Was führt zu einer guten Ehe? Ist Liebe hilfreich? Gehören Kinder dazu? Geht es nur um die Ehepartner:innen oder auch um ihre Verwandten? Spielt Geld eine Rolle? Vielfältige Normen und Werte durchdringen die Institution der Heirat – und damit einhergehend auch die Hochzeit als Ritual der Eheschließung und die Ehe als gelebte Beziehung. Anhand von Heirat zeigt sich deshalb sozialer und politischer Wandel oft besonders deutlich.
Mich interessiert in diesem Zusammenhang die Frage, wie Menschen ihre eigene und die Hochzeiten und Ehen anderer wahrnehmen und bewerten und wie sie in unterschiedlichen kulturellen Kontexten Antworten auf die Frage nach einer guten (oder auch schlechten) Beziehung und Ehe finden.
Bevor ich die Bedeutung und die Bewertung von Ehe für beide Kontexte ausführlicher darstelle, fasse ich einige zentrale Ergebnisse der ethnologischen Auseinandersetzung mit Heirat zusammen.
Ethnologische Perspektiven auf Heirat
Heirat hat in der Ethnologie seit Ende des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle für die kulturvergleichende Beschreibung sozialer und politischer Ordnungen gespielt.
In diesem Zusammenhang wurde auch kritisch diskutiert, ob es eine universelle Definition von Heirat geben könne. Zwar gibt es einen gewissen Konsens, dass es bei Heirat immer um ein „Bündel an Rechten“ gehe.
Auch ein prozesshafter Charakter von Heirat kann eine Definition erschweren. Im südlichen Afrika war es bis in die 1970er Jahre üblich, dass die Familie des Bräutigams sukzessive und über viele Jahre hinweg eine Brautgabe an die Familie der Braut gab und so die Ehe legitimierte.
Ein weiteres Merkmal, das Heirat in vielen kulturellen Kontexten charakterisiert, ist ein Austausch von Gütern und Dienstleistungen zwischen den beiden in einer Heirat zusammenkommenden Familien und zwischen den Heiratenden. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass zu heiraten oft nicht nur eine Entscheidung zwischen zwei (oder mehreren) Individuen ist. Eine institutionalisierte Form des Austausches ist etwa die bis ins 20. Jahrhundert auch in Europa praktizierte Mitgift, bei der der Braut Güter in die Ehe „mitgegeben“ werden, was auch als vorgezogenes Erbe interpretiert werden kann. Bei der oben schon vorgestellten Brautgabe geben wiederum die Verwandten des Bräutigams wertvolle Güter an die Verwandtschaft der Braut. Eine weitere Form des Austauschs kann auch die Übernahme der Kosten für die Hochzeit sein.
Wo ein Paar nach einer Hochzeit wohnt, ist ebenfalls oft eine wirtschaftliche Frage. In vielen bäuerlichen Gesellschaften ist es zum Beispiel für das Überleben notwendig, dass Arbeitskraft und Versorgung durch Heirat geregelt und abgesichert werden. Im ländlichen Mexiko hat das auf patrilokaler Residenz (das Ehepaar wohnt im Haus der Familie des Ehemannes) und Ultimogenitur (der jüngste Sohn erbt das Haus) basierende Haushaltssystem wesentlich zur Versorgung der agrarischen Bevölkerung beigetragen.
Ab den 1970er Jahren übten feministische, später queere Ethnolog:innen Kritik an der bis dato recht formalistischen, sehr oft heteronormativen ethnologischen Perspektive auf Heirat. Nicht-heteronormative Formen und Praktiken von Liebe, Intimität und Heirat wurden in den Blick genommen.
Heirat im ländlichen Mexiko
Als ich 1995 meine erste ethnografische Forschung in der ländlichen Gemeinde Pueblo Nuevo des Bundesstaats Estado de México begann, sagten mir viele verheiratete Frauen, dass sie sich die Ehe so nicht vorgestellt hätten.
