Um das Jahr 1950 passierte etwas Erstaunliches: In westlichen Gesellschaften etablierte sich eine Geschlechterordnung, in der die Hälfte der Erwachsenen eine Rolle ausüben sollte, die ganz auf das Haus und den privaten Bereich beschränkt war – die der Hausfrau. Das Hausfrauenmodell durchdrang die ganze Gesellschaft, ob Arbeit, Freizeit, Erziehung, Konsum, Liebe oder Ernährung, und prägte das Wirtschaftswunder und den Kapitalismus. Sein Aufblühen ging Hand in Hand mit der Demokratisierung der Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg – und mit der rasant ansteigenden Umweltzerstörung in der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Die Entwicklung der Hausfrauen-Familie zur Grundlage der Gesellschaft in der Mitte des 20. Jahrhunderts ist dabei aus mindestens drei Gründen erstaunlich und erklärungsbedürftig:
Erstens war das Modell bisher einer kleinen, wohlhabenden Elite vorbehalten gewesen. Die überwältigende Mehrheit der Frauen musste zuvor die Haus- und Fürsorgearbeit – kochen, putzen, waschen, nähen, Kinder und Alte pflegen – nebenher erledigen und arbeitete ansonsten als Bäuerin, Magd oder Dienstmädchen, als Mitarbeiterin im Familienbetrieb und immer öfter auch als Fabrikarbeiterin oder Angestellte. Vor dem Ersten Weltkrieg war in Deutschland der Anteil der Frauen, die einer Lohnarbeit nachgingen, also nicht nur auf dem Familienhof oder im eigenen Betrieb mitarbeiteten, mit etwa 30 Prozent im europäischen Vergleich besonders hoch.
Die Vorstellung einer „Hausfrau für alle“ erscheint zweitens deswegen erklärungsbedürftig, weil die Arbeitslosigkeit 1950 bereits zu sinken begann und Arbeitskräfte immer dringender gesucht wurden. Im Zweiten Weltkrieg hatten Frauen viele Aufgaben erfüllt, die für sie bis dahin als unausführbar gegolten hatten. Da Millionen Männer gefallen oder in Gefangenschaft waren, blieben Frauen auch nach Kriegsende in diesen Berufen. 1949 diagnostizierte die Zeitschrift „Die Frau“ gar den „neuen Frauentyp“ der „Chefin“ als „Leiterin von Unternehmungen, die nüchtern und sachlich einem Volk von Männern ihre Befehle erteilt, die ihre Untergebenen geworden sind.“
Drittens kam das Geschlechtermodell mit Hausfrau und Ernährer überraschend in einer Zeit, in der westliche Staaten das Ziel verfolgten, demokratischere und egalitärere Gesellschaften zu werden. Die dezidierte Ungleichheit im Geschlechterverhältnis scheint auf den ersten Blick nicht dazu zu passen.
Warum also kam die Hausfrau ausgerechnet in der Nachkriegszeit zu großer Prominenz und ist als Modell bis heute nicht verschwunden? Was macht das Modell so erfolgreich und prägend und was sagt dieser Umstand über das Verständnis von Gesellschaft und Zusammenleben bis heute aus?
Anfänge und dichotome Geschlechterordnung
Das Konzept der Hausfrau kam mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert auf und ist damit eine typisch moderne Erscheinung.
Erst allmählich entwickelte sich die Vorstellung von der Hausfrau, die das Bild der Mutter und Ehefrau im 20. und selbst im 21. Jahrhundert prägen sollte: zurückgezogen, weit entfernt von der Produktion, konsumierend und in einer anderen Sphäre als der Mann lebend. Wohnen und Arbeiten trennten sich, weil durch die Industrialisierung immer mehr Lohnarbeit außerhalb des Hauses angeboten wurde. So konnte das Private normativ aufgeladen und vom Öffentlichen abgegrenzt werden. Auch wenn die Wirklichkeit komplexer war und sich Privatheit und Öffentlichkeit weiterhin vielfach überschnitten, entfaltete die Vorstellung zweier Sphären ihre Wirkmächtigkeit und trug etwa zu der Überzeugung bei, Politik und Staat seien Räume, in denen Frauen nichts zu suchen hätten.
