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Endlos nach der "Endlösung":<br/>Deutsche und Juden

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Endlos nach der "Endlösung":<br/>Deutsche und Juden

Michael Wolffsohn

/ 16 Minuten zu lesen

Seit mehr als 50 Jahren argumentieren Deutsche und Juden oftmals auf der kollektiven Ebene aneinander vorbei. Der Grund: Sie haben notwendigerweise gegensätzliche Konsequenzen aus ihren zeitgeschichtlichen Erfahrungen gezogen.

Einleitung

Deutschland und die jüdische Welt haben die nach ihrer Ansicht jeweils richtigen "Lehren aus der Geschichte" gezogen. Gerade deshalb kommen sie nicht zueinander. Sie entwickeln sich voneinander weg und geraten zunehmend gegeneinander. Die Kontroverse Möllemann gegen Friedman verdeckte durch Personalisierung mehr, als sie aufdeckte - und man entdeckte (sofern man wirklich hinschaute) Grundsätzliches im jeweiligen gesellschaftlichen (nicht persönlichen) Bereich.

Seit mehr als 50 Jahren argumentieren Deutsche und Juden auf der kollektiven (nicht unbedingt individuellen) Ebene aneinander vorbei; sie reden viel von "Verständnis" und verstehen einander immer weniger - gerade weil sie so viel reden und dabei nur die eigene, doch nicht die andere Seite sehen oder gar verstehen. Schlagworte wie "Antisemitismus der Deutschen und Europäer", "Faschismus der Israelis" oder gut gemeinte, doch falsche Fragen - etwa nach der Berechtigung deutscher Kritik an israelischer Politik - vermehren die Verständnislosigkeit und dadurch die nahöstliche Politikunfähigkeit von Deutschen (und Europäern).

Deutsche, auch andere Europäer, und Juden (hier bewusst als Gegensatz gedacht und formuliert) sind jeweils in die Falle der Geschichte, genauer: eines Übermaßes der Erinnerung an Geschichte, an die nationalsozialistische Zeitgeschichte, an den Holocaust, getappt. Das ist meine These, die ich im Folgenden begründen möchte.

Deutschland und der Jüdische Staat

Ungetrübt schien das deutsch-israelische Verhältnis nur auf der offiziellen Parteien- und Regierungsebene. Gleichwohl gab es auch hier Spannungen, vor allem in den Jahren 1969 bis 1982 zur Zeit der sozialliberalen Koalition. Damals prallten das erneuerte (West-)Deutschland und Israel geschichtspolitisch heftiger denn je aufeinander. In der SPD sorgten die Jusos auch hier für Aufregungen, und Teile der linksliberalen FDP unter Scheel und Genscher gingen zu Israel ebenso auf Distanz wie zuvor die nationalliberale FDP der fünfziger und frühen sechziger Jahre. Auch mit der Union gab es Differenzen, doch nie so grundsätzlich, weil diese den libertären Wertewandel weniger als andere Parteien verinnerlicht hatte. Ganz anders wiederum die Grünen - sozusagen die Partei der Neuen Werte -, die erst dann eine Art Israel-Metamorphose einleitete, als ihre Regierungsbeteiligung möglich schien und wirklich wurde. Auf den Bänken der Opposition dürften sie wohl eher ihre frühere Israel-Skepsis wieder finden.

Wie ist heute das Verhältnis der deutschen und israelischen Öffentlichkeit zueinander? Die historisch-psychologische "Chemie" zwischen beiden Bevölkerungen stimmt nicht. "Israel? Nein Danke!" Das ist, trotz aller amtlichen Grußbotschaften zu allen denkbaren und undenkbaren Anlässen offenbar die Einstellung der meisten Bundesbürger. Wer es nicht glaubt, prüfe die Umfragen. Sie zeigen seit 1981 ständig, wenn auch mit Schwankungen, dass Israel zu den in Deutschland unbeliebtesten Staaten zählt und die Israelis die ungeliebten Juden sind. Dass ich 1998 mein neuestes Israelbuch "Die ungeliebten Juden" nannte, ist deshalb keine Provokation, sondern vor diesem Hintergrund eine sachliche Feststellung.

