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Editorial

Sozialisation Editorial Sozialisation und Kultur Auszug: Sozialer Wandel Normkonformität durch soziale Kontrolle Sozialisierung oder Zivilisierung der Eltern? Delinquentes Verhalten Jugendlicher: Einflussfaktoren Delinquentes Verhalten Jugendlicher: Jugendkriminalpolitik Heteronormativität und Schule Bildung zur Selbstbestimmung im Erwachsenenalter Auszug: Politische Sozialisation Persönlichkeit, politische Präferenzen und politische Partizipation Auszug: Zum Kulturwandel unserer Gesellschaft Der Sozialstaat als Erziehungsagentur

Editorial

Asiye Öztürk

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In den vergangenen Jahren wurde heftig über die Herausforderungen für "unseren westlichen Lebensstil" in der und durch die Migrationsgesellschaft diskutiert. Im Fokus standen unter anderem fehlende Anerkennung des Individuums, mangelnde Selbstbestimmungsrechte von Frauen, Homophobie unter Migrantinnen und Migranten oder auch delinquentes Verhalten Jugendlicher mit Zuwanderungshintergrund. Als Ursachen dieser Probleme wurden oftmals anhaltende Einflüsse der "Herkunftskultur" identifiziert. Doch für das Verständnis sozialen Handelns ist "die Kultur" lediglich ein Puzzleteil.

Tatsächlich wird soziales Handeln durch ein ganzes Bündel von Faktoren beeinflusst: Beschaffenheit und Ordnung des sozialen Umfelds, Existenz bestimmende Institutionen und deren Funktionen, aber auch deren Interpretationen und Wahrnehmungen durch die Handelnden. "Menschen handeln, indem sie die soziale Wirklichkeit deuten (…). Sozialisiert als Frauen und Männer, als Menschen mit und ohne Migrationsbiografien, durch eine bestimmte soziale Herkunft und durch religiöse, politische und berufliche Erfahrungen greifen die Akteure auf Selbstverständlichkeiten, Wissensvorräte und Deutungsangebote zurück, die ihnen zur Identitätsfindung (…) nützlich erscheinen", schreibt etwa die Sozialwissenschaftlerin Brigitte Hasenjürgen.

Rahmenbedingungen wie gesellschaftliche Normen und Werte, Kommunikationsformen oder Rollenidentitäten – denen Menschen sich anpassen, die sie aber auch verändern können – sind stets in Bewegung. Dieser soziale Wandel findet nur langsam statt und ist vielerorts erst auf den zweiten Blick erkennbar. Was heute für viele "normal" ist, wurde noch vor wenigen Jahrzehnten gesellschaftlich und rechtlich sanktioniert, wie am Umgang mit nicht ehelichen Kindern oder mit Homosexualität deutlich wird. Das bedeutet keineswegs, Individuen von der Verantwortung für ihr Handeln freizusprechen oder aber jegliches Verhalten als Ergebnis "freier Entscheidung" zu werten. Stattdessen gilt es, soziales Handeln stets im Zusammenhang mit wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und sozialpsychologischen Einflüssen zu interpretieren.