Pressekonferenz Wahl-O-Mat

26.11.2002

Rede von Prof. Dagmar Schipanski,
Präsidentin der Kultusministerkonferenz

Die Bedeutung von Wissenschaft, Forschung und Kunst in einer entwicklungsfähigen demokratischen und pluralistischen Gesellschaft

Laudatio für Preisträger der Kategorie Vielfalt in der Einheit im Wettbewerb "Bürgerpreis zur deutschen Einheit". Eine Rede von Prof. Dagmar Schipanski, Präsidentin der Kultusministerkonferenz.

Laudatio für Preisträger der Kategorie Vielfalt in der Einheit im Wettbewerb "Bürgerpreis zur deutschen Einheit"

Ich freue mich anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Bundeszentrale für politische Bildung bei Ihnen hier in Berlin sein zu können und gratuliere Ihnen, Herr Krüger, zu diesem stolzen Jubiläum im Namen all meiner Kolleginnen und Kollegen der Kultusministerkonferenz ganz herzlich.

Politische Bildung kann nicht losgelöst vom kulturellen und zivilisatorischen Umfeld betrachtet werden. Hubert Markl, der langjährige Präsident der Max Planck-Gesellschaft, hat einmal in einem Vortrag versucht zu definieren, was unsere europäische Kultur im Kern ausmacht. Dieser Kern, sagt er, ist unser Menschenbild. Seine Worte sind es wert, zitiert zu werden:

Unsere Kultur und unsere Werte "sind bestimmt durch ein Menschenbild, das jedem einzelnen Menschen einen unveräußerlichen, unantastbaren Wert zumißt, der ihm individuelle, unverlierbare Rechte verleiht: vor allem das Recht, die Pflicht und die sittliche Verantwortung, sein Leben selber zu meistern, nicht als abgeleitetes Leben eines Kollektivs oder als Gnadengeschenk eines Zwingherrn, sondern weil jeder Mensch von Natur oder von Gott ..."frei geboren" ist und gegen die Ketten, in die er nur zu leicht geraten kann, zu rebellieren vermag."

Das, meine Damen und Herren, ist im Kern auch die Aufgabe und das Ziel unserer Anstrengungen im Bereich der politischer Bildung:

Erziehung zur Verantwortung, sein Leben selber zu meistem, Erziehung zum mündigen Bürger und die Verpflichtung eines jeden, seine Freiheit aktiv selbst zu gestalten.

Dass diese Freiheit keineswegs selbstverständlich ist, ist den Bürgern der neuen Bundesländer noch in allzu guter Erinnerung. Deshalb freue ich mich nicht nur als Präsidentin der Kultusministerkonferenz, sondern auch als ehemalige DDR-Bürgerin ganz besonders über dieses Jubiläum der Bundeszentrale für politische Bildung.

50 Jahre Bundeszentrale für politische Bildung sind 50 Jahre Erziehung zu Freiheit, Toleranz, Verantwortung und politischer Teilhabe.

Seit 50 Jahren versuchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundeszentrale durch Seminare, Podiumsdiskussionen, Studienreisen, Ausstellungen, Wettbewerbe, Publikationen und Aktionen unterschiedlichster Art den Bürgern zu vermitteln, dass Demokratie uns alle angeht; dass Demokratie, wenn sie funktionieren soll, nicht nur eine Staatsform, sondern auch eine Lebensform sein muss.

Dies ist eine gewaltige Aufgabe und deshalb gehört an erster Stelle Ihnen, Verehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ein herzliches Wort des Dankes!

Wie notwendig Ihre Anstrengungen im Nachkriegsdeutschland waren, zeigt eine Umfrage 10 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik. Sie ergab, dass nicht einmal die Hälfte der Westdeutschen die Bedeutung des Grundgesetzes kannte und über 60% Hitler noch für eine "gute Idee" hielten – eine "gute Idee", die "nur" eben "schlecht ausgeführt" worden sei.

In diesem Ergebnis wird deutlich, dass Demokratie prinzipiell vermittelt werden muss – ihre Akzeptanz in der Bevölkerung kann keineswegs als selbstverständlich gelten. Dementsprechend formuliert die "Geburtsurkunde" der Bundeszentrale, der Gründungserlass von 1952, die Aufgabenstellung wie folgt:

"Die Bundeszentrale .. hat die Aufgabe, den demokratischen und europäischen Gedanken im deutschen Volk zu festigen und zu verbreiten."

