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Die arrangierte Ehe | Ehe | bpb.de

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Die arrangierte Ehe Einladung zu einem (neuen) Verständnis

Naema N. Tahir

/ 16 Minuten zu lesen

Die arrangierte Ehe wird in westlichen Gesellschaften häufig als überholte Eheform betrachtet oder mit Zwangsehe gleichgesetzt. Diese eurozentrische Sichtweise verstellt den Blick auf das kollektivistische System, in dem Ehen mit der Zustimmung aller arrangiert werden.

Die arrangierte Ehe ist ein oft missverstandenes Ehemodell. Im besten Fall gilt sie als eine veraltete Praxis, die früher oder später verschwinden wird; im schlimmsten Fall wird sie mit Zwangsehe gleichgesetzt. Verglichen mit dem Modell der freien Heiratswahl, das im Westen vorherrscht und geschätzt wird, weil es die romantische Liebe und die individuelle Selbstbestimmung hochhält, erscheint die arrangierte Ehe mit ihrer elterlichen Einmischung als eine negativ konnotierte Institution.

Die arrangierte Ehe ist weit verbreitet: Laut Statistiken macht sie weltweit die Hälfte aller Ehen aus. Sie ist die Norm in vielen asiatischen und arabischen Ländern, in Teilen Afrikas und auch in westlichen, von kultureller Diversität geprägten Gesellschaften präsent. Bei der Beschäftigung mit dem Konzept „Ehe“ ist es daher unabdingbar, sich mit der arrangierten Ehe auseinanderzusetzen, wobei nur eine unvoreingenommene Betrachtung ihren Wert, ihre Attraktivität und die mit ihr verbundene Kultur verständlich machen kann.

In diesem Beitrag lege ich zunächst kurz dar, warum die arrangierte Ehe in der wissenschaftlichen Literatur einem Bias unterliegt. Anschließend werde ich allgemeine Merkmale herausarbeiten, die allen Arten der arrangierten Ehe in unterschiedlichem Maße gemein sind. Weiterhin werde ich die kulturell tradierten Vorstellungen über Partnerwahl und Eheschließung thematisieren. Schließen werde ich mit den Modernisierungstendenzen bei arrangierten Ehen durch die zunehmende Beteiligung junger Menschen an der Partnerwahl und der Frage, wie sich dies auf die Rolle der Älteren auswirkt.

Eine arrangierte Ehe wird in diesem Text als eine Ehe definiert, bei der die Auswahl der Ehepartner auf gewissen objektiven Kriterien basiert und unter der Aufsicht der älteren Mitglieder der (Groß-)Familien beider Ehepartner steht. Ziel dabei ist es, beide Familien in einer langlebigen Verbindung zu vereinen, die einen legitimen Raum für eine dauerhafte eheliche Gemeinschaft der Ehepartner bietet. Die freie Wahl der Ehepartner, auch autonome Ehe genannt, wird definiert als eine Verbindung, bei der die Partnerwahl von den Ehepartnern selbst vorgenommen wird, auf subjektiven Kriterien basiert und das alleinige Ziel hat, nur die Partner in einer dauerhaften ehelichen Verbindung zusammenzuführen. Im vorliegenden Beitrag befasse ich mich ausschließlich mit arrangierten Ehen unter Erwachsenen. Wenn also von Kindern und jungen Menschen die Rede ist, bezieht sich dies auf erwachsenen Nachwuchs beziehungsweise junge Erwachsene, nämlich die Heiratswilligen und künftigen Ehepartner. Diejenigen, die die Ehe arrangieren, sind die Eltern oder andere ältere, respektierte Familienmitglieder.

