Die Ehe ist weiterhin kein Auslaufmodell. Die meisten Erwachsenen heiraten in Deutschland – wie überhaupt in Europa – im Laufe ihres Lebens. Ende 2023 waren in Deutschland rund 35 Millionen Menschen verheiratet; das ist ziemlich genau die Hälfte aller über 18-Jährigen. Hinzu kommen jene, die in der Vergangenheit verheiratet waren, jedoch mittlerweile geschieden oder verwitwet sind. Zusammengefasst sind das weitere 17 Prozent der Erwachsenen. Auch für das verbleibende Drittel der Ledigen dürfte noch in einigen Fällen eine Eheschließung anstehen. Trotz dieses Verbreitungsgrads hat die Ehe seit der frühen Nachkriegszeit einen tiefgreifenden Wandel vollzogen, der mit einem massiven Bedeutungsverlust verbunden ist. Diese Wandlungstendenzen sollen im Weiteren aufgezeigt werden.
Mit der Verwendung der frühen Nachkriegszeit als Vergleichshorizont schwingt keine Unterstellung eines historischen Nullpunkts, gleichsam als eine Art „natürliche Ordnung“, mit. Vielmehr handelt es sich dabei um eine historische Phase in einem fortgesetzten Veränderungsprozess, deren Besonderheit als Ausgangsbasis aufzuzeigen ist. Die 1950er und frühen 1960er Jahre erweisen sich als „Golden Age of Marriage“. Damit wird auf die starke Steigerung der Heiratshäufigkeit und auf das Sinken des Heiratsalters verwiesen, was dazu führte, dass in dieser Phase die Eheschließung nahezu für alle Frauen und Männer zu einem festen Bestandteil ihrer Normalbiografie und damit zu einem biografischen Fixpunkt wurde. Nachhaltig gefördert wurde dies durch die Wohlstandssteigerung in der Nachkriegsgesellschaft, das Verschwinden von Heiratshindernissen, eine repressive Sexualmoral, die ein Paarsein nur in Gestalt der Ehe akzeptierte, und auch durch eine expandierende Kulturindustrie, die das Lebensglück mit dem Jawort gleichsetzte.
Eheschließung und Heiratsalter
In den frühen 1960er Jahren wurden in den beiden deutschen Staaten jährlich knapp 700.000 Ehen neu geschlossen. Für 2024 vermeldete das Statistische Bundesamt 349.200 Eheschließungen, darunter circa 8.800 gleichgeschlechtliche Ehen. Um Effekte unterschiedlicher Bevölkerungsgrößen auszuschließen, wird für diesen Zeitvergleich und auch für internationale Vergleiche die rohe Heiratsrate („Crude Marriage Rate“, CMR, Gesamtzahl der Ehen pro Jahr auf Tausend der Bevölkerung) als Indikator verwendet. In den frühen 1960er Jahren lag die CMR knapp unter 10, bis zum Beginn des neuen Jahrtausends ist sie unter 5 gefallen und nach den aktuellsten Daten von 2024 liegt sie bei 4,2. Die CMR hat sich somit in dieser Zeitspanne mehr als halbiert. Dieser starke Rückgang ist dabei keine Besonderheit Deutschlands, sondern zeigt sich in allen anderen europäischen Staaten.
Es wird nicht nur weniger, sondern auch später geheiratet. Dieser Umschwung ereignete sich in der alten Bundesrepublik etwas früher als in der DDR. Greift man auf Daten für Gesamtdeutschland zurück, war das Heiratsalter 1975 am niedrigsten: Ledige Frauen heirateten im Schnitt mit 22,5 Jahren, ledige Männer mit 24,9 Jahren. Seither ist das durchschnittliche Erstheiratsalter stark angestiegen und lag 2024 bei Frauen bei 32,9 Jahren und bei Männern bei 35,3 Jahren. Auffällig ist dabei, dass trotz der Veränderungsdynamik seit der Nachkriegszeit der Altersabstand der Paare mit zwei Jahren und vier Monaten gleich geblieben ist.
