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Eine gute Ehe | Ehe | bpb.de

Ehe Editorial Zwischen Paarbeziehung und Polygamie. Zur Geschichte der Ehe in Europa Ehen in Ost und West. Eine deutsche Rechtsgeschichte Das „Herz der Familie“. Zur Entstehung der Hausfrau Ehe im Wandel. Vom biografischen Fixpunkt zur Option Die „Ehe für alle“. Gleichstellung nur im Rahmen der Norm? Eine gute Ehe. Heirat in Mexiko und Namibia Die arrangierte Ehe. Einladung zu einem (neuen) Verständnis

Eine gute Ehe Heirat in Mexiko und Namibia

Julia Pauli

/ 17 Minuten zu lesen

Die Vorstellungen über eine gute Ehe und Beziehung variieren je nach kulturellem Kontext und werden von sozialen, ökonomischen und politischen Faktoren geprägt. Dabei zeigt sich, dass Hochzeit und Ehe nicht nur das Paar betreffen, sondern auch die weitere Verwandtschaft.

Was führt zu einer guten Ehe? Ist Liebe hilfreich? Gehören Kinder dazu? Geht es nur um die Ehepartner:innen oder auch um ihre Verwandten? Spielt Geld eine Rolle? Vielfältige Normen und Werte durchdringen die Institution der Heirat – und damit einhergehend auch die Hochzeit als Ritual der Eheschließung und die Ehe als gelebte Beziehung. Anhand von Heirat zeigt sich deshalb sozialer und politischer Wandel oft besonders deutlich.

Mich interessiert in diesem Zusammenhang die Frage, wie Menschen ihre eigene und die Hochzeiten und Ehen anderer wahrnehmen und bewerten und wie sie in unterschiedlichen kulturellen Kontexten Antworten auf die Frage nach einer guten (oder auch schlechten) Beziehung und Ehe finden. Solche „Alltagsethiken“ geben Einblicke in die narrativen Konstruktionen von Selbst, Identität und Gemeinschaft. Alltagsethiken sind immer kontextabhängig, relational und dynamisch. Sie sind Antworten auf Fragen und Situationen, in denen es keine eindeutige moralische Ordnung gibt. Anhand meiner ethnografischen Arbeiten in Mexiko und Namibia frage ich, welche Vorstellungen über eine gute Ehe vorhanden sind und wie diese Vorstellungen vom jeweiligen sozialen, ökonomischen und politischen Kontext geprägt werden. Dabei zeigt sich, dass Hochzeit und Ehe nicht nur das Paar betreffen, sondern immer auch die weitere Verwandtschaft.

Bevor ich die Bedeutung und die Bewertung von Ehe für beide Kontexte ausführlicher darstelle, fasse ich einige zentrale Ergebnisse der ethnologischen Auseinandersetzung mit Heirat zusammen.

Ethnologische Perspektiven auf Heirat

Heirat hat in der Ethnologie seit Ende des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle für die kulturvergleichende Beschreibung sozialer und politischer Ordnungen gespielt. Dabei wurde vor allem der rituelle, Gesellschaften strukturierende und reproduzierende Charakter von Heirat untersucht. Heirat (wie auch Verwandtschaft) wurden als inhärent politisch wahrgenommen. Ein wichtiger Forschungsstrang hat sich beispielsweise mit der Frage befasst, wie durch Heirat Allianzen geformt und verfestigt werden.

In diesem Zusammenhang wurde auch kritisch diskutiert, ob es eine universelle Definition von Heirat geben könne. Zwar gibt es einen gewissen Konsens, dass es bei Heirat immer um ein „Bündel an Rechten“ gehe. Allerdings variieren an Heirat geknüpfte Rechte kulturell sehr stark. Sehr häufig wird durch Heirat Sexualität und Elternschaft legitimiert. In höchstem Maße variabel ist jedoch, welche Instanzen wann welche Rechte für welche Beziehungskonstellationen legitimieren. Dies zeigt sich gut am Umgang mit Polygynie, der Heirat eines Mannes mit mehreren Ehefrauen. Zwar ist der Anteil an polygynen Ehen in den meisten afrikanischen Ländern rückläufig, einige Länder verbieten diese Heiratsform auch. Tatsächlich finden sich aber viele Partnerschaften, die polygynen Ehen entsprechen. Erkennt der Staat polygyne Eheformen nicht an, ist es trotzdem möglich, dass religiöse oder lokale Institutionen sie legitimieren.