Die skeptische Haltung vieler Deutscher gegenüber Israel hat ihrerseits einige Gründe. So hatte im Mai 1981 Israels Ministerpräsident Menachem Begin Bundeskanzler Helmut Schmidt sowie "die Deutschen" insgesamt für den Holocaust verantwortlich gemacht. Begins Wiederentdeckung der These deutscher Kollektivschuld war nicht unbedingt als Liebeserkärung gedacht, was die bundesdeutsche Öffentlichkeit registrierte und mit Liebesentzug honorierte. Diese innere Entfernung der deutschen Öffentlichkeit zu Israel blieb, von wenigen zyklischen Schwankungen abgesehen, dauerhaft.

Beweist diese Israel-Distanz der Deutschen aber "Antisemitismus"? Mitnichten. Denn ebenso deutlich dokumentieren die Befragungen der Bundesbürger, dass der Antisemitismus in Deutschland niedriger ist als in den meisten westlichen Staaten, von den osteuropäischen ganz zu schweigen. Israel-Distanz oder Israel-Kritik ist also keineswegs automatisch "Antisemitismus", zumal viele Deutsche Judenliebe geradezu hingebungsvoll zelebrieren. Für diese Landsleute gilt offenbar der Satz: Ohne Juden wissen viele "gute" Deutsche nicht, was sie denken dürfen sollen. Sie haben eben die "Lehren aus der Geschichte gezogen".

Weshalb stimmt trotzdem die politische Chemie zwischen Deutschen und Israelis nicht? Meine kurze, aber ausführlicher zu begründende Antwort: wegen und nicht trotz der "Lehren aus der Geschichte". Deutsche und Israelis haben aus derselben Geschichte, dem Holocaust, ganz und gar unterschiedliche "Lehren" gezogen. Jede ist für sich richtig, aber für den anderen nicht nachvollziehbar. Vier Beispiele sollen diese geschichtlich bedingte Entfremdung zwischen Deutschen und Israelis verdeutlichen:

Das erste Beispiel: Die Mehrheit der Israelis hat zu Nation und Nationalstaat ein völlig ungebrochenes Verhältnis. Nationalismus ist in Israel eine Selbstverständlichkeit; in Deutschland vielen - nein, den meisten - eine Unerträglichkeit.

Gerade weil die jüdische Nation seit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 unserer Zeitrechnung keinen Staat mehr hatte, war sie zweitausend Jahre nahezu vogelfrei, wurde sie zerstreut, verfolgt, verfemt und vernichtet; besonders zwischen 1933 und 1945, in der Epoche des Holocaust. Dass die meisten Israelis nun diese "Lehre aus der Geschichte" gezogen haben, kann und darf nicht überraschen. So wenig wie die Tatsache, dass die meisten Deutschen heute schon beim Begriff "Nation" eine historische Gänsehaut bekommen. Sie erinnern sich genau, wie schnell und heftig aus der Überbetonung der deutschen Nation die deutsche Aggression wurde, die unter Hitler schließlich zur "Deutschen Katastrophe" (Friedrich Meinecke) führte, die freilich nicht nur auf Deutschland und Deutsche begrenzt blieb.

Beim Nachdenken über die Geschichte ihrer jeweiligen Nation haben Israelis und Deutsche die für sie richtigen Schlüsse gezogen. Hier zueinander finden können sie nicht - wegen der Geschichte. Beide haben ihre jeweilige Vergangenheit bewältigt, wobei diese unterschiedliche Bewältigung mit ihren gegensätzlichen Schlussfolgerungen sie heute fast ebenso trennt wie das schreckliche Gestern.

Das zweite Beispiel: Religion ist in Israel mit der Politik äußerst eng verflochen. In Deutschland gehört dagegen die Trennung von Kirche und Staat zu den selbstverständlichen Grundsätzen eines modernen Gemeinwesens.

