Es dürfte schwerfallen, weltweit ein Land zu finden, das sich in Form verschiedener Jugendstudien derart intensiv mit den Einstellungen, Lebenslagen und Befindlichkeiten der im Land lebenden Jugendlichen auseinandersetzt wie Deutschland. Um nur eine Auswahl bekannter Studien zu nennen: Die Shell Jugendstudie erscheint seit 1953, seit 1965 gibt es den der von einer Kommission von Expertinnen und Experten verfassten Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, seit 2008 die Studie „Wie ticken Jugendliche?“ („SINUS-Jugendstudie“).
Diese Beobachtung ist der Ausgangspunkt der folgenden Ausführungen, die sich der Jugend in Deutschland im Jahre 2025 auf zwei Ebenen nähern: zum einen mittels empirischer Daten, wie sie insbesondere in der Shell Jugendstudie erhoben werden, um gegenwärtige Einstellungen mit den Stimmen der Jugendlichen selbst zu vermessen und diese in einen langfristigen Trendverlauf einordnen zu können; zum anderen mittels einer eher theoretischen Reflexion darüber, was die Beobachtung von Jugend über deren Einbettung in einen gesellschaftlichen Kontext aussagt. Eine solche Vorgehensweise nimmt die oft bemühte Rede von „Jugend als Seismograf der Gesellschaft“ ernst, indem sie Jugendliche nicht als Indikator für spezifische zukünftige Entwicklungen versteht, sondern als wichtigen Gegenstand zur Messung der „Tektonik“ der Gesamtgesellschaft und deren Verschiebungen.
Ein solches Verhältnis erscheint als Voraussetzung für einen komplexen, analytisch gehaltvollen Generationsbegriff, der sich absetzt von populären, aber stark vereinfachenden Generationsetikettierungen (Generation X, Y, Z und andere mehr). Der folgende Abschnitt führt zunächst in diesen Generationsbegriff ein, bevor insbesondere auf Grundlage der Shell Jugendstudie 2024 ein stark gestraffter Überblick über wesentliche Einstellungen und Orientierungen von Jugendlichen in Deutschland erfolgt, vor allem mit Bezug auf politische Einstellungen. Anschließend wird die angesprochene Beobachtung beziehungsweise Beobachtungstradition von Jugend in Deutschland selbst als weiteres Einordnungsmerkmal herangezogen.
Jugend als Generation
„Die Jugend“ ist für einzelne Menschen ein Lebensabschnitt, in dem bestimmte Entwicklungsaufgaben zu bewältigen sind.
Die im Zeitverlauf variablen Grenzen der Jugend verweisen dabei zuallererst darauf, dass es sich bei Jugend nicht (nur) um einen durch mentale oder physiologische Entwicklungsschritte individuell zurechenbaren Lebensabschnitt handelt, sondern vor allem auch um eine gesellschaftliche Konstruktion. Die Geschichte der Jugend „war immer schon interpretierte Geschichte, überformt von den Etiketten der Erwachsenengesellschaft, geprägt von Jugendlichkeitsmythen in Literatur, Kunst, politischer Öffentlichkeit und gefiltert durch je zeitspezifische Jugendbilder“.
Dabei wird nur zu leicht verdeckt, dass sich viele für die Entwicklung und (Selbst-)Beschreibung von Jugendlichen relevante Entwicklungen und Trends gerade auch im digitalen Zeitalter an ganz anderen, zum Teil regionalen, zum Teil globalen Bezugsräumen orientieren. Ferner ist „Jugend“ nicht nur in den amtlichen Statistiken verschiedener Staaten unterschiedlich definiert, sondern die zentralen Merkmale von Jugend nebst der relevanten (zum Beispiel rituellen) Statuspassagen vom Jugend- ins Erwachsenenalter sind in verschiedenen Kulturkreisen zum Teil deutlich unterschiedlich gefasst – und auch dies wiederum wandelt sich im Laufe der Zeit und keineswegs in einer global gleichförmigen Weise. Genau an dieser Stelle – und im Bewusstsein der angesprochenen Beschränkungen – muss ein gehaltvoller Generationsbegriff ansetzen, der Jugend nicht auf die statistische Größe einer bestimmten Alterskohorte der Wohnbevölkerung eines bestimmten Staates reduziert.