Werbung und Akzeptanz für ein demokratisches Deutschland in einem noch zu vereinenden Europa – das war ein anspruchsvoller Auftrag gut sieben Jahre nach dem ungeheuren Zusammenbruch des verlorenen Krieges und dem Ende der Nazi-Herrschaft!

Auf dem Weg zur Festigung der neuen Demokratie der Bundesrepublik hat das bald darauf einsetzende "Wirtschaftswunder" eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt. Persönlicher Wohlstand und soziale Sicherheit sind eben wichtige Faktoren für die Akzeptanz eines freiheitlichen marktwirtschaftlichen Systems.

Auch vor diesem Hintergrund ist es ungeheuer wichtig, dass wir alles in unserer Kraft Stehende unternehmen, damit es in den neuen Ländern wirtschaftlich vorangeht!

Aus Sicht der Kultusministerkonferenz möchte ich kurz auf die Frage eingehen: "welche Rolle können Wissenschaft, Forschung und Kunst für ein demokratisches Gemeinwesen spielen?"

Diese hochinteressante Fragestellung lässt sich leider im Rahmen eines Grußwortes kaum adäquat beantworten. Dennoch möchte ich mir einige Überlegungen erlauben.

Hubert Markl verweist in dem bereits erwähnten Vortrag noch auf einen zweiten, wie er sagt, "Kernbestandteil" unserer europäischen Kultur und Zivilisation:

Das ist das "sapere aude" der Aufklärung, das sich bereits in der griechischen Antike, an der Wurzel Europas, erstmals entfaltet hat:

"Der Mut und die Kraft, die Wirklichkeit mit eigenen Augen zu betrachten, das, was über sie behauptet wird, mit eigenem Verstande kritisch zu prüfen, und nur das als wahr gelten zu lassen, was mit Argumenten begründet werden kann, die der rationalen kritischen Prüfung standhalten."

Das, meine Damen und Herren, ist Wurzel der Wissenschaft, die den Weg zu zuverlässigem Wissen über die reale Welt weist. Ihre methodisch-systematischen Verfahren der Wahrheitssuche und der Erkenntnisfindung sind mit dem totalitären Anspruch einer Diktatur schlicht unvereinbar.

Auch deshalb begreifen wir es als Teil unserer Aufgabe als Bildungspolitiker, möglichst vielen jungen Menschen den Weg in die Wissenschaft zu ebnen.

Unsere wichtigste Aufgabe als Kulturpolitiker würde ich darin sehen, möglichst vielen Menschen den Zugang zu künstlerischen Ausdrucksformen, zu allen Bereichen von Kultur schlechthin zu eröffnen und offen zu halten.

Damit leisten wir einen Beitrag zur Lebensqualität, zur Persönlichkeitsbildung und Identitätsstiftung eines jeden einzelnen – und damit am Ende unseres ganzen Landes.

Kunst – sei es nun ein Theaterstück, ein Gemälde, eine Operninszenierung oder Literatur – bildet Leben ab, setzt sich mit ihrer Zeit auseinander und gestaltet bewusst die Umwelt des Menschen. Sie bietet so vielfältige Anknüpfungspunkte für Reflexionen und Diskussionen.

Nicht zuletzt durch ihre traditionell kritische und Zeiterscheinungen hinterfragende Haltung trägt sie auch zur Entwicklung eines demokratischen und sozialen Bewusstseins bei.

Die Bundeszentrale für politische Bildung leistet in diesem breiten Aufgabenfeld seit nunmehr 50 Jahren vorbildliche Arbeit. Gemeinsam mit einem bundesweiten Netzwerk aus Landeszentralen und weiteren Bildungseinrichtungen engagiert sie sich für politische Bildung und Kultur. Dabei hat sie das übergeordnete Ziel, das Bewusstsein für Demokratie und politische Partizipation zu fördern, nie aus den Augen verloren.

Ein Weg, dies zu erreichen, ist die Ausrichtung von Wettbewerben.