Selbst in der bundesdeutschen Frühzeit war die Bindung und Verbindung zwischen Religion (sprich: Katholizismus) und Politik (sprich: CDU/CSU) nie so fest wie in Israel. Mehr noch: In Israel wurde der religiös-politische Komplex immer mächtiger. So mächtig, dass der ehemalige Oberbürgermeister von Tel Aviv, Roni Milo, im Mai 1998 davor warnte, Israel drohe das jüdische Gegenstück zum islamistischen Iran und Tel Aviv das jüdische Pendant zu Teheran zu werden.

Die Macht des religiös-politischen Komplexes hängt in Israel nicht zuletzt damit zusammen, dass sich dieses Gemeinwesen als "jüdischer Staat" versteht. Und das bedeutet: Ohne jüdische Religion gibt es weder ein Judentum noch einen jüdischen Staat. Das wiederum erklärt die strukturelle Schwächung des laizistischen Lagers in Israel, dessen 1999 vom Volk direkt gewählter Ministerpräsident Barak schon ein Jahr später an eben dieser Macht scheiterte.

Solange bzw. weil sich Israel als "jüdischer Staat" versteht, wird die Abgrenzung gegenüber Nichtjuden betont; auch gegenüber den Nichtjuden im eigenen Staat, also den Palästinensern, die zwar offiziell gleichberechtigt, doch normativ und faktisch Bürger zweiter Klasse sind. Dass Israel der Staat von Juden, für Juden und durch Juden sein soll, mag im Ausland gefallen oder nicht. Verstehen kann man es nur historisch.

Außen- und regionalpolitisch ist die betonte Abgrenzung zu den Nichtjuden ebenfalls folgenreich: Sie stärkt tendenziell wie strukturell die israelischen "Hardliner", die "Falken", im Konflikt mit den Palästinensern im Besonderen und den Arabern im Allgemeinen.

Im außenpolitisch eher taubenhaft-sanften Deutschland sind gerade diese israelischen "Falken" höchst unbeliebt. Dass "Falken", ob jüdisch-israelisch oder nicht, in Deutschland eher unpopulär sind, ist ebenfalls historisch zu erklären. Wer wollte "die Deutschen" anklagen, dass sie inzwischen eher taubenhaft-sanft sind? Kaum jemand - eben wegen der Geschichte. Wer will es umgekehrt den jüdischen Israelis vorwerfen, dass sie nach zweitausend Jahren nichtfriedlicher Koexistenz bzw. Konfrontation mit nichtjüdischen Nachbarn nur unter Juden bleiben wollen? So gesehen haben die israelisch-jüdischen "Falken" die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen.

Sind diese historisch jeweils richtigen Lehren aber auch die politisch richtigen? Zweifel sind erlaubt, denn diese richtigen Lehren aus der unfriedlichen Vergangenheit verbauen möglicherweise die Zukunft für ein friedliches Nebeneinander von Juden und Nichtjuden in der Nahostregion. Und eine solche friedliche Nachbarschaft erhoffen sich die meisten Deutschen, die - wegen ihrer eigenen Geschichte - so glücklich über die Sicherung des Friedens in ihrer europäischen Region sind.

Das dritte Beispiel: Die Bindung der Israelis zum "Land Israel", zum Boden ihres Nationalstaates, ist tief verwurzelt. Sie war - zunächst - defensiv und ebenfalls eine Reaktion auf die 2000-jährige Trennung von Volk und Land.

In Deutschland denken aufgeklärte Menschen bei der engen Verbindung von Volk und Land vor allem an die "Blut-und-Boden"-Ideologie der Nationalsozialisten. Deutschland ausschließlich als "der Deutschen Land" - das klingt in deutschen Ohren heute eher wie ein historischer Anachronismus. "Eretz Israel" - das Land Israel sowie das Land Israel dem Volk Israel - das ist in Israel, auch unter politischen "Tauben", hingegen eine Selbstverständlichkeit.

