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Pressekonferenz Wahl-O-Mat

6.5.2013

Grußwort anlässlich des Russisch-Deutschen Literaturdialiogs in Berlin (Akademie der Künste)

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie heute zur Eröffnung des Russisch-Deutschen Literaturdialogs in Berlin. Ein Literaturdialog ist immer beides: ein Gespräch mit den Schriftstellern und ein Gespräch über Literatur und ihre gesellschaftliche Funktion. Literatur und Literaten bewegen sich dabei nicht in einem luftleeren politischen Raum, sondern in einer durch Politik geprägten Welt. Der Schriftsteller sucht darin Außergewöhnliches. Wie Boris Pasternak einmal sagte: ”Literatur ist die Kunst, Außergewöhnliches an gewöhnlichen Menschen zu entdecken und darüber mit gewöhnlichen Worten Außergewöhnliches zu sagen.” Das bezieht sich nicht nur auf die einzelnen Menschen. Das gilt genau so auch für Länder. Besonders für solche Staaten wie Russland und Deutschland.

Bei dem Vergleich beider Länder sollte man mit Werturteilen zunächst vorsichtig sein. Aber bei Fragen der Wertmaßstäbe kann die Diskussion beginnen. Drei Fragen seinen beispielhaft genannt: Wie steht es um die Freiheit der Kunst und der Künstlerinnen und Künstler? Welchen gesellschaftlichen Stellenwert messen Politik, interessierte Menschen und soziale Akteurinnen und Akteure der Literatur und ihren Protagonisten zu? Wie steht es um die Kulturpolitik in beiden Ländern und wie steht es um die Rolle von Verlagen und Literaturhäusern? Die deutsch-russischen Beziehungen stehen wieder einmal vor großen Herausforderungen. Nicht zuletzt wegen der Durchsuchungen bei politischen Stiftungen in Russland. Der Russland-Experte Hans-Henning Schröder von der Stiftung Wissenschaft und Politik spricht von einer „Stagnation“ des Verhältnisses. In Russland sei von Modernisierung keine Rede mehr. Entsprechend findet die mediale Berichterstattung hier oft in negativen Kontexten statt: Drohungen, den Gashahn abzudrehen, die Behinderung der Arbeit von Menschenrechtsorganisationen, Demokratiedefizite, Protestaktionen gegen Präsident Putin. Die Kritik allerdings scheint an den Machthabenden abzuprallen. Nur: beschreibt dies das ganze Russland? Natürlich nicht! Der Stellenwert der Literatur in Russland hat sich gewandelt. In der Geschichte des Landes nahm sie oft die Rolle der Opposition ein. Samisdat-Bücher zum Beispiel lieferten Informationen und trugen zur Meinungsbildung bei. ”Der Archipel Gulag” von Solschenizin wurde noch Anfang der 80er Jahre heimlich unter der Bettdecke gelesen und hat vermutlich seinen Teil zum Zerfall der Sowjetunion beigetragen. Heute liest man Literatur nicht mehr in erster Linie, um etwas über den politischen Zustand Russlands zu erfahren. Oder wieviel sagen uns die viel übersetzten Krimis von Boris Akunin über einen Detektiv aus dem 19. Jahrhundert über die russische Gesellschaft? Dieser Funktionswandel hat auch Auswirkungen auf die Rezeption. Nach der Perestroika ist das Interesse an russischer Literatur im Westen stark zurückgegangen. Denn das Interesse an Kultur, Literatur oder Filmkunst eines Landes hängt in hohem Maße auch von dessen Image ab. Doch allmählich nimmt es wieder zu, konstatiert die russische Verlegerin Irina Prorochórowa. An dieser Absicht, Interesse zu wecken an russischer Kultur, sollten wir weiter arbeiten. Das ist auch die Aufgabe von Verlagen, Literaturhäusern und der Kulturpolitik. Denn Literatur kann die Vielfalt der Stimmen deutlich machen. Die Haltungen sind unterschiedlich – mal scharfsinnig, aufmüpfig, widerspenstig, mal resigniert, flegelhaft, manchmal auch vorsichtig optimistisch. Vielstimmigkeit statt Konformität sollte propagiert werden. Insofern ist Literatur ein Wasserstandsanzeiger, ein Pluralitäts- und Kreativitätspegel. Welche Rolle die Bedeutung der Meinungsbildung und der Schilderung der gesellschaftlichen, aber auch politischen Situation noch heute in der russische Literatur spielen, zeigen ja unter anderem auch die Bücher von Ljudmila Ulitzkaja, Lew Rubinstein, Zákhar Prilépin, Natalja Kljutscharjówa, die Sie gleich bei der Podiumsdiskussion erleben werden. Der Moskauer Literaturkritiker Lev Danílkin schreibt, dass die Aufgabe der Literatur unter anderem auch darin bestünde, die Wahrheit über die Bereiche des Lebens zu sagen, in denen dieses Wahrheitsdefizit am stärksten zu spüren sei. Die Literatur hat die Fähigkeit, persönliche Narrative mit gesellschaftlichen zu verbinden und sie in einen globalen Kontext einzubetten. Die Literatur vermittelt Informationen, persönliche Einstellungen, subjektive Wahrnehmungen, zeigt aber auch Handlungsmöglichkeiten auf. Da haben politische Bildung und Literatur viel gemeinsam. Auch die politische Bildung versucht ein facettenreiches, differenziertes Bild zu vermitteln, nur mit anderen Mitteln: Sie hat sich für die Arbeit ein Regelwerk aufgelegt, das solche Bestimmungen enthält wie die Forderung nach Kontroversität, Neutralität und dem Überwältigungsverbot in der Bildungsarbeit. Die Literatur genießt die Freiheit der Kunst! Sie kann provozieren, sie kann polemisieren, sie kann übertreiben oder untertreiben oder auch vor den Kopf stoßen! Die Autorinnen und Autoren schreiben subjektiv. Und das ist gut so, denn die Interpretation des Gelesenen führt zu gesellschaftlichen Debatten.