Neben dem gestiegenen Heiratsalter hat auch die fallende Heiratsneigung zum Rückgang der Eheschließungen beigetragen. Die Berechnungen von Heiratstafeln geben Auskunft darüber, wie viele Personen – bei Fortdauer des aktuellen Heiratsgeschehens – mit einem bestimmten Alter (noch) heiraten werden. Während Anfang der 1960er Jahre die Heiratswahrscheinlichkeit von Ledigen in beiden Teilen Deutschlands bei über 90 Prozent lag, ergeben die Berechnungen, dass im Jahr 2007 von den 20-jährigen Frauen nur knapp 68 Prozent und von den gleichaltrigen Männern nur knapp 62 Prozent voraussichtlich heiraten werden. Auch wenn aktuellere Berechnungen nicht vorliegen, kann davon ausgegangen werden, dass diese Anteile seither weiter gesunken sind – darauf deutet zumindest die Entwicklung des Indikators der zusammengefassten Erstheiratsziffer hin.
Abkehr von der Ehe und Optionserweiterung
Neben der prozentualen Verteilung der Bevölkerung auf unterschiedliche Lebensformen kann auch die Häufigkeit der Lebensformen selbst betrachtet werden. Dabei zeigt sich, dass in Deutschland seit 2014 nicht mehr Ehepaare, sondern die Alleinstehenden die häufigste Lebensform bilden. Als alleinstehend gelten Personen, die ohne Ehe- oder Lebenspartner:in und ohne Kinder in einem Haushalt leben. Über 90 Prozent von ihnen leben allein in einem Haushalt. Den 18,9 Millionen Alleinstehenden standen 2024 17,3 Millionen Ehepaare gegenüber. Seit 1996 als dem Jahr, ab dem die Mikrozensus-Daten nach dem neuen Lebensformenkonzept aufbereitet werden, ist der Anteil der Ehepaare um 11,2 Prozent gesunken und der Anteil der Alleinstehenden um 7,8 Prozent angestiegen.
Im europäischen Vergleich weist Deutschland einen besonders hohen Anteil von Einpersonenhaushalten auf, der nur noch von den skandinavischen Ländern erreicht und inzwischen lediglich von Finnland übertroffen wird. Mehr als ein Drittel der Alleinlebenden (36,1 Prozent) sind 65 Jahre und älter, wobei bei ihnen vor allem Verwitwung zum Alleinleben führt. Dass diese Lebensform stark zugenommen hat, ist jedoch nicht nur eine Folge des demografischen Alterungsprozesses. Der Anteil von Menschen über 64 Jahren ist sogar rückläufig: 1980 stammte noch fast jede zweite alleinlebende Person aus dieser Altersgruppe (48,2 Prozent). Mit 20 Prozent waren die unter 25-Jährigen 2024 die zweitstärkste Altersgruppe unter den Alleinlebenden. Auch in den anderen Altersgruppen ist der Anteil angewachsen.
Die gesunkene Heiratsneigung wie auch der starke Anstieg der Alleinstehenden und Alleinlebenden verweisen gleichermaßen auf den Bedeutungsverlust der Ehe. Während sie in den 1950er und früheren 1960er Jahren nicht nur normativ die einzige legitime Form der Paarbeziehung war, sondern auch von nahezu allen im heiratsfähigen Alter geschlossen wurde, hat die Ehe diese dominante Position in der Folgezeit verloren. Damit ist jedoch keineswegs ein genereller Niedergang von Paarbeziehungen, keine rasch fortschreitende Tendenz zur Singularisierung der Gesellschaft und auch kein epidemischer Verfall der Bindungsfähigkeit verbunden. Die ersten sexuellen Erfahrungen und die ersten Versuche mit einer „festen Beziehung“ haben sich biografisch vorverlagert. Im Zentrum der biografischen Verselbständigungsphase von der Herkunftsfamilie steht dabei aber nicht mehr primär die Suche nach einem Partner beziehungsweise einer Partnerin für eine dauerhafte Ehe, sondern das eigene und gemeinsame emotionale und sexuelle Erkunden und Erleben in der Welt der Gleichaltrigen. Das kann auch die Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität, der eigenen sexuellen Orientierung und Erfahrungen mit nicht-dyadischen und nicht-monogamen Konstellationen einschließen.