Ist Geschichte, ist Erinnerung also auch hier eine politische Falle? Darüber kann man streiten. Nicht aber darüber, dass die jeweiligen unterschiedlichen historischen Erfahrungen Deutsche und Israelis politisch mehr denn je trennen - wegen und nicht trotz der Erinnerung.

Das vierte Beispiel: Deutsche und Israelis haben völlig entgegengesetzte Einstellungen zu politischer Gewalt und zum Krieg als Mittel der Politik.

Die Deutschen, das "Volk der Täter", haben der Gewalt und dem Krieg abgeschworen: "Nie wieder Täter!" sagen sie - "wegen der Vergangenheit". Ebenfalls "wegen der Vergangenheit" halten "die Israelis", das "Volk der Opfer", Gewalt sowie Krieg durchaus für legitim. Sie sagen: "Nie wieder Opfer!" - "wegen der Vergangenheit".

In Israel schlägt man lieber einmal zu viel, zu früh und zu heftig zu als gar nicht - wegen der Geschichte. Als eine Falle der Geschichte hat es die Öffentlichkeit Israels bislang nicht betrachtet. Das ist ihr gutes Recht, und es ist historisch verständlich. Wurde dadurch aber Israels Politik unbeabsichtigt - doch geradezu unvermeidlich - nicht strukturell friedensunfähig? Erwies sich die nahezu ausschließliche Orientierung an der Geschichte nicht als Geschichtsfalle? Wer im palästinensisch-arabischen Mitbürger und Nachbarn, historisch verständlich, nicht nur den Gegner, sondern den möglichen Feind, gar Todfeind, einen "neuen Hitler" sieht und in jedem Waffengang oder Terrorakt, historisch ebenfalls verständlich, einen neuen "Holocaust", der übersieht auch Friedenschancen; übersieht, dass die Geschichte nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich weitergegangen und sie anders, trotz allem sogar insgesamt besser geworden ist.

Genau diese Frage der Friedensfähigkeit hatten sich Jitzchak Rabin und Schimon Peres gestellt. Sie erkannten, dass der fortwährende Bezug auf die Geschichte für Israel zu einer politischen Falle geworden war. Deshalb fanden sie den Mut zu einer neuen Politik. Ihr Ziel: der Ausbruch aus der Geschichtsfalle. Die neuen Antworten, die Rabin und Peres und ihre Politik auf die Fragen der jüdisch-israelischen Geschichte gaben, ähnelten erstmals ziemlich genau den Antworten, die das neue Deutschland der Bundesrepublik auf die Fragen der deutschen Geschichte gab und gibt.

Es war deshalb folgerichtig, dass gerade diese beiden Politiker auch zur Bundesrepublik Deutschland ein pragmatisches Verhältnis suchten und fanden - ohne jemals Geschichte, Zeitgeschichte und Erinnerung verdrängen zu wollen. Sie hoben aber die hermetische Ausschließlichkeit von Holocaust-Geschichte und -Erinnerung auf und ergänzten sie durch partnerschaftliche Politik zu Palästinensern, zu anderen Arabern, zu Deutschen und Nichtjuden überhaupt. Im Rahmen seiner visionären und die Geschichte entflechtenden (nicht verdrängenden!) Politik hatte Peres als Außenminister und Ministerpräsident in den Jahren 1995/96 sogar daran gedacht, den seinerzeit greifbaren Frieden mit Syrien auch durch die Stationierung deutscher Soldaten auf den Golanhöhen abzusichern. Mit Hilfe der US-Streitkräfte sowie der Bundeswehr sollte Israel aus der friedens- und geschichtspolitischen Falle befreit werden.