Wie kann die Bundeszentrale für politische Bildung konkret zu einem differenzierten Bild beitragen? Mit unseren Print-Angeboten, wie den Informationen zur politischen Bildung, Aus Politik und Zeitgeschichte oder dem Länderbericht Russland bemühen wir uns vorallem, Grundinformationen zu Russland zu vermitteln. Aktuelle Entwicklungen greifen wir in umfangreichen Online-Dossiers zum Thema auf, zu nennen sind hier insbesondere die regelmäßig erscheinenden Russland-Analysen mit aktuellen Daten und zeitnahen Kommentaren der Experten/-innen zu Ereignissen in Russland. In diesem Jahr unterstützen wir außerdem eine Begleitveranstaltung zu einer politischen Inszenierung von "King Lear" des kritischen russischen Regisseurs Konstantin Bogomulov. Auch greifen wir Themen rund um Russland in unseren Veranstaltungen auf und besuchen das Land mit Studienreise-Gruppen.

Politische Bildung ist dabei nie eine einseitig gerichtete Angelegenheit: Es ist nicht nur unsere Aufgabe, den Deutschen Russland näher zu bringen, sondern auch ein facettenreiches Deutschlandbild zu vermitteln. In diesem Kontext ist der Dialog zwischen Deutschen und Russen, wie hier auf dieser Veranstaltung, so wichtig. Es werden nur wenige Aspekte sein, die während des Literaturdialogs thematisiert werden können. Aber das sind spannende Herausforderungen, die Ihnen bevor stehen. Majakowski hat gesagt, das Wort sei der Feldherr des menschlichen Gedankens! Sie, meine Damen und Herren, haben die Befehlskraft! Führen Sie Russland und Deutschland ins Gefecht für Demokratie, freie Meinungsäußerung und Meinungsbildung und scheuen Sie nicht, unbequeme Fragen anzusprechen. Kämpfen Sie für die Leserinnen und Leser. Aber vergessen Sie dabei nicht, das Ästhetische an der Literatur zu genießen! Ich startete mit einem Zitat aus dem Russischen, ich möchte mit einem Zitat des bekannten deutschen Verlegers Reinhard Piper enden: ”Bücher begleiten uns durch unser Leben. Sie sind Mittel unserer Menschwerdung, sie vertiefen unser Bewusstsein.” Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, viel Durchhaltekraft und viel Geduld auf diesem Weg! Alles Gute und spannende Literaturerlebnisse in den nächsten Tagen!

- Es gilt das gesprochene Wort -


bpb:magazin 1/2020
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Im 17. bpb:magazin zeigen wir ein Mosaik der Veränderungsprozesse, die in Deutschland heute stattfinden, und stellen Menschen vor, die sich aktiv für unsere Demokratie und die offene Gesellschaft einsetzen. Diesen Blick auf Deutschland »sortieren« wir nach Postleitzahlen. Darüber hinaus finden Sie wie immer die Übersicht aktueller Angebote und die Backlist der bpb im Heft.

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