Voreingenommene Sichtweisen auf die arrangierte Ehe

In der Forschung wird bei der Untersuchung von arrangierten Ehen häufig ein binärer Ansatz verfolgt, bei dem sie autonomen Ehen gegenübergestellt werden. Dieser Vergleich ist jedoch alles andere als neutral: Die autonome Ehe wird als Ideal angesehen, während die arrangierte Ehe als eine Form der Ehe gilt, die insbesondere in Bezug auf Freiheit und Gleichberechtigung viel zu wünschen übrig lässt. Diese Sicht auf arrangierte Ehen ist eurozentrisch: Geprägt von der Aufklärung, die dem Einzelnen Wahlfreiheit einräumt, und der Romantik, die das individuelle Selbst hervorhebt, wird die europäische Lebensweise als Zeichen des Fortschritts und die europäische Art zu heiraten als überlegen betrachtet. Gesellschaften, die eine „Entwicklung“ anstreben, orientieren sich oft an den vermeintlich „entwickelten“ europäischen und westlichen Kulturen und ahmen deren Konventionen nach. Dieses sogenannte Entwicklungsparadigma inspiriert auch Vorstellungen über die Ehe, „da das westliche Familienbild so eng mit Entwicklung assoziiert wird.“ Nach dieser Denkweise würde sich die arrangierte Ehe am besten gänzlich zu einer autonomen Ehe wandeln. Solange das nicht geschieht, bleibt sie aus eurozentrischer Sicht fehlerhaft und defizitär.

Ein System von vornherein als fehlerhaft zu betrachten, verhindert ein vollständiges Verständnis desselben. Das ist auch insofern bedauerlich, als dass viele Menschen, die die arrangierte Ehe praktizieren, sie als Tradition sehr schätzen und ihre Vorzüge würdigen. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, den binären Ansatz, der die autonome Ehe idealisiert, aufzugeben und bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung eine unvoreingenommene Sichtweise einzunehmen. Man muss „das Bild umdrehen“, wie es der Philosoph und Historiker Alexis de Tocqueville in seiner eloquenten Studie über aristokratische Systeme formulierte – und die arrangierte Ehe ist in der Tat ein aristokratisches System, in dem die aristoi, die Besten, eine Rolle bei der Partnerwahl spielen.

Varianten und Merkmale arrangierter Ehen

Die arrangierte Ehe wird in verschiedenen Kulturen, Traditionen und Gesellschaftsschichten unterschiedlich praktiziert. Es gibt, grob gesagt, drei Hauptarten, von denen die traditionelle Variante die strengste ist: Hier entscheiden die älteren Menschen, wen das Kind heiratet, und das Kind akzeptiert die Entscheidung. Bei der semi-traditionellen arrangierten Ehe wählen die Älteren gemeinsam mit dem Heiratswilligen einen geeigneten Kandidaten aus. Schließlich gibt es noch eine sehr locker arrangierte Eheform, die auch als „arrangierte Liebesheirat“ bezeichnet wird: Zwei junge Menschen verlieben sich ineinander, beschließen zu heiraten und bitten dann die Älteren, die Verbindung von diesem Zeitpunkt an zu arrangieren.

Trotz der Vielfalt arrangierter Ehen weltweit sind ihnen einige Merkmale gemein. Im Kern gibt es in allen Kulturen, in denen arrangierte Ehen üblich sind, Heiratsvermittler, die entweder allein oder gemeinsam mit den Heiratswilligen tätig werden. Sie sind stets hochrangige Mitglieder der Familie oder Gemeinschaft, deren Rolle bei der Partnervermittlung anerkannt ist. Die Partnerwahl wird nicht in erster Linie als Aufgabe der Heiratswilligen angesehen, da dies zu unangemessenem Sexualverhalten vor der Ehe führen könnte, was als beschämend, falsch und herabwürdigend empfunden wird. Darüber hinaus ist man der Ansicht, es sei schlicht zu viel verlangt, von jungen Menschen zu erwarten, dass sie selbst einen guten Ehepartner finden. Die Ehe wird als Bündnis zwischen Familien betrachtet, ganz unabhängig davon, ob die Heiratswilligen das eheliche Bündnis über die Familienbande stellen oder nicht. Jeder ausgewählte Kandidat muss zur Einheit und zum Zusammenhalt der Familie passen und diese stärken. Daher legen Kulturen mit arrangierten Ehen Wert auf objektive Gründe für die Eheschließung, losgelöst davon, ob Raum für individuelles Begehren und eigene Vorlieben besteht.