Um gute Kontakte zu Deutschland bemühte sich auch Ex-Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Doch anders als seine beiden Vorgänger Rabin und Peres haben sich Netanjahu und dann ebenfalls Scharon wie auch ihre Koalition und Wähler grundsätzlich weit mehr als Politiker und Anhänger der Arbeitspartei und der Linksliberalen im Netz der Geschichte verfangen. Das gilt für alle hier genannten Beispiele: für den Begriff der Nation, das Gewicht der Religion, die Verbindung von Volk und Land sowie die Anwendung von Gewalt in der Politik. Es gilt für die Wahrnehmung einer grundsätzlich feindlichen und zu einem "neuen Holocaust" bereiten Umwelt, die Juden als Juden überall und immer verfolgt und in der Arafat Hitler und "die Palästinenser" nunmehr "die Deutschen" als "Todfeinde" ablösten. Es überrascht nicht, dass während der Regierungszeit des nationalistisch-religiösen Lagers der Holocaust nicht nur bestimmte politische Einstellungen, sondern auch das Geschichtsbild der Israelis immer nachhaltiger prägte.

Rabin, Peres und Barak repräsentierten - auch in ihrem einstweiligen Scheitern - hingegen ein Neues Israel; immerhin stellte es knapp fünfzig Prozent der Wähler. Dieses Neue Israel ist nicht von der Geschichte losgelöst, doch nicht an ihr allein fixiert. Das Israel des "Nationalistisch-Religiösen" steckt hingegen in der Geschichtsfalle. Nur mit dem Neuen Israel kann es für das Neue Deutschland, die Bundesrepublik, langfristig gute Beziehungen geben. Das Israel Begins, Schamirs, Netanjahus und Scharons gefährdet sowohl die Möglichkeit nahöstlicher Friedenspolitik als auch eine entspannte Europa- und Deutschlandpolitik.

Jedoch: Das Neue Israel wurde vom alten Palästina an seiner Friedenspolitik gehindert. Barak hatte angeboten: Räumung von 97 Prozent der besetzten Gebiete, Räumung der meisten Siedlungen, ein Staat "Palästina", faktische Teilung Jerusalems. Aus israelischer Sicht also eigentlich alles. Krieg, verniedlichend "Intifada" genannt, bekam Israel. So jedenfalls sieht es die Mehrheit der Israelis. Wie auch immer: Was außer eigentlich allem hätte Israel noch geben können? Nichts mehr. Das ist der Kern der israelisch-palästinensischen Tragödie. Deutsche und Europäer, die Israel raten, Gebiete und Siedlungen zu räumen, einen Staat "Palästina" und eine Teilung Jerusalems anzuerkennen, vergessen (absichtlich oder nicht), dass auch (gerade?) diese friedfertige Politik an der Wirklichkeit zerschellte.

Verzicht ohne Gegenleistung ist - anders als die deutschen "Lehren aus der Geschichte" - kein universales Friedensmittel, zumal nicht im Nahen Osten. Für viele Israelis und Juden allgemein wäre dies "Appeasement", erinnerte an "München 1938". Deutsche und Israelis haben jeweils für sich diese Vergangenheit "bewältigt". Gerade deshalb sind sie heute so weit voneinander entfernt.

Deutschland und die jüdische Diaspora

Schauen wir auf Deutschlands Verhältnis zur Diaspora, den außerhalb Israels lebenden Juden. Die nichtreligiösen Diasporajuden (und das sind die meisten) führen ein jüdisches Dasein ohne jüdisches Sein, also eine eigentlich tragisch-absurde Existenz: Es sind Juden ohne Judentum. Sie möchten gerne Juden sein und sind deshalb Möchtegern-Juden. Inhaltlich ausfüllen können sie ihr Judentum nicht, weil sie als moderne Menschen nicht glauben können. Ohne glauben zu können, sind sie nicht religiös, und als areligiöse Möchtegern-Juden sind sie letztlich Juden ohne Judentum.

Traditionell stand das Judentum gewissermaßen auf zwei Beinen: der jüdischen Religion und der rund 4000-jährigen jüdischen Geschichte. Das religiöse Standbein haben die meisten Juden (wie Nichtjuden) amputiert. Höchstens zehn Prozent aller Diasporajuden sind heute "religiös". In Israel sind es immerhin noch dreißig bis vierzig Prozent. Im Jüdischen Staat tobt wegen der Religionspolitik eine Art Kulturkampf; doch er ändert nichts daran, dass auch die nichtreligiösen Israelis Bürger eines jüdisch geprägten und sie prägenden Staates sind. Ihre Identität bleibt, selbst in der antiorthodoxen Verneinung der Religiosität, jüdisch.