Trotz aller sexuellen Liberalisierungstendenzen zeigen empirische Befunde jedoch, dass weiterhin die allermeisten sexuellen Interaktionen in Paarkonstellationen eingebettet sind. Allerdings umfassen Paarbeziehungen weit mehr als Sexualität: Im Erwachsenenalter sind sie mit Abstand das wichtigste informelle Unterstützungssystem, die vorrangige Plausibilitätsstruktur für die eigene Ich-Identität und das subjektive Welterleben und der Ort, an dem die eigenen Gefühle zum Ausdruck gebracht und erwidert werden. Paarbeziehungen gelten als das Sinnbild von Geborgenheit. Vieles spricht dafür, dass sie in der Gegenwart sogar eine erhebliche Bedeutungssteigerung erfahren haben: Je brüchiger traditionelle Gemeinschaftsformen werden, je mehr die Beschleunigung und Unsicherheit in der Gesellschaft zunimmt, desto stärker wird das Bedürfnis nach Intimität und emotionaler Absicherung auf die Zweisamkeit fokussiert und das eigene Wohlergehen auf die private Welt verlagert.
Die Ehe ist unter den Paarbeziehungen jedoch nicht länger konkurrenzlos. Für Paare stehen heute unterschiedliche gesellschaftlich akzeptierte Beziehungsformen offen, in denen das gemeinsame sexuelle Erleben fest eingeschrieben ist und ein gemeinsamer Lebensalltag gelebt werden kann. Stark zugenommen haben nichteheliche Lebensgemeinschaften (NEL), worunter man das unverheiratete Zusammenleben in einem gemeinsamen Haushalt versteht. Im Jahr 2024 gab es in Deutschland insgesamt 3,34 Millionen NEL, was einem Anteil von 7,9 Prozent aller Lebensformen entspricht – 1996 lag der Anteil bei 4,9 Prozent. In den ostdeutschen Bundesländern mit Berlin war dieser Anteil 2024 mit knapp unter 10 Prozent höher. NEL kommen vor allem in den jüngeren Altersgruppen vor und sind in der Altersgruppe der unter 25-Jährigen mit 9,6 Prozent verbreiteter als Ehen (2,3 Prozent). Der größte Anteil an NEL (17 Prozent) findet sich in der Altersgruppe von 25 bis 34 Jahren, wobei sie von den Ehen mit 21,8 Prozent übertroffen werden. In den folgenden Altersgruppen nimmt ihr Anteil kontinuierlich ab.
Eine weitere Option ist eine Living-Apart-Together-Beziehung (LAT), bei der die Beziehungspersonen in getrennten Haushalten wohnen. Da sich der Mikrozensus auf Haushalte bezieht, liegen zu LAT keine Daten vor. LAT finden sich vor allem unter Alleinstehenden; sie kommen aber auch unter Alleinerziehenden und Erwachsenen vor, die noch bei ihren Eltern leben. Aussagen über ihre Verbreitung liefern Survey-Daten wie das FReDa-Panel, bei dem 2021 über 20.000 Personen im Alter zwischen 18 und 49 Jahren befragt wurden. Nach dieser Studie leben in der Altersspanne von 18 bis 49 Jahren 12,6 Prozent in einer (ehelichen oder unehelichen) LAT, neben 59 Prozent zusammenlebenden Paaren (sowohl Ehen als auch NEL) und 28,4 Prozent Singles. Am stärksten sind die LAT mit 28,9 Prozent unter den 18- bis 24-Jährigen verbreitet und kommen somit in diesem Alter häufiger vor als zusammenlebende Paare (15,6 Prozent). Schon in der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen dominiert dann das Zusammenleben, auch gegenüber den Singles. Mit steigendem Alter nimmt der Anteil der Zusammenlebenden weiter zu, während der LAT-Anteil sinkt. 62 Prozent der in einer LAT Lebenden geben an, dass diese Lebensform durch äußere Umstände erzwungen sei, wobei vor allem „berufliche Umstände“ angeführt werden. Dies ist besonders bei Jüngeren der Fall; bei den Älteren kommt die freiwillige Entscheidung fast gleich häufig vor. Daten des Generation and Gender Survey aus dem Zeitraum von 2004 bis 2010 zeigen, dass in Deutschland LAT und NEL in etwa gleich stark verbreitet sind. In Ländern wie Schweden und Frankreich überwiegen dagegen NEL. Eine weitere wählbare Beziehungsform neben den gemischtgeschlechtlichen NEL und LAT sind gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen, die – in Deutschland seit 2017 – auch als Ehen vorkommen.