Tatsächlich entfalten sich Praktiken arrangierter Ehen in der Regel in Gesellschaften, in denen staatliche Ressourcen und staatlicher Schutz begrenzt sind und das Vertrauen in den Staat generell gering ist. Stattdessen verlässt man sich auf seine (Groß-)Familie, die wie ein kleiner Staat fungiert und sich im Austausch für Loyalität um alle Bedürfnisse der eigenen Gruppe kümmert. Die Rolle der Ehe muss in diesem Licht gesehen werden: Sie verbindet Familien und macht Fremde zu Familienmitgliedern, was letztlich die Familien stärkt und ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung verbessert.

Ein kollektivistisches System

Gruppenkulturen, auch als kollektivistische Systeme bekannt, binden ihre Mitglieder über Loyalität fest in die Gruppe und deren Interessen ein. Das System der arrangierten Ehe ist ein solch kollektivistisches System: Eheangelegenheiten gehen die ganze Familie etwas an, da sich eine Eheschließung sowohl auf den gegenwärtigen Status einer Familie als auch auf ihre zukünftige Position auswirkt. Laut der Soziologin Greer Litton Fox bewahrt die arrangierte Ehe die Einheit der Familie, und zwar „durch die glückliche Auswahl des neuen Ehepartners“, die „die Förderung politischer Verbindungen und/oder die wirtschaftliche Konsolidierung zwischen Familien ermöglicht (…). Sie trägt dazu bei, Familien über Generationen hinweg intakt zu halten und (…) bewahrt das Familienvermögen innerhalb der größeren Verwandtschaftsgruppe.“

Aus diesem Grund wird großer Wert auf objektive Auswahlkriterien für den Partner gelegt, beispielsweise auf gesellschaftliche Stellung, den religiösen und ethnischen Hintergrund, das Bildungsniveau und die Ansichten über das Leben und das Jenseits. Wenn diese Faktoren zwischen den Familien übereinstimmen, erhöht das die Wahrscheinlichkeit einer dauerhaften Verbindung. Obwohl sie nicht gänzlich außer Acht gelassen wird, kommt der subjektiven Liebe zwischen den Ehepartnern keine große Rolle zu, zumindest nicht zu Beginn. Stattdessen besteht die feste Überzeugung und der Anspruch, dass man seinen Ehepartner lieben lernt, sobald die Ehebindung stärker wird. Dies spricht wohl für ein tieferes, dauerhafteres Verständnis von Liebe als das des flüchtigen Eros oder der sinnlichen Verliebtheit der Romantiker.

In jedem Fall stehen in Gruppenkulturen individuelle Wünsche und Vorlieben hinter den Interessen der Gruppe zurück. Ein traditionsorientierter Mensch ist weniger ein Individuum denn ein kollektives Wesen, das der Gruppe gegenüber loyal ist. Diese Loyalität lohnt sich: Sie bietet ein Zugehörigkeitsgefühl, einen sicheren Hafen und kann einem große Verantwortlichkeiten abnehmen, wenn man noch nicht reif für sie ist. Der Einzelne wird umsorgt und muss nicht auf sich allein gestellt in einer Welt ums Überleben kämpfen, die gefährlich und unzuverlässig sein kann und in der Fehlentscheidungen das Selbstwertgefühl des Einzelnen und seiner Familie beeinträchtigen können.

