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Theaterprojekte

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Theaterprojekte

Regine Gabriel

/ 6 Minuten zu lesen

Methoden aus der Theaterpädagogik haben bei der Auseinandersetzung mit Geschichte besondere Vorteile: Sie ermöglichen affektive Lernprozesse und lassen Empathie entstehen.

Augusto Boals "Theater der Unterdrückten" kann eine Arbeitsgrundlage für Lerngruppen jeden Alters in Gedenkstätten sein. Das "Theater der Unterdrückten" geht von zwei Grundsätzen aus: Der Zuschauer als passives Wesen und Objekt soll zum Aktivisten der Handlung werden. Das Theater soll sich nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigen, sondern ebenso mit der Zukunft und deren Möglichkeiten. Die Schnittstellen liegen sowohl in der Theaterpädagogik als auch in der politischen Bildung wie auch im politischen Theater.

Maskerade. (© Bernd Boscolo / PIXELIO, www.pixelio.de)

Die von Boal erdachten und erprobten Formen wie "Statuentheater" und "Unsichtbares Theater" ermöglichen eine inhaltliche Auseinandersetzung, indem die Ausdrucksmöglichkeiten des eigenen Körpers bewusst erfahren und eingesetzt werden. Das Statuentheater ist eine Form, in der die Protagonisten ein Bild aus Personen stellen, das ihre kollektive Vorstellung über ein Thema zeigt.

Das Bild kann solange bearbeitet werden bis es von allen Beteiligten als Realbild akzeptiert wird. In einem weiteren Schritt formen die Teilnehmer aus diesem Realbild ein Idealbild. Wichtig ist, dass alles in einem raschen Tempo vonstatten geht, damit die Protagonisten nicht erst in Worten, sondern sofort in Bildern denken.

Unsichtbares Theater geht bei Boal immer von einem aktuellen Thema aus, das bei den Zuschauenden auf Interesse stoßen soll. Es wird ein Text erarbeitet, der schriftlich fixiert wird, aber für Veränderungen offen bleibt. Die Schauspieler spielen ihre Rollen genau wie im konventionellen Theater, allerdings nicht in einem Theaterraum, sondern in anderen öffentlichen Räumen. Die Zuschauenden wissen in der Regel nicht, dass sie Zuschauer/innen eines Theaterstücks sind. (Boal 1989, S. 71ff.)

Ziele und Vorteile der theaterpädaogogischen Arbeit

Eines von Boals Hauptzielen ist das Beenden von Sprachlosigkeit. Im Zusammenhang mit der Bearbeitung des Themas Nationalsozialismus bedeutet dies, dass das Schweigen auch der 2. und 3. Generation die notwendige Suche nach der Beendigung der Sprachlosigkeit verhindert oder zumindest hinauszögert.

Künstlerische Zugangsformen erleichtern die Kommunikation, weil eben auch ohne Sprache, durch den spärlichen Einsatz von Sprache oder durch Sprachverfremdung, Verständigung geschieht. Dies kann gerade bei Gruppen aus mehreren Nationen von großem Vorteil sein. Boal hat seine Methode zwar für Menschen in Lateinamerika entwickelt, die ihre Lebenssituationen reflektieren und möglicherweise verändern wollen. Sie kann aber auch in anderen Kontexten angewendet werden.

Begibt man sich auf den Weg der theaterpädagogischen Vermittlung, werden Teilnehmende immer unmittelbar am Lernprozess beteiligt. Dies fördert vor allem die Motivation bei Kindern und Jugendlichen sehr stark.

InfoMethodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: Max. 20

  • Altersstufe: Ab 10 Jahre

  • Zeitbedarf: 2-3 Projekttage

  • Preis (ohne Fahrten): Je nach Materialbedarf zwischen 5 und 15 Euro

  • Benötigte Ausstattung: Mehrere Räume, einen großen Raum für die Präsentation, Material abhängig vom Projekt

Bei der Beschäftigung mit dem Thema Nationalsozialismus erleichtern diese Methoden, Kinder, Jugendliche und Erwachsene der Nachkriegsgeneration in ihrem Alltag abzuholen und dennoch Parallelen zwischen damals und heute erfahrbar zu machen. Hartmut von Hentig schreibt: "...das Theaterspiel [ist] eines der machtvollsten Bildungsmittel, die wir haben: ein Mittel, die eigene Person zu überschreiten, ein Mittel der Erkundung von Menschen und Schicksalen und ein Mittel der Gestaltung der so gewonnenen Einsicht. [...] Mit dem Bemühen, einen anderen Menschen darzustellen, gehen alle, die das Theaterspielen nicht nur als Nachahmung eines Schauspielers verstehen, einen wichtigen Schritt zur Erweiterung und Vermenschlichung des eigenen Ichs." (Hentig 1996, S.117 ff.)

Walk Act

"Lebendige Bilder – Ein Walk Act" war das Motto eines Projektes der Gedenkstätte Hadamar im Jahr 2006. Die Projektteilnehmer/innen im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren führten einen Walk Act (Szenisches Straßentheater) in Limburg auf. Der Walk Act wurde mit verschiedenen Techniken aus der Theaterpädagogik vorbereitet, wie zum Beispiel Präsenz- und Wahrnehmungsübungen, Körperarbeit oder dem Stellen von Standbildern.

Inspirationsrahmen für den Walk Act waren Bilder und Schüttelverse der Jugendlichen in einer Collagetechnik nach John Elsas. Elsas war ein jüdischer Künstler, dessen Nachlass während des Zweiten Weltkriegs unangetastet blieb. Die Arbeiten der Jugendlichen schlugen den Bogen zu aktuellen politischen Ereignissen, deren Folgen mit dem Wissen um die NS-Zeit besser zu verstehen sind. Themenbereiche waren: Sterbehilfe, Patiententötungen heute, Ausgrenzung, rechtsextremistische Überfälle auf Ausländer, Arbeitslosigkeit.

Alle Spieler/innen erhielten einen Bilderrahmen aus Holz, mit dem sie als Ausdrucks- und Hilfsmittel agieren konnten. Die gemeinsame schwarze Kleidung betonte die Zusammengehörigkeit der Gruppe. Außerdem lenkte sie die Aufmerksamkeit der Zuschauenden weg von möglichen Äußerlichkeiten und beförderte die Konzentration auf die Bewegungen und damit auf die Darbietung.


Szenische Darstellung

Ein Beispiel für diese theaterpädagogische Methode ist die Arbeit mit Schüler/innen des vierten Grundschuljahres. Diese spielten Szenen aus dem Bilderbuch "Papa Weidt: Er bot den Nazis die Stirn" von Inge Deutschkron und Lukas Ruegenberg. Ein Erzähler führte die Zuschauenden durch die Gesamtgeschichte, in der "Papa" Otto Weidt in seiner Besenbinderwerkstatt in Berlin beschäftigte blinde Juden versteckt.

Die sich mehrenden Verbote für Juden wurden von den anderen Kindern als szenische Lesung vorgetragen. Diese Kinder waren im Zuschauerraum verteilt. Dadurch entstand eine große Nähe zwischen Spielenden und Zuschauenden. Es gelang damit, alle in die Handlung einzubeziehen.

Stabpuppenspiel

Eine andere Form der Darstellung und Bearbeitung zum Beispiel von Opfer- oder Täterbiografien ist das Spiel mit selbst gemachten Stabpuppen. Hierfür benötigt man einen breiten Holzstab, feste Pappe und Heftzwecken. Die Pappe wird zu einer Figur zurechtgeschnitten. Die Stabpuppe kann neutral, als Rohling bestehen oder auch bemalt und gestaltet werden.