So kamen während meines einjährigen Aufenthalts immer wieder Frauen meines Alters, damals Mitte zwanzig, zu mir und erkundigten sich, wie denn mein Mann und ich in Deutschland leben würden. Ich antwortete, dass wir in Köln ein Apartment gemietet hätten. Alicia, die zu dem Zeitpunkt mit ihrem Ehemann und zwei kleinen Kindern in einem winzigen Raum im Haus ihrer Schwiegermutter lebte, war von der Antwort begeistert und fragte, ob das nicht auch sehr positiv für meine Partnerschaft wäre? Sie selber hätte so viele Probleme mit ihrem Mann, wäre oft deprimiert, immer gäbe es Streit. Schuld daran wäre aber nicht er, sondern seine schreckliche Mutter: „Sie mischt sich in alles ein. Und er verteidigt mich nicht, sondern sagt einfach gar nichts.“
Pueblo Nuevo war zu dem Zeitpunkt ein noch von der Landwirtschaft lebendes Dorf. Erweiterte Familien bestanden meist aus einem älteren Paar, ihren auch im Haushalt lebenden Söhnen, deren Ehefrauen und Kindern. Wie ein 1997 von mir erhobener Zensus aller 165 Haushalte des Dorfes zeigt, folgten mehr als zwei Drittel diesem Muster. Die oft großen Haushalte mit zehn oder mehr Personen lebten vor allem vom Anbau von Mais und Bohnen. Einige Haushalte hielten auch Vieh, insbesondere Kühe, Schafe und Ziegen. Wenn ein Sohn heiratete, bekamen er und seine Frau ein kleines Zimmer im Haus seiner Eltern. Ausführlich haben mir Frauen geschildert, wie schlimm die Zeit im Haus ihrer Schwiegermutter für sie war. Neben körperlichen Misshandlungen litten viele Frauen an Einsamkeit und Demütigungen durch ihre Schwiegermütter, die sie beschimpften, schmutzig und nutzlos zu sein. Von ihren Ehemännern wurden sie wenig unterstützt, sodass viele Frauen nicht nur ihre Wohnsituation, sondern auch ihre Ehe als schwer erträglich empfanden.
Mitte der 1990er Jahre migrierten die meisten Bewohner:innen des Dorfes für ein paar Jahre innerhalb Mexikos, oft in das vier Busstunden entfernte Mexiko-Stadt, wo sie als Haushaltshilfen oder in Fabriken arbeiteten. Die undokumentierte, gefährliche Migration in die USA war damals noch selten. Ende der 1990er Jahre begannen dann immer mehr Männer, selten auch Frauen und Familien, ohne Visum die US-mexikanische Grenze zu überqueren. Das in den USA unter schwierigen Arbeitsbedingungen erwirtschaftete Geld schickten sie ihren Ehefrauen, die damit Häuser bauten. Bauweise und Baumaterial dieser neuen Häuser unterschieden sich merklich von den bis dahin üblichen, aus Lehm und gebrannten Ziegeln gebauten Häusern. Die neuen Häuser wurden als „Traumhäuser im US-amerikanischen Stil“ bezeichnet. Heute wird nur noch in diesem Stil gebaut und die als „traditionell“ bezeichneten Häuser verfallen. Parallel zu den Veränderungen der Einkommensstruktur und der Hausbauweise veränderten sich auch die Familien- und Ehebeziehungen.
Als ich 2000 nach längerer Abwesenheit ins Dorf zurückkehrte, traf ich Alicia bei ihrer Schwester Ana. Alicia strahlte und war kaum wiederzuerkennen. Sie lud mich in ihr neues Haus ein, gebaut mit dem Geld, welches ihr Ehemann Raimundo in den USA verdient hatte. Ein paar Tage später besuchte ich Alicia. Aufgeregt öffnete sie die Tür, um mir die noch nach Farbe riechenden Räume zu zeigen. Wir sprachen auch über ihre Ehe. Alicia zwinkerte mir zu und sagte, dass ihre Ehe jetzt besser wäre. Nach Raimundos Rückkehr wäre es anfangs schwierig gewesen. Jetzt würden sie sich aber gut verstehen. Sie würden viel mehr miteinander sprechen und gemeinsam planen, wie es mit dem Haus und auch ihren beiden Kindern weitergehen solle. Ähnlich wie Alicia erlebten auch andere Frauen in ihren eigenen Häusern eine bis dahin nicht gekannte Nähe zu ihren Ehemännern. Die Freude darüber, gemeinsam die Zukunft gestalten zu können, hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Qualität der Ehen. Von den 16 Frauen, die ich bei meinen Besuchen in der Gemeinde immer wieder zu den Veränderungen in ihrem Leben befrage, sagte die überwältigende Mehrheit in der Zeit, dass es ihnen gut gehe und sie mit ihrem Leben und ihrer Ehe zufrieden seien.