Den Schlüssel zum Verständnis einer Generation anhand eines gehaltvollen wie komplexen Generationsbegriffs bietet weiterhin die Soziologie Karl Mannheims als „Locus classicus“: „Nicht das Faktum der in derselben chronologischen Zeit erfolgten Geburt, des zur selben Zeit Jung-, Erwachsen-, Altgewordenseins, konstituiert die gemeinsame Lagerung im sozialen Raume, sondern erst die dadurch erstehende Möglichkeit, an denselben Ereignissen, Lebensgehalten usw. zu partizipieren und noch mehr, von derselben Art der Bewusstseinsschichtung aus dies zu tun.“
Genau an dieser Stelle liegt die Problematik der pauschalen Bezeichnung von Generationen, etwa als „Generation Z“, begründet. Die Beschreibung der mit solchen Begriffen erfassten Einstellungsmuster ist nicht unbedingt falsch, sie bezieht sich aber auf eine bestimmte Generationseinheit und setzt diese als repräsentativ für einen Generationszusammenhang. Dass ein Generationszusammenhang nur aus einer einzigen Generationseinheit besteht, ist zwar logisch denkbar, erscheint aber in der modernen, funktional differenzierten und dabei immer noch von relevanten Stratifikationen (also sozialen Schichten) und relevanten segmentären Differenzierungen (also regionalen oder Stadt-Land-Unterschieden) gekennzeichneten modernen Gesellschaft als extrem unwahrscheinlich – und lässt sich auch empirisch nicht beobachten.
Die Unterscheidung zwischen Generationszusammenhang und Generationseinheiten erschwert sicherlich eine medial anschlussfähige und häufig gebrauchte Bezeichnung der jungen Generation mit einem einzigen Begriff. Sie liefert aber den Schlüssel dafür, um die junge Generation als eigenständigen, gleichzeitig aber intern stark differenzierten Generationszusammenhang in der Gesellschaft in einem spezifischen historisch-kulturellen Kontext zu beschreiben.
Einstellungen zu Politik und Demokratie
Im beschriebenen Sinne einer differenzierenden Beschreibung von Generationen verzichtet die Shell Jugendstudie seit geraumer Zeit bewusst darauf, die junge Generation in Deutschland mit einem Begriff zu etikettieren, der letztendlich nur eine unter mehreren vorzufindenden Generationseinheiten bezeichnet. Sie verzichtet dabei aber nicht darauf, den Generationszusammenhang seit etwa zwanzig Jahren als „pragmatisch“ zu etikettieren. Damit sind dann aber eben nicht von allen oder der überwiegenden Mehrheit gemeinsam geteilte Einstellungen gemeint, sondern vielmehr, dass sich Jugendliche in ihrem gesellschaftlichen Umfeld pragmatisch positionieren. Sie orientieren sich nicht an umfassenden tradierten Weltbildern oder entsprechenden festgefügten Wertemustern, sondern vollziehen teils treibend, teils nachfolgend die Entwicklung hin zu einer postindustriellen und digitalen, durch Migration als „Normalfall“ geprägten Nach-Nachkriegsgesellschaft mit sich wandelnder historischer Erinnerung und Erinnerungskultur, sowie den globalen Wandel hin zu einer zunehmend digitalisierten Welt.