Ein hierarchisches System

Das System der arrangierten Ehen weist bestimmten Personen bestimmte Rollen zu und schirmt gleichzeitig andere Personen von diesen Rollen ab. Somit sind in dieser Kultur – wie in jeder anderen auch – die Verantwortlichkeiten unter Menschen nicht gleich verteilt. Auch in westlichen Familien tragen Kinder im Vergleich zu ihren Erziehungsberechtigten weniger Verantwortung; allerdings endet hier die Fürsorge für Kinder mehr oder weniger mit dem 18. Lebensjahr. Im System der arrangierten Ehe geht diese Fürsorge weiter und beinhaltet, dass für die Ehe der Kinder gesorgt wird. Bis sie heiraten, gelten die jungen Menschen so gesehen als minderjährig.

Das System der arrangierten Ehen ist also ein hierarchisches System. Hierarchie zu verstehen, bedeutet, zu verstehen, wie Organisationen funktionieren. Alle Organisationen agieren als Ganzes, und jedes Ganze besteht aus Personen oder einzelnen Teilen. Familien sind also Organisationen, die aus Familienmitgliedern bestehen. Hierarchie ist ein soziales Prinzip, nach dem die Teile eines Ganzen (hier die Familienmitglieder) in einer Rangordnung zum Ganzen (hier der Familie) stehen. Das Ganze und seine Teile sind durch Regeln, soziale Kontrolle und ein gemeinsames Wertesystem fest miteinander verbunden. Der Einzelne akzeptiert die Rangordnung und die damit verbundenen Verpflichtungen – andernfalls kann das große Ganze nicht wie vorgesehen funktionieren. Entscheidungen werden im Interesse des Ganzen und seiner Teile von den Fähigsten getroffen, und diese Entscheidungen werden von den Übrigen akzeptiert.

Dabei herrscht die feste Überzeugung, dass nicht jeder geeignet ist, folgenreiche Entscheidungen wie die der Partnerwahl zu treffen. Sehr junge Menschen sind aufgrund ihrer mangelnden Lebenserfahrung für diese schwere Aufgabe ebenso wenig geeignet wie unverheiratete Erwachsene, denen es an Vorstellungsvermögen oder Erfahrung damit mangelt, welche Auswirkungen eine gute oder schlechte Ehe auf die Zukunft aller Familienmitglieder haben kann. Um zu verhindern, dass junge Menschen potenziell schlechte Entscheidungen mit großer Tragweite treffen, werden sie in Gesellschaften mit arrangierten Ehen bis zu einem gewissen Grad von möglichen Partnern isoliert. Zusätzlich unterliegt ihr Verhalten einer für Gruppenkulturen typischen sozialen Kontrolle, um so das Risiko unerwünschter romantischer und sexueller Verhaltensweisen zu begrenzen.

Entscheidungen über die Eheschließung sollten stattdessen denjenigen überlassen werden, die über Weisheit, Erfahrung, Tugendhaftigkeit und Weitsicht verfügen. Dies sind meist die Besten unter den Älteren. Da die Ehe Auswirkungen auf das Ansehen einer Familie hat, steht die Eheschließung unter Aufsicht. In der Regel gelten die Eltern als am besten dazu geeignet, die Last und die heikle Aufgabe der Partnerwahl für ihre eigenen heiratsfähigen Kinder zu übernehmen: Sie kennen ihr Kind, wissen um die Schwierigkeiten und Irrwege der Ehe aus ihrem eigenen Leben und verstehen deren Bedeutung. Neben den Eltern können auch andere angesehene ältere Menschen an der Suche nach guten Ehepartnern beteiligt sein. In einigen Kulturen übernehmen professionelle Heiratsvermittler diese Aufgabe. Aber auch die jungen, unverheirateten Menschen haben Pflichten: Im Wissen um die Komplexität der Aufgabe bringen sie dem Urteil der Älteren Vertrauen entgegen und respektieren es. Jeder hat somit einen festen Platz in der Familie, mit festgelegten Rollen, die entsprechend des jeweiligen Lebensabschnittes zugewiesen sind. Indem man seinen festen Platz ehrt, ehrt man die Ordnung. Niemand handelt unabhängig von den anderen, vielmehr sind alle voneinander abhängig. Jeder Mensch braucht den anderen.