Auch ein prozesshafter Charakter von Heirat kann eine Definition erschweren. Im südlichen Afrika war es bis in die 1970er Jahre üblich, dass die Familie des Bräutigams sukzessive und über viele Jahre hinweg eine Brautgabe an die Familie der Braut gab und so die Ehe legitimierte. Bei der Brautgabe handelt es sich fast immer um Rinder, die in der gesamten Region von hohem Wert sind. Das heiratende Paar war in der Zeit des Gebens der Brautgabe weder verheiratet noch unverheiratet, sondern im Prozess des Heiratens. Inzwischen hat sich das Geben der Brautgabe zwar zeitlich stark verkürzt. Dass Heirat ein Prozess ist, der viele Jahre dauern kann, ist aber für Paare und ihr Beziehungsverständnis weiterhin maßgebend, wie neuere Arbeiten aus dem südlichen und östlichen Afrika zeigen. Trotz dieser Schwierigkeiten einer universellen Definition von Heirat stimme ich jedoch Perveez Mody zu, die feststellt: „Global und in der allgemeinen Wahrnehmung wird Heirat weiterhin als eine gesellschaftlich akzeptierte Verbindung betrachtet, die den Zugang zu Sex mit Regeln hinsichtlich der Fürsorge, Legitimation und sozialen Zugehörigkeit von Kindern verbindet.“

Ein weiteres Merkmal, das Heirat in vielen kulturellen Kontexten charakterisiert, ist ein Austausch von Gütern und Dienstleistungen zwischen den beiden in einer Heirat zusammenkommenden Familien und zwischen den Heiratenden. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass zu heiraten oft nicht nur eine Entscheidung zwischen zwei (oder mehreren) Individuen ist. Eine institutionalisierte Form des Austausches ist etwa die bis ins 20. Jahrhundert auch in Europa praktizierte Mitgift, bei der der Braut Güter in die Ehe „mitgegeben“ werden, was auch als vorgezogenes Erbe interpretiert werden kann. Bei der oben schon vorgestellten Brautgabe geben wiederum die Verwandten des Bräutigams wertvolle Güter an die Verwandtschaft der Braut. Eine weitere Form des Austauschs kann auch die Übernahme der Kosten für die Hochzeit sein.

Wo ein Paar nach einer Hochzeit wohnt, ist ebenfalls oft eine wirtschaftliche Frage. In vielen bäuerlichen Gesellschaften ist es zum Beispiel für das Überleben notwendig, dass Arbeitskraft und Versorgung durch Heirat geregelt und abgesichert werden. Im ländlichen Mexiko hat das auf patrilokaler Residenz (das Ehepaar wohnt im Haus der Familie des Ehemannes) und Ultimogenitur (der jüngste Sohn erbt das Haus) basierende Haushaltssystem wesentlich zur Versorgung der agrarischen Bevölkerung beigetragen. Wie sehr es bei Partnerschaft und Heirat auch um ökonomische Abhängigkeiten geht, wird jedoch gerade in „westlichen“ Kontexten häufig vergessen. Oft wird Paaren hier erst bei einer Scheidung schmerzhaft bewusst, wie stark Ehe nicht nur eine romantische, sondern auch eine ökonomische Verbindung ist.

Ab den 1970er Jahren übten feministische, später queere Ethnolog:innen Kritik an der bis dato recht formalistischen, sehr oft heteronormativen ethnologischen Perspektive auf Heirat. Nicht-heteronormative Formen und Praktiken von Liebe, Intimität und Heirat wurden in den Blick genommen. Jenseits von Ritualen und Regeln wurde ab den 1990er Jahren verstärkt auch danach gefragt, wie Ehen tatsächlich von Menschen erfahren, empfunden und gelebt werden. Meine Arbeiten zur Alltagsethik von Hochzeit und Ehe in Mexiko und Namibia knüpfen an diese Forschungen an. Wie ich im Folgenden zeigen werde, ist die Bewertung von Ehe das Ergebnis des Wechselspiels zwischen strukturellen Möglichkeiten und Einschränkungen und individuellen Überzeugungen und Handlungen.

