichsmusikkammer, Lieder der Hitlerjugend/des Bundes deutscher Mädel, Lieder oppositioneller Jugendlicher),
  • Musik im nationalsozialistischen Alltag (Hausmusik, Musikunterricht in der Schule, Musikstudium),
  • Unterhaltungsmusik im Nationalsozialismus.
Für ein multiperspektivisches Herangehen ist eine Kombination dieser Teilbereiche sinnvoll.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 2.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Dossier

Geschichte und Erinnerung

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

Mediathek

Erinnern, aber wie?

Was kann an historischen Orten gelernt werden, was können Gedenkstätten leisten und wo liegen die Grenzen? Der Filmbeitrag lässt vielfältige Positionen zu Wort kommen, die Idee ist es, dass dieser Film in der Bildungsarbeit als Einstieg und/oder Vorbereitung auf einen Gedenkstättenbesuch eingesetzt werden kann

Jetzt ansehen

Wir waren so frei...

Momentaufnahmen 1989/90

Umbruchszeit 1989/1990 - hier finden Sie Unterrichtsmaterialien zu privaten Filmen, Fotos und Erinnerungen jenseits der offiziellen Berichterstattung mit umfangreichen Arbeits- und Informationsmaterialien für den Online- und Offline-Unterricht.

Mehr lesen auf unterricht.wir-waren-so-frei.de

Die 4. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung widmete sich vom 27. bis 29. Januar dem Fokus "Volksgemeinschaft – Ausgrenzungsgemeinschaft. Die Radikalisierung Deutschlands ab 1933". Hier finden Sie die Veranstaltungsdokumentation.

Mehr lesen

Immer mehr populär(wissenschaftlich)e Geschichtsmagazine kommen auf den Markt - mit reißerischen Aufmachungen und kommerziellem Interesse. Das länderübergreifende Forschungsprojekt EHISTO vergleicht nun ihre Qualität mit der klassischer Schulbücher - und zwar im europäischen Vergleich. werkstatt.bpb.de hat die Koordinatorinnen interviewt.

Mehr lesen auf werkstatt.bpb.de

Interaktives Wahltool

Wahl-O-Mat

Seit 2002 gibt es den Wahl-O-Mat der bpb. Mittlerweile hat er sich zu einer festen Informationsgröße im Vorfeld von Wahlen etabliert. Hier erfahren Sie, wie ein Wahl-O-Mat entsteht und was seine Ziele sind. Im Archiv können Sie außerdem jeden Wahl-O-Mat der vergangenen Jahre noch einmal nachspielen.

Mehr lesen

kinofenster

Themendossier 125 Jahre Kino

Vor 125 Jahren eröffnete das erste Kino in Deutschland. Anlass für eine kleine Reise durch die Geschichte: Nachdem wir im April mit dem Stummfilm und den ersten Jahrzehnten des Tonfilms gestartet sind, spannen wir in der aktuellen Ausgabe den Bogen von den späten 1950er-Jahren bis zur Gegenwart – von opulenten Monumentalfilmen in Cinemascope bis hin zum digitalen Independent-Film. Dazu gibt es Unterrichtsmaterial ab Klasse 7.

Mehr lesen auf kinofenster.de