Die Ehe selbst ist auch eine Notwendigkeit: Nur durch sie wird man erwachsen und wird das intime Leben mit einem Fremden und dessen Integration in die Familie legitim. Obwohl die Älteren also das Privileg haben, für die Jüngeren den Ehepartner auszuwählen, entscheiden sie nicht zu ihrem eigenen Vorteil oder Nutzen, sondern zum Wohle der Gruppe, in die das Wohl und der Gewinn der jungen Eheleute einfließen. Manchmal teilen sich die Älteren diese Aufgabe mit den Heiratswilligen, denen je nachdem, ob sie eine kluge Wahl treffen können, mehr oder weniger Mitspracherecht eingeräumt wird. Selbst dann geben aber die Älteren ihre Rolle als Heiratsvermittler selten vollständig auf: Auch sie haben ihre Verpflichtungen und sind an die Tradition gebunden. Begriffe wie „Freiheit“ und „Gleichheit“ können die Dynamik des Systems der arrangierten Ehe daher nicht erfassen.

Einfluss der Eltern auf die Zustimmung zur Ehe

Kulturen mit arrangierten Ehen leben von geeigneten Vormundspersonen, die über natürliche Autorität verfügen und in der Lage sind, kluge Entscheidungen zum Wohle der Gruppe und somit auch zum Wohle des Kindes zu treffen. Sie zeichnen sich durch Wissen und Tugend aus und schützen und wahren die Werte und die Einheit der Gemeinschaft. Als Beste der Gruppe wird zu ihnen aufgeschaut und ihre Autorität akzeptiert.

Traditionell respektieren junge Menschen diese Autorität. Laut dem Soziologen Richard Sennett und der Philosophin Hannah Ahrendt basiert Autorität auf persönlicher Loyalität, ist in allen Familien vorhanden und ein notwendiges Prinzip für das gute Funktionieren von Familien. Kinder, auch erwachsene Kinder, brauchen Autoritäten, die sie durch das Leben begleiten. Autorität kommt zum Ausdruck, wenn der Ältere etwas verlangt und der Jüngere freiwillig gehorcht. Sie ist eine sanftere Kraft als Macht und bewegt dazu, sich einer Sache zu beugen, die gut ist – ohne jemals zu dominieren, Angst einzujagen oder zu unterdrücken. Denn wer sich gezwungen fühlt, akzeptiert nicht, dass die Autorität auf gute Weise und damit legitim ausgeübt wird. Diese traditionelle Autorität ist in Kulturen mit arrangierten Ehen tief verankert, das Vertrauen in die elterliche Führung in Eheangelegenheiten entsprechend groß. Es wird davon ausgegangen, dass Eltern ihr Kind kennen (manchmal sogar besser als das Kind sich selbst) und daher wissen, was am besten für es ist. Dies führt zu Ehrfurcht und Gehorsam. Mit anderen Worten: Die Zustimmung zur Ehe wird vom Kind freiwillig erteilt, wenn die Eltern oder andere ältere Respektspersonen ihre Autorität bei der Partnerwahl legitim ausgeübt haben.

Zwangsehe und freie Zustimmung

Arrangierte Ehen und Zwangsehen unterscheiden sich darin, dass Letztere ohne die Zustimmung der zukünftigen Ehepartner zustande kommen – es handelt sich also um Ehen, die nicht freiwillig von den Ehepartnern akzeptiert werden, sondern zu denen diese unter starkem Druck gezwungen werden. Dieser Druck oder Zwang kann physischer oder psychischer Natur sein oder beides vereinen. Es handelt sich dabei nicht um Druck, dem man sich einfach widersetzen könnte, sondern um solchen, der die Handlungsfähigkeit einer Person zerstört und sie dazu bringt, einer Ehe zuzustimmen, die sie ohne diesen Zwang abgelehnt hätte.