Seit dem 18. Jahrhundert gewann außerdem die Überzeugung an Einfluss, Frauen und Männer seien zwei grundverschiedene Wesen. Diese fundamentale Differenz der beiden sozial konstruierten Geschlechter formte immer stärker die Vorstellungswelten und die gesellschaftlichen Strukturen.
Die neue Denkweise und zahlreiche Reformen sorgten dafür, dass die Ständeordnung allmählich verschwand, in der die Menschen durch Geburt einem Stand – etwa dem Adel oder der Bauernschaft – zugeteilt waren. In der ständischen Ordnung hatte das Geschlecht keine dominierende Rolle gespielt. Eine adlige Frau oder eine wohlhabende Stadtbürgerin besaß wesentlich mehr Macht als ein Knecht oder ein Bauer. Als Witwen oder als einzige Erbin konnten Frauen in der Ständeordnung dem Haus vorstehen und den Besitz verwalten, sie konnten Meisterin in einem Handwerksbetrieb sein und hatten unter Umständen sogar das Wahlrecht. Im streng reglementierten Zunftwesen konnten sie ihrer Geburt gemäß einen Beruf erlernen und arbeiteten nach der Heirat im Betrieb des Ehemannes mit.
Doch nun sollte es die Gleichheit für alle Menschen geben! Den Revolutionären war jedoch schnell klar, dass „gleich“ nur die (weißen) Männer sein sollten. Lediglich für kurze Zeit hatten Frauen in der Französischen Revolution einen gewissen Einfluss, und das Verbot der Sklaverei in den französischen Kolonien wurde schnell wieder rückgängig gemacht. Die Andersartigkeit der Frau musste daher ausführlich begründet werden. Das ist ein Grund, warum sich eine oft vermeintlich wissenschaftlich begründete Misogynie entwickelte, die über biologische oder psychische Phänomene für die Komplementarität und meistens auch Minderwertigkeit der Frau argumentierte: Weil sie ein kleineres Hirn habe, sei sie nicht satisfaktionsfähig, oder weil in ihrem Körper ein Uterus sei, weil sie menstruiere, weil sie Kinder bekomme und so weiter.
Die neue Zweiteilung ergab sich auch als Reaktion auf eine besondere Herausforderung der Moderne: Der Mann galt nicht länger als selbstverständlicher, positiver Standard des Menschen. Die philosophischen Zeitgenossen – von Johann Gottlieb Fichte über Wilhelm von Humboldt bis zu Kant und Hegel – diagnostizierten eine Entfremdung des Mannes von sich selbst. Rationalisierung und die Auflösung der alten Ordnung, in der die männliche Überlegenheit hierarchisch klar durch alle Stände eingebettet war und kaum ausformuliert werden musste, führten zu einer tiefen Desorientierung des Mannes.
Die Erfindung der Hausfrau
Durch diese Rollenverteilung erfuhr die Häuslichkeit eine enorme Aufwertung. Die Literatur besang die neue Ordnung, die Architektur griff sie auf, indem sie Wohnstuben und Wohnküche schuf, und die Malerei zeigte Familien nicht mehr rein zur Repräsentation, sondern als Genre mit jungen Müttern, spielenden Kindern, dem Ofen und dem Familientisch. Zeitschriften wie die „Gartenlaube“ bildeten sich heraus, die sich explizit an Familien wandten. In dieser Zeit setzte sich auch die Idee der Liebesheirat als Norm durch. Aus der aktiven, produzierenden Hausmutter wurde die zurückgezogene, konsumierende Ehefrau und Mutter. Aus der Frauenarbeit wurde ein Gefühl: Liebe – und ein Stil: Anmut.
Diese Aufwertung der Häuslichkeit ging gleichwohl einher mit der Unterordnung der Hausfrau, die sich in eine Longue durée der Geschlechterordnung einreiht:
Auch die Vorstellung von der Zuständigkeit der Frauen für das Hauswesen war nicht neu. Schon in der frühneuzeitlichen Ratgeberliteratur war das Haus der Ort, an dem Frauen tätig waren, während der Mann in der Öffentlichkeit stand. „Was die Frauen anbelangt“, erklärte der französische Staatstheoretiker Jean Bodin 1586, so sollten sie von öffentlichen Ämtern und Versammlungen „so weit wie möglich ferngehalten werden, damit sie sich mit Hingabe ihren Aufgaben als Gattinnen und Hausfrauen widmen“ könnten.
