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8.5.2018

"Tag des Buches" – Erinnerung an die NS-Bücherverbrennungen vor 85 Jahren

Am 10. Mai 1933 werden in deutschen Städten tausende Bücher verbrannt. Die "Aktion wider den undeutschen Geist" der nationalsozialistisch dominierten Deutschen Studentenschaft richtet sich gegen jüdische und andere verfemte Autorinnen und Autoren. Heute erinnert am 10. Mai der "Tag des Buches" an die Ereignisse.

"Bücherverbrennung" auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933"Bücherverbrennung" auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933 (© picture-alliance/AP)

"Deutsche Männer und Frauen, das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende" – mit diesen Worten richtet sich NS-Propagandaminister Joseph Goebbels in seiner "Feuerrede" am 10. Mai 1933 an rund 70.000 Schaulustige auf dem Berliner Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz. Dort verbrennen Studierende – teilweise in SA- und SS-Uniformen – Bücher von jüdischen, sozialistischen und liberalen Autorinnen und Autoren. Damit soll "undeutsches Schrifttum" ausgemerzt werden.

Die studentische Bücherverbrennung in Berlin ist nicht die einzige. Das Ereignis findet zeitgleich in etwa 20 deutschen Universitätsstädten statt.

Erich Kästner ist Augenzeuge

Einige betroffene Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden in sogenannten Feuersprüchen namentlich benannt und ihre Gesinnung verurteilt: "Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebensauffassung", ruft zum Beispiel ein Berliner Student. "Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Karl Marx und Kautsky." Auf dem Scheiterhaufen landen unter anderem auch die Werke von Heinrich Heine, Sigmund Freud, Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky.

Erich Kästner, einer der geächteten Autoren, schaut sich die Verbrennung in Berlin persönlich an. Er schreibt später: "Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen."

Von Studenten organisiert

Die Bücherverbrennungen im Mai 1933 bildeten den Höhepunkt der vierwöchigen Aktion "Wider den undeutschen Geist", die am 12. April mit der Veröffentlichung von zwölf Thesen begann. Ziel der Aktion: Die Vernichtung des deutsch-jüdischen Geisteslebens. Konkret wurden dazu hetzerische Plakate aufgehängt, die beispielsweise das jüdische Volk als "Widersacher" bezeichneten, zur Reinerhaltung der deutschen Sprache aufforderten und deutsche Hochschulen als "Hort des deutschen Volkstums" priesen. "Schwarze Listen" wurden erstellt und die zu verbrennenden Bücher in Bibliotheken und Buchhandlungen ausgesondert. Außerdem wurden auch Autorinnen und Autoren genauso wie Dozierende von Hochschulen, an deren Gesinnung gezweifelt wurde, denunziert, beispielsweise durch das Aufstellen von öffentlichen Schandpfählen mit ihren Namen und Werken.

Initiiert wurde die Aktion von der Deutschen Studentenschaft (DSt), dem seit 1919 bestehenden Dachverband der studentischen Selbstverwaltung. Viele der Beteiligten gehörten ebenfalls NS-Organisationen an.

Über 100 Bücherverbrennungen

Bereits im März und April 1933 hatte es eine erste Phase von Verbrennungen gegeben: Im gesamten Reichsgebiet waren SA und SS in Gebäude linker Parteien und Gewerkschaften eingedrungen, wobei es zu 20 bislang dokumentierten Verbrennungen von Büchern und Broschüren kam. Auch Monate nach dem 10. Mai 1933 wurden unter anderem durch die Hitlerjugend (HJ) und Schulbehörden weitere Bücher verbrannt. Insgesamt sind 102 Bücherverbrennungen in über 90 deutschen Städten erfasst.

Wie viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller von der Verbrennung ihrer Werke betroffen waren, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. Doch die Verfolgung endete nicht damit: Eine ständig erweiterte "Schwarze Liste" umfasste im Mai 1933 allein 131 Namen der "Schönen Literatur" und 141 Autorinnen und Autoren der "Politik- und Staatswissenschaften". 1939 enthielt die "Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" 4.175 Einzeltitel und 565 Verbote von Gesamtwerken. 1940 erschien zusätzlich eine Liste indizierter "Werke voll- oder halbjüdischer Verfasser".

