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Pressekonferenz Wahl-O-Mat

23.4.2021

Eröffnungsrede von Thomas Krüger "Die Verbindung ist unterbrochen. Corona und die Systemkrise(n) der Kultur"

Eröffnungsrede am 14.04.21 von Thomas Krüger zur digitalen Veranstaltungsreihe „No Future? Die Kunst des Aufbruchs“

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Tobias Knoblich, lieber Henning Mohr,

ich freue mich sehr, dass wir trotz der gegenwärtigen pandemiebedingten Umstände gemeinsam in Kooperation eine digitale Veranstaltungsreihe zu dem aktuell besonders wichtigen Thema „No Future? Die Kunst des Aufbruchs“ veranstalten können.

Aus dem Nichts kommend hat uns die Corona-Pandemie im letzten Jahr alle überrascht. Unser gewohnter Alltag und unser Zusammenleben haben sich seitdem stark verändert. Als zuvor selbstverständlich wahrgenommene Freiheiten wurden eingeschränkt und auch Teilhabemöglichkeiten an Kunst und Kultur sind plötzlich weggebrochen. Kunst- und Kultureinrichtungen mussten pandemiebedingt schließen. Die Formulierung „nicht systemrelevant“ zog ihre Kreise. Dieses, in der Tat recht trübe, Bild der letzten Monate hat aber auch etwas Gutes: So wurde die Debatte über den gesellschaftlichen Status von Kunst und Kultur erneut befeuert – was ich als große Chance und Ausgangspunkt für einen Aufbruch sehe.

Zu fragen ist jedoch zunächst einmal: Warum gibt es überhaupt eine Debatte über den gesellschaftlichen Status von Kunst und Kultur? Denn: Systemtheoretisch betrachtet, schaffen Kunst und Kultur Beobachtungen zweiter Ordnung. Damit leisten sie etwas, was Gesellschaft und Politik nicht können – nämlich die Schaffung einer spezifischen Wahrnehmungs- und Deutungsebene für die Beurteilung der Krise der Gesellschaft. Es handelt sich hierbei also um eine Deutungsebene, die politischen Entscheidungen zugrunde gelegt werden könnte. Kunst und Kultur können somit die Frage nach gesellschaftlich relevanten Fragestellungen oder Leerstellen in den Vordergrund rücken. Und diese Fähigkeit ist extrem wichtig – gerade in einer Zeit, in der es schwer fällt zu identifizieren, was das faktisch Richtige ist, und in der Wirklichkeit in hohem Maße deutungsoffen und ambivalent ist.

Hiervon ausgehend – und die erste Frage im Raum stehen lassend – gelangen wir direkt zu einer weiteren Frage: Welche Rolle können Kunst und Kultur aus Sicht der politischen Bildung in einer Gesellschaft einnehmen – insbesondere im Hinblick auf gesellschaftspolitische Herausforderungen, die sich aus dem Zusammenspiel von der Systemkrise der Kultur und der Krise der Demokratie ergeben?

Um mich der Beantwortung dieser Frage anzunähern, möchte ich im Hinblick auf die Benennung gesellschaftspolitischer Herausforderungen einen Blick auf aktuelle Megatrends legen. Schließlich sind Megatrends enorm wichtige Treiber von Wandel, indem sie Wirtschaft und Gesellschaft maßgeblich beeinflussen. Laut dem Zukunftsinstitut hat die Corona-Pandemie dazu beigetragen, dass einige schon zuvor bekannte Megatrends wie die Konnektivität weiter an Relevanz gewonnen haben – das zeigt sich auch heute bei uns im Rahmen dieser digital durchgeführten Veranstaltung. Andere Megatrends wie Mobilität haben hingegen an Bedeutung verloren oder haben sich von der Stoßrichtung her verändert. Als Beispiel kann hier die Urbanisierung angeführt werden: An die Stelle der Stadt als wichtigster Lebensraum ist coronabedingt das eigene Zuhause als wichtigster Lebensraum gerückt. Vor diesem Hintergrund sowie unter Berücksichtigung der Frage nach der Rolle von Kunst und Kultur aus Sicht der politischen Bildung in einer Gesellschaft werde ich auf einen Megatrend näher eingehen: Den Megatrend der Individualisierung.