Mit der Moderne verlor der Haushalt ökonomisch an Bedeutung, die Hausarbeit reduzierte sich auf physische, meist konsumptive Aufgaben wie Ernährung der Familie, Putzen, Waschen und Einkaufen der Lebensmittel; zugleich wurde die psychische Aufgabe der Fürsorge für Mann und Kinder immer wichtiger.
Die Hausfrau für wenige
Die Vorstellung, die Frau auf Haus und Herd zu beschränken, wurde so sehr fixiert, dass man von einer regelrechten „Hausfrauen-Ideologie“ sprechen kann. Allerdings konnte sich im 18. Jahrhundert nur eine kleine bürgerliche Elite die neue Position leisten: Die Hausfrau selbst verdiente kein Geld und delegierte die Hausarbeit oft an das (kostenpflichtige) Personal. Dabei überwachte sie den Einkauf und sorgte dafür, dass mit dem Geld angemessen gewirtschaftet wurde.
Erst um 1900 übertraf die Zahl der Menschen in der Stadt die Zahl derer, die auf dem Land lebten. Immer mehr städtische Unternehmer stellten Frauen ein, weil sie ihnen weniger Lohn bezahlen konnten als Männern. Gleichzeitig wurde mit dem allgemein steigenden Wohlstand die Überzeugung, dass jedem Mann eine Hausfrau zustünde, immer größer. Frauenvereine und sozialpolitische Reformen arbeiteten daher daran, auch die Arbeiterfrau zur Hausfrau zu machen. Gerade in den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie protestierten Männer gegen die Frauenarbeit mit ihrer Lohndrückerei und Doppelbelastung durch den zusätzlich zu bewältigenden Haushalt.
Hausfrau als Beruf?
Wie zahlreiche andere Berufs- und Interessengruppen bildeten auch die Hausfrauen um 1900 eigene Berufsverbände. 1915 wurde der „Verband deutscher Hausfrauenvereine“ gegründet. Er setzte sich für Verbraucherschutzfragen ein, für bessere Rechte der Hausangestellten und für eine Professionalisierung der Hausarbeit mit einer Meisterinnenausbildung und dem Titel „Meisterin der Hauswirtschaft“. Mit diesen progressiven Zielen schloss er sich dem „Bund Deutscher Frauenvereine“ an, in dem die unterschiedlichen Strömungen der deutschen Frauenbewegung organisiert waren.
Mit dem Zweiten Weltkrieg nahmen Frauen immer mehr Positionen im Arbeitsleben ein. Schon vor 1939 hatte die Frauenerwerbsquote einen Höchststand von fast fünfzig Prozent erreicht – obwohl die Nationalsozialisten den „Mutterkult“ propagierten und vor weiblicher Berufstätigkeit warnten.
Die Hausfrau für alle
Es kam anders. Immer mehr Frauen gaben ihren Beruf auf, immer mehr Menschen gingen die Ehe ein. Die Frauen heirateten immer jünger, und sie bekamen immer mehr Kinder. In den westlichen Ländern begann das Golden Age of Marriage. Niemals zuvor und danach war das Familien- und Gesellschaftsverständnis so sehr auf die Kernfamilie mit Vater, Mutter, Kindern fixiert wie in diesen Jahren.
1963 schrieb die US-amerikanische Publizistin Betty Friedan: „Es ist noch nicht lange her, da träumten die Frauen von Gleichheit und erkämpften sich einen Platz in der Welt. Was geschah mit den Träumen? Wann hatten die Frauen beschlossen, der Welt zu entsagen und sich in ihre vier Wände zurückzuziehen?“
Vieles am Konzept der Hausfrau des Golden Age of Marriage war nicht neu. Abermals war einer der wichtigsten Gründe für die Installierung der Hausfrau – und für die neue alte Geschlechterdifferenz – die Sorge um den Mann. Die Frauen sollten ihm Sicherheit geben. Das galt ganz besonders für Deutschland, wo die Männer zerstört und besiegt heimkehrten und mit dem Hausfrauenmodell wieder Achtung und Würde erlangen konnten. Aber es galt auch für Männer in anderen Staaten, denn die Zeit des Golden Age of Marriage war eine Krisenzeit voller Ängste. Der Koreakrieg Anfang der 1950er Jahre versetzte die Menschen ebenso in Schrecken wie der Kalte Krieg und die atomare Bedrohung und ließen kaum ein Gefühl der Sicherheit aufkommen. Die Männer aber saßen am Haupt des Tisches, die Hausfrau bediente, die Kinder sollten schweigen, jedenfalls gehorsam sein. Erneut fanden die Menschen in einer Krisenzeit Halt und Orientierung in der vermeintlich „natürlichen“ Geschlechterordnung.