Bei der Zunahme nichtehelicher Gemeinschaften wird oft von einer „Pluralisierung von Lebensformen“ gesprochen. Von Anfang an ist der Begriff auf Kritik gestoßen; hinterfragt wurde, ob die Wandlungstendenzen damit zutreffend erfasst werden. Betont wurde, dass diese Beziehungsformen keineswegs neu sind. Ein prominentes Beispiel für eine NEL sind Johann Wolfgang von Goethe und Christiane Vulpius, die ab 1788 für rund 18 Jahre unverheiratet zusammenlebten und in dieser Zeit auch eine Familie gründeten. Auch wurde darauf hingewiesen, dass nicht beliebig neue Lebensformen hinzukommen, sondern es sich um eine „Pluralität in Grenzen“ handelt. Kern des Wandels war und ist es, dass sich gesellschaftlich anerkannte Beziehungsformen – parallel zum Verlust der Ehe als kulturelle Selbstverständlichkeit – als Optionen bei der Gestaltung des eigenen Lebens etabliert haben. Angemessener und präziser wäre es daher, statt von Pluralisierung von einer Optionserweiterung der Beziehungsformen zu sprechen. Im Zuge dieses Wandlungsprozesses hat sich der enge zeitliche Zusammenhang der Heirat, Haushaltsgründung, Aufnahme der Sexualbeziehung und Familiengründung als zentrale Lebensereignisse oder Wendepunkte aufgelöst. Während die Sexualbeziehung am Beginn einer Paarbeziehung steht, werden die anderen Ereignisse aufgeschoben und sind dabei im hohen Maße zeitlich und in der Reihenfolge variabel. Gleichzeitig sind Haushaltsgründung, Heirat und Familiengründung zu biografischen Optionen geworden.
Diese Entwicklungen verweisen auf einen grundlegenden „Wandel der Intimität“, deren zentrale Erscheinungsformen nach Giddens die „reine Beziehung“ und die „plastische Sexualität“ sind. Eine reine Beziehung wird um ihrer selbst willen eingegangen und so lange fortgesetzt, wie es den individuellen Glückserwartungen entspricht. Plastische Sexualität ist ein sexuelles Erleben, das von der primären Ausrichtung auf die Fortpflanzung entkoppelt ist und unterschiedliche Formen auch jenseits von eng gefassten Normalitätsvorgaben umfassen kann. Eingebettet ist diese Transformation in einem massiven Individualisierungsschub, dessen Kennzeichen ein weitreichendes Autonomiestreben und ein hoher Anspruch auf Gestaltungskompetenz sind, die sich als Chance, aber auch möglicherweise als Last und Überforderung erweisen können.
Instabilität und Wechsel der Beziehungsformen
Zum Bedeutungsverlust der Ehe gehört auch ihre stark angewachsene Instabilität. Für immer mehr Paare ist sie keine dauerhafte Institution mehr, die erst durch den Tod eines Partners endet, sondern an erster Stelle eine Gefühlsgemeinschaft, die nur dann Bestand hat, wenn die gemeinsamen positiven Gefühle fortdauern. Wenn diese schwinden, ist eine Scheidung oder Trennung die – nicht mehr stigmatisierte – Konsequenz.
Ein geeigneter Indikator, um die Entwicklung der Scheidungshäufigkeit sichtbar zu machen, ist die zusammengesetzte Ehescheidungsziffer („Total Divorce Rate“, TDR). Sie zeigt, wie viele Ehen geschieden würden, wenn das ehedauerspezifische Scheidungsverhalten des aktuellen Jahres zukünftig konstant bleiben würde. 1960 lag diese in der alten Bundesrepublik bei 117 und in der DDR bei 146. 2004 erreichte die TDR in Deutschland einen Höchstwert von 425 und ist mittlerweile auf unter 300 gefallen. Aktuell ist folglich davon auszugehen, dass knapp 30 Prozent der neuen Ehen geschieden werden. Dieser Entwicklung kündigt aber keine Rückkehr zur Stabilität an. Vielmehr ist sie dadurch zu erklären, dass deutlich weniger Ehen in jungem Alter geschlossen werden und die Wiederverheiratung nach einer Scheidung rückläufig ist. Beides sind Eheformen, die besonders häufig geschieden werden. Nichteheliche Lebensformen besitzen ein höheres Trennungsrisiko als Ehen: Auf der Grundlage von Survey-Daten kommen Andersson und Kolleginnen in einem internationalen Vergleich zu dem Ergebnis, dass nach zehn Jahren die Wahrscheinlichkeit einer Trennung bei NEL in Deutschland wie auch in Schweden um 2,35-mal höher ist als bei verheirateten Paaren.