Persönliche Identitätsbildung wird als wesentliche Voraussetzung für ein urteilsfähiges Individuum betrachtet. Bei dem Megatrend Individualisierung wird davon ausgegangen, dass sich das „Ich“ künftig co-individuell im „Wir“ weiterentwickelt. Das „autonome Ich“ verliert demzufolge an Bedeutung, wohingegen die Verortung des Individuums in Gemeinschaften an Relevanz gewinnt und gewissermaßen Teil einer kollaborativen „Wir-Kultur“ wird. Als Konsequenz wird die Herausbildung kollektivistischer und populistischer Tendenzen prognostiziert, mit einem Trend in Richtung co-individualisierter Identitäten. Eine weitere Annahme ist, dass sogenannte offene Neo-Tribes die Gemeinschaften der Zukunft bilden werden. Mit dem Begriff „Neo-Tribes“ sind Gemeinschaften gemeint, die unabhängig von Ort und Zeit zusammenfinden und zusammenarbeiten. Als ein Charakteristikum dieser Gemeinschaften gilt die Verschiedenheit im Miteinander. Wenngleich erwartet wird, dass autarke und geschlossene Interessensgruppen nach wie vor Bestand haben, wird dennoch angenommen, dass sich die Mehrheitsgesellschaft weiter in Richtung Diversity entwickeln wird. Davon ausgehend werden laut dem Zukunftsinstitut Bewegungen wie LGBT+ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender+), BLM (Black Lives Matter) oder Klimaaktivismus künftig starken Einfluss auf Wirtschaft und Politik haben. Umgekehrt kann davon ausgegangen werden, dass Politik, Unternehmen, Kunst- und Kultureinrichtungen mehr denn je gefordert sein werden, auf entsprechende Entwicklungen zu reagieren oder idealerweise diesbezüglich vorausschauend zu agieren. Das Zukunftsinstitut prognostiziert davon ausgehend, dass die Suche nach Problemlösungen nicht mehr als Aufgabe einzelner Akteure betrachtet, sondern vielmehr als ein strukturelles und gemeinsames Anliegen verschiedener Akteure angegangen wird.

Somit kann festgehalten werden: Identitätsbildung ist ein Aspekt, der sowohl für die kulturelle als auch die politische Bildung von enormer Wichtigkeit ist und auch bleiben wird. Im Zuge einer fortschreitenden Globalisierung, Mediatisierung und weltweit zunehmenden Migration werden Herausforderungen in Kultur, Gesellschaft und Politik von Erfahrungen des Alteritären und des Ambigen dominiert. Individuen sind angesichts dessen mit einer Komplexität aller Lebensbereiche konfrontiert, in denen die eigene Identität immer wieder mit der – demokratischen – Frage nach dem Anderen verhandelt werden muss. Doch während diesen Phänomenen mit einem für ein demokratisches Grundverständnis unerlässlichen Kosmopolitismus begegnet werden sollte, gewinnen gleichzeitig reaktionäre, antidemokratische Strukturen weltweit an politischer Bedeutung. Spätmoderne Gesellschaften befinden sich an der Schwelle zwischen weiteren gesellschaftlichen Öffnungs- und wiederkehrenden Schließungsprozessen. Diese Prozesse und vor allem ihre Bedeutung für die sie betreffenden Subjekte werden dabei zunehmend kulturalisiert: So werden politische Konflikte längst nicht mehr nur mit politischen Maßnahmen beantwortet, sondern immer intensiver mittels Emotionen, Affekten und Symbolen oder Identitätspolitiken artikuliert. Kosmopolitische, bewusst mehrdeutige Lebensentwürfe konfligieren hier zunehmend mit kommunitaristischen Forderungen nach einer homogenen, eindeutigen Gemeinschaft. Das erschwert die Bestimmung der politischen Tragweite von alteritären und ambigen Gesellschaftsphänomenen maßgeblich.

Zu fragen ist nun: Was für Schlussfolgerungen können für die politische Bildung sowie Kunst- und Kultureinrichtungen gezogen werden? Welche Transformationsbedarfe bestehen? Wie können diese gezielt angegangen und Synergien von politischer und kultureller Bildung für die Zukunftsfähigkeit kultureller Infrastrukturen geschaffen werden?

Kunst- und Kultureinrichtungen können durch Produktionen an der Schnittstelle von kultureller und politischer Bildung selbst als Medium der Erfahrung von Alteritärem fungieren und zur Decodierung dieser Erfahrung beitragen. Schließlich sind Kunst und Kultur in der Spätmoderne nicht nur autonom, sondern auch sozial. Künstler/-innen agieren und produzieren nicht im luftleeren Raum, sondern sie kommunizieren in zunehmender Intensität mit ihrem Publikum. Das Publikum ist dabei nicht nur passiver Empfänger, sondern Koproduzent von Kunst und Bedeutungszuweisungen in ambigen sozialen Situationen. Diesen Umstand gilt es künftig – gerade im Hinblick auf den Megatrend Individualisierung, aber auch bezogen auf andere Megatrends wie die Globalisierung – bei der politischen und kulturellen Bildung verstärkt mitzudenken. Denn, wie bereits erwähnt, gewinnen reaktionäre, antidemokratische Strukturen weltweit an politischer Bedeutung. Den Megatrends tritt somit eine zunehmend aggressiver auftretende Modernisierungsverweigerung gegenüber. Dieser Herausforderung sollten sich kulturelle und politische Bildner/-innen gemeinsam stellen. Insofern freue ich mich sehr auf den bevorstehenden gemeinsamen Austausch – und die weiteren noch folgenden Veranstaltungen.

- Es gilt das gesprochene Wort -


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