Heirat im ländlichen Mexiko

Als ich 1995 meine erste ethnografische Forschung in der ländlichen Gemeinde Pueblo Nuevo des Bundesstaats Estado de México begann, sagten mir viele verheiratete Frauen, dass sie sich die Ehe so nicht vorgestellt hätten. Wie zu der Zeit üblich, lebten die meisten Frauen nach ihrer Hochzeit für mehrere Jahre im Haus ihrer Schwiegermutter. Die Schwiegertöchter sehnten das Ende dieser für sie fast immer leidvollen Zeit herbei. Die Frauen fühlten sich von ihren Schwiegermüttern gegängelt und von ihren Ehemännern nicht unterstützt. Ein eigenes Haus, so hofften sie, würde sie vom Joch der Schwiegermutter befreien und endlich zu einer guten Ehe führen.

So kamen während meines einjährigen Aufenthalts immer wieder Frauen meines Alters, damals Mitte zwanzig, zu mir und erkundigten sich, wie denn mein Mann und ich in Deutschland leben würden. Ich antwortete, dass wir in Köln ein Apartment gemietet hätten. Alicia, die zu dem Zeitpunkt mit ihrem Ehemann und zwei kleinen Kindern in einem winzigen Raum im Haus ihrer Schwiegermutter lebte, war von der Antwort begeistert und fragte, ob das nicht auch sehr positiv für meine Partnerschaft wäre? Sie selber hätte so viele Probleme mit ihrem Mann, wäre oft deprimiert, immer gäbe es Streit. Schuld daran wäre aber nicht er, sondern seine schreckliche Mutter: „Sie mischt sich in alles ein. Und er verteidigt mich nicht, sondern sagt einfach gar nichts.“ Dann seufzte Alicia und sagte den Satz, den ich bereits mehrfach von jungen verheirateten Frauen gehört hatte: „Hätte ich nur ein eigenes Haus, dann wäre meine Ehe gut!“ Im mexikanischen Kontext wird also die räumliche Unabhängigkeit in Form eines eigenen Hauses als zentral für eine gute Ehe bewertet. Die Verwandtschaft ist weiterhin wichtig, soll sich aber möglichst wenig in die Belange des Ehepaars einmischen.

Pueblo Nuevo war zu dem Zeitpunkt ein noch von der Landwirtschaft lebendes Dorf. Erweiterte Familien bestanden meist aus einem älteren Paar, ihren auch im Haushalt lebenden Söhnen, deren Ehefrauen und Kindern. Wie ein 1997 von mir erhobener Zensus aller 165 Haushalte des Dorfes zeigt, folgten mehr als zwei Drittel diesem Muster. Die oft großen Haushalte mit zehn oder mehr Personen lebten vor allem vom Anbau von Mais und Bohnen. Einige Haushalte hielten auch Vieh, insbesondere Kühe, Schafe und Ziegen. Wenn ein Sohn heiratete, bekamen er und seine Frau ein kleines Zimmer im Haus seiner Eltern. Ausführlich haben mir Frauen geschildert, wie schlimm die Zeit im Haus ihrer Schwiegermutter für sie war. Neben körperlichen Misshandlungen litten viele Frauen an Einsamkeit und Demütigungen durch ihre Schwiegermütter, die sie beschimpften, schmutzig und nutzlos zu sein. Von ihren Ehemännern wurden sie wenig unterstützt, sodass viele Frauen nicht nur ihre Wohnsituation, sondern auch ihre Ehe als schwer erträglich empfanden.

Mitte der 1990er Jahre migrierten die meisten Bewohner:innen des Dorfes für ein paar Jahre innerhalb Mexikos, oft in das vier Busstunden entfernte Mexiko-Stadt, wo sie als Haushaltshilfen oder in Fabriken arbeiteten. Die undokumentierte, gefährliche Migration in die USA war damals noch selten. Ende der 1990er Jahre begannen dann immer mehr Männer, selten auch Frauen und Familien, ohne Visum die US-mexikanische Grenze zu überqueren. Das in den USA unter schwierigen Arbeitsbedingungen erwirtschaftete Geld schickten sie ihren Ehefrauen, die damit Häuser bauten. Bauweise und Baumaterial dieser neuen Häuser unterschieden sich merklich von den bis dahin üblichen, aus Lehm und gebrannten Ziegeln gebauten Häusern. Die neuen Häuser wurden als „Traumhäuser im US-amerikanischen Stil“ bezeichnet. Heute wird nur noch in diesem Stil gebaut und die als „traditionell“ bezeichneten Häuser verfallen. Parallel zu den Veränderungen der Einkommensstruktur und der Hausbauweise veränderten sich auch die Familien- und Ehebeziehungen.