Nach einer Scheidung haben die nichtehelichen Beziehungsformen NEL und LAT deutlich an Attraktivität gewonnen. Während in den 1970er Jahren noch etwa zwei Drittel der Geschiedenen ein weiteres Mal eine Ehe eingingen, liegt dieser Anteil mittlerweile deutlich unter 50 Prozent. Scheidungen beziehungsweise Trennungen haben zur Folge, dass es stets eine große Zahl von Personen ohne Paarbeziehung gibt. Das (Wieder-)Single-Sein ist allerdings meistens nur eine biografische Übergangsphase, bis eine neue Paarbeziehung eingegangen wird. Negative Erfahrungen aus einer gescheiterten Beziehung und eine große Kluft zwischen den eigenen Beziehungshoffnungen und der erlebten Beziehungsrealität können jedoch auch in einigen Fällen – bei Frauen häufiger als bei Männern – dazu führen, dass das Alleinleben auf Dauer gestellt wird.
Zusammen mit der verlängerten Erkundungsphase im Jugend- und frühen Erwachsenenalter zeigt sich eine markante Verschiebung im dominanten Muster der Beziehungsbiografie. Kontinuitätsbiografien, also das lebenslange Zusammensein in der ersten Paarbeziehung, werden immer seltener. Dass die „erste Liebe“ geheiratet wird und dass diese Ehe auch über sechs Jahrzehnte und länger andauert, ist heute die Ausnahme. Deutlich verbreiteter als Beziehungsbiografiemuster ist die „Kettenbiografie“: Mehrere aufeinander folgende Beziehungspartner:innen, mit denen vielfach auch unterschiedliche Beziehungsformen gelebt werden, sind zur Normalität geworden.
Wie geht’s weiter?
Der beschriebene Bedeutungsverlust der Ehe ist in allen westeuropäischen Ländern vorhanden. Unterschiede betreffen das Ausmaß und das Tempo des Wandels: Lange Zeit nahm Schweden bei der Abkehr von der Ehe eine Vorreiterrolle ein, mittlerweile ist dieser Vorsprung gegenüber Frankreich weitgehend verschwunden. Ähnliche Tendenzen, wenn auch überwiegend erst nach der tiefgreifenden Transformation, lassen sich auch für die postsozialistischen Staaten in Osteuropa beobachten.
Auch wenn die Bestandsaufnahme eindeutig ist, stellt sich die Frage, wie es weitergehen wird. Angestoßen wurde die Diskussion durch den Artikel „Sweden’s Marriage Revival“ der Soziologin Sofi Ohlsson-Wijk. Auf der Grundlage einer Längsschnittanalyse kam die Autorin zu dem Schluss, dass in Schweden bereits vor dem Jahr 2000 bei den Erstheiraten wieder eine Aufwärtsbewegung erkennbar wird. Argumentiert wird, dass die zunehmende Beteiligung von Männern an der Betreuungsarbeit und eine egalitärere Aufteilung der Hausarbeit zu dieser Trendwende beigetragen haben. Neuere Analysen für Schweden zeigen jedoch, dass diese „Wiederbelebung der Ehe“ offenbar nur von kurzer Dauer war und sich in den 2010er Jahren nicht fortgesetzt hat. Es sollte trotzdem in Erwägung gezogen werden, dass die fortschreitende Abkehr von der Ehe auch enden kann.
Aus unserer Sicht handelt es sich beim Bedeutungsabsturz der Ehe und der Optionserweiterung wählbarer Lebensformen jedoch um Veränderungen, die auch in Zukunft Bestand haben werden. Der Rückgang der neugeschlossenen Ehen ist im Wesentlichen eine Korrektur der Sonderentwicklung der 1950er und frühen 1960er Jahre. Vorher gab es zwar nicht die gleiche Vielfalt legitimer Beziehungsformen, jedoch einen hohen Anteil von Personen, die vor allem aus wirtschaftlichen Gründen dauerhaft von der Heirat ausgeschlossen waren und in der Regel in einem größeren Familienverband eingebunden lebten. Die aktuelle Veränderungsdynamik ist eingebettet in den Megaprozess der Individualisierung, der mit deutlich gesteigerten Autonomieanforderungen und veränderten Beziehungs- und Sexualitätsleitbildern einhergeht. Innerhalb dieses Rahmens kann aber durchaus mehr oder weniger häufig geheiratet werden, die eingegangenen Beziehungen können mehr oder minder frühzeitig beginnen und dauerhaft sein.
