Pressekonferenz Wahl-O-Mat

6.10.2008

Einführende Worte von Thomas Krüger am 29.09.2008 im Amerika Haus Berlin anlässlich der Eröffnung der Diskussionsreihe "Wie wählt Amerika?"

Amerika ist mehr als Coca Cola und Cowboys und mehr als Microsoft und Apple. Diese Diskussionsreihe anlässlich der Präsidentschaftswahlen in den USA ist angetreten die bequemen Klischees, die über die USA so gerne verbreitet werden, in Frage zu stellen.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die Bundeszentrale für politische Bildung und das Institute for Cultural Diplomacy laden anlässlich der US-Wahlen ein in das Amerika Haus Berlin. Zunächst einmal sagen wir Dank der Initiative Amerika Haus, besonders Frau Averwald und Herrn Longolius. Dieses symbolträchtige Haus zu einem Zentrum der Information und Begegnung zu entwickeln ist ein Anliegen, das wir gerne unterstützen. Besonders danken wir daher auch allen Sponsoren und Medienpartnern, der Berliner Zeitung dem Jazz Radio sowie der Deutschen Welle TV, die hierbei mithelfen. Dank gilt auch dem Berliner Senat und seinem Liegenschaftsfond, in personam Herrn Eising, der uns ermöglichte, in diesem Hause nach unserer erfolgreichen Ausstellung "68 - Brennpunkt Berlin" erneut eine Veranstaltung zu realisieren. Vor allem aber danke ich Mark Donfried vom Institute for Cultural Diplomacy und seinem ganzen Team dafür, dass sie diese Politik- und Kulturabende hier im Amerika Haus Berlin aus Anlass der US-Präsidentschaftswahlen organisatorisch stemmen. Den an Ausstellung, Theaterperfomance und Musikprogramm beteiligten Künstlerinnen und Künstlern und allen Helferinnen und Helfern sagen wir: Herzlichen Dank für ihren Beitrag, für ihr Engagement!

Liebe Gäste, liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

stellen Sie sich für einen Moment vor, Sie steigen in ein Flugzeug, das Sie von Berlin nach New York bringen soll. Aber Sie wissen, dass nur 2/3 von ihnen dort ankommen werden. Würden Sie das wagen? Würden Sie wirklich einsteigen? Europäische Auswanderer, die zu amerikanischen Einwanderern wurden, fanden einst diesen Mut, als sie mit heute abenteuerlich wirkenden Schiffen zu neuen Ufern aufbrachen. Krankheiten wie Ruhr und Cholera rafften viele während der Überfahrt dahin. Mit dem Glauben an sich und an den lieben Gott hielten die anderen durch und gelangten unter vielen Opfern und Entbehrungen mit unbändigem Durchhaltewillen ans Ziel ihrer Träume: AMERIKA.

Viele Menschen entflohen damals den politisch-repressiven Systemen Europas ebenso wie später den undemokratischen Zuständen in Fernost und Afrika, um eine Demokratie aufzubauen, die geprägt ist vom Freiheitswillen des Individuums und dem Wahrnehmen gesellschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten. Ziel war es, eine neue Welt zu schaffen. Allen Kritikern zum Trotz steht das Einwanderungsland Amerika bis heute für diesen Traum vom selbstbestimmten, würdevollen Leben in Freiheit und Demokratie. Amerika stand und steht für Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Menschen dort leben heute in einem Land, das sich selbst immer wieder neu erfindet und auch seine dunklen Seiten nicht mehr verschweigt. Amerika ist ein junges Land. Das wird oft vergessen, wenn man es beurteilt oder gar verurteilt. Wie auch wir macht es manchmal bittere Lernprozesse durch. Man nennt es Geschichte. Und nun wählen die USA wieder einen neuen Präsidenten. Wenn Amerika wählt horcht die Welt auf. Da der bisherige Amtsinhaber nach geltendem Recht nicht mehr antreten darf, kommt der Wechsel, so oder so: "Change is coming".