Mit diesem Medium, durch die Methode des kreativen Schreibens ergänzt, können Teilnehmende kleine Szenen präsentieren, die sich beispielsweise aus den Biografien erstellen lassen. Diese Vorgehensweise erlaubt den Spielerinnen und Spielern, sich selbst zurückzunehmen. Nicht sie stehen auf der Bühne, sondern die Stabpuppen, und diese stehen für Opfer und Täter.

Maskenbau und Maskenspiel

Durch den Einsatz von Masken (besonders von Neutralmasken) können sich Spieler stärker auf den Körperausdruck konzentrieren. Das Gefühl der Spielenden, sich vermeintlich hinter den Masken verstecken zu können, macht sie beim Körpereinsatz zum einen mutiger, zum anderen müssen sie deutlich ausdrucksstärker werden, da die Gesichtsmimik als Vermittlungselement ausfällt.

Das vorangehende Erstellen von Masken ermöglicht, dass die Masken einen für die jeweilige Rolle bestimmten Ausdruck erhalten. Dies gilt auch dann, wenn es nicht gestaltete Masken (Neutralmasken) als Abdrücke des eigenen Gesichts sind. Der eigene Körper wird somit eindeutiger zum Instrument.

Für den Bau von Masken benötigt man Klarsichtfolie, um das Gesicht zu schützen, Gipsbinden, die in schmale Streifen geschnitten und in mehreren Lagen auf dem Gesicht verteilt werden. Nach einigen Stunden Trocknen kann die Maske weiter bearbeitet werden.

Schwierigkeiten und Voraussetzungen für theaterpädagogische Methoden

Die Anleitenden müssen sich immer bewusst sein, dass theaterpädagogische Methoden keine Form der therapeutischen Bearbeitung des Themas Nationalsozialismus sind. Während der Erarbeitungsphase muss den Teilnehmenden immer wieder ermöglicht werden, sich von den Rollen und Figuren zu distanzieren. Identifikation mit Opfern oder Tätern darf nicht geschehen.

Wenn Teilnehmende sich absolut weigern zu spielen, muss das ernst genommen werden. Es gibt immer auch "Hilfsarbeiten" wie Raumgestaltung oder Texte schreiben, die dann übernommen werden können.

Grundsätzlich gilt bei theaterpädagogischen (wie bei allen anderen) Methoden: Die Anleitenden müssen diese Methoden selbst erlernt und erlebt haben, um sie verantwortungsvoll einsetzen zu können. Nur dann ist man auch in der Lage zu entscheiden, welche der Möglichkeiten als Handwerkszeug zur Verfügung stehen sollen und können.

Als letztes: Es gehört eine Portion Mut dazu, selbst auf die Bühne zu gehen, um Darstellungsweisen zu demonstrieren.

Literatur

Boal, Augusto: Theater der Unterdrückten, Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht- Schauspieler. Frankfurt 1989.

Deutschkron, Inge/ Ruegenberg, Lukas: Papa Weidt. Er bot den Nazis die Stirn. Kevelaer 2001. (Rezension auf: Externer Link: www.lernen-aus-der-geschichte.de

Gabriel, Regine: Kinder als Besucherinnen und Besucher in der Gedenkstätte Hadamar. Ein Informations- und Materialheft. Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Veröffentlichungen der Gedenkstätte Hadamar, Heft 1. Hadamar 2002.

Gabriel, Regine: Theater spielen in der Gedenkstätte. Zum Umgang mit theaterpädagogischen und gestalterischen Methoden in der Gedenkstätte Hadamar. GedenkstättenRundbrief Nr. 137, 6/2007

von Hentig, Hartmut: Bildung. München 1996.

Regine Gabriel ist seit 1989 pädagogische Mitarbeiterin der Externer Link: Gedenkstätte Hadamar. Sie hat Deutsch, Politik und Pädagogik studiert und eine Zusatzausbildung in Spiel- und Theaterpädagogik.