Als ich 2000 nach längerer Abwesenheit ins Dorf zurückkehrte, traf ich Alicia bei ihrer Schwester Ana. Alicia strahlte und war kaum wiederzuerkennen. Sie lud mich in ihr neues Haus ein, gebaut mit dem Geld, welches ihr Ehemann Raimundo in den USA verdient hatte. Ein paar Tage später besuchte ich Alicia. Aufgeregt öffnete sie die Tür, um mir die noch nach Farbe riechenden Räume zu zeigen. Wir sprachen auch über ihre Ehe. Alicia zwinkerte mir zu und sagte, dass ihre Ehe jetzt besser wäre. Nach Raimundos Rückkehr wäre es anfangs schwierig gewesen. Jetzt würden sie sich aber gut verstehen. Sie würden viel mehr miteinander sprechen und gemeinsam planen, wie es mit dem Haus und auch ihren beiden Kindern weitergehen solle. Ähnlich wie Alicia erlebten auch andere Frauen in ihren eigenen Häusern eine bis dahin nicht gekannte Nähe zu ihren Ehemännern. Die Freude darüber, gemeinsam die Zukunft gestalten zu können, hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Qualität der Ehen. Von den 16 Frauen, die ich bei meinen Besuchen in der Gemeinde immer wieder zu den Veränderungen in ihrem Leben befrage, sagte die überwältigende Mehrheit in der Zeit, dass es ihnen gut gehe und sie mit ihrem Leben und ihrer Ehe zufrieden seien.

Mitte der 2000er Jahre änderte sich die Situation allerdings noch einmal grundlegend. Seit 2006 wird im sogenannten Krieg gegen die Drogen und die entsprechenden Kartelle das mexikanische Militär auch im Landesinneren eingesetzt. Bis heute sind den Auseinandersetzungen zwischen Kartellen untereinander sowie zwischen dem Staat und Kartellen schätzungsweise 200.000 Menschen zum Opfer gefallen – verschwunden, entführt, ermordet. Im Jahr 2008 verschwand eine Gruppe von Männern des Dorfes im Norden Mexikos. Sie waren auf dem Rückweg aus den USA zu ihren Frauen, Kindern, Familien. Ihre Leichen wurden nie gefunden. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich die Stimmung im Dorf. Die Migration in die USA ging weiter, da es kaum Erwerbsmöglichkeiten in der Region gibt. Aber die im Dorf verbliebenen Ehefrauen waren nun in permanenter Angst um ihre migrierenden Ehemänner. Die Sorge ist bis heute so groß, dass viele Ehepaare lieber jahrelang getrennt in den USA und Mexiko leben als zu riskieren, dass der Partner an der US-mexikanischen Grenze verletzt oder getötet wird. Alicias Ehemann Raimundo ist seit Mitte der 2010er Jahre in den USA und seitdem nicht zurückgekehrt. Trotz intensiver Kommunikation über WhatsApp vermisst sie ihn sehr, so wie auch viele andere Ehefrauen ihre abwesenden Männer herbeisehnen. Die Euphorie über das eigene Haus ist verflogen. Mehrere Frauen betonten im Februar 2025, dass sie sich einsam in ihren Häusern fühlten. Auf meine Frage, wie sie die Ehe mit Raimundo jetzt empfände, zuckte Alicia mit den Schultern und sagte, dass sie darauf keine Antwort habe.

Das Erfahren einer „guten“ Ehe hängt also wesentlich von den materiellen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen ab. Diese sind oft dynamisch, in Mexiko ganz besonders. Erst die Migration in die USA hat vielen Paaren die Möglichkeit gegeben, ihr Leben unabhängig von den Forderungen und Pflichten ihrer Familien zu gestalten und zu leben. Diese Erfahrung hat viele Paare für eine kurze Zeit euphorisiert. Mit der zunehmenden Militarisierung der US-mexikanischen Grenze und der innermexikanischen Gewalt änderte sich die Situation allerdings dramatisch. Die jetzt übliche jahrelange Trennung von Ehefrau und Ehemann zermürbt die Paare so sehr, dass sie kaum sagen können, wie gut ihre Ehe ist.