Vor diesem Hintergrund ist die Shell Jugendstudie seit 2002 konsequent als Trendstudie angelegt. Hiermit sind tagesaktuelle Bestandsaufnahmen weder möglich noch beabsichtigt, vielmehr steht die Einordnung im Lichte mittel- und längerfristiger Entwicklungen im Vordergrund. Eher durch die Zufälle der Arbeitsabläufe bestimmt, hatte dies zur Konsequenz, dass die 18. Shell Jugendstudie 2019 kurz vor Ausbruch der Coronapandemie erschien, während die 19. Shell Jugendstudie 2024 nach dem weitgehenden Auslaufen aller pandemiebedingten Einschränkungen veröffentlicht wurde. Ein solches Timing erlaubt es, gerade in einer längerfristigen Perspektive einzuschätzen, wie stark dieses (nicht nur, aber besonders auch) für Jugendliche einschneidende Ereignis prägend auf unterschiedliche Einstellungen gewirkt hat. Zudem sind Verzerrungen dadurch unwahrscheinlicher, die etwa bei Befragungen in den Hochphasen der Pandemie mit den entsprechenden Einschränkungen und Lockdowns zu erwarten gewesen wären.
Gerade in einer solchen Perspektive, die zunächst nur die Unterschiede zwischen dem Jahr 2019 und dem Jahr 2024 in den Blick nimmt, fällt zunächst als wohl eines der überraschendsten Ergebnisse der Studie auf, dass mehr Jugendliche eher zuversichtlich auf die Zukunft der Gesellschaft schauen, als dies noch wenige Jahre zuvor der Fall war. Dabei ist nicht der absolute Anstieg das Bemerkenswerte (2019: 52 Prozent; 2024: 56 Prozent), sondern die Zunahme der Zuversicht überhaupt nach einer Zeit, die vor allem von der Coronapandemie und dann vom Krieg in der Ukraine gekennzeichnet war. Diese Entwicklung bedarf der Einordnung. Sie spiegelt keinesfalls wider, dass Jugendliche sich nicht um viele Dinge große Sorgen machen würden. So gaben 2024 etwa 81 Prozent der Jugendlichen an, dass ihnen ein Krieg in Europa Angst macht (2019: 46 Prozent), gefolgt von Ängsten bezüglich der wirtschaftlichen Lage und steigender Armut (2019: 52 Prozent; 2024: 67 Prozent) sowie vor wachsender Feindseligkeit zwischen den Menschen (2019: 56 Prozent; 2014: 64 Prozent). Ebenfalls sorgen Umweltverschmutzung (2019: 56 Prozent; 2024: 64 Prozent) und Klimawandel (2019: 71 Prozent; 2024: 64 Prozent) für Ängste (Abbildung 1).
Eine positive Grundstimmung in Bezug auf die Zukunft der Gesellschaft trotz vielfältiger Herausforderungen und Gefahren spiegelt hier vor allem eine pragmatische Grundhaltung wider, die von einem sehr hohen Maß an Vertrauen in gesellschaftliche und politische Institutionen, einem sich kaum wandelnden Wertegefüge und ebenfalls einer hohen Zustimmung zum demokratischen System gekennzeichnet ist. Insgesamt finden 89 Prozent der Jugendlichen – und damit mehr als jemals zuvor seit Beginn des Jahrhunderts –, dass die Demokratie eine gute Staatsform sei. Bei der eher auf die Zufriedenheit mit gegenwärtigen Verhältnissen abzielenden Frage nach der Demokratie, so wie sie in Deutschland besteht, sind 75 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden. Das sind etwas weniger als 2019, aber genauso viele wie 2015 und deutlich mehr als in den Jahren davor. Ein markanterer Rückgang fällt hier einzig bei Jugendlichen in Ostdeutschland ins Auge, von 66 Prozent 2019 auf 60 Prozent 2024.