Arbeitsverbot, Flucht, KZ

Auch Bibliotheken, Buchhandel und Börsenverein der Deutschen Buchhändler beteiligten sich an der Verfolgung der denunzierten Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Das Börsenblatt veröffentlichte etwa die Verbotslisten und vereinfachte so die gezielte Verbrennung der Bücher, aber auch die Verfolgung der Autorinnen und Autoren. Gegen viele wurden Schreibverbote verhängt. Insgesamt gingen mehr als 2.000 Schriftstellerinnen und Schriftsteller ins Exil, darunter Anna Seghers und Else Lasker-Schüler. Einige wie Stefan Zweig und Walter Benjamin nahmen sich dort das Leben. Andere wurden verhaftet, gefoltert und im KZ ermordet, so zum Beispiel Carl von Ossietzky.

10. Mai wird Gedenktag

Bereits während der Zeit des Nationalsozialismus wurde im Ausland an die Bücherverbrennungen erinnert. Am 10. Mai 1934 begründeten deutsche Schriftsteller im Pariser Exil die "Deutsche Freiheitsbibliothek", unter anderem mit Exemplaren von Büchern, die in Deutschland verbrannt oder zensiert wurden oder Werken zum deutschen Faschismus. Es fanden zudem Gedenkfeiern statt: Am zehnten Jahrestag 1943 wehten zum Beispiel in den USA bei 300 Bibliotheken die Flaggen auf Halbmast.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch in Deutschland an die Bücherverbrennung erinnert: Vor Vertretern der vier Besatzungsmächte und der Parteien aus Ost- und Westdeutschland erklärte der spätere Verleger Peter Suhrkamp am 10. Mai 1947 in Berlin: "Wenn heute der Tag des freien Buches proklamiert wird, ist das die Proklamation einer Forderung: das geistige Leben in allen Formen jedem Menschen zugänglich zu machen!" Doch bereits einige Jahre später, im Kalten Krieg, wurde der Tag des freien Buches in Ost- und Westdeutschland nicht mehr gemeinsam begangen und verlor an Wichtigkeit.

Der Tag des Buches heute

1979 regten der Börsenverein des Deutschen Buchhandels (die Interessenvertretung von Verlagen und Buchhändlern), die Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland und der Verband deutscher Schriftsteller an, den 10. Mai zur Erinnerung an die Bücherverbrennungen nun unter neuem Namen als "Tag des Buches" zu begehen. Und Organisationen wie PEN und der Börsenverein erinnern auch heute noch mit vielen dezentralen Veranstaltungen an die Bücherverbrennung vor 85 Jahren.

Denn die Erinnerung an die Vernichtung der Bücher als Mittel zur Unterdrückung Andersdenkender darf insbesondere heute nicht vergessen werden, findet das PEN-Zentrum Deutschland: "Angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Intoleranz und der beängstigend machtvoll aufstrebenden völkischen Bewegungen ist es von bedrückender Aktualität, daran zu erinnern." Vielerorts gibt es so beispielsweise Lesungen, in denen aus den damals verbrannten oder geächteten Büchern vorgelesen wird.

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, sieht bei dem Verband aufgrund seiner Vergangenheit eine besondere Verantwortung, heute für die Freiheit des Wortes einzutreten. "Aus opportunistischen Gründen haben wir damals mit den Machthabern kooperiert." Der Börsenverein solidarisierte sich mit dem NS-Staat und verbreitete etwa die "Schwarzen Listen" mit Namen von Autorinnen und Autoren sowie Werken, die zur Verbrennung vorgesehen waren oder denunziert werden sollten in ihrem Börsenblatt. Auch nach den Bücherverbrennungen 1933 unterstützte der Verein die staatlichen Säuberungsaktionen der NSDAP. "Als Buchmenschen von heute wollen wir die Erinnerung an diese Ereignisse wachhalten und ihnen ein entschiedenes 'Nie wieder!' entgegensetzen."

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