Heirat im städtischen Namibia

Das postkoloniale Namibia ist immer noch stark von den rassistischen Ungleichheitsstrukturen der Kolonialzeit geprägt. Diese Strukturen haben über Jahrzehnte verhindert, dass die überwältigende Mehrheit der Schwarzen Namibier:innen ein ökonomisch und politisch sicheres Leben führen konnte. Die Hinwendung der seit der Unabhängigkeit 1990 regierenden SWAPO (South-West Africa People’s Organization) zu kapitalistischen und neoliberalen Wirtschaftsprinzipien hat Ungleichheiten teilweise noch verstärkt. Zwar hat sich seit 1990 die Bildung einer Schwarzen Mittelkasse vor allem in den Städten intensiviert, die große Mehrheit der Schwarzen Namibier:innen muss aber weiterhin unter sehr prekären Bedingungen leben.

Der globale Trend zu immer kostspieligeren Hochzeiten prägt das postkoloniale Namibia. Heiraten ist hier in den vergangenen vier Jahrzehnten so teuer geworden, dass die Mehrheit der Bevölkerung inzwischen unverheiratet ist. Die meisten Menschen geben an, dass sie gerne heiraten würden, es sich aber nicht leisten können. Hochzeiten werden heute vor allem von der namibischen Mittelklasse und Elite gefeiert. Diese „Mittelklassisierung“ von Ehe orientiert sich stark an globalen Vorstellungen der Selbstoptimierung – neoliberale Logiken prägen auch Ehe- und Familienstrukturen.

Dies zeigen auch die Gespräche, die ich 2015 und 2016 in Namibias Hauptstadt Windhoek mit 19 verheirateten Paaren der urbanen Mittelklasse über Hochzeit und Ehe führte. Die neoliberal geprägte Idee der Selbstoptimierung, etwa eine Verbesserung des eigenen Auftretens, des Aussehens und der Paarbeziehung, war für Paare wie Sam und Irene der Schlüssel zu einer guten Ehe. Sam, ein damals 27 Jahre alter Regierungsangestellter, erklärte mir, dass eine glückliche Ehe nicht einfach von alleine kommen würde. Man müsse sich schon anstrengen, etwa ins Fitnessstudio gehen, damit man über längere Zeit für den anderen attraktiv bleibe. Nicht nur der eigene Körper, auch die Beziehung müsse optimiert werden, erklärten mir wiederum Paul und Jana, ein Telekommunikationsmanager und eine Investmentbankerin in ihren Dreißigern. Paul verglich seine Ehe mit einem Projekt, das es zu managen gilt. Ohne vernünftigen Plan, was man eigentlich wann gemeinsam erreichen will, würde es nicht gehen.

Dabei spielte die Idee des gemeinsamen Wachsens als Ausdruck einer guten Ehe eine besonders wichtige Rolle. Kaylee, Anfang dreißig und wie ihr Mann Adam in der Versicherungsbranche tätig, erzählte, dass sie und ihr Mann Sport lieben würden. Damit ihre Ehe aber weiterwächst, sei es wichtig, dass sie auch andere Aktivitäten zusammen machten. Telsa, Ende zwanzig, erläuterte anhand der Wachstums- und Erfolgsgeschichte ihrer Ehe, wie wichtig hierfür Paarkommunikation sei. Zu Beginn ihrer Beziehung mit Carl wären sie beide arm gewesen. Durch gemeinsame harte Arbeit und fortwährende Verbesserung ihrer Kommunikation hätten sie aber den Aufstieg in die namibische Mittelklasse geschafft, mit eigenem Haus und sicheren Jobs. Gute Kommunikation wurde von allen Paaren, mit denen ich gesprochen habe, als das wichtigste Merkmal einer guten Beziehung und Ehe angesehen. Michael, ein Elektroingenieur, und seine schwangere Frau Gisela, beide in ihren Dreißigern, betonten: „Kommunikation ist alles. Man kann keine gesunde Beziehung ohne Kommunikation haben.“ Planung, Kommunikation und Wachstum wurden also als Grundpfeiler einer guten Ehe gesehen. Nicht allen Paaren gelang dieses neoliberal geprägte Arbeiten an sich und an der eigenen Ehe in gleichem Maße. Einige meiner Gesprächspartner:innen verzweifelten an dieser Alltagsethik, fühlten sich überfordert und erschöpft. Sie hatten das Gefühl, dass, egal wie sehr sie sich anstrengten, es nie reichen würde, um wirklich attraktiv und glücklich zu werden.