Mitte der 2000er Jahre änderte sich die Situation allerdings noch einmal grundlegend. Seit 2006 wird im sogenannten Krieg gegen die Drogen und die entsprechenden Kartelle das mexikanische Militär auch im Landesinneren eingesetzt. Bis heute sind den Auseinandersetzungen zwischen Kartellen untereinander sowie zwischen dem Staat und Kartellen schätzungsweise 200.000 Menschen zum Opfer gefallen – verschwunden, entführt, ermordet.
Das Erfahren einer „guten“ Ehe hängt also wesentlich von den materiellen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen ab. Diese sind oft dynamisch, in Mexiko ganz besonders. Erst die Migration in die USA hat vielen Paaren die Möglichkeit gegeben, ihr Leben unabhängig von den Forderungen und Pflichten ihrer Familien zu gestalten und zu leben. Diese Erfahrung hat viele Paare für eine kurze Zeit euphorisiert. Mit der zunehmenden Militarisierung der US-mexikanischen Grenze und der innermexikanischen Gewalt änderte sich die Situation allerdings dramatisch. Die jetzt übliche jahrelange Trennung von Ehefrau und Ehemann zermürbt die Paare so sehr, dass sie kaum sagen können, wie gut ihre Ehe ist.
Heirat im städtischen Namibia
Das postkoloniale Namibia ist immer noch stark von den rassistischen Ungleichheitsstrukturen der Kolonialzeit geprägt.
Der globale Trend zu immer kostspieligeren Hochzeiten prägt das postkoloniale Namibia.
Dies zeigen auch die Gespräche, die ich 2015 und 2016 in Namibias Hauptstadt Windhoek mit 19 verheirateten Paaren der urbanen Mittelklasse über Hochzeit und Ehe führte.
Dabei spielte die Idee des gemeinsamen Wachsens als Ausdruck einer guten Ehe eine besonders wichtige Rolle. Kaylee, Anfang dreißig und wie ihr Mann Adam in der Versicherungsbranche tätig, erzählte, dass sie und ihr Mann Sport lieben würden. Damit ihre Ehe aber weiterwächst, sei es wichtig, dass sie auch andere Aktivitäten zusammen machten. Telsa, Ende zwanzig, erläuterte anhand der Wachstums- und Erfolgsgeschichte ihrer Ehe, wie wichtig hierfür Paarkommunikation sei. Zu Beginn ihrer Beziehung mit Carl wären sie beide arm gewesen. Durch gemeinsame harte Arbeit und fortwährende Verbesserung ihrer Kommunikation hätten sie aber den Aufstieg in die namibische Mittelklasse geschafft, mit eigenem Haus und sicheren Jobs. Gute Kommunikation wurde von allen Paaren, mit denen ich gesprochen habe, als das wichtigste Merkmal einer guten Beziehung und Ehe angesehen. Michael, ein Elektroingenieur, und seine schwangere Frau Gisela, beide in ihren Dreißigern, betonten: „Kommunikation ist alles. Man kann keine gesunde Beziehung ohne Kommunikation haben.“
Die Betonung der eigenen harten Arbeit und des daraus resultierenden Eheerfolgs rechtfertigte für die Paare auch, warum es ihnen besser als den meisten ihrer unverheirateten und mittellosen Verwandten ging. Viele Paare berichteten davon, dass ihre Verwandten neidisch auf sie seien. Das Erreichen eines Mittelklasse-Lebensstils ist in Namibia bis heute nur wenigen Mitgliedern einer Familie vorbehalten. Sogenannte „multi-class households and families“
Schlussfolgerung