Was aber macht nichtreligiöse Diasporajuden zu Juden? Nichts. Die jüdische Geschichte, könnte man vielleicht entgegnen. Im Prinzip ja, doch auch in ihrem Verhältnis zur Geschichte sind Diasporajuden nicht anders als Nichtjuden: Die meisten kennen bestenfalls die jüngste Geschichte, die Zeitgeschichte. An ihr orientieren sie sich, hier sind sie "betroffen". Dass in der jüdischen Zeitgeschichte der Holocaust sachlich und seelisch dominiert, ist eine natürliche Reaktion. Die Reflexion darüber ist selbstverständlich; sie ist auch notwendig. Die fast vollständige Exklusivität der Zeitgeschichte presst jedoch viertausend Jahre jüdischer Geschichte auf die zwölf schrecklichsten zusammen: auf die NS-Zeit von 1933 bis 1945. Auch bei dieser Verkürzung des Geschichtsbewusstseins gibt es eine Parallele zu Deutschland. Nach dem ersten, religiösen Standbein wurde somit also auch das zweite Standbein jüdischen Seins - das historische - amputiert.

Wieder ist ein Gegenargument denkbar: Das zweite Bein sei durch die Gründung und Geschichte des Jüdischen Staates, Israels also, wieder verstärkt worden. Die zeitgeschichtliche Holocaust-Orientierung, ja Holocaust-Fixierung werde durch den "Israelismus" der Diasporajuden relativiert bzw. ergänzt. Das Argument stößt jedoch ins Leere, denn Israelismus außerhalb Israels ist eine Absurdität. Diasporajuden sind natürlich Bürger ihres jeweiligen Staates, nicht Israels. Das Interesse der Diasporajuden an Israel hat zudem z. T. dramatisch abgenommen. Eine Studie ergab Anfang der neunziger Jahre, dass nur 43 Prozent der britischen Juden sich Israel "sehr eng verbunden" fühlen. In den USA sind es dagegen 67 Prozent. Aufschlussreicher als Meinungen sind Handlungen: Messbar ist hier die größer gewordene Distanz zu Israel auch an den zurückgehenden Spenden, besonders der US-Juden. In den sechziger Jahren überwiesen sie noch siebzig Prozent aller gesammelten Gelder nach Israel, sie behielten dreißig Prozent. Heute ist es genau umgekehrt. Und britische Juden überwiesen Mitte der neunziger Jahre nur noch zwölf Prozent ihrer Sammelgelder nach Israel.

Wieder ein Gegenargument: Diasporajüdische Einrichtungen sind bekanntlich seit Jahren - erst recht seit dem 11. September 2001 - Zielscheibe des arabisch-islamistischen Terrorismus und damit ein Nebenschauplatz des Nahostkonfliktes. Diasporajuden und Israel seien daher aufgrund ihrer gemeinsamen Gefährdung ineinander verzahnt. Diese Tatsache, die Angst aller Juden, möglicherweise überall wieder - weil als Juden - getroffen und getötet zu werden, erklärt jüdische Empfindlichkeiten, auch gegenüber politisch missverständlichen Äußerungen im Ausland. Wieder prägt allein die jüdische Situation das jüdische Sein der Diasporajuden - und wieder ist es eine negative Fremdbestimmung: durch die Feinde oder Gegner Israels. Wer kann wie und warum von "den" Juden angesichts einer solchen spannungsreichen Situation noch Ausgewogenheit und Distanz erwarten?