Diese weiterhin hohe Zustimmung zur Demokratie und das hohe Institutionenvertrauen Jugendlicher bedeuten nicht, dass diese nicht auch anfällig für populistische Thesen und eine Orientierung an den politischen Rändern wären. Insbesondere bei der politischen Orientierung ist in den vergangenen Jahren jedoch eine interessante Polarisierung zu beobachten, deren Bewertung aber gerade auch eine längerfristige Perspektive erfordert. Zwischen 2019 und 2024 haben sich Jugendliche etwas stärker an den politischen Rändern orientiert. So ist der Anteil der männlichen Jugendlichen, die sich als „links“ oder „eher links“ bezeichnen, leicht angestiegen, von 38 auf 41 Prozent. Stärker ist der Anstieg bei denjenigen, die sich als „rechts“ oder „eher rechts“ bezeichnen, von 16 auf 25 Prozent. Dieser stärkeren relativen Bewegung nach rechts bei männlichen Jugendlichen steht bei den weiblichen Jugendlichen eine stärkere Bewegung nach links gegenüber: 2019 bezeichneten sich 44 Prozent als „links“ oder „eher links“, 2024 waren es 51 Prozent; auf der rechten Seite gab es einen deutlich geringeren Anstieg von 10 auf 11 Prozent (Abbildung 2).
Bemerkenswert am Vergleich zwischen der stärkeren Zunahme nach rechts bei den männlichen Jugendlichen und der stärkeren Tendenz nach links bei weiblichen Jugendlichen ist dabei, dass es sich im Falle der weiblichen Jugendlichen um einen nahezu ungebrochenen Trend handelt, bei den männlichen Jugendlichen jedoch eher nicht. Bei den jungen Frauen stieg die Orientierung nach links seit 2002 fast kontinuierlich an. Bei den männlichen Jugendlichen blieb die im Vergleich zu den weiblichen Jugendlichen stärkere Orientierung nach rechts 2006, 2010 und 2015 auf einem ähnlichen Niveau, um 2019 signifikant zurückzugehen und 2024 wieder dieses Niveau zu erreichen.
Die politische Orientierung lässt sich nicht eins zu eins in Einstellungen zu bestimmten Themen übersetzen und schon gar nicht unmittelbar in das Wahlverhalten der Jugendlichen. Gerade hinsichtlich des Wahlverhaltens legt aber die langfristige Beobachtung der politischen Orientierung nahe, dass insbesondere die AfD am rechten Rand weniger neue politische Orientierungen hervorruft, sondern vielmehr ein schon länger bestehendes Potenzial – einschließlich einer Aufgeschlossenheit für populistische Denkweisen – für sich zu nutzen weiß. Nichtsdestotrotz zeigt die übergroße Mehrheit ein Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen.
Pragmatisch in einer vielfältigen Gesellschaft
Dass sich Jugendliche trotz widriger Bedingungen und vieler Ängste eine optimistische Grundstimmung mit Blick auf die Zukunft der Gesellschaft und mehrheitlich eine pragmatische Grundhaltung bewahren, spiegelt auch wider, dass sie in einer vielfältigen Gesellschaft aufwachsen und diese Vielfalt in großen Teilen wertschätzen. Dies drückt sich etwa in der hohen Toleranz gegenüber verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen aus. Gerade beim Reizthema Migration kommt zum Ausdruck, dass Jugendliche die Zuwanderung zwar für ein großes Problem halten – noch viel stärker aber sind Ängste davor, was die Auseinandersetzung über das Thema mit der Gesellschaft macht.
2024 sagten etwa 49 Prozent der Jugendlichen, dass Deutschland weniger Zuwanderer als bisher aufnehmen sollte (36 Prozent: genauso viele wie bisher; 7 Prozent: mehr als bisher) – ein so hoher Wert wurde zuletzt 2006 erreicht. 34 Prozent macht die Zuwanderung nach Deutschland Angst. Bedeutsam ist hierbei allerdings, dass dieser Wert in den vergangenen Jahren kaum gestiegen ist (2019: 33 Prozent), während die Angst vor Ausländerfeindlichkeit deutlich – und auf höherem Niveau – zugenommen hat, von 52 Prozent 2019 auf 58 Prozent 2024. Die Jugendlichen reflektieren also, dass Zuwanderung mit Problemen einhergeht; sie reflektieren aber auch, dass sie in einer von Zuwanderung geprägten Gesellschaft aufwachsen, was Toleranz zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen erfordert.