Vorstellungen einer guten Ehe werden von rechtlichen und staatlichen Institutionen, politischen und ökonomischen Strukturen, variierenden regionalen und nationalen Kontexten und natürlich auch Individuen und ihren Geschichten und Erfahrungen in einem komplexen Wechselspiel fortwährend verhandelt und geformt. Vor einigen Jahren habe ich ein Seminar mit dem Titel „Zwischen Polygamie und Polyamorie“ am Institut für Ethnologie in Hamburg unterrichtet. Dabei war ich von der Vehemenz überrascht, mit der viele Studierende polyamore Beziehungen (eine Person lebt mit mehreren anderen Menschen einvernehmliche, intime Beziehungen) für gut und erstrebenswert hielten, während sie polygame Beziehungen (eine Ehe mit mehreren Partner:innen des anderen Geschlechts) sehr kritisch betrachteten. Die Studierenden waren der Auffassung, dass eine Heirat die individuelle Freiheit, vor allem von Frauen, zu stark einschränke. Aus diesem Grund lehnten viele die Heirat generell ab. Diese Skepsis hinsichtlich der Ehe verdeutlicht einen Konflikt, der der Institution Heirat inhärent ist. Meine Studierenden, wie auch meine Gesprächspartner:innen in Mexiko und Namibia, stellten sich die Frage, in welchem Verhältnis individuelle Autonomie und soziale Verpflichtung beziehungsweise Verbindung miteinander stehen sollten, damit eine Ehe (noch) als gut empfunden wird.
Sowohl im ländlichen Mexiko als auch im städtischen Namibia waren sich meine Gesprächspartner:innen sehr bewusst darüber, dass die Verbindlichkeit ihrer Ehen Einschränkungen und Kompromisse mit sich brachte. Individuelle Freiheiten kollidierten in unterschiedlicher Art und Weise mit sozialen Erwartungen von Verwandten. Diese Kollisionen führten zu „Alltagsethiken“, zu Rechtfertigungen von Ehepaaren hinsichtlich der Art und Weise, wie sie ihre Ehen lebten. Die mexikanischen Paare strebten danach, durch ein eigenes Haus räumliche Autonomie von der Verwandtschaft zu erlangen. Das Leben im eigenen Haus rechtfertigte für sie wiederum, sich weniger intensiv um die Pflege der Eltern zu bemühen und anstelle dessen mehr auf das eigene Leben und die eigenen Kinder zu fokussieren.
Die Vorstellungen einer guten Ehe der namibischen Mittelklasse-Paare waren stark von neoliberal geprägten Ideen beeinflusst, die Erfolg als Ergebnis guter partnerschaftlicher Kommunikation und gemeinsamer harter Arbeit sahen. Alle namibischen Paare berichteten davon, dass ihre weniger wohlhabenden Verwandten sie oft um ökonomische Unterstützung baten. Um zu rechtfertigen, dass sie nicht jeder Bitte nachkamen, betonten die Paare, dass nicht die Hilfe ihrer Verwandten sie zu ihrem Erfolg und ihren guten Ehen geführt habe, sondern ihre eigenen Anstrengungen.
Die Antwort auf die Frage, was eine gute Ehe sein könnte, hängt also auch davon ab, welchen Stellenwert man der Möglichkeit zur individuellen Freiheit in Relation zu den mitunter mühsamen, trotzdem aber auch wichtigen sozialen Verpflichtungen und Verbindungen beimisst. Im Gegensatz zu vermutlich vielen deutschen Ehepaaren hoben meine Gesprächspartner:innen in Mexiko und Namibia hervor, dass eine als gut empfundene Ehe auch einen Ausgleich zwischen den Interessen eines Paares und denen seiner Verwandtschaft herstellen müsse. Die hier vorgestellten „Alltagsethiken“ meiner mexikanischen und namibischen Gesprächspartner:innen, aber auch meiner Studierenden zeigen somit die Vielfalt und Kreativität, mit der diese zentrale Frage von Individualität in Verbundenheit beantwortet werden kann.