Die Betonung der eigenen harten Arbeit und des daraus resultierenden Eheerfolgs rechtfertigte für die Paare auch, warum es ihnen besser als den meisten ihrer unverheirateten und mittellosen Verwandten ging. Viele Paare berichteten davon, dass ihre Verwandten neidisch auf sie seien. Das Erreichen eines Mittelklasse-Lebensstils ist in Namibia bis heute nur wenigen Mitgliedern einer Familie vorbehalten. Sogenannte „multi-class households and families“ sind die Regel. Diese historisch bedingte Ungleichheit muss berücksichtigt werden, wenn man verstehen will, warum viele der von mir interviewten Paare der Mittelklasse ein ambivalentes, manchmal auch distanziertes Verhältnis zu ihren Verwandten unterhielten. In ihren Erzählungen schilderten manche Paare, wie Verwandte ihren Erfolg und ihre Ehe behindert hätten. Sie betonten, dass die kostspielige Hochzeit und die gelungene Ehe ihr eigener und nicht der Verdienst ihrer Verwandten seien und sie das Privileg der guten Ehe aufgrund ihrer eigenen Leistungen und ihrer harten Arbeit an sich und an ihrer Beziehung verdient hätten.

Schlussfolgerung

Vorstellungen einer guten Ehe werden von rechtlichen und staatlichen Institutionen, politischen und ökonomischen Strukturen, variierenden regionalen und nationalen Kontexten und natürlich auch Individuen und ihren Geschichten und Erfahrungen in einem komplexen Wechselspiel fortwährend verhandelt und geformt. Vor einigen Jahren habe ich ein Seminar mit dem Titel „Zwischen Polygamie und Polyamorie“ am Institut für Ethnologie in Hamburg unterrichtet. Dabei war ich von der Vehemenz überrascht, mit der viele Studierende polyamore Beziehungen (eine Person lebt mit mehreren anderen Menschen einvernehmliche, intime Beziehungen) für gut und erstrebenswert hielten, während sie polygame Beziehungen (eine Ehe mit mehreren Partner:innen des anderen Geschlechts) sehr kritisch betrachteten. Die Studierenden waren der Auffassung, dass eine Heirat die individuelle Freiheit, vor allem von Frauen, zu stark einschränke. Aus diesem Grund lehnten viele die Heirat generell ab. Diese Skepsis hinsichtlich der Ehe verdeutlicht einen Konflikt, der der Institution Heirat inhärent ist. Meine Studierenden, wie auch meine Gesprächspartner:innen in Mexiko und Namibia, stellten sich die Frage, in welchem Verhältnis individuelle Autonomie und soziale Verpflichtung beziehungsweise Verbindung miteinander stehen sollten, damit eine Ehe (noch) als gut empfunden wird.

Sowohl im ländlichen Mexiko als auch im städtischen Namibia waren sich meine Gesprächspartner:innen sehr bewusst darüber, dass die Verbindlichkeit ihrer Ehen Einschränkungen und Kompromisse mit sich brachte. Individuelle Freiheiten kollidierten in unterschiedlicher Art und Weise mit sozialen Erwartungen von Verwandten. Diese Kollisionen führten zu „Alltagsethiken“, zu Rechtfertigungen von Ehepaaren hinsichtlich der Art und Weise, wie sie ihre Ehen lebten. Die mexikanischen Paare strebten danach, durch ein eigenes Haus räumliche Autonomie von der Verwandtschaft zu erlangen. Das Leben im eigenen Haus rechtfertigte für sie wiederum, sich weniger intensiv um die Pflege der Eltern zu bemühen und anstelle dessen mehr auf das eigene Leben und die eigenen Kinder zu fokussieren.