Auch das Paradoxon von politischer Gleichheit und Geschlechterhierarchie war nicht neu. Aber es errang nun eine ganz neue Bedeutung: Dass alle Männer eine Hausfrau haben konnten, erschien als demokratische Errungenschaft; endlich erfüllte sich der sozialdemokratische Traum aus dem Kaiserreich. Die neuen Gesellschaften wollten demokratisch sein, sie wollten „nivellierte Mittelstandsgesellschaften“ werden, wie es der Soziologe Helmut Schelsky auf den Punkt brachte.
Aber es gab auch Aspekte, die das Hausfrauenmodell nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem ganz neuen, ja sogar innovativen Phänomen machten. Erstmals betraf es Frauen aller Schichten. Zwar gingen die meisten Frauen aus Arbeiterfamilien weiterhin einer Lohnarbeit nach. Doch versuchten auch viele Familien aus sozial benachteiligten Schichten, mit einem Gehalt zurecht zu kommen und mit dem Hausfrauenmodell zu leben. Die Zahl der Hausfrauen war – prozentual und absolut – so hoch wie noch nie zuvor, und nur etwa ein Drittel aller Frauen arbeitete.
Vor allem in Deutschland erschien die Hausfrau auch deswegen als demokratisch, weil sie als Absage an das „Dritte Reich“ gewertet wurde, wo der Staat über der Familie und über der Ehe gestanden hatte und tief in das Privatleben eingedrungen war. Außerdem wurde die Hausfrau im Kontext des Kalten Kriegs zu einem Statement gegen die totalitären Ansprüche auf die Menschen in der Sowjetunion, wo das Hausfrauenmodell aufgrund des erheblichen Arbeitskräftemangels von Anfang an bekämpft wurde.
Die Hausfrau als Konsumentin
Diese Ausweitung des Konzepts der Hausfrau auf alle Schichten hing mit der blühenden Ökonomie zusammen. In kurzer Zeit wuchs der Wohlstand in der Bundesrepublik auf ein schwindelndes Niveau, von dem die Arbeiterbewegungen vor dem Ersten Weltkrieg kaum zu träumen gewagt hätten.
Noch wichtiger aber war es vermutlich, drittens, dass die Hausfrau nicht nur die politische Ordnung legitimierte, sondern auch die marktwirtschaftliche. Kapitalismuskritik, Materialismuskritik und Skepsis an der freien Marktwirtschaft waren weit verbreitet. Die Politik hatte – teilweise in Kooperation mit der Industrie – alle Hände voll zu tun, den Menschen die Vorzüge der Marktwirtschaft zu erklären. In einer Ansprache an die Hausfrauen erläuterte der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard 1952: „Die Hausfrauen müssten eigentlich die freudigsten, begeistertsten Anhänger einer Marktwirtschaft sein.“
Diese neue Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg, die in so enger Verbindung mit einem alle Lebensbereiche ergreifenden Kapitalismus einherging, wird auch als Grey Democracy bezeichnet.
Schluss
Die Hausfrau ermöglichte und legitimierte die neue Ordnung um 1800, als die Welt in die Moderne aufbrach. Und sie ermöglichte und legitimierte die Nachkriegsordnung des Kalten Krieges mit einem neuen Umweltregime, dessen Folgen die Demokratien heute kaum noch handhaben können. Wie aber kommt es zur Neuerfindung der Hausfrau in den Sozialen Medien seit rund zehn Jahren? Vermutlich lässt sich auch dieses Phänomen als Krisenphänomen verstehen. Wieder ist die Sehnsucht nach Halt in der alten Geschlechterordnung ausschlaggebend. Interessant ist freilich, dass das Phänomen auf die virtuelle Welt beschränkt bleibt. Statistisch lässt sich keine Zunahme an Hausfrauen konstatieren. In den Nullerjahren waren etwa 60 Prozent der Frauen in Deutschland berufstätig, heute sind es rund drei Viertel.