Dass diese Toleranz weiterhin stark verbreitet ist, zeigt die traditionelle Frage danach, ob man es gut oder nicht so gut fände, wenn man bestimmte Personen oder Gruppen – etwa eine jüdische Familie, eine Familie aus Afrika mit dunkler Hautfarbe oder eine deutsche Familie mit vielen Kindern – als Nachbarn hätte. Hier bleiben die Vorbehalte auf niedrigem Niveau und sind gegenüber fast allen Gruppen in den vergangenen Jahren sogar leicht zurückgegangen. Dies darf wichtige Differenzen jedoch nicht verstellen: So sind die Vorbehalte gegenüber den verschiedenen Gruppen bei Jugendlichen im Osten Deutschlands fast durchgehend stärker ausgeprägt als im Westen, und bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus islamisch geprägten Ländern sind die Vorbehalte gegenüber einer jüdischen Familie oder einem homosexuellen Paar deutlich höher als bei anderen.
Trotzdem lässt sich feststellen, dass es sich insgesamt um eine tolerante junge Generation handelt, die mehrheitlich die Vielfalt der Gesellschaft akzeptiert und mehr Angst vor Spaltungsprozessen hat, als dass sie die spaltenden Positionen selbst teilt. Insbesondere zeichnet sich gegenwärtig auch kein Generationenkonflikt ab. Während dieser potenziell in einer alternden Gesellschaft gegeben ist, etwa durch steigende Rentenkosten, realisieren viele Jugendliche in der Gegenwart vielmehr, welche Chancen sich ihnen in einer Situation eröffnen, in der etwa auf dem Ausbildungsmarkt ein Unterangebot an Ausbildungswilligen besteht, weil es einfach weniger jugendlichen Nachwuchs gibt.
Jugend und ihre Beobachtung
Jugendstudien werden nicht nur betrieben, um etwas über Jugendliche zu erfahren, sondern auch, um etwas über den Zustand der Gesellschaft herauszufinden, deren integraler Teil diese Jugendlichen sind. Genau ein solches Verständnis greift ein differenzierter und reflektierter Generationsbegriff auf: Er suggeriert eben nicht, dass es sich bei der jungen Generation um einen in sich abgeschlossenen – gar hinsichtlich etwa von Einstellungen und Wertvorstellungen relativ homogenen – Teil der Bevölkerung handelt. Vielmehr greift dieser Generationsbegriff auf, dass einerseits relevante soziale Umwelten und typische Ausprägungen von Einstellungen und Wertvorstellungen zwar typisch für die Gesamtheit der Jugendlichen sind, dass andererseits aber die hier festzustellende Bandbreite immer so groß bleibt, dass es sich verbietet, eine gesamte Alterskohorte auf einen Buchstaben als Chiffre zu reduzieren – mit einer solchen Etikettierung werden allenfalls bestimmte Merkmale bestimmter Milieus zutreffend beschrieben.
Auf der Grundlage eines solchen Verständnisses von Jugend als Generation kann jede Antwort auf die Frage „Wie tickt die Jugend?“ nur eine Bestandsaufnahme mit vielen Differenzierungen und Schattierungen sein. Angesichts der eingangs beschriebenen Situation, dass die umfassende Berichterstattung über „die Jugend“ kaum irgendwo derart intensiv betrieben wird wie in Deutschland, stellt sich zudem die Frage, was dieser Umstand möglicherweise über die Jugend und ihre Gesellschaft selbst aussagt. Auch wenn hier keine umfassende wissens- oder wissenschaftssoziologische Bearbeitung dieser Frage möglich ist, sollen im Folgenden doch drei kurze Vermutungen zu diesem Sachverhalt angeboten werden:
Erstens entwickelte sich das intensive Interesse an der Jugend in Deutschland in der Nachkriegszeit vor allem aus der Frage heraus, ob und inwieweit die junge Generation in Deutschland demokratiefähig ist. Die Frage nach der Befindlichkeit der Jugend war somit immer auch eine nach den Erfolgsaussichten des Projekts Bundesrepublik Deutschland. Insbesondere die Shell Jugendstudie wurde 1953 in diesem Kontext ins Leben gerufen.