Die Vorstellungen einer guten Ehe der namibischen Mittelklasse-Paare waren stark von neoliberal geprägten Ideen beeinflusst, die Erfolg als Ergebnis guter partnerschaftlicher Kommunikation und gemeinsamer harter Arbeit sahen. Alle namibischen Paare berichteten davon, dass ihre weniger wohlhabenden Verwandten sie oft um ökonomische Unterstützung baten. Um zu rechtfertigen, dass sie nicht jeder Bitte nachkamen, betonten die Paare, dass nicht die Hilfe ihrer Verwandten sie zu ihrem Erfolg und ihren guten Ehen geführt habe, sondern ihre eigenen Anstrengungen.

Die Antwort auf die Frage, was eine gute Ehe sein könnte, hängt also auch davon ab, welchen Stellenwert man der Möglichkeit zur individuellen Freiheit in Relation zu den mitunter mühsamen, trotzdem aber auch wichtigen sozialen Verpflichtungen und Verbindungen beimisst. Im Gegensatz zu vermutlich vielen deutschen Ehepaaren hoben meine Gesprächspartner:innen in Mexiko und Namibia hervor, dass eine als gut empfundene Ehe auch einen Ausgleich zwischen den Interessen eines Paares und denen seiner Verwandtschaft herstellen müsse. Die hier vorgestellten „Alltagsethiken“ meiner mexikanischen und namibischen Gesprächspartner:innen, aber auch meiner Studierenden zeigen somit die Vielfalt und Kreativität, mit der diese zentrale Frage von Individualität in Verbundenheit beantwortet werden kann.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Janet Carsten et al., Marriage in Past, Present and Future Tense, London 2021.

  2. Vgl. Julia Pauli, Namibian Wedding Stories: Narrating Kinship and Social Class in Urban Namibia, in: Journal of Southern African Studies 3/2025, S. 369–384.

  3. Vgl. Michael Lambek (Hrsg.), Ordinary Ethics. Anthropology, Language, and Action, New York 2010.

  4. Vgl. Cheryl Mattingly, Moral Laboratories. Family Peril and the Struggle for a Good Life, Oakland 2014.

  5. Vgl. Michael Schnegg, Culture as Response, in: Ethos 2/2024, S. 308–323.

  6. Ich danke allen Gesprächspartner:innen in Mexiko und Namibia, die meine Arbeit über so viele Jahre hinweg ermöglicht haben. Für ihre hilfreiche Kommentierung des Artikels danke ich Can Akin, Christina Fastner und J. Otto Habeck. Mein besonderer Dank gilt Michael Schnegg für seine unschätzbare und andauernde Unterstützung und Inspiration meiner ethnologischen Arbeit und meines Lebens.

  7. Vgl. Perveez Mody, Marriage, in: James David Wright (Hrsg.), International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences, Oxford 2015, S. 599–604; Julia Pauli, Anthropological Perspectives on Partnering, in: Dimitri Mortelmans/Laura Bernardi/Brienna Perelli-Harris (Hrsg.), Research Handbook on Partnering Across the Life Course, Cheltenham 2025, S. 24–37.

  8. Vgl. Erdmute Alber et al. (Hrsg.), The Politics of Making Kinship. Historical and Anthropological Perspectives, New York–Oxford 2023.

  9. Vgl. Claude Lévi-Strauss, Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft, Frankfurt/M. 1981 (1949).

  10. Vgl. Edmund Ronald Leach, Rethinking Anthropology, London 1961.

  11. Vgl. Caroline Bledsoe/Gilles Pison (Hrsg.), Nuptiality in Sub-Saharan Africa. Contemporary Anthropological and Demographic Perspectives, Oxford 1994.

  12. Vgl. Bruce Whitehouse, Enduring Polygamy. Plural Marriage and Social Change in an African Metropolis, New Brunswick 2023.

  13. Vgl. Adam Kuper, Traditions of Kinship, Marriage and Bridewealth in Southern Africa, in: Anthropology Southern Africa 4/2016, S. 267–280.

  14. Vgl. Kirsten Stoebenau et al., Measuring Union Formalization for a New Generation of Family Demography. A Case Study from Urban Kenya, in: Population and Development Review 1/2024, S. 87–116.