Israelismus, die Israelorientierung der Diasporajuden, hat aus denselben nahostpolitischen Gründen zugleich aber auch abgenommen: Die innerisraelische Polarisierung über die Palästinenserpolitik spaltet seit 1967 (Eroberungen im Sechstagekrieg) und noch mehr seit 1977 (Amtsantritt Menachem Begins) auch die jüdische Diaspora. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu setzte seit 1996 jene Tradition Begins eifrigst fort. Baraks Politik spaltete 1999/2000 die Diaspora in umgekehrter Richtung. Auch das zunehmende demographische Gewicht der jüdischen Israelis orientalischer Herkunft entfernt und entfremdet europäisch-amerikanische Diasporajuden von Israel.

Die nichtreligiösen Diasporajuden haben keine eigenständigen jüdischen Inhalte mehr. Sie sind negativ fremdbestimmt. Die politischen Aktionismen des deutschjüdischen "Zentralrats", des "Jüdischen Weltkongresses", antideutsche Anzeigen des "American Jewish Committee" in der "New York Times" am 8. Mai 1998 oder auch Klagen gegen die "Allianz"-Versicherung, die Deutsche oder Dresdner Bank und andere deutsche Unternehmen waren und sind kein Ersatz für fehlende Inhalte. Sie überdecken nur das Nichts, selbst da, wo sie inhaltlich gerechtfertigt sind. Das Entschädigungsproblem jener Firmen ist ohnehin inzwischen gelöst, es verschwindet von der Tagesordnung; das diasporajüdische Nichts bleibt.

Früher war Antisemitismus die tödliche Gefahr für uns Juden; heute scheint (allen Populisten und Nahost-bedingten Anschlägen zum Trotz) paradoxerweise Toleranz die existenzielle, nichtphysische Gefahr für das Judentum zu sein. Früher haben Antisemitismus und Verfolgung die Abkehr der Juden vom Judentum verhindert bzw. die Hinwendung zu ihm gefördert. Gewiss, der Antisemitismus ist nicht verschwunden, aber anders als einst ist es eine Minderheitsideologie in der nichtjüdischen Umwelt. Der historische Antisemitismus führte in Tod und Jenseits, die Toleranz ins jüdische Nichts im Diesseits. Zugespitzt formuliert: Was Hitlers "Endlösung" nicht schaffte, vollbringt nun die Toleranz. Sie wirkt als sanfte "Endlösung" der Judenfrage in der Diaspora.

Toleranz aber wollen wir, brauchen wir. Folglich benötigen wir eine neue Überlebensstrategie. Israel, die Religion oder das Nichts: Das ist die Kurzformel jüdischen Seins heute. In "Meine Juden - Eure Juden", erschienen 1997, habe ich sie näher erläutert. Es gehört zur tragischen Absurdität diasporajüdischer Existenz, dass offenbar allein nur noch der Holocaust für die nichtreligiösen Diasporajuden das jüdische Nichts ausfüllt und somit als einziger - negativer! - Stifter jüdischer Identität bleibt.

Diese Holocaust-Fixierung der nichtreligiösen, also der meisten Diasporajuden, hat weitreichende Folgen nicht nur für die eigene Identität, sondern auch für das Verhältnis zu Deutschland: Sie nehmen das neue Deutschland der Bundesrepublik und "die Deutschen" eigentlich immer noch (zumindest potenziell) als das alte, nationalsozialistische und strukturell judenmörderische wahr. Das ist kein Antigermanismus oder Deutschenhass, sondern die verzweifelte und verständliche Suche nach eigener jüdischer Identität. Sie wird die Atmosphäre zwischen Deutschland und der jüdischen Diaspora, vornehmlich in den USA, vergiften. Als Wähler und besonders als Wahlkampfspender werden dort die amerikanischen Juden umworben. Deshalb sind sie, besonders bei den "Demokraten", einflussreich. Folgenreich, das heißt negativ, wird das Verhältnis der amerikanischen Juden zu Deutschland daher auch für die deutsch-amerikanischen Beziehungen insgesamt sein; erst recht für die deutsch-israelischen.