McCain oder Obama? Das ist die große Frage, vor der Amerika am 4. November steht. Gerade in diesen Tagen scheint es, als sei Amerika nach dem Anschlag vom 11. September erneut von einem Tiefschlag getroffen worden. Seit Monaten erleben wir, wie die Finanzkrise in den USA weltweit die Börsen, Gradmesser ökonomischer Entwicklung, erzittern lässt. Allerdings ist das dieses Mal ein Schlag, den es sich selbst versetzte. Wer sich nun darüber klammheimlich freut oder gar offen triumphiert - und davon soll es ja einige auch hierzulande geben - der sollte nicht vergessen, dass Amerika aus seinen Krisen bisher immer gestärkt hervorging. Anders als andere sehen US-Amerikaner in solchen Krisen nämlich zukunftsorientiert viele sich bietende Chancen. Und so sollten auch wir nach den transatlantischen Irritationen der letzten Jahre begreifen, dass Amerika immer wieder nach vorne blickt. Dieses weite, "vom Winde verwehte" Land zwischen Atlantik und Pazifik bietet jedem seiner Bewohner fast alles: Du kannst im Sommer Ski fahren in den Rocky Mountains oder in Alaska. Du kannst im Winter die wärmende Sonne genießen, ob in Florida oder an der Küste am Golf von Mexiko, an den Stränden Kaliforniens oder auf Hawaii. Während im Osten der Vereinigten Staaten das bürgerlich-liberale und das intellektuelle Amerika lebt und im Westen in Kalifornien - Stichwort Silicon Valley - Innovationen im High Tech Bereich den Rhythmus bestimmen, wird das Land dazwischen oft vergessen. Es ist der Mittlere Westen der USA, das Land zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains. Dort befindet sich das eher konservativ geprägte Land mit seinen unendlich weiten Ebenen. Open Range und High Plains nennen die Amerikaner diesen Teil ihres Kontinents mit manchmal immer noch menschenleeren Gegenden, aber Natur pur. In diesen Landstrichen, so sagte mir neulich mein Kollege Lothar Kopp, der bis zum Frühsommer diesen Jahres mit seiner amerikanischen Frau und seinem Sohn ein Sabbatjahr auf einer Ranch in Kansas verbrachte, findest du das Amerika abseits der großen Hauptadern. Es ist das Smalltown-America, das Amerika der Kleinstädte und der sog. kleinen Leute, landwirtschaftlich geprägt, ein Land, in dem die langen Schatten der Vergangenheit ebenso zu finden sind wie Liebenswertes der Gegenwart. Dort im Heartland Amerikas spürt man ihn noch immer: den Geist der Siedler und Pioniere, den Geist derer, die fest in Traditionen verwurzelt an eine bessere Zukunft glauben, für die es hart zu arbeiten lohnt. Gemeinsinn ist kein Fremdwort. Man glaubt an Gott und den Teufel. Sonntags sind die Kirchen voll.

Die Nachfahren dieser Einwanderer leben und arbeiten in diesem Teil Amerikas, das viele auf der berühmten Route 66 durchquerten, der Mother Road, die als Mutter aller Straßen so oft besungen wurde und wird. Hier im Kernland Amerikas fühlst du seinen Herzschlag ganz anders als in New York oder Los Angeles. Regionen von atemberaubender Schönheit und voller Naturwunder beeindrucken immer aufs Neue. Manchmal denkst du, im nächsten Moment kommt die Postkutsche von Wells Fargo um die Ecke oder John Wayne reitet am weiten Horizont nach Dodge City, um Marshal Wyatt Earp "Hello" zu sagen. Die amerikanischen Ureinwohner nannten sich selbst "people", wie man im Indianer Museum von San Antonio in Texas lernt, und bezeichnen sich heute als native americans. Die Geschichte von Cowboys und Indianern ist hier so präsent wie sonst nirgends. Da draußen in den Weiten der Prärie, in der abends Kojoten heulen, ist unter der Oberfläche eines modernen Lebens der alte Wilde Westen immer noch zu entdecken. Glauben Sie nicht? Dann diskutieren Sie mal mit Ranchern und Farmern die Waffenfrage. Diesen Teil Amerikas zu übergehen, als existiere er nicht, ist ein Fehler, den hierzulande mancher begeht. Amerika kann man nicht nur rational erklären - Amerika mußt man auch fühlen.

Die USA sind ein buntes Land mit vielfältigen Kulturtraditionen. Jeder Ausschnitt verkürzt zwangsläufig in unzulässiger Weise deren Komplexität und Vitalität. Beschreiben Sie mal einen Durchschnittsamerikaner oder beantworten Sie die Frage, was US-amerikanische Kultur ist. Wir in Berlin vergessen weder Luftbrücke noch den Schutz Westberlins, für den Amerika im Kalten Krieg immer stand. Wir wissen, dass Amerika mehr ist als Coca Cola und Cowboys, mehr ist als Microsoft und Apple, mehr ist als die bequemen Klischees, die über die USA so gerne verbreitet werden. Amerika ist anders – und Amerikaner ticken anders.

Meine Damen und Herren,

diese Serie zu den US-Wahlen soll ein wenig dazu beitragen, Stereotype und Klischees über ein Land aufzubrechen, das viele, vor allem auch in Mitteleuropa, immer weniger verstehen. Vielleicht erfahren wir in dieser Reihe auch, warum zwischen der Wahl am 4. November 2008 und der Vereidigung des neuen Präsidenten am 20. Januar 2009 traditionell fast ein Vierteljahr vergeht. Heute Abend erfahren wir, wie Amerikaner Deutschland betrachten und wie Deutsche in Amerika den Wahlkampf erleben. Ich hoffe, Sie sind genauso neugierig wie ich auf die Musik, das hochkarätig besetzte Podium mit kompetenten Gästen und Moderatoren, die in ganz Deutschland bekannt sind, und später auf die Ausstellung, die mein Kollege Lothar Kopp eröffnet und in die Grit Kümmele Sie einführen wird. Zum anschließendem Empfang sind Sie alle eingeladen.

Ihnen wünsche ich nun einen informativen und unterhaltsamen Abend, gute Gespräche und ich würde mich freuen, den einen oder die andere auch auf unserer nächsten gemeinsamen Veranstaltung wiederzusehen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

− Es gilt das gesprochene Wort −


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