  15. Mody (Anm. 7), S. 599 (eigene Übersetzung). Das Zitat lautet im Original: „Globally and popularly, marriage continues to be thought of as a socially approved union that links sexual access to rules concerning the care, legitimacy, and social affiliation of children.“

  16. Vgl. David Luke Robichaux, Residence Rules and Ultimogeniture in Tlaxcala and Mesoamerica, in: Ethnology 2/1997, S. 149–171.

  17. Vgl. Bob Simpson, Bringing the „Unclear“ Family Into Focus: Divorce and Re-Marriage in Contemporary Britain, in: Man 4/1994, S. 831–851.

  18. Vgl. John Borneman, Until Death Do Us Part: Marriage/Death in Anthropological Discourse, in: American Ethnologist 2/1996, S. 215–235; Kath Weston, Families We Choose. Lesbians, Gays, Kinship, New York 1991.

  19. Vgl. Carsten et al. (Anm. 1).

  20. Vgl. Julia Pauli, Rethinking the Ethnographer. Reflections on Fieldwork With and Without Family in Mexico and Namibia, in: Fabienne Braukmann et al. (Hrsg.), Being a Parent in the Field. Implications and Challenges of Accompanied Fieldwork, Bielefeld 2020, S. 39–59.

  21. Vgl. Julia Pauli, A House of One’s Own: Gender, Migration and Residence in Rural Mexico, in: American Ethnologist 1/2008, S. 171–187.

  22. Ich habe die Zitate vom Spanischen ins Deutsche übersetzt. Alle Namen meiner mexikanischen und namibischen Gesprächspartner:innen sind anonymisiert.

  23. Vgl. Pauli (Anm. 20).

  24. Seit 1995 besuche ich die Gemeinde und das Tal von Solís regelmäßig. Von 1996 bis 1997 lebte ich dort für 14 Monate. Kürzere Forschungsaufenthalte folgten 2000, 2001, 2010, 2013, 2022, 2023, 2024, 2025 und 2026.

  25. Vgl. Shaylih Muehlmann, Call the Mothers. Searching for Mexico’s Disappeared in the War on Drugs, Oakland 2024; Julia Pauli, Haunted by Houses. Built and Lived Absences in a Transnational Mexican Community, in: Anthropology of Consciousness 2025 (e70015), Externer Link: https://doi.org/10.1111/anoc.70015.

  26. Vgl. Henning Melber, Understanding Namibia. The Trials of Independence, London 2014.

  27. Ich schreibe „Schwarz“ hier groß, da hiermit weder eine Hautfarbe noch andere biologische Eigenschaften einer Person beschrieben werden sollen. Vielmehr handelt es sich um eine positiv konnotierte politische und kollektive Selbstbezeichnung. Meine Gesprächspartner:innen bezeichneten sich selber als „Schwarz“ bzw. „Black“. Diese Verwendung grenzt sich bewusst von kolonial geprägten und rassistischen Fremdbezeichnungen ab (siehe auch Externer Link: https://rosa-mag.de/warum-wir-sprachliche-veraenderung-brauchen-und-political-correctness-trotzdem-problematisch-ist).

  28. Vgl. Job Shipululo Amupanda, Neo-Liberalism Masqueradings as „Mixed Economy“? A Critical Analysis of Namibia’s Principles of Economic Order, in: Journal for Studies in Humanities and Social Studies 1/2017, S. 94–118.

  29. Vgl. Julia Pauli, The Decline of Marriage in Namibia. Kinship and Social Class in a Rural Community, Bielefeld 2019.

  30. Ähnliche Veränderungen von Heirat finden sich auch in Botswana und Südafrika, vgl. Julia Pauli/Rijk van Dijk, Marriage as an End or the End of Marriage? Change and Continuity in Southern African Marriages, in: Anthropology Southern Africa 4/2016, S. 257–266.

  31. Vgl. Julia Pauli, Never Enough: Neoliberalizing Namibian Middle-Class Marriages, in: Africa 2/2022, S. 191–209.

  32. Vgl. Pauli (Anm. 2).

  33. Vgl. Pauli (Anm. 31), S. 201.

  34. Carola Lentz, Doing Being Middle-Class in the Global South: Comparative Perspectives and Conceptual Challenges, in: Africa 3/2020, S. 439–469, hier S. 460.

  35. Vgl. Pauli (Anm. 2).

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ist Professorin am Institut für Ethnologie der Universität Hamburg und forscht unter anderem zu Verwandtschaft, Ehe und Migration.