Als Präsidentin der Kultusministerkonferenz freue ich mich besonders, dass die Bundeszentrale anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens den "Bürgerpreis zur deutschen Einheit" ausgeschrieben hat.

Auch 12 Jahre nach der Wiedervereinigung bleibt das Zusammenwachsen der Menschen in Ost- und Westdeutschland eine zentrale innenpolitische Aufgabe. Viel wurde erreicht, doch es ist uns allen bewusst, dass noch mehr geschehen muss; dass wir noch zu wenig auf einander zugegangen sind.

Die innere Einigung braucht ihre Zeit und erfordert Geduld. Sie dauert länger, als sich das viele vorgestellt haben.

Daher verdienen diejenigen, die sich hierfür in besonderer Weise einsetzen, auch eine besondere Würdigung. Ich wünsche mir, dass ihr Engagement Schule macht, dass es zum Überdenken von Vorurteilen und unreflektierten Haltungen führt und viele Nachahmer findet.

Den Preis in der Kategorie "Vielfalt in der Einheit" – dieser Titel ist im Übrigen auch Motto für die Arbeit der Kultusministerkonferenz – erhalten 11 Schülerinnen und Schüler des Engelsdorfer Gymnasiums aus Leipzig.

Im Sommer 2001 machten sie sich mit der Filmkamera auf eine Tour durch Deutschland. Ihr Routenplaner war Ralph Giordanos Buch "Deutschlandreise". Mit ihm begibt sich die Arbeitsgemeinschaft "Movie-Clan" auf die Suche nach Antworten auf die Frage:

"Wie beurteilen die Menschen mehr als 10 Jahre nach der Vereinigung den Stand des Vereinigungsprozesses in Deutschland?"
Ihre Reise führt zum Watzmann, in den Schwarzwald, an den Rhein, nach Hamburg, auf die Insel Rügen, in den Spreewald, bis nach Thüringen.

Ihre Interviewpartner sind Gleichaltrige, Menschen jeden Alters und verschiedener Herkunft an schönen und langweiligen Orten, sind ein zufällig am Rande der Autobahn getroffener bayrischer Innenminister oder ein kauziger Ostseefischer auf Rügen.

Das Filmteam befragt Passanten in einer Hamburger Einkaufszone genauso wie Schülerinnen und Schüler eines Freudenstädter Gymnasiums.

Die Antworten auf ihre Frage zeigen dem Zuschauer ein breites Band an Meinungen und Antworten: Gelassenheit, Offenheit, Enttäuschung, Optimismus, Pessimismus, Abwehr, Vorurteile, Witzigkeit, Hilflosigkeit, Vorsicht, Distanz, Erwartungen, Bejahung und unterschiedliche Lebenserfahrungen gehen in den Antworten eine interessante Mischung ein.

Diese zeigt uns, das die Einheit im Jahre 11 ihres Bestehens als gegeben angenommen wird.

Die Antworten zeigen aber auch ganz unterschiedliche Einschätzungen, wenn es darum geht, wo die Menschen im Prozess des Zusammenwachsens inzwischen angelangt sind.

Die Jury hat die Arbeitsgemeinschaft "Movie-Clan" mit dem Preis der Kategorie "Vielfalt in der Einheit" aus zeichnet, weil es ihr überzeugend gelungen ist, eine sehr authentische Momentaufnahme zum Stand der Einheit in Deutschland herzustellen.

Es freut mich dabei besonders, daß es hier die Generation der 18-Jährigen ist, die uns an ihrer Suche nach der Einheit in Deutschland teilhaben lässt.

Schließlich wird diese Generation einmal die Verantwortung in einem Deutschland tragen, in dem die Teilung des Landes nur noch ein Thema der Geschichtsbücher ist und von immer weniger Menschen auch tatsächlich erlebt wurde.

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,

ich gratuliere Ihnen an dieser Stelle ganz herzlich. Ich würde mich freuen, wenn dieser Preis Sie motiviert, sich auch weiter mit diesem interessanten und vielfältigen Thema auseinander zu setzen.

Abschließend Ihnen, Herr Präsident Krüger, und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern noch einmal herzliche Glückwünsche zum Jubiläum und meine Anerkennung für ihre unverzichtbare Arbeit.


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