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Pressekonferenz Wahl-O-Mat

14.10.2011

"Politische Kommunikation und Social Media"

Zur Verantwortung von politischer Bildung und Journalismus in der digitalen Gesellschaft

Wenn wir Journalismus in diesem Sinne verstehen, wird auch deutlich, warum das konsequente Sich-Einlassen auf die Möglichkeiten der Online-Medien weder zwangsläufig zur befürchteten immer stärkeren Beschleunigung und Atomisierung von Kommunikation, noch zur Verdrängung der "alten" Medien führen muss. Der Abgesang auf die gedruckte Zeitung wird zu Unrecht immer aus Neue intoniert. "Medien sterben nicht" tröstet das Rieplsche Gesetz. Aber die "alten" Medien müssen natürlich neben den "neuen" ihre Existenzberechtigung und ihr Alleinstellungsmerkmal neu definieren.

Interessanterweise sind es die Tageszeitungen, die über die letzten 10 Jahre kontinuierlich und deutlich an Auflage eingebüßt haben. Die – man könnte sagen: noch langatmigeren und unaktuelleren – Wochenzeitungen halten jedoch ihren Leserkreis. Gleichzeitig wurden in der letzten Zeit eine Reihe hochwertiger Special-Interest-Blätter lanciert, die offenbar ihre Käufer finden, weil sich der Leser für dessen Qualität gerne Zeit nimmt und ein paar Euro mehr ausgibt. Bricht vielleicht mitten in der Beschleunigung durch digitale Medien das Zeitalter von Slow Media an?

Den Slow-Media-Anhängern geht es letztlich natürlich nicht nur um Entschleunigung aus Gründen der Gemütlichkeit oder Überforderung, sondern um die fundamentale Rolle des Journalismus und der Medien für unsere Demokratie. Gerade angesichts der unüberschaubaren Flut von Informationen gibt es viel Unsicherheit darüber, welche Informationen denn nun verlässlich und belastbar sind und einen wachsenden Bedarf an Orientierungswissen. Hier sind die Medien in der Verantwortung, sorgfältig recherchierte Informationen in die öffentlichen Debatten einzubringen und Argumenten diskursiven Raum zu lassen, die Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, kompetente Entscheidungen zu treffen. "You have to to separate the urgent from the important", hat Henry Kissinger einmal gesagt. Die verschiedenen Formate ergänzen sich in diesem Sinne: Soziale Medien sind ein unersetzliches Mittel der Information und des schnellen Austauschs geworden. Gleichzeitig müssen wir aber darauf bestehen, dass Substanz und journalistische Qualität nicht mit 140 Zeichen zu haben ist. Ich sage dies auch in Hinblick auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Nicht weil dort so viel getwittert wird. Sondern weil diese Sender aus Gebühren 7,5 Mrd. Euro im Jahr dafür erhalten, genau diese journalistische Substanz und Qualität zu liefern. Stattdessen sehen wir – wenngleich ich hier keinesfalls alle Sender und Sendungen über einen Kamm scheren möchte – eine zunehmende Annäherung an die Entertainment-Formate der Privaten. Entschuldigend vorgebracht wird bei dieser Kritik das Argument, die Darstellung komplexer Sachverhalte und hintergründiger Information sei zum einen sehr teuer und münde notwendigerweise in eher schwer verdauliche Formate, wie sie wenige sehen wollten. Und so wurden Sendungen, die dem Informationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entsprechen, häufig zusammengestutzt aus der Hauptsendezeit oder auf Regional- und Spartenkanäle verbannt, wo eine schlechte Quote dann tatsächlich keine Überraschung mehr ist.

Damit laufen die Öffentlich-Rechtlichen Gefahr, die Gebührenfinanzierung und letztlich sich selbst zu delegitimieren. Dabei gibt es durchaus Beispiele, die zeigen, dass nicht nur eigentlich sehr konventionelle Wortformate ihr Publikum finden können – man denke an die rekordverdächtigen 5,6 Millionen Zuschauer, die die Schlichtungsgespräche zu Stuttgart 21 verfolgt haben. Mit dem "PHOENIX-Politiker-Speed-Dating" hat der Sender auch bewiesen, das es Formate gibt, die so originell wie informativ sind und auch noch die Bürgerinnen und Bürger einbinden. Qualitätsjournalismus ist möglich! Der ehemalige New York-Times Reporter und Pulitzer-Preisträger David Halberstam sagte einmal "Der Einsatz für schwierige Geschichten, sie weiterzuverfolgen, oft gegen den Zeitgeist, ist ein enormer öffentlicher Dienst." Darum gibt es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk: weil nur so ein Programm geleistet werden kann, was in einer demokratischen Gesellschaft geleistet werden muss.

Ich komme damit zu meinem letzten Punkt. Gleichwohl es eine Nachfrage und einen Markt für hochwertige, politische Informations- und Bildungsformate gibt, heißt das nicht, dass wir deren Angebot völlig einem unkontrollierten Markt überlassen dürfen. Denn dessen treibende Kraft ist und bleibt nun einmal der Profit, und eben nicht die Ermächtigung der Bürger und die Rechte und Würde des Einzelnen. Profitables Kapital hat nur das Ziel seiner Vermehrung. In den falschen Händen und mit den falschen Strategien zerstört es sich sogar selbst und löst sich in Wohlgefallen auf. Wir dürfen unser plurales demokratisches Gemeinwesen aber nicht allein ökonomischen Kriterien unterwerfen, verspekulieren oder kaputtsparen und den öffentlichen Raum der Verwahrlosung überlassen.

Politische Bildung, wie eine emanzipierte und starke Öffentlichkeit: Das sind Güter, die sich eine Demokratie um ihrer selbst willen leisten muss. Ob Verleger, Intendanten, CvDs, Programmmanager oder Redakteure: Alle Medienschaffenden verstehen ihre Arbeit in diesem Sinne. Und darin sind sie der politischen Bildung, meiner Profession, sehr verwandt und nahe.

- Es gilt das gesprochene Wort -


bpb:magazin 1/2020
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