Häufig werden arrangierte Ehen und Zwangsehen miteinander in Verbindung gebracht. Beide Arten von Ehen kommen durch Dritte zustande, und bei beiden kann es vorkommen, dass die Älteren Druck auf die Jungen ausüben, einen von ihnen als geeignet erachteten Kandidaten zu heiraten. Teilweise wird argumentiert, dass selbst dieser Druck eine Form von Zwang ist, da „die subtile Nötigung durch die Eltern die Qualität der Entscheidungen ihres Kindes beeinträchtigt.“ Die vorherrschende Meinung in der Wissenschaft ist jedoch, dass der Druck bei der Zwangsehe tatsächlich eine Form von Zwang sein muss, der den freien Willen untergräbt oder überlagert und dem jungen Menschen keine vernünftige Alternative zur Zustimmung lässt. In diesem Fall handelt es sich um eine Zwangsehe, die in vielen Rechtssystemen unter Strafe steht.

Manchmal gibt es Grauzonen zwischen arrangierter Ehe und Zwangsehe. Eine arrangierte Ehe, bei der Ältere einen gewissen Druck oder Einfluss ausüben, kann zu einer Zwangsehe werden, wenn der Druck erhöht wird, falls sich ein junger Mensch weiterhin querstellt. Zwangsheiraten kommen zustande, wenn die Erwartungen der Älteren und der Heiratsfähigen nicht übereinstimmen: Die Älteren verlassen sich auf die Pflicht der Heiratsfähigen, einen ausgewählten Kandidaten zu akzeptieren, während diese von ihrem Recht auf Ablehnung Gebrauch machen wollen.

Während also eine Zwangsehe ohne Zustimmung erfolgt, setzt eine arrangierte Ehe immer Zustimmung voraus, auch wenn möglicherweise ein gewisser Druck ausgeübt wurde. Aber ist diese Zustimmung echt? Kommt eine arrangierte Ehe also mit „freier und uneingeschränkter Willenseinigung der künftigen Ehegatten“ zustande, einem Menschenrechtsstandard, der in Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in nachfolgenden verbindlichen Verträgen und nationalen Ehegesetzen erwähnt wird? In der Forschung gibt es dazu unterschiedliche Sichtweisen. Manche sind durchaus der Ansicht, dass arrangierte Ehen die uneingeschränkte und freie Zustimmung der einzelnen Ehepartner gewährleisten. Andere argumentieren, dass es sich primär um einen Konsens zwischen den Ehepartnern und den Älteren handele. Unabhängig davon, welche Sichtweise man vertritt: Arrangierte Ehen sind nur dann legitim, wenn sie durch Zustimmung zustande kommen, sei diese individuell oder gemeinsam getroffen. Der Menschenrechtsstandard der freien und uneingeschränkten Willenseinigung muss womöglich so ausgelegt werden, dass er die kollektivistische Sprache des Systems der arrangierten Ehe einschließt.

Modernisierung der arrangierten Ehe

In der Realität sind die Älteren nicht immer in der Lage, Ehen gut zu arrangieren. Sie verfügen vielleicht nicht über die notwendigen Fähigkeiten und die erforderliche Weisheit, verstehen nicht, was Vormundschaft wirklich bedeutet, und verwechseln ihre Autorität mit Macht oder Gewalt. Möglicherweise sind sie auch egoistisch und denken nur an ihre eigenen Interessen und nicht an die der Gruppe oder des Heiratswilligen – dessen Interesse mit dem der Gruppe verflochten ist. Mit anderen Worten: Manchmal versagen die Älteren in ihrer Rolle als Heiratsvermittler. Heiratswillige kritisieren diesen Umstand zunehmend und fordern mehr Mitsprache bei der Partnerwahl. Dies zeigt sich insbesondere im westlichen Raum, wo junge Menschen nicht von potenziellen Partnern getrennt aufwachsen und über mehr Bildung als je zuvor und eigene, von den Traditionen der Familie losgelöste Lebensweisheiten verfügen.

