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26.5.2002 | Von:
Tanjev Schultz
Rosemarie Sackmann

"Wir Türken . . ." Zur kollektiven Identität türkischer Migranten in Deutschland

Wie sieht die Bedeutung kollektiver Identität mit Blick auf türkische Migranten in Deutschland aus?. Auf der Grundlage ausführlicher Interviews wird über Anzeichen für eine differenzierte kollektive Identität türkischer Migranten berichtet.

Einleitung

Wenn über die Integration türkischer Zuwanderer, ihrer Kinder und Kindeskinder diskutiert wird, stellt sich unter anderem die Frage, ob und wie sich diese Bevölkerungsgruppe selbst als eine besondere Gemeinschaft innerhalb der Gesellschaft versteht. Diese Frage nach einer kollektiven Identität türkischer Migranten provoziert allerdings leicht Missverständnisse. Denn es scheint offensichtlich, dass sozialer Hintergrund, Lebensweise, Weltanschauung und Wertvorstellungen türkischer Migranten vielfältig und verschieden sind. Leiden viele öffentliche Diskussionen nicht gerade darunter, dass sie diese Bevölkerungsgruppe zu schnell über einen Kamm scheren und ihre Heterogenität unzureichend zur Kenntnis nehmen? Doch wäre es gewiss ebenso voreilig, daraus den Schluss zu ziehen, Migrantengemeinschaften und kollektive Identitäten seien insgesamt unbrauchbare oder gar rein ideologische Konstruktionen. Die soziale Wirklichkeit besteht ja generell nicht nur aus Individuen, sondern darüber hinaus aus verschiedenen Kollektiven, denen Individuen mehr oder weniger bewusst angehören und die zum Teil eine erhebliche Bedeutung für das Leben und Selbstverständnis ihrer Mitglieder haben.

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  • Zusätzlich kompliziert werden die Verhältnisse dadurch, dass die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe auch mehr oder weniger fremd- bzw. selbstbestimmt ist und zwischen den möglichen Selbst- und Fremdzuschreibungen verschiedene Wechselwirkungen auftreten können. [1]


    Deshalb werden Bezüge auf behauptete Gemeinschaften und kollektive Identitäten in manchen Fällen und Hinsichten als eher repressiv und in anderen als eher emanzipatorisch wahrgenommen. Entsprechend können sich türkische Migranten einerseits dagegen verwahren, nur als "Exemplare" (und sei es als "positive Ausnahmen") einer von außen definierten und tendenziell stigmatisierten Bevölkerungskategorie betrachtet zu werden. Womöglich können sie jedoch andererseits, ohne damit in einen Selbstwiderspruch zu geraten, darauf bestehen, als Angehörige einer gesellschaftlichen Teilgruppe mit eigener Identität, speziellen Erfahrungen und kulturellen Praxen anerkannt zu werden. Was aber ist hier mit kollektiver Identität im Einzelnen gemeint? Und welche Anzeichen und Merkmale einer kollektiven Identität lassen sich für türkische Migranten in Deutschland finden?

    Fußnoten

    1.
    Vgl. Carolin Emcke, Kollektive Identitäten. Sozialphilosophische Grundlagen, Frankfurt/M.-New York 2000.