Vor allem Amerikas nichtreligiöse Juden werden unter den geschilderten Voraussetzungen somit zunehmend zu einem Störfaktor der israelisch-deutschen Beziehungen. Ihre Suche nach jüdischer Identität über die ausschließliche Holocaust-Geschichtsfixierung treibt indirekt wie direkt einen Keil zwischen Israel und seinen zweitwichtigsten Partner, Deutschland. Auch der Jüdische Staat selbst könnte auf diese Weise das ungewollte Opfer diasporajüdischer Identitätssuche werden. Das wollen die US-Juden natürlich nicht, aber sie bewirken es. Die rein nahostpolitischen Konsequenzen liegen ebenfalls auf der Hand: Die Holocaustfixierung der US-Juden bestärkt geschichtsgefesselte Israelis und erschwert den Friedensprozess.

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung", sagten die talmudischen Weisen. Sie meinten dabei natürlich die Erlösung der Täter und ihrer Nachfahren. Die Opfer und deren Nachkommen haben weniger Erinnerungs- als vielmehr Trauerarbeit zu leisten. Aber: "Jede Trauer hat ihr Maß", sagten, an die Hinterbliebenen gerichtet, die talmudischen Weisen: "Und Rabbi Jehuda sagte, Raw habe gesagt: Jeder, der sich wegen seines Toten über die Maßen mit Schmerz belastet, der weint noch über einen anderen Toten. Eine Frau in der Nachbarschaft Raw Hunas hatte sieben Söhne. Einer von ihnen starb, und sie beweinte ihn übermäßig. Da schickte Raw Huna zu ihr: So sollst du nicht tun! Aber sie beachtete ihn nicht. Da schickte er zu ihr: Wenn du gehorchst, ist's gut, wenn aber nicht, so bereite die Totenausstattung für einen anderen (Sohn)! Da starb er. So starben sie alle. Zuletzt sagte er zu ihr: Stümperst du schon an deiner eigenen Totenausstattung herum? Da starb sie."

Erinnerung als alleinige Geschichtsfixierung kann eine politische Falle sein. Wie kommen wir - Deutsche und Juden und Israelis - wieder ins Freie? Indem wir nicht einseitig bleiben und voneinander weder Zerr- noch Idealbilder, sondern Realbilder zeichnen und den Anderen in seinem historisch begründeten Anderssein nicht nur tolerieren ("ertragen"), sondern akzeptieren - wie er oder sie ist.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. diverse Fallstudien in: Michael Wolffsohn/Thomas Brechenmacher (Hrsg.), Geschichte als Falle. Deutschland und die jüdische Welt, Neuried bei München 2001.

  2. Die DDR hatte sich stets grundsätzlich gegen Israel gestellt. Vgl. Michael Wolffsohn, Die Deutschland-Akte. Deutsche und Juden in Ost und West, München 1995. Zur Bundesrepublik vgl. ders., Ewige Schuld? 40 Jahre deutsch-jüdisch-israelische Beziehungen, München 1988.

  3. Vgl. Michael Wolffsohn/Douglas Bokovoy, Israel. Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Opladen 2002.

  4. Vgl. M. Wolffsohn, Deutschland-Akte (Anm. 2), S. 105 ff.

  5. Vgl. dazu die Daten in: Yair Oron, Sehut jehudit-israelit, (hebr.: Jüdisch-israelische-Identität), Tel Aviv 1993, bes. S. 71 ff. und 94 ff.

  6. Vgl. M. Wolffsohn/D. Bokovoy (Anm. 3), S. 178 ff. und 343 ff.

  7. Vgl. Barry Kosmin u. a., The attachement of British Jews to Israel (Institute for Jewish Policy Research), London 1997, S. 6.

  8. Michael Wolffsohn, Meine Juden - Eure Juden, München - Zürich 1997, S. 108 ff.

  9. Der Babylonische Talmud. Ausgewählt, übersetzt und erklärt von Reinhold Mayer, München 19634, S. 536.

Dr. phil., geb. 1947 in Tel Aviv; Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.

Anschrift: Historisches Institut, Universität der Bundeswehr München, 85577 Neubiberg.
E-Mail: mwolffsohn@gmx.de

Veröffentlichungen u.a.: Wem gehört das Heilige Land?, München 2002.