Infolgedessen werden arrangierte Ehen zu hybriden Räumen, in denen der Wunsch der Heiratswilligen nach mehr Selbstbestimmung und -verwirklichung neben die Rolle der Älteren tritt. Das funktioniert nicht immer reibungslos: Ältere Menschen sind nicht immer davon überzeugt, dass der Übergang zu Freiheit und Individualismus angemessen und förderlich für den Familienzusammenhalt oder die Wahrung von Traditionen ist, und möchten an den alten Formen der Partnervermittlung festhalten. In jedem Fall ringen in Kulturen mit arrangierten Ehen sowohl ältere als auch junge Menschen um die unterschiedlichen Interessen des Einzelnen und der Gemeinschaft, die die Realität der arrangierten Ehe prägen.

Nach wie vor besteht in der wissenschaftlichen Literatur die Tendenz, die Forderung Heiratswilliger nach stärkerer Einbindung und dabei auftretende Konflikte mit Begriffen wie „Freiheit“, „Kontrolle“, „Handlungsfähigkeit“ und dem „aufstrebenden Individuum“ zu beschreiben. Diese Sprache geht davon aus, dass das Hauptziel der Heiratswilligen darin besteht, sich zu befreien, unabhängig zu werden und letztendlich aus dem System der arrangierten Ehen auszusteigen. Allerdings haben, wie die Anthropologin Saba Mahmood es beschrieb, „viele Menschen auf dieser Welt Vorstellungen von Wohlbefinden, die sich nicht mit Freiheitsgraden ausdrücken lassen, sondern mit Maßstäben wie Pflicht, Hingabe und Verantwortung decken.“ Viele Heiratswillige fühlen sich tief mit einem System elterlicher Vormundschaft und Autorität verbunden. Sie verstehen die gegenseitige Abhängigkeit familiärer Beziehungen, schätzen die Zugehörigkeit zu ihrer Gemeinschaft und empfinden den Familienzusammenhalt als notwendigen Bestandteil des Wohlergehens ihrer Familie, in das ihr eigenes Wohlergehen eingebunden ist. Obwohl sie eine Rolle bei der Partnersuche spielen wollen, agieren sie nicht als völlig eigenständige Einheiten. Stattdessen handeln sie gemeinsam mit ihren Eltern und teilen sich die Rolle der Vormundschaft. Wenn hier Konflikte auftreten, wäre es sinnvoller, herauszufinden, wo diese Aufgabenteilung nicht funktioniert und wie Familien mit der Modernisierung umgehen, statt die Kinder aufzufordern, sich von jeglicher Tradition zu lösen. Eine solche Forderung stört nicht nur die Einheit und das Wohlergehen der Familie – sie nährt auch die Vorstellung, dass Tradition falsch und die europäische Art der Freiheit überlegen ist. Diese eurozentrische Denkweise sollten wir hinter uns lassen.

Fazit

Dieser Beitrag hat dazu eingeladen, die eurozentrische Sichtweise auf arrangierte Ehen kritisch zu hinterfragen. Aus dieser erscheint die arrangierte Ehe als eine minderwertige eheliche Verbindung im Vergleich zur idealisierten autonomen Ehe. Das führt dazu, dass die arrangierte Ehe als eine Eheform missverstanden wird, in der Freiheit und Gleichheit zu kurz kommen – Werte, die zwar in den liberalen Gesellschaften des Westens hoch geschätzt werden, in Gesellschaften mit arrangierten Ehen aber einen geringeren Stellenwert besitzen, da die Verpflichtung gegenüber der Familie und der Familienzusammenhalt Vorrang haben.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Dies ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung von: Naema N. Tahir, Understanding Arranged Marriage: An Unbiased Analysis of a Traditional Marital Institution, in: International Journal of Law, Policy and The Family 1/2021, ebab005, Externer Link: https://doi.org/10.1093/lawfam/ebab005.