Ein wichtiger Einflussfaktor auf die weitere Entwicklung ist die Zusammensetzung der Bevölkerung. Zuwanderungsprozesse tragen zur ethnischen Heterogenität der Bevölkerung bei, die sich auch in markanten kulturellen Unterschieden im Heiratsverhalten zeigt. Auf der Grundlage der Mikrozensus-Daten haben sich die Demografinnen Anne-Kristin Kuhnt und Sandra Krapf mit den Lebensformen der Zuwanderungsgruppen aus der Türkei und den Spätaussiedler:innen befasst. In beiden Zuwanderungsgruppen ist der Anteil der NEL sehr gering: Bei den Spätaussiedler:innen sind es 4 Prozent, bei den Männern und Frauen aus der Türkei der ersten Generation 1,5 beziehungsweise 0,4 Prozent, und in der zweiten Generation 2,7 beziehungsweise 1,7 Prozent. In beiden Gruppen ist die Ehe weiterhin unbestritten eine kulturelle Selbstverständlichkeit im Lebenslauf. In der zweiten Generation aus der Türkei ist – aufgrund des niedrigeren Alters – der Anteil der bei den Eltern Lebenden noch hoch. Für die weitere Entwicklung der Heiratszahlen kommt es darauf an, ob schon bei der zweiten und dann vor allem bei den folgenden Generationen eine stärkere Übernahme der Heiratsmuster der Aufnahmegesellschaft stattfindet.
Auch staatliche Regelungen üben einen starken Einfluss aus. Das Ehegattensplitting in Deutschland, das vor allem Ehepaaren mit einer traditionellen Arbeitsteilung zugutekommt, fördert in einem bestimmten Segment die Heiratsbereitschaft. Eine Privilegierung der Ehe ergibt sich ebenfalls aus der ungleichen Behandlung von Ehepaaren und nichtehelichen Paaren im Erbfall. Dass staatliche Vorgaben aber auch in einer entgegengesetzten Richtung wirken können, zeigt der Fall Frankreich. Dort wurde 1999 mit dem „Pacte civil de solidarité“ (PACS) neben der Ehe eine weitere staatliche Form der Institutionalisierung von Paarbeziehungen eingeführt, die – wie auch mittlerweile die Ehe – sowohl gleich- als auch verschiedengeschlechtlichen Paaren offensteht. Wie bei einer Ehe ist diese Form mit gegenseitigen Rechten und Pflichten verknüpft, bietet aber mehr Flexibilität, insbesondere im Hinblick auf eine Trennung. Rasch fand sie auch bei gemischtgeschlechtlichen Paaren großen Anklang: 2018 wurden in Frankreich erstmals mehr PACS als Ehen geschlossen, und auch in den Folgejahren lagen die Zahlen auf einem ähnlich hohen Niveau wie die der neugeschlossenen Ehen. Diese Reform hat dazu beigetragen, dass die Eheschließungszahlen in Frankreich stärker als in anderen Ländern gefallen sind. Zugleich wird deutlich, dass die Wirkung staatlicher Vorgaben davon abhängt, ob diese vor allem darauf abzielen, die Freiheitsrechte und Autonomiespielräume der Individuen zu stärken oder – offen oder versteckt – ein traditionelles Leitbild fortschreiben.
Die weitere Entwicklung der Ehebereitschaft und auch der mögliche Zeitpunkt einer Heirat werden schließlich ganz wesentlich von den Aushandlungsprozessen auf der Paarebene bestimmt. Bei den subjektiven Gründen für eine Ehe bekommen die mit der Ehe verbundenen Vorgaben und Vorsorgeregelungen (etwa im Krankheits- oder Todesfall) laut einer aktuellen Sinus-Studie die höchste Zustimmung. Die Ehe als Eigenwert oder auch der Zwang durch das soziale Umfeld sind unter den Gründen weniger wichtig. Ausschlaggebend ist das Abwägen der zugeschriebenen Vor- und Nachteile, wobei das Ergebnis von beiden Beziehungspersonen getragen werden muss. Vielfach ist das kein rationales Kalkül, sondern primär eine emotionale Entscheidung.