Zweitens spiegelt die Vielzahl von Jugendstudien, die in unterschiedlichen Frequenzen mit verschiedenen Fragestellungen, Methoden und Themenschwerpunkten erscheinen, einen erhöhten Bedarf an Orientierungswissen über Jugendliche in einer scheinbar unübersichtlicher werdenden Gesellschaft wider. Der ständige Wandel von Jugendkulturen und die erhöhte Schlagzahl von digitalen Kommunikationsinnovationen tragen maßgeblich zu diesem Eindruck der Unübersichtlichkeit bei. Verstärkt wird er mutmaßlich dadurch, dass die intergenerationellen Kontakte mit Jugendlichen in einer alternden Gesellschaft zwangsläufig abnehmen.
Drittens – und dies ist eine bewusst provokant vorgetragene Vermutung – zeigt die Vielzahl an Jugendstudien auch einen gesellschaftlichen Wunsch nach Veränderung an, insbesondere vor dem Hintergrund der scheinbaren „Festgefahrenheit“ in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Seit geraumer Zeit wird etwa darüber geklagt, dass die Aufstiegschancen für Jugendliche nach sozialer Herkunft ungleich verteilt sind und das Bildungssystem diese kaum auszugleichen vermag; dass Jugendliche, seien sie auch noch so politisch interessiert, sich von der Politik nicht ernst genommen fühlen; dass Jugendliche zwar angeben mögen, engagementbereit zu sein, es aber an konkretem und verbindlichem Einsatz auf Grundlage entsprechender Beteiligungsmöglichkeiten mangelt. Zugespitzt formuliert: Man kann die Vielzahl von Jugendstudien in Deutschland auch als Hilferuf der Jugendlichen selbst werten, dass sich in vielen Belangen in der Gesellschaft etwas für sie ändern möge.
Gerade die Vielzahl und Vielfalt der Befragungen der Jugend verweisen darauf, dass es paradoxerweise trotz aller Unterschiede in den Einstellungen und Lebenslagen Jugendlicher scheinbar möglich ist, von einem Generationszusammenhang zu sprechen. Nur ist ein solcher Generationszusammenhang immer ein Zusammenhang in der Gesellschaft. Verschiedene Generationseinheiten fügen sich in je spezifischen Ausprägungen und in einer spezifischen Vielfalt zusammen. Ein Generationszusammenhang kann nur in seiner historisch spezifischen Einlagerung in der Gesellschaft verstanden werden, vereinfachende Pauschalbezeichnungen verbieten sich.
Gibt es trotzdem Eigenheiten, die eine Generation prägen? Es gibt sie, aber sie sind über die verschiedenen Generationseinheiten ungleich verteilt, was sich nicht zuletzt auch darin ausdrückt, dass etwa die soziale Herkunft in vielen Dingen prägend bleibt. Gerade die jüngste Shell Jugendstudie zeigt aber, dass es sich bei den Jugendlichen in Deutschland insgesamt und weiterhin um eine pragmatische Generation handelt. Das Vertrauen in die Gesellschaft und ihre Zukunft, in die Demokratie als Staatsform und das Leistungsversprechen der Gesellschaft bleibt hoch. Wie die Gesellschaft insgesamt hat diese pragmatische Generation zu vielen kontroversen Themen sehr unterschiedliche Meinungen. Sie eint jedoch in weiten Teilen vor allem der Wunsch, dass diese kontroversen Themen die Gesellschaft nicht auseinandertreiben.