  2. Vgl. Fauzia Ahmad, Graduating Towards Marriage? Attitudes Towards Marriage and Relationships Among University-Educated British Muslim Women, in: Culture and Religion 2/2012, S. 193–210; Marian Aguiar, Arranging Marriage. Conjugal Agency in The South Asian Diaspora, Minneapolis 2018; Stephanie Coontz, Marriage, a History. How Love Conquered Marriage, New York 2005, S. 25; Andrew J. Cherlin, Goode’s „World Revolution and Family Patterns“: A Reconsideration at Fifty Years, in: Population and Development Review 4/2012, S. 577–607.

  3. Cherlin (Anm. 2), S. 593.

  4. Alexis de Tocqueville, Democracy in America, New York 1994 (1840), S. 58.

  5. Vgl. Kathrine Bejanyan/Tara C. Marshall/Nelli Ferenczi, Associations of Collectivism with Relationship Commitment, Passion, and Mate Preferences: Opposing Roles of Parental Influence and Family Allocentrism, in: PLOS One 2/2015, e0117374, S. 3.

  6. Vgl. Coontz (Anm. 2).

  7. Greer Litton Fox, Love Match and Arranged Marriage in a Modernizing Nation: Mate Selection in Ankara, Turkey, in: Journal of Marriage and Family 1/1975, S. 180–193, hier S. 180f.

  8. Vgl. David Riesman/Nathan Glazer/Reuel Denney (Hrsg.), The Lonely Crowd. A Study of the American Changing Character, New Haven 1961, S. 17; Louis Dumont, Homo Hierarchicus. The Caste System and Its Implications, Chicago 1980, S. 7.

  9. Dieser Absatz ist inspiriert von Dumont (Anm. 8), S. 66, S. 240, S. 243f.; Patricia Crone, Pre-Industrial Societies. Anatomy of the Pre-Modern World, Oxford 2003, S. 99, S. 107; Michael Thompson/Richard Ellis/Aaron Wildavsky, Cultural Theory, Boulder u.a. 1990, S. 6, S. 59.

  10. Vgl. William J. Goode, The Theoretical Importance of Love, in: American Sociological Review 1/1959, S. 38–47.

  11. Vgl. Bejanyan/Marshall/Ferenczi (Anm. 5).

  12. Vgl. Gary R. Lee/Lorene Hemphill Stone, Mate-Selection Systems and Criteria: Variation According to Family Structure, in: Journal of Marriage and Family 2/1980, S. 319–326.

  13. Vgl. ebd.; Fox (Anm. 7).

  14. Vgl. G. Robina Quale, A History of Marriage Systems, New York u.a. 1988, S. 2.

  15. Vgl. Robert A. Dahl, Democracy and Its Critics, New Haven–London 1989, S. 52, S. 73.

  16. Vgl. Ahmad (Anm. 2), hier S. 201.

  17. Dieser Teil ist inspiriert von folgenden Arbeiten: Richard Sennett, Authority, New York 1980, hier S. 15, S. 19, S. 22; Hannah Arendt, Between Past and Future, New York 1977 (1961), S. 92–111.

  18. Prashina J. Gagoomal, A „Margin of Appreciation“ for „Marriages of Appreciation“: Reconciling South Asian Adult Arranged Marriages with the Matrimonial Consent Requirement in International Human Rights Law, in: The Georgetown Law Journal 2/2009, S. 589–620, hier S. 601.

  19. Vgl. Sundari Anitha/Aisha Gill, Coercion, Consent and the Forced Marriage Debate in the UK, in: Feminist Legal Studies 2/2009, S. 165–184, hier S. 169.

  20. Vgl. ebd., S. 171.

  21. Vgl. ebd., S. 176–180; Aguiar (Anm. 2).

  22. Saba Mahmood, Politics of Piety: The Islamic Revival and the Feminist Subject, Princeton 2011, zit. nach Aguiar (Anm. 2), S. 219.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Naema N. Tahir für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist Juristin und Assistant Professor am University College Roosevelt in Middelburg, Niederlande.